Herbstreise 2025

Ich bin spät dran. Sowohl, was das Jahr an sich als auch, was die Tageszeit angeht und fahre unter einem grauen Waschküchenhimmel an einem Freitagnachmittag weg aus München. Das heißt, erst mal stehe ich auf dem Mittleren Ring gen Osten. Im Rückspiegel klebt die sinkende Sonne wie geronnenes Eigelb im haferbreifarbenem Himmel. Nicht meine Farben. Nicht meine Jahreszeit. Ich bin froh, als die Fahrt vorbei ist.

Auf dem Rückweg am Samstag sehe ich endlich über den Straßenrand hinaus. Fast nur mehr kahle Bäume, ein paar wenige mit laschen Blattimitaten in Unfarben – nix mehr rotfarbenglühender Indianischer Sommer, das ist lang durch. Alles ist matt. Außer den gelb leuchtenden Feldern, ich kann aber in Ermangelung eines Beifahrers nicht diskutieren oder gar während der Fahrt recherchieren, ob es sich um Raps oder Senf handelt und erinnere mich nur noch dunkel an die Bestimmung durch meinen Vater, den Gärtner, wonach eins von beiden noch giftiger gelb sei als das andere. Hmmm. Hab’s inzwischen nachgeschlagen, es handelt sich um gelb blühenden Weißen Senf. So, nun wissen wir das auch. Macht mich aber auch nicht wirklich zufrieden.

Vor mir aus wäre jetzt genug Winter gewesen. Und Wetteraussichten, in denen Schnee verheißen wird, stimmen mich auch nicht glücklich. Sommer, anyone?

Gelesen: Joseph Kanon – “The Good German”

Ich hatte noch nie von Herrn Kanon gehört, das Buch ist mir in einem Bücherschrank zugelaufen, ich hab’s auch nur mitgenommen, weil der Klappentext so interessant klang. Es geht um Berlin im Juli 1945, Truman, Churchill und Stalin treffen sich, um in Potsdam die neue Weltordnung zu diskutieren, wobei, wir erinnern uns ja alle, Churchill mittendrin abberufen wird, weil er daheim die Wahl verliert.

Hauptprotagonist dieses Werks ist der amerikanische Journalist Jake Geismar, der bis Mitte der Dreißiger in Berlin gelebt und gearbeitet hat, dann wg. zu kritisch des Landes verwiesen wurde und jetzt mit der US-Army in Uniform als Mitglied des Pressekorps zurückkehrt, nachdem er unter anderem bei der Befreiung des Lagers Mittelbau Dora dabei war.

Dann geht es auf insgesamt 650 eng beschriebenen Seiten um, hmmm, ja was? Um Schuld. Um Sühne. Um Über- und Weiterleben. Um Reparationen. Um die Stimmung in Amerika, zwischen Morgenthau- und Marshallplan. Unglaublich spannend. Sehr gut und tief recherchiert.

Ich würde das Buch einem und einer jeden uneingeschränkt ans Herz legen, gäbe es nicht zwischendrin ein paar Seiten, über die ich mich maßlos aufregen mußte. Die gehen so: der Held findet endlich seine Geliebte aus den glücklichen Berliner Tagen wieder. Halb verhungert, hohes Fieber, nach einer unsachgemäßen Abtreibung schwer krank. Die sie hatte vornehmen lassen, weil sie von einem Russen vergewaltigt worden war (den sie nach getaner Tat gleich mit seiner Dienstwaffe erschossen hatte, soviel Selbstjustiz muss sein). Jetzt Trauma, physisch und psychisch. Nachdem Penicillin und Lebensmittel aus dem PX ihre Wirkung getan haben und die Frau soweit genesen, will sie aber immer noch nicht so recht. Da beschläft sie unser guter amerikanischer Held einmal sehr sehr einfühlsam, mit viel Vorspiel, und wupps ist sie geheilt.

Davon abgesehen ist The Good German sein sehr gutes Buch und sollte gelesen werden!

Gestern Abend im Bürgerhaus Simbach/Inn, Bauhoftheater: “8 Frauen”

Ich beginne, und das völlig zu recht, mit großem Dank und einem tiefempfundenen Hach! für das ganze Team am Bauhoftheater. Für den Bühnenbau, die Kostüme und überhaupt die Ausstattung, für alles, was im Hintergrund geschieht, Dank den Schauspielerinnen, der Regie – was habe ich euch alle diesen Sommer vermißt! Es ist ja kein Sommer ohne einen Theaterabend in Braunau. Wobei, dieses neue Domizil, das Simbacher Bürgerhaus auf der anderen Seite des Inn: Hut ab, wenn die Außenanlagen erst fertig sind, wird das eine super versatile Spielstätte.

