We are the Champions

Kaum ist Toni im Heimaturlaub (Gute Reise! Gute Zeit!) harmonisiere ich meine Arbeitszeit wieder mit meinem bettflüchtigen Biorhythmus und fahre früher zur Arbeit an und entsprechend früher wieder heim zu Garten, Sonne, Buch. Soweit die Theorie. In der Praxis ist Stau. Heute sogar schlimmer als sonst zur üblichen Heimreisezeit. Was ist da los? Ich hätte bei so vielen flatternden blau-gelben Fahnen an den Autos eigentlich draufkommen können, daß es wieder um ein Ballspiel geht. Heute mußten die Fans rechtzeitig um 18:00 Uhr* schon vor einem Fernseher sitzen, um die Golden State Warriors gegen die Cleveland Cavaliers gewinnen zu sehen.

Endlich! Nach vierzig Jahren endlich wieder Meister! Ich bin ja nicht so: diesen Stau verzeihe ich ihnen und den nächsten zur Siegesparade am Freitag um 10:00 Uhr früh in Oakland werde ich noch nicht mal mitbekommen.

* Das NBA-Endspiel wurde in der “Quicken Loans Arena” (kurz “The Q”) in Cleveland, Ohio ausgetragen. Die Ostküste ist unserer Zeit drei Stunden voraus und hatte beim Anpfiff** längst Feierabend.

** Keine Ahnung, mit welchem Signal Basketballspiele anfangen.

Nachtrag zu “Die Kraft des Gebetes”

Montag.

Kein Mann, kein Hoodie. Aber ein Plakat. Ach was, ein Banner, an den Brückengeländerstreben aufgespannt brüllt in Großbuchstaben, Schwarz auf Gelb: Ask Jesus

Warum? Was hat der vor? Doch Ytong? Mir macht sowas Angst.

Aus dem Vokabelheft

Auf meine Nachfrage, wo denn ein für letzte Woche zugesagtes “deliverable” bleibe, schreibt mir meine neue Kollegin “it’s a wip”. Ich denke mir noch “die hatte so gar nix dominahaftes an sich, hob i mi do deischd? Ist es womöglich simple Legasthenie?”, bevor ich doch kurz das Internet befrage.

Das Internet, dieses Gscheithaferl, kennt sich natürlich bei Abkürzungen wieder viel besser aus als ich: WIP steht für “Work in Progress” und bedeutet “ich hab schon mal einen Block geholt und bin jetzt unterwegs zum Stifteschrank”.

Game of Thrones – Season Finale (5. Staffel)

Und ich sag neulich noch, daß sich überraschend viele gehalten haben – vor allem einer, bei dem ich in jeder Folge überrascht war, daß er immer noch lebt. Nun nicht mehr (nein, keine Angst, ich nenne keine Namen). Und mei, sind die Kleinen gewachsen.

Bis nächsten April dann. Wenn Herr Martin nicht bald mit den “The Winds of Winter” fertig wird, überholt ihn das Fernsehen womöglich noch.

Mitteilungen aus der Kampfzone

Hut mit breitem Schirm und Blumenmuster (wg. Tarnung), Camo-Kleidersackkandidat-Pulli (Muster eher zufällig) mit einer Unzahl herausgezupfter Fäden und – ganz wichtig – langen Ärmeln. Lange Hosen, die eh demnächst in die Wäsche müssen und – wg. heute mal mutig – Sandalen und keine geschlossenen Schuhe. Sowie gepolsterte Gartenhandschuhe und frisch geschärfte Rebschere. Ohne diese Ausrüstung, im Volksmund (also von mir) “Full Berry Gear” genannt, hätte ich nicht den Hauch einer Chance, dem Brombeerstrauch auch nur eine einzige reife Frucht zu entreißen.

