Das ist die Zeit, in der, bevor die Mülltonnen wieder mit Geschenkverpackungen vollgestopft werden, nichts voller ist als der Spamfolder.
Gestern Abend in der Unterfahrt: Rabih Abou Khalil
Hach! Ach was: Hach hoch x. Wobei x eine sehr sehr hohe Zahl sein soll!
Was für wunderschöne Musik, was für ein toller Abend! Die Band um den Oud*-Virtuousen und manchmal eigenartig humorbegabten Alleinunterhalter** Rabih Abou Khalil, namentlich sein Schlagzeuger Jarrod Cagwin (Sextupel-Hach!!), der Geiger Mateusz Smoczynski und der Cellist Krzystof Lenczowski ist ihm auf diesem hohen Niveau mehr als ebenbürtig und es ist eine sehr große Freude, ihnen beim Spielen zuzusehen und bei den Klängen mitzugrooven. Die Unterfahrt war mal wieder bis zum letzten Platz ausverkauft und wir durften gemeinsam ein Konzert in Lebensmittelmusik erleben. (Ich glaube, jede zweite Komposition hatte irgendwie mit Essen zu tun. Wenn’s langt.) Man hat nicht gelebt, wenn man nicht die Ode ans finnische Fischstäbchen kennt.
So schee wars. Wenn der wiederkommt, gemma wieder hin. Wer will, darf mit.
* Wie ich jüngst gelernt habe, übersetzt man den Namen des Instruments mit “Knickhalslaute”. Hmmm.
** Ich war manchmal versucht, den inzwischen berühmt-berüchtigten Zwischenruf eines Redneck-Zuschauers bei einem Konzert der damals noch “Dixie” Chicks zu wiederholen: “Shut up and sing!”
Also, wenn ich die Wahl hätte…
… zwischen Rutschpartien im spiegelglatten Winterwunderland und dem Umkurven schmutzgrauer Haufen unter Rollsplitpanade, dann…
… dann würde ich immer nehmen: 30° und Sonnenschein sowie ein Meer in Spuckweite.
Gestern Abend im Metropoltheater: “Das Achte Leben (Für Brilka)”
Vorrede 1: Meine langjährige Freundin hatte das knapp 1300-Seiten-Buch in den Ferien gelesen und mir schon 2019 ans Herz gelegt. Es liegt, wie viele dieser Ziegelbücher, auf dem Wenn-ich-bald-in-Rente-bin-Stapel und wird sicher gelesen werden.
Vorrede 2: Ich hatte jüngst so eine große Freude an meinem “Blind”-Geschenk (“Sei dannunddann daundda und lass dich überraschen”), s. https://flockblog.de/?p=48802, dass ich die Idee gleich selbst verschenkt und einer anderen Freundin aufgegeben hatte, sich den Nachmittag des 10. Dezember freizuhalten und dannunddann daundda zu sein und sich überraschen zu lassen.
Nun also geht es los. Mit einer Fahrt in der U6 nach Freimann, durch die eklige Unterführung zum Metropoltheater. Dass es funktionieren kann, einen Jahrhundertfamilienroman für die Bühne zu adaptieren hatten wir in den Kammerspielen mit den “Effingers” gesehen (https://flockblog.de/?p=45699). Was die Metropolmannschaft aus ihrer Vorlage gezaubert hat, ist um Klassen besser.