Soweit zur Vorrede, jetzt zum Stück. Dem einen oder der anderen mag der Titel bekannt vorkommen. “8 Frauen”, gabs da nicht mal einen Film? Ja, gab es. Mit den besten Schauspielerinnen und größten Diven, die Frankreich Anfang der Nuller Jahre zu bieten hatte. Sich an denen messen? Huiuiui. Regisseur Robert Ortner stellt seine Truppe nicht gerade vor eine kleine Herausforderung. Spoiler Alert: die Simbacher Damen machen das mit links…

Man lasse mich erzählen: Suzanne (Jennifer Kastinger, das Gretchen aus der letzten Inszenierung), älteste Tochter des guten Hauses, kommt zur Musik von “La Mer” (merken, das wird wichtig) für die Winterferien nach Hause und…

Nein, jetzt muss ich für einen kurzen Exkurs zum Bühnenbild unterbrechen: ein gutbürgerliches, ach was, ein extrem bourgoises Wohnzimmer, ach was, ein Salon (französisch ausgesprochen) mit gestreiften Tapeten, dicken Teppichen, fetten Sitzmöbeln und jeder Menge o-beinigen Herumstehkleinmöbeln, wenn ich etwas davon verstünde, würde ich jetzt von Louis cinque, seize oder vergoldetem trump fabulieren – einfach herrlitsch! Exkurs Ende.

Suzanne kommt also heim und trifft auf ihre Familie. Der Teil ist Exposition und zieht sich ein bißchen, ich habe aber auch keinen Vorschlag, ob und wie sich das hätte kürzen lassen. Als da wären: Mama Gaby (Elke Kaiser), das personifizierte Klassenbewußtsein im Raubkatzenmantel, am besten beschrieben mit ihrem Zitat: “Ich bin schön und reich und sie ist hässlich und arm.” Sie wird halt bloß auch älter, und das verzeiht sie dem Universum nicht. Elke Kaiser kann Madame Deneuve in dieser Rolle in jeder Hinsicht das Wasser reichen, wenn nicht gar den Wein. Dann wäre da die Omma, Verzeihung “Mamy”, von Bernadette Prähofer ganz entzückend hinterfotzig angelegt (im Film: Danielle Darrieux). Und Tante Augustine (Gabriele Pointner), eine alte Jungfer und die arme Schwester der Hausherrin Gaby, wie Mamy aus Mitleid ins Haus aufgenommen und ein ganz und gar hysterisch-wundervolles Geschöpf (im Film: Isabelle Huppert). Valerie Zach spielt als kleine Schwester Catherine die jugendliche Naive aus dem Bilderbuch, aber nachdem hier alles einen doppelten Boden hat, sollte man seinen Augen vielleicht besser nicht trauen? Oder doch? Und die ist halt einfach nur süß und schnuckelig? Soweit die Familie.

Ein Haushalt wie dieser hat natürlich auch Personal. Zum einen die junge Louise, gerade mal ein halbes Jahr im Dienst, die Julia Empl mit viel Spaß und vollem Körpereinsatz als denunziatorisches kleines Miststück spielt und dann noch Madame Chanel (Halimah Riemer), Haushälterin und gute Seele des Hauses. Oder? (Im Film wird sie von der schwarzen Schauspielerin Firmine Richard gegeben. Noch mehr Skandalpotential.) Die Damen umschleichen sich, sind sehr falsch sehr freundlich zueinander, draußen fällt der Schnee und fällt, drinnen nimmt man Kaffee, ißt Häppchen, macht Konversation, alles très comme il faut.

Den Hausherrn Marcel bekommt das Publikum nie zu sehen, er hält sich zurückgezogen in seinem Zimmer auf – bis er ebendort von der kleinen Catherine mit einem Messer in der Brust und sehr tot entdeckt wird. Das Telefon ist tot, das Auto springt nicht an, die Polizei wird also erst mal nicht kommen. Das macht aber nichts, weil die Damen sich sofort gegenseitig ins Kreuzverhör nehmen, dass das Gift von der Bühne nur so spritzt. Ich unterstelle mal, dass die beim Spielen genauso viel Freude haben, wie das Publikum beim Zuschauen.

