Gestern, in der U-Bahn

Eine junge Frauensperson, die offensichtlich für die Navigation einer Gruppe gleichaltriger Wirrhühner auf dem Bahnsteig zuständig ist, bricht in den Waggon und will wissen, ob die Bahn zur “Station Moses” fahre.

Es ist einem jungen Mann derselben Generation und seiner schnellen Reaktion zu danken, dass sie und die Mädels auf den rechten Weg nach Moosach gewiesen werden. Ich wäre so schnell nicht draufgekommen.

Fernsehen: “Blue Lights”, 2 Staffeln

Manchmal gelingen Auntie BBC Fernsehsternstunden. Wie diese Serie. Hut ab!

Die Inhaltsangabe ist einfach: Jungpolizisten in ihren ersten Einsätzen, begleitet von ihren Ausbildern.

Aber. Der Tatort ist Belfast. Das heutige Belfast. In dem die Traumata und Wunden der “Troubles”, also der Nordirland-Konflikt, noch ganz ganz tief sitzen. Die – im Gegensatz zu den USA – nicht mit Schußwaffen ausgerüstete Polizei wird mehrheitlich als Gegner wahrgenommen und es dient auch nicht der Vertrauensbildung, dass eine “Kampf gegen den Terror”-Gesetzgebung in Kraft ist, die jederzeit verdachtsunabhängige Durchsuchungen erlaubt. Auch ist die Vergangenheit natürlich nicht bewältigt.

Die Serie hat einen sehr schönen “The Wire”-Vibe und sollte angesehen werden.

Unsitte

Ich weiß ja auch nicht, woran es liegt, aber inzwischen geht mir dieses Zugabe-herbeiklatschen-Ritual so dermaßen auf die Nerven.

Es ist doch so: die Menschen auf der Bühne machen dem Publikum was vor. Sie haben sich Gedanken gemacht was und wie und in welcher Reihenfolge. Wenn’s gut läuft, gefällt es. Am Ende könnten dann alle glücklich und zufrieden sein und heimgehen.

Nein, klatschen, stampfen, noch was extra wollen. Warum? War doch so schon gut. Gut genug.

Gestern in der Unterfahrt: Alicia Svigals mit David Krakauers Acoustic Klezmer Quartet (heute: Trio)

David “Klarinette” Krakauer war verhindert und an seiner Stelle wurde eigens für die Konzerte in Wien und München seine ehemalige Klezmatics-Kollegin und Violinistin Alicia Svigals eingeflogen. Holla! Das ganze Persönchen ein Powerhouse. Silbergraue Wischmopfrisur, mitreißendes vielzahniges Lachen, feuerrote Ilona-Christen-Brille (fragt Oma) und vor allem: virtuous an der Violine.

Svigals spielt, kongenial begleitet vom Baseman Jerome Harris, Will Holshouser am Akkordeon (leider hinter der Säule, ich hab ihn den ganzen Abend lang nur gehört und nicht gesehen) und vor allem (Vielfach-Hach!) Schlagzeuger Michael Sarin nicht nur Geige wie der Teufel, nein, sie singt auch und hat nebenher “Klezmersplaining” zu tun. Über das Wesen dieser Musikgattung, Historie und Entwicklung über die Zeit. Dabei stellt sie als Mitglied der “Geiger-Gilde” (“Wir sind zu zweit oder dritt, weltweit”) gleich mal eins klar: nicht die Klarinette ist entgegen der allgemeinen Wahrnehmung das typische Klezmer-Instrument, nein, es ist die Fiedel. Heißt ja auch nicht “Clarinetist on the Roof”, oder? Man müsse sich nur mal die berühmten Chagall-Bilder ansehen. Keine Klarinette, nirgends. Aber Geigen.

Ein sehr schönes , sehr lebendiges Konzert. Aber es geht mir mit Klezmer immer wie mit Funk oder Käsespätzle. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem ich genug von immer sehr ähnlichem habe. Und dann ist auch mal wieder für zwei, drei Jahre gut…

Lamentohaiku

Tiefe Nebel schwaden,
der angebissene Mond
funzelt trübe.

Selten noch habe ich mich so um meinen Sommer betrogen* gefühlt wie jetzt, wo der Herbst sich schon breit macht.

* Ich sage auch nur “betrogen”, weil ich eine Dame bin und eine Dame nicht “beschissen” sagt.

Geld her

Während ich gerade in die Computer-Tomographie-Maschine geschoben werde, lese ich, dass es sich dabei um eine Entwicklung der Siemens “Healthineers” handelt. Schwuppdiwupp schlägt mein Schlechtes-Wortspiel-Radar an und aus.

