Winterimpression

Ich mag Tauben nicht besonders. Aber wenn sie im Morgengrauen auf morgengrauen Steinplatten kauernd, auf Doppeldicke aufgeplustert, die Krallenfüßchen an- und die Schultern hochgezogen mit ihren nicht vorhandenen Zähnen klappern: dann dauern sie mich schon.

Wahrscheinlich sollte ich einfach später aufstehen.

Aus dem Vokabelheft

“To cut” bedeutet im Englischen nicht nur “schneiden”, sondern wird auch im übertragenen Sinne verwendet, wie zum Beispiel in “cut him some slack” (“jetzt sei halt ned a streng mit dem Buam”) oder “cut to the chase” (“komm endlich zur Sache”) oder “her cut is the biggest” (“sie bekommt den größten Anteil”) oder “cut it out, will you” (“hör auf, hör verdammt noch mal endlich auf”).

Gut, dass wir das wiederholt haben. Nun können wir alle Spaß haben am Wortspiel in der schönsten unter all den truthahnsoßentriefenden “enjoy time with family, friends, and other loved ones”- e-mails der letzten Tage haben.

Deren Betreff? “Cut the f-ing Turkey“.

Gastfundstück

“Was”, fragt die Finderin gestern Abend, “bringt ARD heute nach den Nachrichten über die Neueröffnung des Anne-Frank-Hauses?”

Na?

AmsterdamDanke an Frau W. aus K.

Es saugt und bläst…

Kaum liegt kein Reif mehr auf der Wiese unten, schon düst Herr Heinzelmann mit seinem lauten Traktor herbei, schaltet den noch lauteren Laubsauger ein und fährt seine Blattsammelrunden. Auf der Wiese. Auf dem Spielplatz. Auf den Wegen. Er kreist und kreist.

Wenn er den Beutel voll hat, knattert er zum Laubpferch und würgt seine Beute aus. Das ist mit Abstand seine lauteste Übung.

Neublätter treiben erfahrungsgemäß geräuschlos. Ich will Frühling! Jetzt! Sofort!

Gute alte Zeit

Früher war alles besser. Früher gab es HTC. Wie? Nein, mir sind nicht im Qualm die Buchstaben durcheinander geraten und nein, ich spreche auch nicht von dem Computerunternehmen aus China. Es geht ums Fernsehen. Klar, oder? Nicht? Hmmm. Setzt euch hin, liebe Kinder, die Tante erzählt jetzt von damals.

Menschen, die für ihr Geburtsjahr auch lang nach unten scrollen müssen, werden sich erinnern: es gab einmal eine Zeit, in der wurden –>Fernsehserien einmal pro Woche folgenweise ausgestrahlt, und wenn man wissen wollte, wie’s weitergeht bei Dallas (oh Gott, Bobby ist tot) oder auf dem Raumschiff Enterprise (sitzt Käptn Kirks Frisur auch auf dem nächsten Planeten?), dann schaltete man zur korrekten Sendezeit (stand in der –>Hörzu (s.a. –>Programmzeitschrift) wieder das –>Fernsehgerät ein. Hatte man was anderes vor und keinen –>Videorekorder (hatten wir daheim nie), hatte man diese Folge verpaßt. Das Leben ging trotzdem weiter.

Irgendwann wurden ganze Serien in Konserven gestopft und “Alle-Folgen-auf-einmal-Weggucken” erfunden. Schließlich Streaming. Überall. Auf jedem Gerät. Auf der Strecke geblieben sind die saisonalen Folgen. Die Weihnachtsepisode, in der der hartherzige Ekelcop dem großäugigen Welpen doch über die Straße hilft, die Thanksgivingfolge, in der der Penner beim Suppeschlürfen in der Armenküche seinen Gedächtnisverlust vergißt und alle in seine Villa zum Truthahn lädt und Halloween, das für uns zu Zeiten noch ein sehr exotischer Kürbisfeiertag war.

Streaming killed HTC. (Wahrscheinlich auch eine der popkulturellen Referenzen, die nur die Nachuntenscroller verstehen; hier, für die Nachgeborenen: https://www.youtube.com/watch?v=W8r-tXRLazs)

Honi soit

Was geht im Kopf eines Menschen vor, der im Supermarkt Schnäppchenkörbe voller Herrenunterhosen (wenn man dem Photo auf den Packungen glauben darf: sehr prall gefüllt) und  Nußknacker (“Extrastark – seit 100 Jahren”) Seit’ an Seit’ dekoriert?

Ein Eingriff-Fetisch? Misandrie*? Misogynie? Knackerhaß? Oder Ambivalenz, weil Männer das eh nie zu sehen bekommen, weil doch die lieben Gattinnen für den Einkauf von Mehrfachpacks an Unterbeinkleidern für unter dem Baum zuständig sind? Oder liegts gar im Auge der Betrachterin und ich sollte Besuche im Supermarkt in der Vorweihnachtszeit wie jedes Jahr auf ein absolut lebensnotwendiges Minimum beschränken?

Oder… Ich habs. Höchstwahrscheinlich das Wetter. Grau, bäh, feuchtkalt und schuld an der außerordentlichen Übellaune.

 

* Der Begriff “Misogynie” war mir ja schon öfter untergekommen. Den griechischen Fachbegriff für “Männerhaß” mußte ich dagegen nachschlagen.

