Die neuen Nachbarn nebenan haben ihre lustige “Herzlich Willkommen”-Fußabtretermatte mit den harmlosen bunten Ballons gegen diese ausgetauscht:

Was mache ich nun mit dieser Ansage?
Frau S. aus H. hat mich jüngst mit einem Päckchen überrascht und darinnen dieses Buch, von dem ich schon jetzt weiß, dass es eines der besten sein wird, die ich in diesem Jahr gelesen haben werde. (Wann hat man schon mal die Gelegenheit, Futur II anzuwenden, außer bei einem so dicken Bündel Vorschusslorbeeren…). Ach ja: danke, danke, danke!!
Eine Graphic Novel, basierend auf einem wissenschaftlichen Werk Hararis mit Unterstützung von David Vandermeulen (Co-Autor) and Daniel Casanave (Illustrator), so radikal das neue Medium nutzend, dass man jedem Panel mehrere Minuten Aufmerksamkeit widmen muss (und will), bis man es in seiner Gänze erfasst hat.
Sofort lesen! Lesen! Lesen!
Ich brauche doch anschließend wen, mit dem ich mich darüber unterhalten kann, ey!
Die Demo wurde gerade so rechtzeitig wegen Überfüllung geschlossen, dass wir es noch zum gebuchten 16:00-Uhr-Slot in die Ausstellung schafften. Hätte aber auch nicht sein müssen: die Tate Gallery hatte nicht ihre besten Exponate verliehen und Turner, wiewohl einzigartig und – natürlich – Wegbereiter des Impressionismus und “Erfinder des Lichts” wird in diesem Leben nicht mehr unser Lieblingsmaler.
… es ist dann doch schön, wenn man mit einer ungefähr gleichaltrigen Frau nach der Demo in der furchtbar überfüllten U-Bahn ins Gespräch kommt, kurz reminisziert, wie das seinerzeit war, als wir bei den Anti-AKW-, Wackersdorf- und den Friedensdemos mitmarschierten und dann, quasi einstimmig, zu dem Schluss kommt: “Hilft ja nix, dann müssen wir halt jetzt wieder ran.”
Mit wenigem sind wir Boomer besser vertraut, als mit der Tatsache zu viele zu sein. Zu viele für überfüllte Kindergärten und Klassenzimmer, zu viele im Wettbewerb um Ausbildungs- und Studienplätze, zu viele am Arbeitsmarkt.
Ganz ehrlich, “zu viele” hat sich selten so gut angefühlt wie heute, als die Demo gegen rechts in München wegen zu großen Andrangs abgebrochen wurde.
„No pasarán!“
Treue flockblog-Leser*innen werden sich meines Drei-Bücher-Konflikts von neulich erinnen, der inzwischen zu einem Fünf-Buch-Dilemma angewachsen ist. Man kommt ja zu nix, aber, andererseits, jetzt echt mal, Kriege, Hunger, Umweltkatastriophen, meine Sorgen möchte ich haben… Wo war ich gleich? Ah ja, too much to read, too little time. Weglesen, was geht. Story of my life.
Nun aber zum Thema. Rezension.
“Nele Pollatschek, hmmm, Nele Pollatschek…” wird sich der eine oder die andere fragen, “das sagt mir doch was? Wo tu ich die gleich noch mal hin?” “In die Süddeutsche Zeitung tust du sie, als gelegentliche Autorin von Meinungsstücken”, werden die mit dem besseren Gedächtnis antworten. Und dass sie auch Bücher schreibt. Deren eines ich geschenkt bekommen habe. Vielen Dank an Frau und Herrn D. aus E. auf diesem Wege noch einmal.
Frau Pollatschek, informiert der Klappentext, “lebt im Odenwald. Sie wurde 1988 in Ost-Berlin geboren, hat einige Zeit später Englische Literatur und Philosophie in Heidelberg, Cambridge und Oxford studiert. Sie arbeitet als Dozentin und promoviert gerade über das Problem des Bösen in der Literatur.”
Thene, die Heldin und Ich-Erzählerin des Buches lebt in Heidelberg und findet ihre Ruhe im Odenwald. Sie wurde im Osten Deutschlands geboren, hat einige Zeit später Englische Literatur und Philosophie in Oxford studiert, gerade ihren Master gemacht und promoviert nun in Oxford.
