Das Föjetong ist sich einig: die Kammerspiele trauen sich was, holla! Die Geschichte des inzwischen in Vergessenheit geratenen Philipp Auerbach in Form einer Revue auf die Bühne zu bringen. Jenes Philipp Auerbach, der fünf Konzentrationslager überlebte, nach dem Krieg von der amerikanischen Militärverwaltung als “Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte” eingesetzt und schließlich von einem bayerischen Gericht, besetzt mit ehemaligen NS-Richtern, in einem grandiosen Schauprozess mit über hundertseitiger Anklageschrift vorgeführt und wegen einiger weniger verbleibender Lappalien (unter anderem wegen des unberechtigten Führens eines akademischen Titels) verurteilt wurde und anschließend Selbstmord beging.
Schon das wäre ein sehr dickes Brett zu bohren, allein, Autor Avishai Milstein und Regisseurin Sandra Strunz packen immer noch mehr drauf. Als da wäre die Geschichte des eigenen Hauses: wie war das gleich mit dem Gründervater Otto Falckenberg im Nationalsozialismus und welche Schauspielerinnen und Schauspieler waren nicht ausreichend arisch, um auf einer deutschen Bühne zu spielen? Deren Namen werden verlesen. Das ist ehrenwert, bremst aber den Spielfluß. Entweder Revue oder Lehrstück, eine Kombination aus beidem ist nicht Fisch, nicht Fleisch.
Das zeigt sich schon am Anfang, der sich arg zieht, bis erst einmal erklärt ist, dass die spannenlange Dame vor uns (Wiebke Puls; ich mußte, speziell wenn sie wieder Glitzerfummel trug, immer an Taylor Swift denken. Tut mir leid.) von Beruf die Antisemitismusbeauftragte Beate ist und in ihrer Freizeit ehrenamtlich hier auf dieser Bühne, auf der seit 100 Jahren kein Theater mehr gespielt wurde (haha), weil wir uns jetzt nämlich im Jahr 2045 befinden und sie also hier auf der Bühne mit einer Laiengruppe anläßlich des 100. Jahrestages des Kriegsendes eine Revue zum Thema Auerbach sowie jüdisches Leben in Deutschland und warum gibt es hier eigentlich so wenige Juden, wollen die nicht bei uns leben? inszeniert. Und jetzt ist Probe.
Langatmig, oder? Sag ich doch. Aber sie hat einen “Regiehut”, der ihr Autorität verleihen soll und ich habe selten so über ein Kostümdetail gelacht. Pluspunkt.
München? Nachkriegskammerspiele? Dann darf die heilige Therese Giehse (sehr großartig: Annika Neugart) nicht fehlen. Und wo die Therese ist, sind die Pfeffermühlen-Geschwister Klaus und Erika Mann nicht fern, was die Inszenierung geschickt nutzt, um die Live-Musiker Rainer Süßmilch und Philipp Haagen zu integrieren.
Sollte reichen? Tut es aber nicht. Die Inszenierung will mehr: Wie steht es eigentlich um das Verhältnis von Deutschen zu Juden und warum ist das eigentlich immer (noch oder wieder) so ambivalent? Hmmm? Zur Beantwortung dieser Frage treten auf: neben dem Nazi-und-immer-noch-bayerischen Justizminister Josef Müller, bekannt als „Ochsensepp“ (Johanna Eiworth, mit dem bösartigsten Zeitlupenschuhplattlerjodler der Theatergeschichte) sind dies Frau Emmy Göring (Martin Weigel in einer schlimm-vogelscheuchigen Travestienummer), die ihre Tochter Edda wiegend (beeindruckendes und sehr versatiles Bühnenbild: Annette Kurz) beklagt, dass sie drei Mal zum Opfer (!) geworden sei: einmal der “blöden Nazis”, dann der “Drecksalliierten” und nun der “gierigen Juden”, die arisiertes Gut zurückfordern. Außerdem, drunter geht es nicht, die genau dieses jüdische Vermögen einfordernde ohne jede Zigarette kettenrauchende Ikone Hannah Arendt (nochmal, sehr herrlich: Wiebke Puls), Moses, ja, der aus der Bibel und Theodor Herzl, ja, der mit der Zionistenbibel, Nathan der Weise sowie jedes Stürmer-Juden-Klischee, das einem einfallen kann: der Weltfinanzjudentumkrake, Jesus und der Orthodoxe mit den Schläfenlocken, die allerdings hier aus Lametta sind. Was “Erinnerungskultur ist meine Mission”-Beate sehr entrüstet ablehnt: “Ein Klimbim des Antisemitismus”.