Irgendwas fehlt aber noch… Richtig. Pierette (Angela Kreil), die aus der Gnade und nicht nur das gefallene Schwester des Hausherrn (im Film: Fanny Ardant). Die totale femme fatale, eine Frau ohne Tabus. Mit roten (!) Nähten an den Strümpfen, einem waffenscheinpflichtigen Dekolleté im roten Knappkleid und langen schwarzen Handschuhen – ein rechtes Biest, das da aus dem Schnee ins Haus schneit (höhö). Man mag sie nicht. Schon aus Prinzip! Keine läßt an keiner mehr ein gutes Haar, die Damen zerfleischen sich aufs allerschönste. Auch Pierette trägt ein Chanson vor (wie schon andere vor ihr), ich erwähne das deswegen gesondert, weil im Hintergrund Madame Chanel dazu eine intensive Liebesszene mit einer Sessellehne hat – eines der vielen schönen Details, an denen diese Inszenierung sehr reich ist.

Wie? Schon Pause?

Im zweiten Teil zieht das Tempo an. Die zur Schande der Familie unehelich schwangere Suzanne besingt sehr anrührend ihren Liebsten, ihren Freund. (Der im übrigen Marcel, der Hausherr ist. Der ist aber nicht ihr Vater – Inzest wäre wohl selbst in einer makabren Komödie vielleicht doch ein Ticken zu viel. Mama war vielmehr seinerzeit auch schon von einem anderen Mann schwanger. Es ist kompliziert.) Kleinschwesterchen, eine Mimi, die nie ohne Krimi ins Bett geht, hat inzwischen die Ermittlungen übernommen, wedelt mit ihre roten rororo-Taschenbuchkrimis und durchbricht mit einem Fingerschnippen, das die Handlung auf der Bühne einfriert, mehrmals die vierte Wand in dem Escape-Room-ähnlichen Setting da vorne – Valerie Zachs Figur gewinnt in dieser zweiten Hälfte zunehmend an Profil.

In all dem Gewirre und Drama erleidet Gabriele Pointners überragende Augustine eine opernwürdige Herzattacke, bei der alle anderen, wäre es Oper, mindestens einmal die Gelegenheit nutzen würden, ein “sie stirbt, sie stirbt” zu schmettern. Hier tun sie’s auch, wenn auch nur gerufen und gesprochen und es wäre einem recht, wenn Augustine nun aber endlich wirklich draufginge, sie geht aber nur ab. Diese Mein Herz, mein Herz-Show ist aber noch gar nichts gegen ihre Verwandlung in einen superschönen Schwan in hochgeschlitztem engem schwarzem Samt mit Zebrastola und dramatisch gelöstem Haar. Es muss einen Höllenspaß gemacht haben, diese Figur zu spielen.* Zwischenzeitlich besingen Madame Chanel, die sich als Geliebte Pierettes geoutet hat (siehe oben, die Sache mit der Sessellehne), ihre gar schreckliche Einsamkeit und das Dienstmädchen Louise, ihrerseits die Geliebte des Hausherrn Marcel, will in einer Choreographie, die sich mir nicht ganz erschließt, singend wissen “who’s your Daddy?”

Mama Gaby trägt zur Melodie von “La vie en rose” in herrlich gebrochener Whisky-Stimme ihre Erkennntnis “Du bist nur ein Mann” vor, und weil sie alle, alle Dreck am Stecken haben, entdecken die Damen, dass sie eigentlich total tolerant sind und vertragen sich so nach und nach wieder. Dazu hat Bernadette Prähofer ihren letzten großen Auftritt. Sie kommt von hinten, quer durch den Zuschauerraum, singt dazu “La Mer” (ein Rahmen, wir erinnern uns) und verteilt im Publikum Rosen. Ende. Tosender Beifall. Stehende Ovationen.

Wie ich nachgelesen habe, hat auch im Film jede Protagonistin “ihr” Lied. In Simbach sind das, je nach Stimmumfang, auch schon mal Sprechgesänge, die aber interessanterweise große Wirkung erzeugen. Gut gemacht.

Außerdem: Die großen moralischen Aufreger von damals sind heutzutage erfreulicherweise größtenteils keine mehr, das Stück kann also nicht nur vordergründig unterhalten, sondern auch die alten Zeiten belächeln lassen – sehr gelungen. Dankeschön.

So, meine Herr- und Frauschaften. Das sind jetzt über 1.200 Wörter – ich hoffe, ihr seid zufrieden und die Freikarte war gut investiert? Bis nächstes Jahr!

Ooops, beinahe vergessen: danke wie immer meinen Gastgebern und dem angeschlossenen Frühstücksprogramm!

