Schutzpatron reloaded

Unten auf dem Spielplatz geht es rund. Ca. 15 Elternpaare und ca. 10 Kleinkinder (geht sich, unter Berücksichtigung mehrerer Patchworkkonstellationen ungefähr aus) singen “Laterne, Laterne” – wobei nix is mit “brenne auf mein Licht”. Der Namenstag des heiligen Mantelteilers wird mit LEDs begangen. Gegen 18:00 Uhr werden die Schieber wieder auf “Off” gestellt und die Party ist vorbei.

Es mag dem einen oder der anderen aufgefallen sein, dass wir früher, damals, als noch Kerzen in den Laternen brannten, unsere Umzüge am 11. November gemacht haben. Nicht im 3. Millennium. Hätte er doch auch dran denken können, der Heilige, dass der Terminplan der “Kleine-Bären-Gruppe” der Kita ums Eck keine Wochenendaktivitäten vorsieht. Mensch.

“Totgesagte leben länger”

Ist das nicht erst ein paar Wochen her, dass die Leute vom Autohaus mit dem beleuchteten Markennamen auf dem Dach und der teuren Espressomaschine untätig dabei zugesehen haben, wie mein liebes altes Auto durch die Hauptuntersuchung fällt und mir daraufhin sofort und umgehend eine Auswahl an Neu- und Gebrauchtwagen als Nachfolger aufdrängen wollten? Das Verschrotten hätten sie mir dann geschenkt.

Habe ich seinerzeit nicht angenommen, sondern bin zum Schrauber an der Ausfallstraße gefahren, dem mit dem öligen Overall und talgigem Haar mit seiner Werkstatt in der schmucken Lage zwischen Puff und Import/Export-Handel und habe ihm mein Leid geklagt. Der Herr Werkstatt und seine fleißigen Helfer haben das Auto in ihre guten Hände genommen, in unter zwei Tagen wieder repariert und mir mit einer frischen TÜV-Plakette versehen quasi zurückverkauft (so teuer war das).

Auf der als Ablaufdatum tatsächlich Oktober 2023 zu lesen war. Anscheinend werde ich älter oder die Zeit vergeht schneller oder Paul hat an der Uhr gedreht, egal, jetzt weiß ich ja, wie es geht. Termin beim Schrauber an der Ausfallstraße vereinbart, Auto vorbeigebracht und keine drei Stunden später ein Anruf, dass ein neues Ablaufdatum auf dem Nummernschild klebt und ich gegen ein lächerlich geringes Lösegeld beide wieder abholen kann. Auto und Plakette.

Wahrscheinlich geht es das nächste Mal noch schneller, bis das wieder fällig wird…

Es wechseln die Zeiten

In den letzten Jahren konnte man häufiger mal Leuten beim Sprechen beim Denken zusehen, nämlich immer dann, wenn sie sich ein Zeitfensterchen genehmigten und das Füllwort “genau” in ihren Satz (gerne in jeden) einbauten. “Also, da war ich beim Bäcker … genau … und dann ging die Tür auf … genau … und dann kam da so ne Frau rein … genau … und die hat dann auch Semmeln gekauft. Wie ich. … Genau.”

Neulich hat mir eine Gen-Z-lerin meine Morgenbreze verkauft. Und ich sage beim Rausgehen “Auf Wiedersehen, einen schönen Tag noch” und dieses Geschöpf antwortet: “Genau”.

Was mache ich jetzt aus dieser Replik?

Gelesen: Mick Herron – “Joe Country” (Band 6 der “Slow-Horses”-Serie)

Herron ist ein extrem phantasievoller Sprachartist, dessen Bücher um die ausrangierten Spione im “Slough House” mit zunehmendem Umfang der Reihe zunehmend besser werden. Die Figuren entwickeln sich weiter, man kennt sie, man leidet (viel) und freut sich (wenig) mit ihnen und manchmal läßt er sie sterben. (Ich vermute, wenn ihm nichts mehr zu ihnen einfällt. Oder einfach nur, weil sie Sympathieträger geworden sind. Möglicherweise, um seine Leser*innen zu ägern…)

Neben Agenten (einfach, doppelt, dreifach), Söldnern, Royalty, Suchten, Lüsten und Intrigen spielt in “Joe Country” ein Wintereinbruch die Hauptrolle, in der Stadt (das ist in Herrons Universum immer London) und im tiefsten Hinter-Wales und wer am Ende des Buches nicht vollkommen durchgefroren ist, der hat kein Vorstellungsvermögen. Ich hatte zwei Jacken über dem Pulli an. Außerdem Wollsocken.

Haben Sie gar nichts zu meckern, Frau flockblog? Oh doch! Hah! Bei einem meiner Lieblinge hat es sich Herron zu leicht gemacht und mich als Mehrfachleserin nicht aufs Glatteis (sic!) führen können. Das andere Mal war das Lektorat sehr sloppy: Whisky und Wein verwechseln, das geht gar nicht.

Das sollte aber niemanden vom lesen! lesen! lesen! und sich gut unterhalten lassen abhalten.