Ach ja, und dann noch das eigentliche Thema. Der Auerbach. Mann.
In den Tanz des Trümmerfrauenballetts – he, irgendwie muss man das Kriegsende markieren und nichts besser als Ramadama in München – platzt Rafael Kuhn (überragend: Samuel Finzi), TV-Darsteller, bekannt aus Serien wie “Mein Nachbar, der Rothschild” (haha), ein zartgliedriger feiner Herr im Dreiteiler mit Melone, ein bißchen wie Pan Tau (fragt Oma) und reklamiert die Rolle des Auerbach für sich. Finzi zeigt einen glühenden Idealisten, der von Anfang an auf verlorenem Posten kämpft. Er soll eine Einmannrettungsorganisation sein für alle Displaced Persons in München, alle ihre Nöte stillen, ob es sich um eine warme Mahlzeit, ein Paar Schuhe oder ein Visum handelt. In einer Zeit, in der es keine Rückkehr mehr in alte Existenzen und Heimaten gibt und Länder ihre Grenzen verrammeln, die Amerikaner abziehen und die deutschen Behördenmühlen im Gletschertempo über das ungeliebte Thema Wiedergutmachung befinden (oder, wie ein Schmähterminus aus diesen Tagen lautet “Wiederjudmachung”). Jeder seiner pragmatischen Vorschläge läuft ins Leere und den DP die Zeit davon.
Finzi brennt. Sein Auerbach tanzt Tango mit Therese, trägt eine tragikkomische Oy-Oy-Oy-Hymne genauso ernst- und glaubhaft vor wie ein hebräisches Totengebet und als er schließlich vor Gericht steht und das ungerechte Urteil fällt, seine Resignation. “Die Wahrheit ist tot und die ruchbaren Täter am Leben.” Dann trennt sich der Schauspieler Kuhn von der Rolle des Auerbach mit den Worten: “Einen Juden zu spielen ist Lust. Ein Jude zu sein ist Provokation. Spielt weiter.” und geht ab. Mit dem haben sich die Kammerspiele einen großartigen Kollegen ans Haus geholt.
Überhaupt das Gericht. Als wäre Kostümbildnerin Sabine Kohlstedt nicht schon von einem Höhepunkt zum anderen geeilt: mit diesen schwarzen Kabuki-Fächerroben hat sie sich selbst übertroffen. Hut ab. Kann mir aber bitte trotzdem jemand erklären, warum es dazu schneit? Oder sollten das Aschefetzen sein? Dann will ich nichts gesagt haben.
Das alles und noch mehr will diese Inszenierung zeigen. Belehren ohne den Zeigefinger zu heben, unterhalten, aber das Lachen soll auch immer mal im Halse stecken bleiben. Das gelingt auch, besonders beim Bühnenbild, wo auf der Rückwand aus einem diffusen Feld von Totenköpfen nach und nach ein ascheblaugraues Häusermeer emporwächst. Erschreckend. Berührend. Oder wenn sich die im Lande gebliebenen an denen abarbeiten, die im Exil waren: “Während hier die Bomben fielen, hast du deinen Lohn in Schweizer Franken bekommen.” und mündet in plakativ-provokanten Sentenzen wie: “Wir habens hier nicht so mit der Kollektivschuld.” Und ganz besonders bei den Gesang- und Tanznummern, ob Soli oder im Ensemble, brillieren sie. Trotzdem scheint manches unfertig.
Vielleicht doch ein wenig überhoben.
Die Idee ist neu und mutig und deswegen ist trotz der einen oder anderen Unzulänglichkeit, ein Besuch sehr zu empfehlen. Vorplanen. Die Vorstellung war ausverkauft.
Danke sehr viele Male an Frau R. aus M., die mir mit diesem Geburtstagsgeschenk für den ersten Theaterbesuch im Jahr 2026 und ihrer Begleitung eine Riesenfreude gemacht hat. So möge es weitergehen!