Singt dem HERRN ein neues Lied

Das muss wieder einer von diesen Feiertagen sein, an denen der Gläubige seine Gottesfurcht durch lobpreisenden Lärm zum Ausdruck zu bringen hat. Deswegen werden nämlich alle, Christen wie Heiden, zu noch nachtschlafender Zeit (letztere) bzw. in aller Herrgottsfrühe von einer Horde Blechbläsern aus dem Schlaf getrötet, wobei sich die leicht außerhalb des Takts spielende Tuba besonders hervortutet. (Tschuldigung. Schlechtes Wortspiel. Es war aber auch arg früh.) Dann brüllt einer mit einem schlecht ausgesteuerten Megaphon die Leute draußen an, und dann trampeln sie, blechbläserbegleitet, singend los.

Mein inzwischen instand gewecktes Hirn denkt sich sein Väterchen Degenhardt (ab 1:19, man kann und sollte es mal wieder ganz hören) und dämmert langsam wieder weg.

Neulich, im Supermarkt

Sie habe sich, spricht die Kundin zur Kassenkraft, einen Gentleman zurücklegen lassen und würde den jetzt gerne bezahlen und mitnehmen. “Ach”, denke ich, “bei Edeka gibts jetzt Escorts?” und dass ein langes Wochenende vor mir liegt und ich eigentlich noch nichts vorhabe…

Aber hören wir erst einmal den Damen weiter zu. Die Kassiererin hat nämlich keine Gentlemen und ruft jetzt im vorfeiertagsvollen Supermarkt, wie weiland Gabi Köster (“Rii-iita, wat kosten die Kondome?”*) den Bedarf der Kundin an ihre Kolleginnen aus und in die rundherum ausgelöste Heiterkeit hinein versucht diese sich mit einer Erklärung. “Das ist ein Whisky.” Jetzt versteht die Kassenkraft und überbrüllt den lauten Laden mit der Frage, ob denn wer vom Yilmaz einen Jim Beam gebracht bekommen habe. Dergleichen edle Tropfen werden dort nämlich vor unautorisiertem Kundenzugriff geschützt in abschließbaren Vitrinen aufbewahrt und dürfen nur vom Mann mit dem Schlüssel entnommen und von diesem zu den Kassen gebracht werden.

Der Gentleman findet sich schließlich, wie es Murphys Gesetz vorsieht, an der am weitesten entfernten Kasse, heißt mit Vornamen Jack und wird von der Familie Daniels in Tennessee gebrannt.

Och nö. Dann schmiede ich für meinen freien Tag doch lieber andere Pläne.

* Da, junge Menschen, die Frau flockblog hat’s für euch rausgesucht: https://www.youtube.com/watch?v=ZoMZ4hsDPas

Aus meinem Spamfolder

Subject: Lieber geliebter
Hallo Schatz,
Mein Name ist Frau Sophie Aleksander, ich komme aus Bulgarien und mein Mann aus der Ukraine. Ich habe meinen Mann und unsere einzige Tochter durch das russische Militär verloren, das in unser Haus einmarschierte, und ich liege derzeit aufgrund der Verletzung, die ich mir zugezogen habe, im Krankenhaus Eine Bombe, die in unserem Haus explodierte, führte dazu, dass mein Mann und unsere Tochter starben.
[…]
Ich werde auf Ihre Antwort warten, damit wir diese Transaktion durchführen können, damit meine Tochter aus dieser schrecklichen Umgebung herauskommt.
Aufrichtig, Frau Sophie Aleksander.

Von Russen ermordert, zu Tode gebombt und jetzt auch noch zu einem Leben in prekären Umständen gezwungen. Das arme Kind.

Das Übersetzungsprogramm hat unter diesen furchtbaren Umständen sein bestes gegeben. Aber ob der Abschiedsgruß der Mutter mit “aufrichtig” wirklich passend übersetzt ist?

Literarische Oase

Ich bin ein großer Fan der überall und immer mehr auftauchenden Bücherschränke. Mein knallroter Stammschrank vor der Feuerwache ist klasse, nicht der übliche Coelho-Konsalik-Grisham-Danella-Mist, sondern immer mal wieder das eine oder andere Schätzchen aus Bildungsbürgerhaushalten. Heute wollte ich abgeben, und mein Stammschrank war vorbereitet: ein dreiviertel leerer Regalboden. Hah!

Jetzt kann wer anderer seine Lücken auffüllen und ich habe Platz zum Navigieren. Und wieder ein langes Wochenende vor mir.

Weltmenstruationstag

Heute. Falls das wem noch nicht reicht: im Museum Europäischer Kulturen zu Berlin gibt es, passend zum Thema, die Ausstellung “Läuft”.

Grammatik

Als Metaphern auf dem Lehrplan standen, war dieser ZEIT-Forist wohl gerade Kreide holen… Mahann.

Aber Hauptsache, mit über dumme rechte Gesänge aufgeregt.

Gelesen: Nana Kwame Adjei-Brenyah – “Chain-Gang All-Stars”

Neulich war ich beim Bücherräumen wieder auf “Friday Black” (s. https://flockblog.de/?p=49304), Adjei-Brenyahs erste Kurzgeschichtensammlung gestoßen und hatte mich allein deswegen sehr auf dieses neue Werk vorgefreut.