Schon ewig nicht mehr im Fernsehen und neulich wiedergesehen “Klimawechsel” von Doris Dörrie

Weil mir Frau Dörrie dieser Tage ständig irgendwo begegnet ist, wollte ich mir doch mal wieder eines ihrer Werke angucken und bin an meinen damals von einem sehr lieben Freund geschenkten DVDs hängen geblieben. Der Rest steht in meiner alten Kritik hier: https://flockblog.de/?p=7450. Aber ich hätte auch damals schon erwähnen können, dass es wunderbare Cameos von Vroni von Quast und Sarah Camp gibt und dass ich Maren Kroymann noch nie so wunderbar rothaarig und böse und Andrea Sawatzki noch nie so herrlich enthemmt gesehen habe und dass alle, die dieses Juwel noch nicht gesehen habe, das jetzt aber mal gefälligst sehr bald nachholen sollen. Das Wetter ist doch schon schlecht genug dafür…

Bundeskunsthalle, Bonn – Ausstellung: Alles auf einmal – Die Postmoderne 1967 – 1992

Ist das jetzt tatsächlich schon wieder fast zwei Wochen her, dass wir den 92. Geburtstag meines Onkels mit “Pizza und Rotwein für alle” im Kreise seiner Lieben feierten? Des Onkels, wohlgemerkt, der in den letzten beiden Jahren seine Frau, seinen kleinen Bruder, seine kleine Schwester (meine Mutter), seinen Schwager (meinen Vater) und den einen oder anderen Freund und Freundin, nicht aber seinen unbändigen Lebenshunger verloren hat?

Man kommt ja zu nix.

Dann sind es auch schon wieder fast zwei Wochen, dass ich mit meiner Kusine hemmungslos mitsang, dass man uns doch bitte nicht verletzen solle und wir außerdem völ-lig los-ge-he-löst von der E-her-de Major Tom ins All schmetterten… weil nämlich im Eingangsbereich der Postmoderne-Ausstellung auf einer Leinwand in Dauerschleife nicht nur Boy George und Tom Schilling, sondern auch Roxy Music, The Clash und andere den Sound unserer Jugend wiederbelebten – bis wir, durch eben diese Leinwand gehend, in den großen Ausstellungssaal traten. Open Floor und alles von allem.

Architektur, Mode, Musik, Möbel, Körper- und andere Kunst, Design, Elektronik, Malerei, Kino, bunt und viel und wir waren da mal mitten drin. Das war unser Leben. Sex Pistols und Issey Miyake, Jane Fonda und Grace Jones, Arnold (damals noch Bodybuilder) Schwarzenegger und Vivienne Westwood, Frank Gehry und Paco Rabanne, Thomas Pynchon und David Lynch, American Psycho, Schulterpolster, Mondlandung, Alessi, dicke Haare, Vietnamkrieg. Alles von allem. Keine Trennung zwischen E und U. In einem der mehreren Nebenräume läuft ununterbrochen “Koyaanisqatsi”, in einem anderen glitzert eine Discokugel unter bunten Strahlern Highlights auf Fotos von Andy Warhol, Keith Haring, Grace Jones und ihrer Entourage, außerdem viele lines of coke während sie im Studio 54 Hof halten.

Die Ausstellung versucht, das Phänomen Postmoderne einzuordnen, den Besuchenden quasi einen roten Faden zu geben. Bei mir hat das funktioniert, ganz ohne Orientierung hätte ich mich in dem bunten anarchischen Durcheinander sonst irgendwann verloren. So hatte ich große Freude, viel wieder erkannt und viel neues gelernt. Hach!

Falls wer zufällig in der Gegend ist, die Ausstellung läuft noch bis Ende Januar. Falls nicht, nachfolgend ein Rundgang…

Und falls das auch zu lang ist, hier mein Lieblingsbücherregal meines funkelfrisch entdeckten neuen Lieblingsdesigners Ettore Sottsass.

… und ich habe ja keinen billigen Geschmack, will mir scheinen – das gute Stück ist für runde 15.000,00 Euro im Handel erhältlich. Gebraucht.

Ein junges Herz

Obzwar ich pünktlich bin, muss ich erst einmal warten. Denn vor mir ist der Herr Franz und der hat bei “seiner” (also eigentlich unserer) Frau Evelyn nicht nur eine Pediküre gebucht, sondern auch einen Flirt. Und weil der Herr Franz ein echter Herr alter Schule ist (“in dem Sommer sechsaneinzige”), folgt die Konversation ordentlichen Regeln. Wetter (“greislig”), “dä Polidick” (“aa greislig, des lossma glei wieda bleim”), Urlaub (“heia nur beim Wandern in Bayern, ma mog ja gar nimma fliagn”), gefolgt von der Frage, was es denn wohl bei der “scheena Frau Evelyn heit Ohhmd zum Essen” gibt. Wo sie bisher ein bisschen mitgeturtelt hat, steigt sie nun aus. Frau Evelyn kocht nicht. “Gor ned?” Gor ned. Viel zu aufwendig.