In der Pause wissen wir nicht, was mehr berührt ist. Hirn? Herz? Bauch? Jede Beschreibung der Eindrücke aus der ersten Stückhälfte mündet darin, dass wir irgendwann die Hand unbestimmt zum eigenen Oberkörper führen, weil Worte fehlen. Was für ein Geschenk! Wie überaus großartig, welches Universum dieses Ensemble, bestehend aus sechs Frauen, zwei Männern und einem eigenartig androgynen Gerd Lohmeyer, der die Matriarchin Stasia spielt, in 22 verschiedenen Rollen auf der eher kargen Bühne erschafft. Mit welcher Kraft, welchem Sog sie das Publikum in den Anfang des zurückliegenden Jahrhunderts zum Kaukasus ziehen, ins kleine Georgien und zum erwachenden großen sozialistischen Bruder, der Sowjetunion. Alles, was auf der weltpolitischen Bühne geschieht, hat in diesem ersten Teil immer einen direkten Effekt auf ein Individuum und damit auf dessen Umfeld und es bleibt einem zuschauend nichts, als mitzuleiden. Immer mehr mit den Frauen als mit den Männern, die, egal ob Schläger, Soldat oder Politkommissar, seltsam konturlos bleiben.
Es gibt Momente, die brennen sich ein. Ich werde noch eine lange Zeit brauchen, bis mir vor roter Strickwolle und dicken Holznadeln nicht mehr graut. Nichts, gar nichts, ist frei von Gewalt. Die Beziehungen der Erwachsenen nicht, die der Kinder auch nicht. Der Umgang der Obrigkeit mit der Untrigkeit nicht, wie es zwischen den Geschlechtern aussieht, kann man sich in diesem Kontext denken. Doch jede Gewalt, ob jemand zu Klump geschlagen oder vergewaltigt wird, unter Schmerzen gebiert oder die Frucht gegen den Willen der Mutter abgetrieben oder jemand von einem Erschießungskommando niedergeballert wird, zeigt diese Inszenierung mit allen (beeindruckenden) Mitteln der Verfremdung. Der Herr B. aus Augsburg wäre stolz gewesen auf seine Adlaten.
Nach der Pause ist der auch der 2. Weltkrieg zu Ende, der Eiserne Vorhang ist fest geschlossen, gleichwohl bricht im Osten wie im Westen die Jugend auf, diese Welt zu ändern. Doch je länger die Weltgeschichte dauert, desto kaputter werden die Mitglieder dieser Familie. Jeder trägt am schweren Ballast der Vergangenheit und an seinen Toten. Obwohl die Bilder und das Schauspiel für sich sprechen könnten, werden die Dialoge länger, erklärender. Hier zerfasert die Inszenierung ein wenig, da wäre eine halbe Stunde weniger mehr gewesen.
Trotzdem. Die Ausstattung hat sich, wie so oft im Metropol, wieder selbst übertroffen. Einfach, minimalistisch, auf den Punkt. Die Mitglieder des Schauspielensembles sind einander wohltuend ebenbürtig, und wenn ich einen hervorheben darf, dann Patrick Nellessen, dessen eher bullige Physiognomie ihn auf einen Rollentyp festzulegen scheint, den er aber permanent (in insgesamt sieben Rollen) aufbricht. Und die Musik wieder. So unauffällig und leicht hineingewoben, dass mir oft erst hinterher auffiel, was ich da gehört hatte.
Keine leichte Kost und ohne Selberdenken geht es nicht. Das war eine Vorstellung, die mir ständig wieder ins Gedächtnis gerufen hat, dass während der Pandemie Fußball okay und Kirchen offen waren, aber Theater nicht. Dabei brauchen Menschen das. Ja. Das. Das Theater als moralische Anstalt. Ich bin froh und dankbar, diese Inszenierung erlebt haben zu dürfen.
So. Un-be-dingt anschauen! Anschauen! Anschauen!
Hier gibt es Karten: https://www.metropoltheater.com/aktuell.html
Wort des Jahres
Aus der Auswahl wäre es mir aber auch schwergefallen, Mann, ey.
- Krisenmodus
- Antisemitismus
- leseunfähig
- KI-Boom
- Ampelzoff
- hybride Kriegsführung
- Migrationsbremse
- Milliardenloch
- Teilzeitgesellschaft
- Kussskandal
Drüben bei den Nachbarn, konnte man unter https://oewort.at/wort-des-jahres/2023/ aus der unten folgenden Auswahl abstimmen.

