Gelesen: Wolf Haas “Junger Mann”

Wow! Haas ist und bleibt ein Guter. Ach was, ein sehr sehr Guter. Die Geschichte ist eigentlich vollkommen unspektakulär und beschreibt nur die körperliche und geistige Entwicklung eines dreizehnjährigen übergewichtigen Internatsschülers im Verlaufe seiner Sommerferien aus dessen Sicht. Aber wie Haas das macht, ist ganz große Kunst. Manche Sätze möchte man nach mehrmaligem Wiederlesen auswendig lernen, einfach, auf dass man sie sich aneigne und dann besitze.

Ich erzähle jetzt weder, dass viele Kritiker viel autobiographisches hinein- bzw. herausgelesen haben, noch will ich eine detaillierte Inhaltsangabe machen – die würde das Leseerlebnis nur verwässern. Also bitte nicht mit dieser Rezension aufhalten, sondern:

Lesen! Lesen! Lesen! Lesen!

Aus dem Vokabelheft

In seinem Kommentar zum Kampf um die Merkelnachfolge als CDU-Vorsitzende, nennt Heribert Prantl Jens Spahn einen “Springginkel”. So ein schönes Wort, da hat man doch gleich ein Bild im Kopf. Umso schöner, wenn das Fränkische Wörterbuch die Korrektheit der Imagination bestätigt:

Springginkel

Rage against the machine

Was wir Deutschen in gepflegtem Denglish “Jogginghose” nennen, sind in echtem Englisch “sweat pants”, kurz “sweats”, und eine große Herausforderung für eine übersetzende Maschine:

EN: “Sweats”
DE: “Schweißausbrüche”

Auf Winnetour

Winnetour

War ja auch höchste Zeit, dass nach dem Wirt (this one’s for you, Gabriele) der Häuptling singt.

Auf’s Maul g’schaut (zum Jugendwort des Jahres 2018)

Ich weiß nicht, wo die Herren und Damen Langenscheidt zur Jugendsprache forschen, meiner Meinung nach eignet sich wenig besser, als im Umfeld des ÖPNV die Ohren zu spitzen (überbesetzte Vierersitze in Bus und Bahn sowie Haltestellen, vorzugsweise für Busse). Schneller und unaufwendiger lassen sich Erkenntnisse zu Sprache, angesagtem Bekleidungsstil und allgemeiner Stimmungslage der heutigen Jugend nicht gewinnen.

Das diesjährige Gewinnerwort “Ehrenmann/Ehrenfrau” ist mir dabei noch nie untergekommen, was daran liegen mag, dass die urban-süddeutsche Jugend mit Komplimenten zurückhaltend ist und stattdessen eher kritikfreudig; “Spacko” hört man ziemlich häufig… “Sheeeesh” hat offensichtlich ewig für die Überquerung des Atlantik gebraucht (danke, Netflix), auch der “Lauch” ist schon alt, so alt, dass er inzwischen in der Umgangssprache selbst Nichtjugendlicher angekommen ist, zu küssende Körperteile treten (zumindest bei Kontrollgruppen im Westend) recht mannigfach auf (Augen, Brauen, Mund, Scheitel), allerdings bleibt das Knie an sich und ein etwas rüderer Umgang mit demselben ungeschlagener Favorit.

Allein “lindnern” scheint einen Bedeutungswandel erfahren zu haben: Als der Begriff letztes Jahr um diese Zeit durch die Presse geisterte, da hatte der FDP-Vorsitzende die Jamaika-Sondierungen abgebrochen und “lindnern” stand für kurz vor knapp den Schwanz einziehen. Die aktuelle Definition (s. Auswahlliste ganz weit unten) sagt denn auch mehr über den Auswählenden aus als ihm wahrscheinlich lieb ist.

Zusammenfassend (neulich im Bus einer weiblichen Referenzperson (15) abgehört): “… und ich so: ey chill, Alter”.

1. verbuggt (voller Fehler, falsch gestrickt, Beispiel: Du bist so verbuggt, du nervst!)
2. glucose-haltig (süß)
3. Ehrenmann/Ehrenfrau (Gentleman, Lady, jemand, der etwas Besonderes für dich tut)
4. Lauch (Trottel)
5. Auf dein Nacken! (Du zahlst!)
6. AF, as fuck (Betonung, wie besonders etwas ist, Beispiel: Die neue Staffel ist sick as fuck!)
7. sheeeesh (Wirklich? Echt jetzt? Nicht dein Ernst?!)
8. Ich küss dein Auge (Ich hab dich gern oder ein sehr starkes Danke)
9. Snackosaurus (verfressener Mensch)
10. lindnern (lieber etwas gar nicht machen, als etwas schlecht machen)

Villa Stuck, Ausstellung: Thomas Hirschhorn »Never Give Up The Spot«

Gleich am Eingang erklärt ein reizender junger Mann Besuchern das Projekt. Man wolle Kunst wieder (?) für alle zugänglich machen, auch für die, die sonst eher nicht ins Museum gehen. Deshalb verlange man auch keine Eintrittsgeld. Und irgendwie stecke doch das Verlangen, sich auszudrücken, in einem/einer jeden (–> s. a. Beuys, Josef: “Jeder Mensch ist ein Künstler”) und dem wolle man hier Raum geben. Deswegen sei jede/r eingeladen, kaputtzumachen, hinzuzufügen, wegzunehmen, zu ändern, zu malern, nageln, kleben*, schreiben, musizieren, egal… halt zu machen. Oder auch nicht. Oder so. Damit entläßt er uns in einen wilden Verhau von Balken, Pappdeckeln, Farben, Styropor, Zeugs, Kruscht, Krempel, Klebeband und mehr Klebeband und da stehen wir nun.

