Der Pilgerhunger scheint dieser Nation, ob eingeboren oder zugereist, tief in den Genen zu stecken, denn es war egal, mit wem man in den letzten Tagen sprach, es ging nach kurzer Zeit eigentlich immer nur ums Essen. Meine Inspirationsmuse kann sich dem offensichtlich auch nicht entziehen und trippelt aufgeregt von einem Füßchen aufs andere: “Ich geh schon mal unsere Materialsammlung holen, ja? Das bißchen sortieren, strukturieren und schreiben kannst du dann ja wohl alleine.” Nix da, Musi, du bleibst! Zusammen sind wir stark.
Womit fangen wir an?
Mit Knabbergebäck. Das bedeutet, sofort alle Tabus fallen lassen und das Undenkbare zu denken. Beim alljährlichen “Do Us A Flavor”*-Wettbewerb eines Chipsherstellers schaffen es dieses Jahr Cappuccino, Cheddar Bacon Mac & Cheese, Kettle Cooked Wasabi Ginger and Wavy Mango Salsa in die Finalrunde. The winner wurde Meerrettich/Ingwer und die tabulose Erfinderin um 1 Million Dollar reicher. Noch nicht ausgefallen genug? Kein Problem, es geht schlimmer. Der Mutterkonzern Pepsi rührt eine Limited Edition von Mountain Dew (wiederlich süße Chemobrause) an, angereichert mit Dorito-Geschmack (stark überwürzte feuerrote Chilimaischips). Damit sind wir knapp vor einer Flasche Pommes angekommen. Immer noch nicht seltsam genug? Wie wäre es mit dem neuesten Verkaufsschlager der Pizzabäckerkette Papa John? Ein salzloser dicken Teigfladen, beschmiert mit viel Chili con Carne, garniert mit Chips, darauf eine dicke Lage Käse. Gibts auch in Wagenradgröße für die ganze Familie. Die gedehnten Mägen kann man gleich am nächsten Morgen bei Burger King mit “Burgers for Breakfast” nachfüllen.
Klingt grausig? Findet der Bürgermeister von New York auch. Damit seine Bürger fortan gesünder leben, hat er den Straßenverkauf von 1-Dollar-Pizza-Slices und zuckerhaltigen Getränken in Bechergrößen über einem halben Liter verboten und New York per Stadtratsbeschluß zur “Joghurt-Hauptstadt der Vereinigten Staaten, wenn nicht gar der Welt” ernennen lassen. (Hauptsache Hauptstadt. Egal wovon.) Die Wirkung war durchschlagend, wie bei jeder Prohibition. Die Zahl der 99 Cent-Pizza-Straßenverkäufer ist seit dem Sommer um das dreifache gestiegen, Joghurtstände gibt es keine. Stattdessen ist der allerneueste New Yoker Hype in langen Schlangen vor einem Cup-Cake-ATM anzustehen, um für viel Geld ein klebriges Zuckertörtchen zu ziehen; wer’s herzhafter mag, holt sich vom Kasten nebenan einen Burrito. Ich muß dabei immer an den faszinierten Emil in den Automatenrestaurants im Berlin der zwanziger Jahre denken; der Replikator als Menschheitstraum.
Musi und ich können uns nicht auf eine gute Überleitung einigen; ich will “Wie man Whiskey killt”, sie denkt eher an “Geschmacksknospenattentat in der Neuen Welt”. Wir lassen das Überleiten hiermit einfach bleiben und sagen nur “Pickleback”. Ein Pickleback ist eine Art Cocktail aus Whiskey und Essiggurkeneinlegesaft, mit dem erklärten Ziel, den Geschmack und das Nachbrennen des Whiskeys zu “neutralisieren”. Wißt ihr was, ihr Spinner? Das tut man nicht! Wenn was verboten gehört, dann diese Panscherei. Wir teilen das zukünftig auf – ihr den Gurkenseim, meine Freunde und ich den Whiskey.
Wo bleibt das Positive, Frau Flock?
Hier. Mein Toastbrot bäckt Dave. Der war früher mal Killer und hat im Knast zu Gott und dann zu Brot gefunden (mehr hier: http://bit.ly/1FCzVsU).
Meine allerallerliebste Lieblingsbackwarengeschichte ist aber die von Danielle Lei, einer 13-jährigen Pfadfinderin, die mit ihrem Verkaufsstand kurzerhand vom ihr zugewiesenen Parkplatz eines Supermarktes zum Eingang einer Medical Marijuana Clinic umzog und damit alle bisher dagewesenen Girl-Scout-Cookie-Verkaufsrekorde brach. Kluges Kind.
Gibts sonst noch was Neues?
Aber natürlich. Wir leben doch nicht umsonst im Silicon Valley, dem Mekka der Innovation. Take-Out ist tot. Halt! Das muß ich vielleicht erst erklären. Man sagt, daß viele, vor allem junge Amerikaner nie selbst kochen, sondern ihre Mahlzeiten vom Restaurant ihrer Wahl abholen (oder liefern lassen). Ich hatte das eigentlich immer für eine Übertreibung im Stile von Fernsehserien wie der Big Bang Theory gehalten, bis eine Kollegin mir allen Ernstes erklärte, ihr Vorsatz für die Fastenzeit sei, nur noch höchstens einmal die Woche Take Out, statt wie sonst täglich. Seit neuestem gibt es in San Francisco http://www.kitchit.com/ – und der Koch kommt zu den Hungrigen nach Hause, bereitet frisch zu und räumt anschließend auch noch auf. Wie bei Muttern. Kein Wunder, daß so eine Geschäftsidee in einer Gegend entsteht, wo viele alleinstehende gutverdienende junge Männer wohnen.
Bonustrack: Hustenbonbons heißen hier Halls wie Halsweh und begleiten den Genesungsprozeß mit aufmunternden Botschaften auf dem Einwickelpapier (rechts).
Lektion: “To cook the books” hat mit Essen gar nichts zu tun, sondern mit kreativer Buchhaltung und das Bild (links) ist Herrn M. aus K. gewidmet.
Nachtrag: Fall sich wer gefragt haben sollte: Was dem Öko / Granola (Steigerungsform: Crunchy Granola) / Tree Hugger / Free Range Human / Nouveau Vegetarian (Neuvegetarier mit Bekehrungsauftrag) seine Grüne Kiste ist, ist hiesigen Hunden ihre Barkbox (wörtlich “Bellschachtel”), s. www.barkbox.com.
*Wortspiel, abgeleitet vom Gleichklang von “Flavor” (Geschmack) und “Favor” (einen Gefallen tun).

I ain’t cookin’ no books – ok?