Es hilft nicht, dass ich daheim nachlesen, dass besagter “Healthineer” eine Marketing-Erfindung ist (das dachte ich mir eh) und zwar ein “Kofferwort, zusammengesetzt aus „healthcare“, „engineer“ und „pioneer“.

Schlecht ist es trotzdem. Los jetzt, zahlen du musst, Siemens.

Jegliches hat seine Zeit

Sie sind so alt, dass sie bei Methusalems Taufe dabei waren. Sie zittert, er wackelt. Miteinander teilen sie sich ein Paar gute Augen und Ohren. Das hält sie aber nicht davon ab, heftig und lauthals zu diskutieren, an welcher Station sie aussteigen wollen (der nächsten) und wann die erreicht werden wird (jetzt).

Im Aussteigen begriffen, erlaube ich mir, darauf hinzuweisen.

Böse Blicke aus zwei Paar trüber Augen, hektisches aus der U-Bahn wackeln und zittern (und ja, geht beides hektisch), Stock fällt zu Boden. Ich hebe ihn auf. Jetzt sind sie mir beide gram. Als ob sie das a) nicht selbst wüßten (Haltestelle) und b) könnten (nach dem Stock bücken). Was ich mir wohl einbilden täte? Hmmm? Wackelnd und zitternd zur Rolltreppe ab.

Das sind so die Momente, da freu ich mich richtig aufs Altwerden. Oh Mann.

Vergangenheitsbewältigung

Zur Zeit helfe ich einer australischen Bekannten, deren Großeltern nach ihrer Inhaftierung in deutschen Konzentrationslagern 1950 mit ihren Kindern nach Down Under auswandern konnten, bei Nachforschungen in deutschen Archiven. Mit Übersetzungen, Sütterlin-Schrift entziffern, Einsortieren in historische Zusammenhänge und dem Entschlüsseln deutscher Bürokratensprache. Alles nicht leicht.

Wir kannten uns bisher nur virtuell, aber zur Zeit ist sie zum ersten Mal im Leben auf dem, was sie selbst eine “Pilgerfahrt” nennt. Zum ersten Mal im Herkunftsland von Großvater und Großmutter, solange sie selbst noch Kraft genug für eine so weite Reise hat. Im Rahmen dieses Unterfangens waren wir heute gemeinsam in der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Holla. Ich durfte als Besucherin des Archivs ausnahmsweise auf dem Mitarbeiterparkplatz parken, was bedeutet, dass man auf dem Weg dortin die Alte-Römer-Straße langfährt. Vorbei an einem doppelten Stacheldrahtzaun, an Baracken, an Exerzierflächen, an Wachtürmen – ich fand es ganz und gar grausig (und war heilfroh, als die Schranke auf dem Weg hinaus sich einfach so geöffnet hat und ich einfach so wieder wegfahren konnte).

Wenn es wen interessiert, erzähle ich davon. Für heute muss reichen, dass es mich sehr mitgenommen hat.

Untermieter

Es scheint sich um eine saisonale Wohngemeinschaft zu handeln, zwischen dem Herrn Rilke (s. https://flockblog.de/?p=50789) und mir. Er ist wieder zugezogen, verharrt vorwiegend und dabei zart bebend in der Nordecke über der Badewanne. Nur neulich, da scheint ihn der Teufel geritten zu haben und er hat todesmutig (und das ist kein Euphemismus, kein bißchen) mit mir geduscht.

Er hatte nicht lange Spaß am Seegang, und als ich ihn aus einem Shampoo-Schaumwölkchen geborgen hatte, kauerte er naß bis auf was auch immer bei Spinnentieren das Äquivalent von Knochen ist, schlotternd und zähneklappernd (doch, doch) mit ausgesprochen vorwurfsvollem Ausdruck am Badewannenrand.

Inzwischen scheint er sich von seinem Abenteuer erholt zu haben und bebt wieder zart oben in seiner Ecke, aber mir scheint, dass er hinkt. Wenn ich richtig gezählt habe, fehlt ein Bein. Aber, sagt der NABU, das macht nichts: “Weberknechte besitzen an ihren Beinen eine Sollbruchstelle und werfen bei Gefahr schnell mal ein Bein ab, um dadurch einem möglichen Fressfeind zu entkommen.”

Bedeutet das fehlende Bein, dass unsere Beziehung einen Dämpfer bekommen hat? Rilke kann doch nicht ernsthaft glauben, dass ich ihn essen würde? Oder? Das wird mir ein schöner Herbst werden mit uns beiden…