Das ganze Leben ist ein Quiz
Mir ist gerade danach, mich an den Nachgeborenen mit popkulturellen Referenzen zu rächen. Ja, ich weiß, keine großen Erfolgsaussichten, weil sie’s gar nicht merken, diese Ignoranten, aber man lasse doch einer alten Dame ihre kleinen Triumphe.
Soweit zur Vorrede, nun aber zum Thema: Die Süddeutsche Zeitung. Die SZ veröffentlicht jedes Jahr ihr großes Adventsquiz (https://adventskalender.sueddeutsche.de/) und ich rate jedes Jahr sehr gerne mit, weil immer ganz tolle Preise ausgelobt werden und ich bin jung genug, zu hoffen, dass ich irgendwann einen abkriege.
Alle Jahre wieder stelle ich auch fest, dass ich eine totale Nischenbegabung bin. Viele Nischen, mind you, durch die Politik- (innen wie außen), Kultur-, Klima-, Allgemeinwissenfragen rausche ich nur so durch, bei Klatsch und Tratsch bin ich so mittel (woher soll ich wissen, ob Ex-Prinz Charles zu seiner Krönung in einer beheizbaren Kutsche gefahren ist und warum soll’s mich scheren?), aber heute war Sport-, spezifisch Fußballnationalmannschaftswissen gefragt und ich hatte so dermaßen keine Ahnung. Aber so dermaßen nicht.
Der Tagespreis wäre eine Mitgliedschaft in einem Sportclub gewesen. Ich bin dessen nicht würdig und erkläre hiermit mit ganz großer Geste meinen Verzicht.
Doch, echt.
Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis*
Ich glaube, ich bin noch nie so alt geworden wie jetzt an meinem letzten Geburtstag. Und bevor mir einer mit Logik kommt und mir erzählt, dass das immer so ist und gar nicht anders sein kann, es denn, es wäre ein Doktor** involviert, lasse man mich doch erst einmal erklären, zefix!
Also uffbasse: Erst fällt der Satz mit dem “straff auf die 70 zugehen”. Das hatte ich bis dato in seiner ganzen Konsequenz noch gar nicht erfasst und bin, ganz offen gesagt, immer noch dabei. Siebzig Jahr, Silberhaar, düdelüdeldi… Weiah! Es ist ein Ding, vollkommen cool angesichts einer zukünftig nicht auszuschließenden Katastrophe zu sagen, “macht nur, da bin ich eh tot”. Das andere ist, zu begreifen, dass man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wirklich kalt und tot und vor allem nicht mehr dabeisein wird. Oh Mann!
Dann treffe ich vorhin auf dem Weg zum Briefkasten im Aufzug eine Nachbarin und wir plaudern über dies und das, die Vorweihnachtszeit (wie jedes Jahr vollkommen überraschend und viel zu kurz), das Wetter (nicht doch) und die Rente. Sag ich, dass ich noch ein (1) Jahr Erwerbstätigkeit plane, sagt sie, dass ich mir das gut überlegen soll, weil sie seit dem Eintritt in den Ruhestand ständig die Erfahrung mache, dass “die Leute einen behandeln, als wäre man alt”.
Wir erinnern uns, ich war auf dem Weg zum Briefkasten. Ui, ein Geschenk. Eine Brosche. Diese.

Ja genau. Das ist es. In meinem Geburtsjahr sind alte Leute geboren, die, die sich nach dem Soweitrunterscrollen erst mal ausruhen müssen. Godverdomme! Wann ist denn das passiert?
Und deswegen, Dahmunherrnliebekinder, fühle ich mich, als sei ich noch nie so alt geworden wie jetzt an meinem letzten Geburtstag. Und recht habe ich! Zefix!
* Immerhin kann ich klassische Zitate aus dem Ärmel schütteln… Macht das nach, Jungvolk. Hah!
** Wer? Der. Genau.