Außerdem ist sie Teil einer weitläufigen lauten anstrengenden sehr dysfunktionalen jüdischen Patchworkfamilie, deren tragikkomische Geschichte und Geschichten sie in einem leichtfüßigen Ton erzählt. Meist fühlt sich an, als stünde man in der U-Bahn, mit der überkandidelten Freundin von früher, der man zufällig über den Weg gelaufen ist und aus der jetzt alles Verrückte aus Vergangenheit und Gegenwart ihrer Familie heraussprudelt, schnell, schnell, schnell, noch mehr, und dies noch, und das, und überhaupt, mit hektischem Blick auf die noch verfügbare Anzahl von Stationen, bis die erste aussteigen wird.
Das liest sich leicht und lustig und wird gegen Ende zunehmend absurder – als habe sie die Aufgabe “Wenn schon Familiengeschichte, dann aber mit einem verblüffenden Ende” im Creative Writing-Kurs für Fortgeschrittene mit besonderer Bravour und Eins mit Sternchen gelöst. Taugt prima für Sommer, Sonne, Strand.
Ein bißchen geärgert habe ich mich aber doch. Frau Pollatschek ist eine hochgebildete, intelligente Frau. Zeigt das auch und gerne. Und warum auch nicht? Traut aber ihren Lesern und Leserinnen nicht zu, dass sie ihr folgen oder selbst denken oder mindestens recherchieren können, und neigt zum Übererklären.
Pars pro toto: Cousin und Cousine ersten Grades haben ein Kind zusammen bekommen und finden das ungeheuer spannend-verboten: “Und dann die Wortneuschöpfungen. Oma bezeichneten sie erst als Muttante – sowohl Großmutter als auch Tante – und dann, nach Elis Geburt, als Großmuttante – Großmutter und Großtante.” Danke, aber nein, danke. Die meisten von uns können selber denken.
Trotzdem: nicht vom Lesen abhalten lassen.
Ich weiß nicht mehr, aus welchem der vielen Nachlässe in den letzten Jahren sie den Weg in meinen Haushalt fanden: die schlichten grauwollenen gerade mal einbißchenüberknöchelhohen Bettschuhe mit den perfekten Bettschuheigenschaften: beim Einschlafen lassen sie mich vergessen, dass ich bis gerade noch eiskalte Füße hatte, im Laufe der Nacht lösen sie sich selbständig von den nunmehr aus Eigenenergie warmen Füßen und müssen am Folgeabend für den nächsten Einsatz wieder im Bett zusammengesucht werden. Einer ist traditionell immer besser im Verstecken als der andere. Perfekte Bettschuhe halt.
Der Erblasserin sei nachträglich Dank ausgesprochen sowie der Wunsch mitgegeben, dass, falls sie doch noch wo ist und nicht einfach nur vernünftig zu Humus geworden, sie dort immer warme Füße haben möge.
“Da”, sagt der Kollege ganz entschieden, “da führt kein Weg dranvorum”.
Der uralte Manfred Zapatka (81) spielt Minetti († ) in einer Inszenierung vom uralten Claus Peymann (86) in einem Stück von Thomas Bernhard († ).
Zapatka macht das großartig, ein eineinhalbstündiger Kraftakt, in dem er vom großen raumgreifenden Mimen, der auf allen wichtigen Bühnen gespielt hat, zum alten verarmten grauen Mann schrumpft, der sein kläglich-kärgliches Dasein in einer Dachkammer im schwesterlichen Eigenheim in Dinkelsbühl (was für ein herrliches Schimpfwort! Mit welchem Ekel er das spricht. Hach!) fristet. Das letzte Bild, in dem er in einer Ensor-Maske als Lear im Schneegestöber auf einem Schrankkoffer kauert, ist herzzereißend.

Trotzdem ist das Stück fad und irgendwann hat man dann auch genug von der Unbedingtheit des Kunstanspruchs. Was wohlgemerkt das Spiel und die Leistung Zapatkas kein Stück schmälert.
Wer “Warten auf Godot” mag, wird den “Minetti” lieben.