Fehlzündungen

Noch nicht ganz zwei Tage im Hunsrück und meine Kolleg*innen verwöhnen mich…

  • “Mich”, stellt eine leicht genervt fest, “mich hat gestern das Faß zum Überlaufen gebracht.”
  • Es mag daran gelegen haben, dass das Resultat der wochenlangen Arbeit der Projektgruppe noch nicht “das Gelbe vom Himmel” war.
  • Möglicherweise wird hier aber auch “mit zweierlei Schuhen gemessen.”
  • Als Gegenmittel wird vorgeschlagen, “die Wacht anzusagen*”.

* Wikipedia erklärt das in diesem schönen Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Wacht_am_Rhein wie folgt: “Jemandem „die Wacht am Rhein singen“ oder „die Wacht ansagen“: diese heute vornehmlich nur noch von älteren Menschen benutzten Redewendungen bedeuten, jemandem eine eindringliche Warnung auszusprechen bzw. ein Ultimatum zu setzen.”

Fehlzündungen

Seit Microsoft künstliche Intelligenz unter anderem in Teams einsetzt, um gesprochene Sprache mit Untertiteln zu versehen, finde ich fast täglich irgendeinen gehobenen Schwachsinn, der bei menschlichen Gehirnen von Freud’schen Fehlleistungen zeugte.

Mein Favorit heute: die Kollegin sprach davon, eine bestimmte Situation als ein “bißchen spooky” zu empfinden. Freund KI, eindeutig von gemischter Sprache überfordert, transkribiert vollkommen sinnfrei: “bis Innsbruck”.

Ich finde das herrlich.

Aus dem Vokabelheft

Was dem Bayern sein Mausdoadschmatzer ist, ist dem Hunsrücker der Ooschbääbes.

Beides so viel viel schöner als der hochdeutsche Dummschwätzer.

Aus dem Vokabelheft

“Stratzele” bedeutet auf Hunsrückisch “streuen” oder auch “unruhiges verteilen”. Also ist ein “Stratzeler”?

Genau: jemand der schnell, aber hektisch und unordentlich arbeitet.

Gestern Abend in der Unterfahrt: “James Carter Trio”

So dermaßen ausverkauft habe ich die Unterfahrt noch nie erlebt. Selbst die Stehplätze an den Seitentresen, wo sonst die Prospekte ausliegen, waren mir “Reserviert”-Schildchen versehen. Und warum? Weil James Carter ein Saxophon-Gott ist.

Das muss stimmen, weil die beiden alten weißen Männer, mit denen wir den Tisch gleich neben der Bühne und im vollen Einzugsbereich der lauten Leslie* teilten, haben das gesagt. Und sie wissen das so genau, weil sie a) selbst Saxophon spielen, davon der eine ehrlich und selbsterkennend “auf mittlerem Niveau” und der andere, der wie ein alter Qualtinger-Schauspieler mehr oder minder berühmte Orte und Menschen aus seinem Leben aufzählt, weil: sowas von Niveau, b) zu der Kohorte gehören, die im Saal in der Mehrheit ist und c) weil es eh stimmt. Ich habe selten gesehen und gehört, wie einer mit seinem Instrument, ach was, Plural, seinen Instrumenten so spielt – nicht nur im Sinne von Musik machen, sondern eben wirklich spielen, Spaß haben und machen, einen Dialog mit dem Publikum führen. Organist Gerard Gibbs (ich werde in diesem Leben kein Fan der Hammond-Orgel mehr) steht Carter da in nichts nach. Mindestens eine ebenso große Rampensau wie der Chef – die beiden als Duett großartig abgestimmt und einander Impulse gebend. Der Schlagzeuger Alex White bleibt dabei ganz merkwürdig außen vor – das habe ich so auch noch nie erlebt.

Der kluge Mann mit Niveau an unserem Tisch hat die “Zitate” mitgezählt und ist auf “mindestens 27” gekommen, ich bin ja nicht so musikalisch gebildet und habe viel viel weniger erkannt, aber doch meinen Spaß gehabt.