Es ist ein Manifest. Gegen Rassismus. Gegen Kapitalismus. Gegen Folter. Gegen ein vielerorts längst privatisiertes Strafvollzugssystem, das überdurchschnittlich viele Schwarze überdurchschnittlich lang in überfüllten Gefängnissen einsitzen läßt und dort ihre Arbeitskraft ausbeutet. “Neo-Slavery” nennt er diese Methode.

In einem Amerika in einer nicht zu fernen dystopischen Zukunft kommt zur Ausbeutung durch Sklavenarbeit noch die Ausbeutung durch eine perverse Form von “Brot und Spielen” hinzu, das “Criminal Action Penal Entertainment” (CAPE) program”. In kurz: zu langen Haftstrafen verurteilte Gewaltverbrecher können sich im Verlauf von drei Jahren in einem strengen reglementierten System aus Märschen, “Melees” und Stadionkämpfen “frei” kämpfen, wobei als Sieg nur zählt, wenn der “Gegner” getötet wird. Für zahlendes Publikum. Live in Stadien, an Fernsehern, in Streams, allem, was moderne Unterhaltungselektronik hergibt.

Adjei-Brenyahs nimmt sich viel Zeit, die einzelnen Protagonistinnen und Protagonisten vorzustellen. Die Reihenfolge ist nicht zufällig, denn am gewinnträchtigsten in diesem System sind die im allgemeinen am stärksten marginalisierten schwarzen Frauen. Er zwingt seine Leserschaft ständig in den Konflikt, sich eine Meinung zu bilden, wie eine Gesellschaft mit jemandem umgehen soll, der anderen Schaden zugefügt hat und dem Wissen um die Biographien der Täter, die er als Menschen zeichnet, die oft keinen anderen Ausweg sehen konnten. Er beschreibt die Umstände ihrer “Strafe”, qualvolle Überfüllung der unzulänglichen Haftanstalten, mangelnde Hygiene, Krankheiten (physisch wie psychisch), Entzug kleinster “Privilegien”, Einzelhaft in licht- und klanglosen Löchern, sadistisches Wachpersonal und deren Einsatz von “Influencern” (ein Wort, das ich nie mehr ohne diese Bedeutungsebene hören können werde), einer Art Taser, der Schmerz um ein unendliches verstärkt – es ist erstaunlich, dass die Selbstmordrate nicht noch viel höher ist. Im Buch und in echt.

Erst spät läßt er einen Funken Hoffnung aufkommen: nicht alle wollen sich von einem so grausamen Schauspiel unterhalten lassen und es gibt eine, wenn auch kleine, Protestbewegung.

Spaß macht die Lektüre nicht. Wichtig ist sie trotzdem. Lesen! Lesen! Lesen!

Fast noch neu im Kino: “Civil War”

Autor und Regisseur Alex Garland gelingt mit diesem Film beides: eine Studie über “embedded” Kriegsberichterstatter, inklusive einer Hommage an die Fotografin Lee Miller, aber auch eine Vision des bürgerkriegszerütteten Amerikas, das mit einer zweiten Amtszeit Donald Trumps nicht mehr auszuschließen ist – nein, richtiger, zu befürchten wäre. Wie jeder gute Kriegsfilm ist “Civil War” ein Antikriegsfilm. Atmosphärisch dicht, gerade genug Kampfszenen, um das Grauen zu zeigen, immer wieder abgelöst von, ja, hmmm, wie nenne ich das jetzt? Ja. Reflektionsszenen, in denen der Zuschauer die Chance hat, das Gesehene zu verdauen, zu verorten, einzuordnen. Der Film tut, was ein Fotojournalist tut: er zeigt alle am Kampf Beteiligten, ohne Stellung zu beziehen. Das ist bisweilen fast schmerzhaft und genau richtig.

Die Academy hat mich inzwischen erhört und in die Oscar-Kategorien auch die für Casting aufgenommen. Das ist gut so, denn die Besetzung ist immens stimmig und auch nur eine oder einen hervorzuheben, wäre nicht angemessen. Außer Kirsten Dunst, natürlich, die ich noch nie so gut gesehen habe.

Keine leichte seichte Kost. Trotzdem und deswegen: Anschauen! Anschauen! Anschauen!

Aus dem Vokabelheft (heute: besonders blöde Abkürzungen)

Es sei jetzt wirklich blöd, sagt der beauftragte Spediteur, aber die Lieferung werde nicht rechtzeitig beim Kunden eintreffen, was unter anderem daran liege, dass das zu beladende Schiff noch nicht abgelegt habe, weil es noch gar nicht angekommen sei.

In meine aus der Verblüffung resultierende Sprachlosigkeit setzt er mit der Erklärung nach: “Aber Sie wissen ja: ‘SUB AGW WP FME UCE WOG’.” Nein, ich weiß nicht, kann aber googeln und lerne, dass, was früher noch “Vor Gericht und auf hoher See sind wir alle in Gottes Hand” hieß, ausgeschrieben bedeutet: “Subject to All Going Well / Weather Permitting / Force Majeure Excluded / Unforeseen Circumstances Excepted / Without Guarantee”. Also, quasi, “wenn nix, aber auch gar nix dazwischen kommt und das Wetter hält, dann liefern wir vielleicht.”

Oder, wie Menschen aus dem arabischen Sprachraum immer schon wußten: “Inshallah”.