Von harmlos “Beeren pflücken” kann bei diesem Strauchmonster keine Rede sein: erstens liegt alles, was auch nur entfernt erntewürdig ist, hinter dicken Dornenbarrikaden, mit ganz bösen Widerhakenstacheln in allen erdenklichen Größen. Zweitens hat er Alliierte: den Oleander, eigentlich harmlos, aber sehr bewandert in biologischer Kriegsführung (Läuse), einen Dornbusch mit blauen Beeren, bei dem ich nicht sicher bin, ob das, was der tut, schon unter Chemiekrieg fällt. Die Beeren hinterlassen pfenniggroße violette Flecken auf Haut und Kleidung, die für den Versuch, sie mit Seife und Bürschte zu entfernen, nur ein mildes Lächeln übrig haben und außerdem setzt er dem, was er als Eindringling versteht, ganz konventionell Stacheln im Ausmaß von Schaschlikspießen entgegen. Darüber hinaus hat sich der Bromsauhund durch drei verschiedene Rosen gewuchert und die gibt es bekanntlich nicht ohne Dornen. Klingt schlimm? Geht schlimmer: auf und um jede Beere krabbeln hart kämpfende Ameisen. Wat soll isch sagen: They die hard. Ich habe es heute auf knapp ein Pfund Beeren ohne Zusatzproteine gebracht.

1 Pfund Beeren

Der Strauch hat den Winter offensichtlich genutzt, um seinen Sun Tse zu studieren, sein Territorium massiv erweitert und ebenfalls die Westecke des Gartens eingenommen. Geschickte Nachschubplanung betreibt er obendrein, im Westen blüht er noch heftig und die wenigen schon sichtbaren Beeren befinden sich gerade im Farbwechsel.

Blüh

Farbwechsel

Für die Zukunft wünsche ich mir, daß sich Brommy ein Beispiel an anderen nimmt und einfach nur so hübsch vor sich hinblüht

Hortensia

und anschließend kampflose Ernten in Aussicht stellt.

plumbs

Ich back dann mal Blackberry-Cobbler. Ätsch!

Die Kraft des Gebetes

Ich krieche immer gar nicht gerne in fast stehendem Verkehr über die Autobahn und sehe dann auf den Fußgängerbrücken einen einzelnen Menschen auf die Fahrspuren unter sich starren. Mein Unterbewußtsein nämlich gerät da jedes Mal schon vorauseilend in Panik und erwartet, daß demnächst ein Ytongblock durch die Windschutzscheibe kracht und ich mich mit Betonklotz im Schoß und übersät von Glassplittern wiederfinde. Aber genug von meinen Seltsamphantasien, ich erzähle einfach ein bißchen aus der seltsamen Realität.

Montagmorgen. Auf der Fußgängerbrücke über dem 101 steht ein einzelner Mensch in schwarzem Hoodie, die Kapuze fest zugezurrt und  – nein, er wirft keinen Stein, er hält ein Plakat hoch. In schwarzen Lettern auf Gelb fordert er den gesamten Stau auf “Ask Jesus for help”. Ich breche umgehend in ein Gebet aus, aber der Sohn Gottes ist offensichtlich nicht für fließenden Verkehr zuständig. Dienstagfrüh. Mann, Hoodie, Plakat “Let Jesus help you”. Zweitgebet bringt ebenfalls nichts.

Mittwoch. Es regnet aus Kübeln, kein Mann, kein Hoodie, kein Plakat. Donnerstag. Das Wetter ist wieder besser und “Jesus is Help”. Hmmmm. Ach so. Falscher Ansprechpartner. Ich versuche es nochmal: “Heiliger Help, gib mir freie Fahrt.” Nix. Ah, das war unhöflich, klar. Auf ein Neues: “Heiliger Help, gib mir freie Fahrt, bitte.” Nix. Letzter Versuch: “Heiliger Help, gib mir freie Fahrt, bitte. Amen.” Nix.

Am Freitag: Kein Mann, kein Hoodie, kein Plakat, kein Stau. Ich arbeite im Homeoffice am Küchentisch. Halleluja!

Aus dem Vokabelheft

Die wunderbar versatile englische Sprache hat mir heute große Freude gemacht mit der Wortschöpfung: “The Also-rans”. Im Deutschen kennt man das als “ferner liefen”, kann es aber lange nicht so schön in eine ganze Gruppe von Verlierern zusammenfassen.

