Gelesen: Iain Banks – “The Crow Road”

Neulich, als ich “Good Omens 2” bingte, gab es darin eine wunderschöne Szene, in der Jon Hamm Bücher sortierte. Alphabetisch, nach dem ersten Buchstaben des ersten Satzes. Schöne Idee. Sehr pratchettish.

Unter “I” landete das Buch, das mit dem sehr schönen Satz “It was the day my grandmother exploded” beginnt und mit dem gegen Ende der Staffel ein, wenn schon nicht gefallener, so doch mindestens abgerutschter Engel seine Karriere als Buchhändler für antiquarische Bücher beginnt.

Und schon sind wir bei Mr. Banks und seinem Mehrgenerationenroman über eine schottische Familie, erzählt vom jungen Prentice (dass der Name an “Apprentice” erinnert, kommt nicht von ungefähr). Prentice, in seinen frühen Zwanzigern, dumm und übergescheit, wie man in diesem Alter so ist, probiert sich aus. Lernt für sein Studium und nicht, raucht (meist eher illegale Substanzen), trinkt, säuft, will wissen, wie das ist mit Tod, Sex, Religion und kommt eher zufällig einem dunklen Familiengeheimnis auf die Spur.

Wie Banks die Handlungsfäden zusammenbringt, mit welch feinem und ganz wunderbar groben Humor, ganz nah an seinen Protagonisten und vor allem nah an seinem Prentice, das kann ich jedem und jeder nur ans Herz legen.

Lesen! Lesen! Lesen!

Falls nun wer fragt, ob Iain Banks nicht der Sciene Fiction Autor mit der sagenhaften “Culture” und den tollen Raumschiffnamen ist – doch, ist er. Mit einem Extra-M. Iain M. Banks. Da – Appetithäppchen, bißchen runterscrollen: https://theculture.fandom.com/wiki/List_of_spacecraft

Duftbaum

Man kann sich einen Duftbaum mit künstlichem Gestank ins Auto hängen… man kann aber auch im Garten ein paar dicke Äste Rosmarin abschneiden und die aufs Armaturenbrett legen. Riecht besser.

Der Wind, der Wind…

Seit letzter Nacht weht hier der Levante, der Nervwind aus dem Osten. Wenn das Geblase noch ein paar Tage anhält, gibt es für Mord wieder mildernde Umstände…

Die 5. Jahreszeit

Allen, die mich kennen, habe ich irgendwann die Lektüre dieses kurzen Aufsatzes von Kurt Tucholsky empfohlen (s. https://flockblog.de/?p=45497) – man kann den übrigens auch mehrfach lesen.

Treffender habe ich diese paar letzten Sommertage noch nie und nirgends beschrieben gefunden.

Inzwischen habe ich gelernt, dass es diese 5. Jahreszeit in Spanien auch gibt. Sie heißt El veranillo del membrillo, Quittensommer.

Aus der Schule geplaudert

Das letzte Mal, als Karin mich vor ziemlich genau vier Jahren mit in den Spanisch-Unterricht für Ausländer zu Rafa (https://dalealalengua.es/en/about/) mitgenommen hatte, war ich anschließend noch ganz hoffnungsfroh, dass ich auch mal Spanisch sprechen werde (s. https://flockblog.de/?p=39744). Seit gestern glaube ich das nicht mehr so recht.

Die Klasse, bestehend aus Elsa aus Schottland und Karin aus Deutschland wird kurz vor Weihnachten Kursbuch Nummer fünf abgeschlossen haben. Ich dümpele gefühlt mit meinen App-trainierten Kenntnissen noch am Anfang von Band eins herum. Hmmmppfff.

Aber ein bißchen was habe ich gestern doch gelernt. In Spanien, einer langen Zeit durch Ackerbau und Viehzucht geprägte Gesellschaft, leiten sich viele Sprichwörter vom Wetter ab. Manche davon finden sich in anderen Sprache so gut wie wortgleich, wie die eine Schwalbe, die noch keinen Sommer macht (“Una golondrina no hace verano”, “One swallow doesn’t make a summer”), andere hingegen muss man sich erst erschließen, wie, dass die Geschmäcker verschieden sind im Spanischen daher hergeleitet wird, dass es niemals allen recht ist, wenn es regnet (“Nunca llueve a gusto des todos”).