Bloß viel zu laut war’s. Das lag an…

* https://de.wikipedia.org/wiki/Leslie-Lautsprecher mit den rotierenden Lautabstralern, die mir beinahe die Ohren zerfetzt hätte. Für Krach habe ich zunehmend weniger Begabung.

Zum Strömen: “Tim Minchin – Back”

Holla, the Forrest Fairy! Das ist mal eine überwältigende Bühnenshow! Ein Kessel ganz Buntes. Comedy, Musik, Solo am Piano und mit einer überragenden Band, Gesellschaftskritik und Gemeinheiten, Wortwitz hoch zehn, schwer ans Herz gehende Chansons. Alles drin. Daneben Herumgeturne, das selbst bei einer Laiin wie mir zumindest den Verdacht auf ADHS aufkommen läßt, aber so perfekt getimed, dass vielleicht auch nicht… Ist aber auch wurscht.

Lohnt sich sehr anzuschauen!

Diese Nummer fasst den Stil ziemlich gut zusammen…

Gelesen: Jenni Fagan – “Hex”

Aufmerksame flockblog-Leser*innen werden sich erinnern, dass ich jüngst von “Rizzio” schwärmte, dem ersten Band der “Darkland Tales”, einer Verlagsinitiative, in der junge schottische Autor*innen bedeutende Momente der schottischen Geschichte nachempfinden. Die anderen mögen hier nachlesen: https://flockblog.de/?p=48598.

Nun also Jenni Fagan und ihre Deutung des tragischen Endes der sehr jungen (gerade mal fünfzehn Jahre alt) Geillis Duncan, verurteilt wegen Hexerei und vor einem gierigen Publikum am Halse aufgehängt, bis der Tod eintritt.

Von dem gerade mal 100 Seiten dünnen, ausgesprochen schön besorgten Büchlein* geht ein ganz eigenartiger Zauber aus. In meinem Ohr klangen der Gesang der Macbeth’schen Hexen – “Double, double toil and trouble; / Fire burn, and cauldron bubble.” und wiewohl die Geschichte von Geillis Duncans letzter Nacht in einer Kerkerzelle weit unter der Erde spielt, fühlt man den Wind der schottischen Hochebenen, hört Krähen krächzen und darüber wacht ein bleicher Mond.

Ich suche seit Tagen nach dem passenden Begriff. “Beschwörung”? “Zauberspruch”? “Verhexung”? Keiner trifft es wirklich, keiner ist ganz falsch. Möglicherweise doch Poesie. Am besten laut vorgetragen.

Egal. Das dürfte eines der Bücher sein, die man nach den ersten paar Zeilen entweder sehr mag oder überhaupt nicht. Wer’s ausprobieren möchte, kann meins ausleihen. Ich will es aber unbedingt zurück!

* Leider habe ich nicht herausfinden können, wer den Buchtitel gestaltet hat. Ist ja nicht wie früher bei DTV, dass es immer Piatti ist…

Fehlkalkulation

Werte Herren Mey und Edlich, den verkehrteren Heiligen für einen mieseligen Rabatt von 20% hättet ihr nicht finden können…

Paradiesvogel

Im Hausgang treiben vielfarbige Federn. Ob da wohl eine der vielen St.-Martin-Inkarnationen ihre Boa in halb gerupft hat?

Bereit sein ist alles

Der ganz heiße Scheiß in unserer Branche sind “Carbon Credits”. Wie macht man sie und wenn nicht das, wie kriegt man sie und verschafft sich Steuervorteile und ist – natürlich, denn darum geht es ja – ein Unternehmen mit Klimaschutzambitionen.

Es zeugt schon sehr vom verschwindend geringen Enthusiasmus unseres heutigen Bewerbers, dass er stur konsequent von “Carbon Carrots” sprach und sich trotz mehrfacher Korrekturen nicht von seinem Möhrenweg abbringen ließ.

Vielleicht doch eher eine Agrikulturbegabung, der junge Mann.