Yo estudio Español

Will heißen, ich lerne derzeit im 2. Monat Spanisch.

Aber ich glaube, ich kann jetzt aufhören, denn heute habe ich den Satz gelernt, der mir ganz gewiß alle Türen öffnen, jedes Essen an den Tisch bringen und mir in jedem spanischsprachigen Land ganz viele Freunde einbringen wird:

Mí marido siempre lleve boina.

Ich meine, wer wird mir schon widerstehen können, wenn ich ihm ungefragt mitteile, dass meine Gatte immer eine Baskenmütze trägt?

Gender – oder was?

Vorrede: Isaac Asimov hat zu Zeiten eine Sammlung von Kurzgeschichten geschrieben, in dem ein Club alter Herren in Ledersesseln dem Gast des jeweiligen Abends als erstes die Frage stellt: “Und wie rechtfertigen Sie Ihre Existenz?” Fällt die Antwort zu ihrer Zufriedenheit aus, dann werfen sie ihre klugen Hirne und ihr Deduktionsvermögen an, um ein besonders kniffliges Problem des Gastes zu lösen (meist eine komplizierte Denksportaufgabe aus der Kriminalistik).

Warum erzähle ich das? Weil sich letzten Freitag der Rat für deutsche Rechtschreibung getroffen hat. Doch, doch, es gibt einen Zusammenhang. Dranbleiben. Dieser Rat ist die höchste Instanz, wenn es um die deutsche Sprache geht, darum, wie Grammatik korrekt zu verwenden sei und Begriffe definiert werden. Außerdem Rechtschreibreformen. Letzteres hätte einen schon mißtrauisch machen sollen, aber dieses Mal haben sich die Herrschaften zusammengesetzt, um eine Empfehlung für korrekte geschlechts- bzw. genderneutrale Schreibweisen zu geben. BInnen-I? Schrägstrich und sowohl männliche wie weibliche Form/in? Gender*sternchen? Beibehaltung des generischen Maskulinums? Oder ganz revolutionär anders?

Sie haben getagt. Häppchen gegesssen. Weiterdiskutiert. Dann war Kaffeepause. Schließlich ist weißer Rauch aufgestiegen und der Rat für deutsche Rechtschreibung hat per Pressekonferenz verkündigt, dass er nichts tun werde. Abwarten. Möglicherweise Tee trinken. Denn “Die Erprobungsphase verschiedener Bezeichnungen des dritten Geschlechts verläuft in den Ländern des deutschen Sprachraums unterschiedlich schnell und intensiv”, sagt der Vorsitzende Josef Lange und soll nicht durch vorzeitige Empfehlungen und Festlegungen des Rats beeinflusst werden.

Doch. Genau dafür ist dieser Rat da. Um Empfehlungen auszusprechen und sprachliche und damit gesellschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Der Berg hat gekreißt und gekreißt und eine tote Maus geboren. Hrrrgn!

Damit komme ich auf meine Einleitung zurück und erwarte von den 41 Räten und Rätinnen eine Antwort auf die Asimov’sche Frage. Kann die Spannung kaum aushalten.

 

Übrigens: Falls wer einen klugen Artikel zum Einfluß der Sprache auf das Denken von Menschen lesen mag; hier: https://bit.ly/2QV2jno

Metropoltheater: The Black Rider

Vor inzwischen 20 Jahren (Kinder, wie die Zeit vergeht, wenn man Spaß hat!) eröffnete das Metropoltheater draußen in Freimann seine erste Spielzeit mit dem Black Rider und jetzt geht das Stück in diesem Haus in seine letzte Staffel. Sagen sie. So ein Quatsch! Solange sich die wunderbare Viola von der Burg und die nicht minder großartigen Herren Christian Baumann und Andreas Thiele noch irgendwie auf den Beinen halten und den Text merken können, sollen sie das bitte einfach weitermachen. Ja? Dann ist gut. Danke.

Eine ausführlichere Kritik hatte ich bei meinem ersten Besuch geschrieben (wen’s interessiert: https://flockblog.de/?p=28800) und die Inszenierung ist nach wie vor ein Höhepunkt im Münchner Theaterschaffen und hat trotz (oder wegen?) der langen Spieldauer kein bißchen von ihrem Zauber verloren. Dem Vernehmen nach sind für manche Vorstellungen noch Einzelkarten zu haben, wer kann, versuche eine zu bekommen; er/sie wird einen ganz tollen Abend erleben. Zum Reinschmecken hier der Trailer: https://bit.ly/2FsB6XO

Abschließend muß ich die Frage der Dame zitieren, die in der Pause nach draußen trat, ziemlich fassungslos in den Himmel über Freimann und den von dort rieselnden Schnee blickte und soforrt von der Welt im allgemeinen und ihrer Begleitung im besonderen in schwer beleidigtem Unterton wissen wollte: “War das angesagt?”

Hmmm. Mußten wir doch soforrt die Folgefragen diskutieren: Was, wenn nicht? Stopft sie den Schnee dann in die Wolken zurück? Oder wer anders? Und in wessen Zuständigkeit fällt dergleichen? Es ist wie immer: der Vorhang zu, und alle Fragen offen.