Mein Favorit aus der gestrigen Lektion war “Cuando el grajo vuela bajo, hace un frío del carajo.” Politisch korrekt übersetzt heißt das sowas wie “Wenn der Rabe tief fliegt, ist es recht kalt.” Weil aber politisch korrekt und Volksmund eher nie gut zusammengehen, und Elsa eine ganz fixe ist, wußte sie auch sofort die passende englische Übersetzung: “You freeze your balls off”.

Als Hausaufgabe sollen wir für die nächste Stunde drei Sprichwörter aus der eigenen Muttersprache mitbringen, die sich irgendwie ums Wetter drehen. Karin und ich waren uns bei der ersten Bauernregel sofort einig: “Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter. Oder es bleibt wie es ist.”

Die anderen beiden fallen uns schon auch noch ein.

Google hat sein Spanisch wohl auch bei einer App gelernt:

Und die anderen sind keinen Deut besser…

The Sound of Anderswo

Der Tag auf dem andalusischen Berg beginnt mit dem Füttern des Zoos. Nicht, dass ich hier irgendwelche Pflichten hätte, aber spätestens, wenn die Herren Hunde (“The Boys”) mit dem lauten Scheppern ihrer Blechnäpfe auf dem Fliesenboden ihr Mißfallen über die viel zu kleinen Frühstücksportionen ausdrücken (“Ist da wirklich nichts mehr drin? Wirklich? Und Nachschlag gibt es auch nicht? Wirklich?”), ist es auch für den Gast an der Zeit, endlich aufzustehen. Es müssen Granatäpfel entkernt, Feigen und Melonen in mundgerechte Portionen geschnipselt und Kaffee gekocht werden, damit auch die Menschen ein Frühstück bekommen. Und eilig, denn bald ist Zeit für die “Tapas” der “Girls” (die Stuten Gilia, genannt “El Pony”, weil sie sich benimmt wie ein halbstarker Lümmel, und Bibi, genannt Bibi, weil sie eine Bibi ist) – und wenn die nicht rechtzeitig serviert werden, schreibt Pony häßliche Bewertungen (“Null Punkte sind für diesen Service noch zu viel”) und wiehert die umliegenden Hügel flach.

Soweit ein normaler Morgen.

Gestern hingegen drifteten meine Halbschlafträume Richtung Luftkrieg und wahrhaftig, Tiefflieger über’m Haus. Einmal, zweimal, dreimal – dann war ich wach und ging doch mal nachsehen.

Also, es ist so: viele der hiesigen Bauern sind in einer Cooperativa zusammengeschlossen. Und diese Genossenschaft beauftragt regelmäßig einen “Crop Sprayer”, der auf den weitflächigen Grundstücken Ungeziefer- bzw. Unkrautvernichtungszeug ausbringt. Offensichtlich handelt es sich bei den Piloten um besonders scharfsichtige Menschen – wie könnten sie sonst den zu besprühenden Normalhektar von Jaime vom Demeterhektar von Diego unterscheiden? Man möchte einfach glauben, dass sie es tun.

Und nun, wo wir alle hellwach sind, gibt es Frühstück. Nachher ist Schule.

Extrawurst

Nachdem er die Speisekarten gebracht hat, legt der Kellner in maschinengewehrfeuerschnellem Andalou los und überfordert damit selbst die seit Jahren schon hier lebende Freundin. Unsere Irritation erkennend, fragt er nach, wo wir herkommen. Ah, Aleman. Kein Problem. Und zeigt auf seiner Übersetzungsapp, was er uns eigentlich sagen wollte: “Außerhalb des Briefs”.

Nicht, dass die Ansage weniger verwirrend wäre – aber das können wir herleiten: “carta” steht nämlich im Spanischen für beides: den Brief und die Speisekarte. Der reizende junge Mann wollte uns nur die Daily Specials aufsagen.

Siesta

Über allem liegt Janis Joplins Stimme, “Su-um-mer-ti-ime”.

Die Sonne steht hoch und brennt. Die Luft steht. Hund, Katze, Schaf, Mensch, Maus, Kind, Kegel, alle müde und schwer, alle träge. Die Vöglein schweigen stille. Viel zu heiß zum Zwitschern. Der Adler hoch in den Lüften läßt sich von warmen Winden kreisen. Das Land atmet flach.

Einzig die Grillen streifen Schrillkante über Schrillader. Streifen. Streifen. Streifen. Erst, wenn sie bei Einbruch der Dämmerung wieder wie ein Mann verstummen, wird auffallen, wie laut sie in dieser Stille gewesen sind.

Andalusische Zeitrechnung

Ab jetzt ist alles langsamer.