Der Herr Franz ist ja kein Dummer, hat inzwischen auch Strümpfe und Schuhe wieder angezogen bekommen und erkennt seine Chance. “Wissen’S wos? Den nächsten Termin mochma um die Mittagszeit und i bring uns was Schees zum Schnabulieren mit.”

Bin gespannt, wie die Frau Evelyn aus der Nummer wieder rauskommt. Aber jetzt sind erst mal meine Füße dran und dann haben wir beide Wochenende. Ohne den Herrn Franz. Vorerst.

Latte greifen und Augen zu!

Die oben zitierte Bildunterschrift verwendet die Süddeutsche heute auf ihrer Titelseite, um in der Sparte “Psychologie” die Frage “Boomer oder Millennial?” zu diskutieren.

Es mag an mir und meinem Boomertum liegen – ich mußte bei “der Latte in der Hand” erst mal grinsen und habe es bis dato noch nicht geschafft, geschlossene Augen und Achtsamkeit in Verbindung zu bringen. Als ich noch das orangene ABC-Schützen-Käppchen trug, hieß es mehr so “Augen auf! Und Uffbasse!”

Heute keine Pointe.

Neu und schon zum Strömen: “A Haunting in Venice” (Christie’s Poirot by Kenneth Branagh)

Sir Kenneth verfilmt nach dem Orient-Express und Tod auf dem Nil nun schon den dritten Agatha-Christie-Stoff und dieses Mal entfernt er sich so weit von der Originalvorlage, dass man endlich seine eigene Handschrift deutlich erkennen kann.

Achtung! Im Folgenden Spoiler. Wer sich überraschen lassen will, lese besser nicht weiter.

Das Spiel beginnt im spätherbstlichen Venedig, kurz nach dem 2. Weltkrieg; die Kamerafahrt über die Lagunenstadt wird unterlegt mit dem hoffnungsfrohen Lied “When the Lights go on again”:

Damit ist die Stimmung gesetzt für den Auftritt des nach zwei verheerenden Kriegen desillusionierten Hercule Poirot, der nur noch aufs Wasser schauen und Kekse essen will und ansonsten von der Welt in Ruhe gelassen werden. Auftritt Tina Fey, “The Authoress”, an deren Feldbettchen seinerzeit sämtliche US-amerikanischen WW2-Kriegsberichterstatterinnen Patin gestanden haben müssen. Sie braucht nach einer ehemals erfolgreichen Karriere als Kriminalschriftstellerin (Na? … Na?) und nunmehr drei Flops in Folge wieder einen richtigen Kassenschlager und Poirot soll helfen.

Auftritt “The Haunted House”, ein dem Verfall preisgegebener Palazzo zum Fingerabschlecken, in dem die verarmte blonde Besitzerin und ehemalige Operndiva Rowena Drake (Kelly Reilly), ihre Hausdame und ehemalige Nanny der Tochter Mrs. Seminoff (Camille Cottin), ihr Leibarzt, der von seinen Erlebnissen im Krieg zerstörte Dr. Ferrier (Jamie Dornan) und dessen junger Sohn Leopold (Jude Hill, inzwischen seit Belfast (s. https://flockblog.de/?p=46580) definitiv zu “Branaghs Boy” geworden) leben.

Es ist “All Hallow’s Eve”. Rowena Drake richtet ein Kinderfest für die Waisen der Stadt aus. Kostüme, Schattenpuppenspiel, Gruselgeschichten, Apfeltauchen und dergleichen – alles ein Vorspiel für die Séance, die an diesem Abend noch stattfinden soll.

Keine Poirot-Geschichte ohne, dass alle Beteiligten am geheimnisumwitterten Tod der Tochter des Hauses sich versammeln, und kaum sind die Kinder heil in Waisenhaus zurück verbracht worden, tobt ein Regensturm, der – natürlich, wir sind in Venedig – gleich Aqua Alta bringt, die Stelzen, auf denen das Haus in den schwammigen Boden gerammt ist, unterspült und alle mehr oder minder Verdächtigen in einem gruseligen Kammerspiel einsperrt.

Sir Kenneth’ Poirot ist ein Getriebener, dem bei aller nach außen getragenen Arroganz Selbstzweifel zur zweiten Natur geworden sind. Dieses Mal glaube ich ihm das auch. Der Cast ist gut, Schauspiel und Spiel spannend (Buch: Michael Green, basierend auf Agatha Christies “Hallowe’en Party”), die Auflösung nicht so ganz überraschend – das mag aber daran liegen, dass gute “whodunits” Leser/Zuschauer an die Hand nehmen und ihnen die Chance geben, mitzu”ermitteln”. Das Ende ist mir ein kleines bißchen zu zuckrig geraten, aber andererseits “…the Lights go on again”. Passt schon.

Wenn einem nach altmodischen Krimi ist, dann kann man “A Haunting in Venice” gut ansehen und ist sehr gut unterhalten.

Außerdem: selten so eine Auswahl wunderschöner Hüte gesehen. Die hätte ich bitte alle gerne, bevor sie in einem langweiligen Fundus verstauben. Ja, auch den vom Buben.