Nimmer ganz neu im Kino: God’s Pocket

Das kleine Indie-Kino in San Bruno hat großes Optimierungspotential, das fängt bei den saumäßig unbequemen Sitzen an und hört bei der sagenhaft ungeschickten Öffentlichkeitsarbeit nicht auf. Der grau auf grau kopierte Zettel, daß man heute Abend um sieben “God’s Pocket”  zeigen werde, den letzten von Philip Seymour Hoffman fertiggestellten Film, muß heute zwischen High Noon (Abfahrt zum Pool) und 16:00 Uhr (nasse Handtücher in die Waschmaschine geben) eingeworfen worden sein.

Noch drei weitere Menschen außer mir konnten solchermaßen kurzfristig ihre Samstagabendpläne umdisponieren und wir haben einen sehr guten Film gesehen. Eigentlich eine Milieu- und Charakterstudie über die Bewohner eines miesen Arbeiterviertels in einer amerikanischen Großstadt, ihren engen Zusammenhalt gegen “die da oben” und deren exekutive Vertreter, ihre Engstirnigkeit, die Flucht vor diesem Leben in die Kriminalität oder in die Psychose oder beides. Schön ist das nicht, aber atmosphärisch gelungen und mir ist es nahegegangen. Hoffmann war schon ein Großer.

Anschauen! Anschauen!

Zukunftsvision

Die Dame neben mir mimt so überzeugend Geld entgegennehmen, Wechselgeld herausgeben und Ware vom viel zu kurzen Auslaufbereichs ihres Bandes schubsen, daß alle in der Runde lösen wollen und begeistert durcheinanderrufen: “Die Lydia, die war Kassiererin bei Aldi”. Dann leitet die Altenbetreuerin mit erhobener Stimme, weil so alte Menschen ja nicht mehr so gut hören, geschickt zu mir über: “Jetzt bist du dran.” Hilfreich und freundlich, wie sie von Berufs wegen zu sein hat, hilft sie mir mit kleinen Tips auf die Sprünge, weil so alte Menschen ja nicht mehr so schnell denken. “Die Sabine, die hat ja mal in Amerika gelebt, gell. Und drum macht sie für uns jetzt eine typische Handbewegung aus Kalifornien.”

Und ich werde vorspielen, wie ich den Zeigefinger ausfahre, eine drückende Drehbewegung ausführe, abschließend Daumen und Zeigefinger gegeneinander reibe und schließlich schnipse. Und sie alle werden sich beim Raten die Zähne ausbeißen. Die dritten versteht sich, weil so alte Menschen… “Geld”, werden sie sagen, “sie meint Geld.” “Oder Gewürze mahlen”, wird ein anderer vorschlagen. “Oder Handcreme, vielleicht?” wird Lydia einwerfen. Und ich werde hochmütig lächelnd “Nein” sagen. Immer wieder “Nein, falsch.” Schließlich wird die Leiterin der Beschäftigungsgruppe “Hirngymnastik” ein wenig ungeduldig werden und mit einem leicht biestigen Unterton einfordern, ich möge doch die Gruppe nicht länger auf die Folter spannen (und mir gefälligst beim nächsten Mal was einfacheres ausdenken). Und wieder werde ich lächeln, als warte mindestens ein Schiff mit acht Segeln und fünfzig Kanonen auf mich und sagen “Nein”.

Sie können nicht wissen und werden nie erfahren, daß ich mir diese Szene jedes Mal ausmale, wenn ich wieder eine Ameise auf dem Spülstein erwische und sie in den Ameisenhimmel upgrade.

“Good Job!”

Am 1. Mai hatte sich der Austausch von abgeschmurgelten Knochen gegen Titan zum ersten Mal gejährt und Hüfti und ich wurden heute zwecks Nachuntersuchung beim Chirurgen vorstellig. Durchleuchtet, gemessen und gebogen, alles zu des Herrn Doktor höchster Zufriedenheit.

Unter gegenseitigen Versicherungen, welch guten Job wir doch gemacht haben, haben wir uns in fünf Jahren wieder verabredet.