Gemächlich purzeln nacheinander die Koffer auf das sich ruhig drehende Gepäckband und obwohl viele der Fluggäste Deutsche sind, schubst und drängelt keiner. Vielmehr freut man sich, dass nach geraumer Zeit die Habe, die man in München “aufgegeben” hatte, doch wieder zum Vorschein kommt. Gemütlich vor den Flughafen rollern, ein Zigarettchen, und da eilt sie auch schon herbei, die abholende Freundin. Mensch und Gepäck werden ins Auto verbracht und wir sind auf dem Weg zur Venta zwischen hier und daheim. Weil Hunger.

Ventas sind eine sehr feine Einrichtung. Meist ziemlich schmucklos am Wegesrand gelegen, mit großem Parkplatz, schattiger Terasse und schwer kalt klimatisiertem Innenraum kann man dort kleine und große Mahlzeiten bekommen und alles einkaufen, womit die Region an Leckereien aufzuwarten hat. Vale. Wir nehmen vom Herrn neben uns mit dem Kofferraum voller Melonen erst mal Pröbchen und dann zwei dicke große Melonen (die eigene Ernte, erfahre ich, war dieses Jahr nicht zufriedenstellend). Wie? Ja, doch, wir wollen trotz der vom Kellner sehr bestöhnten “Calor” draußen sitzen bleiben. Nein, nicht drin im Kalten. Wir bestellen viel Wasser wg. Calor und außerdem vier halbe Portionen dies und das, die wir dann – draußen unter milder Sonne und umspielt von einem milden Lüftchen, mit Mühe aufgegessen bekommen. Verstehen kann er diese Frischluftobsession nicht. Nicht mal, als er uns Kaffee bringt. Dabei ist es doch sooooo schön! Hach!

Die Landschaft, durch die wir gefahren sind, hat diese wunderschöne sonnengilbe Bleiche, die mich so sehr an die kalifornischen Nachsommer erinnert. Hach! Und hat sich dennoch verändert: EU-Subventionen sind auch in Andalusien angekommen: viele der alten Olivenhaine sind verschwunden, an ihre Stelle sind neu gepflanzte Obstplantagen getreten, in Reih und Glied, von Lebensmittelkonzernen betrieben. Wo früher Sonnenblumen und Baumwolle oder einfach nichts fast wie wild wucherten, wächst jetzt bewässerungsbedürftiges anderes Gut. Der einst mächtig blaustrahlende Stausee am Fuße von Karins Berg ist zu einem lumpigen Stautümpel verkommen.

Angekommen, begrüße ich Pferde, Katze, Boyfriend, Hunde, Haus, packe meinen Koffer aus und wechsle ins leichte Flattergewand, das ich in nächster Zukunft nicht mehr abzulegen gedenke. Hallo Pool. Mein alter Freund. Wir werden viel Zeit miteinander verbringen und ich werde bestimmt auch nicht mehr frieren, sobald ich es raus habe, wie man nah an der Oberfläche schwimmt, wo die leichte Pool-Sommerdecke das Wasser warmgehalten hat. So verwirble ich mit meinem aktiven Stil erst mal kalte und warme Wasserschichten bin bald stärker abgekühlt, als geplant. Nun ja, ich bin ja auch noch neu hier.

Zur Zeit weht hier aus dem Westen “El Poniente”, der sich tagsüber als stetes erfrischendes Windchen zeigt. Wenn es dunkel wird: Kuschelhoodie.

Des Abends ist alles wie immer, Zahara von gegenüber schmeißt sich ins hübsche Lichtgewand, die Schafe nebenan gehen laut mähend zur Ruhe (ich schätze, die zählen durch und fallen dabei in ihren Schafschlaf), die Hunde von den Hügeln gegenüber geben ihre Lagemeldungen durch (alles in Ordnung, wie es scheint) und die Dorfjugend dreht die Bässe auf. Bei uns gibt es unter sternenklarem Himmel Nachspeisen, Melone, natürlich, und feinsten Quittencrumble und dann gehen selbst wir rein und schlafen.

Und jetzt ist die erste Nacht schon vorbei, die Sonne lacht, die Hunde und Schafe rundrum sind auch schon wach und mich hat das Geräusch scheppernder Blechnäpfe auf Fliesenboden aus dem Bett geholt. Wenn wir uns ranhalten, schaffen wir es sicher noch, vor Mittag zu frühstücken. Wenn nicht, dann nicht.

Ich bin jetzt auf andalusischer Zeit.