Aha.

Das Gerümpel zieht sich über zwei Etagen in der Stuck-Villa und scheint schon viele Menschen dazu inspiriert zu haben, auch was zu kleben, zu sprühen, zu zeichnen, Sprüche aufzuschreiben, Bücher zu verkleben, Styropor zu zersägen, mit Zeugs rumzubatzeln, irgendwas aufzuhängen oder einfach fallen zu lassen. So sah es weiland im Tacheles in Berlin kurz vor dem Abriß aus, als die Künstler das Haus längst wieder verlassen (und sich nicht mit Aufräumen aufgehalten) hatten.

Intellektuell ist durchaus nachvollziehbar, wo Hirschhorn hin will, praktisch stehe ich aber einfach im Dreck und es riecht nicht gut. Vielleicht wäre die ganze Angelegenheit in einem abbruchreifen Industriebau besser aufgehoben gewesen, hier in der großbürgerlichen Villa kann ich mit diesem Konzept nicht viel anfangen. Möglicherweise sollte man sich als Begleitung ein Kind mit noch formbaren Sehgewohnheiten ausleihen, wenn es gerne bastelt, wäre das wünschenswert, aber kein Muß.

Falls wer hingeht, würde mich gerne über seinen/ihren Eindruck unterhalten.

 

* Der Künstler muß günstig an größere Chargen Paketklebeband gekommen sein. Alles, alles, alles, Sofas, Treppengeländer, Decken, Leinwände, alles, alles, alles ist verklebter und eingepackter, als Christo und Jeanne-Claude es je gewagt hätten. Von überall her fingern Klebebandkaskaden an Haaren und Mantel, am Boden warten dicke Wickelnester aus Klebeband auf einen arglos hineintretenden Fuß (der ist dann weg), an Wänden, Fensterrahmen, Kronleuchtern klebt es und ich kann mir noch so sehr das Hirn zermartern: der Sinn will sich mir einfach nicht erschließen. Wahrscheinlich ist das infektuös und bei mir auch schon was verklebt.

Gelesen: Klüpfel/Kobr “Himmelhorn”

Als “Milchgeld” rauskam, 2003, da fand ich das Konzept Regionalkrimi noch nett. Ein klassischer “Whodunit”, Isny statt Chicago, Kässpätzle statt Burger* und der ermittelnde Kommissar ein schwäbischer Sturkopf. “Das hat Potential”, dachte ich damals. “Das Ungelenke, Hölzerne, das verschreibt sich sicher noch und mit der Zeit werden bestimmt auch die Figuren von Archetypen zu Menschen werden.”

Ich habe mich verdacht. Verschrieben hat sich gar nichts, zumindest nicht in diesem 9. Band der nunmehr schon zehnbändigen Kluftinger Saga, den ich neulich für kleines Geld im Supermarkt zwischen Fleischtheke und Partybedarf aus einer Remittendenkiste gefischt habe. Die beiden hübschen Ideen in “Himmelhorn”, nämlich den Kapiteln Einträge aus Gipfelbüchern voranzustellen und den Kommissar Kluftinger mithilfe von Zitaten aus einer Daily Soap über die Klippen zwischenmenschlicher Beziehungen zu navigieren, tragen nur bedingt lange und nicht über die knapp 500 Seiten. Die Dialoge sind nämlich kein Stück weniger hölzern als damals, und die Protagonisten nunmehr vollends zu Karikaturen verkommen. Da hilft auch die neue japanische (huiuiui!) Schwiegertochter und der Doktor-Watson-Verschnitt nicht. Selbst meine wohlwollende Geduld war im Verlauf der Lesenacht arg überstrapapziert. Arg schad.

Ganz schlimm ist, dass die Autoren ihre Hauptfigur verraten und mit dem Finger auf sie zeigen. Der Kluftinger, der ist doof, lachen sie, der kann nicht Computer (hahaha) und nicht Englisch (hihihi). Totaldemontage für ein paar billige Leserlacher. Und es reicht ihnen nicht, ihn zu verhöhnen. Nein, sie verderben seinen Charakter, indem sie ihn sich über die Englischkenntnisse eines anderen mokieren lassen. Ausgerechnet den Kommissar Kluftinger, der sich bisher für keinen Zweifel zu schade war.

Die Angelsachsen nennen dergleichen “Cozy mystery”. Cozy ist sowas wie neudeutsch “hyggelig” und “Himmelhorn” weit davon entfernt und braucht nicht gelesen zu werden.

 

* Das Gegensatzpaar hat mich sehr grübeln lassen. Gibt es eigentlich ein amerikanisches Hauptgericht, das kein Fleisch enthält und wenn ja, welches? (Nein, ein “Grilled Cheese” gildet nicht.) Und was sagt uns das?

Nachtkritik: Sons of Kermet in der Unterfahrt

Was geschieht, wenn man 1 Saxophon bzw. auch mal Klarinette (Shabaka Hutchings), 1 Tuba (Theon Cross) und 2 (zwei) Schlagzeuge (Tom Skinner und Eddie Hick, den wir – sehr liebevoll – den Rastafakir nannten) auf die Bühne läßt?

Dann tobt durch die Unterfahrt ein solchener Megahypersuper-Groove, dass es manche Menschen in dem mal wieder bis an die Schmerzgrenze ausverkauften Jazzkeller nicht mehr auf ihren Sitzen hält und selbst Ungeborene in den Bäuchen tanzen.

So sche scho. Da gemma wieda hi!

Der dritte Mann

Die Noise-Boys unten haben Zuwachs bekommen. Der neue Lärmkaschperl hat seinen Traktor mitgebracht. Vor lauter Krach hört man den Krach nicht mehr.