* Das ist der Moment, an dem ich anfange, nachzudenken. Die Damen hier sind ja alle “nur” Nebenerwerbsschauspielerinnen und haben noch ein echtes Leben zu führen. Mit Beruf und Familie und allem anderen. Dies vorausgesetzt, wäre ich neugierig herauszufinden, was sie daraus in ihre Rollen hier mit einbringen. Hmmm.

“Ain’t over til it’s over”

Gestern habe ich nach genußvoller Lektüre in der prallen Sonne, Spaghettihemdchen, Strohhut und alles, die Sitzmöbel zwengs Regenschutz unter das Vordach geschoben, wie immer, und bin dann meinen Resttagestätigkeiten nachgegangen.

Heute früh weckt mich der erste Drecks-Guruh-Guruh-Scout mit der Meldung, dass ich dabei vergessen habe, die Beseninstallation auch wieder vollständig aufzubauen und deswegen nun der Wiederbesiedlung meines Balkons mit gleichgesinnten Schlackern nichts mehr im Wege steht (Schlacken = schlafen + kacken – ich bin sicher, dass das Schließen der Augen bei Tauben den Schließmuskel löst).

Denkste, Freundchen. Noch im Nachthemd (geht ja bei dem Wetter) alles wieder an seinen Platz gerammt und vorsorglich mit dem Scheuchhandtuch gewedelt. Bleibt weg!

Verhörte Intelligenz

Es gab in den späten dreißiger Jahren einen jüdischen Witz und der ging so:

Cohen hat es geschafft, Deutschland zu verlassen und ist in New York gelandet. Er geht Lebensmittel einkaufen, dies und das und ein Pfund Orangen. Der Obsthändler fragt: “For juice?” Cohen kann es nicht fassen: “Was, hier auch?”

Die VI ist noch jung und kennt den Witz nicht und weil sie auch nichts von Kontext versteht, verwechselt sie bis heute “juice” (Saft) und “jews” (Juden).

Verhörte Intelligenz

Ein Herr im feinen Tuch wedelt Kühe fort (kenn ich, ich hatte das auch mal, mit Tauben), eine sehr geschminkte Dame fächert und klappert und stampft in ihrem schönen Kleidchen und über allem liegt die guturale Stimme eines Spanisch sprechenden Herrn, und weil die VI nicht weiß, dass ich das auch ohne sie verstehe, übersetzt sie, dass das schöne Spanien nicht nur das Land sei, in dem es Stierkampf und Flamingo gibt, sondern so viel mehr.

Wie sagt der Römer in solchen Fällen? Si tacuisses.

Gestern Abend in der Unterfahrt: “Wolfgang Schmid & The 77 Birthday Band”

Herr Schmid, seines Zeichen Bassist, feiert Geburtstag und, wie Hausherr Stückl bei der Einführung erzählt, ist mitverantwortlich für dessen Karriere als Konzertveranstalter, weil er schon seinerzeit als ganz Junger im Hochzeitssaal der väterlichen Wirtschaft in Oberammergau und im Pfarrsaal dortselbst Musikveranstaltungen organisiert… wo war ich?

Ach ja, Herr Schmid hat sich zu seinem Geburtstag junge Musiker eingeladen, um mit denen, wie es mein Begleiter so treffend nennt, ein “Spaßkonzert” zu spielen. Das ist es auch geworden. In der schon wieder voller als vollen Unterfahrt – ich bin sicher, wer sich dort als Bedienung bewirbt, muß ein Diplom in fortgeschrittener Anorexie nachweisen und wer von denen auf die Idee gekommen ist, zwischen den gut besetzten Hockern an der Bar noch Stehplätze zu reservieren, kriegt irgendwann Ärger mit dem Brandschutz, nein, es ist nicht mehr schön. Wenn die Zuschauer schon so dermaßen in die Bühne hineinsitzen, dass die Dame neben dem Keyboarder aussieht, als wolle sie in der nächsten Minute vierhändig mit ihm spielen, dann… schon wieder abgelenkt. Zefix.

Also gespielt haben sie alles, was die nun schon sehr lange Karriere des Jubilars hergibt, alle zusammen, Jakob Manz am Sax, Hannes Stollsteimer an Keyboard und Piano, Christoph Neuhaus, Gitarre und Daniel Mudrack am Schlagzeug oder, auf Wunsch des Herr Schmid, auch mal Solo oder im Duo. Sehr schön, mein Favorit war, was ich den “Paul-Simon-Moment” nennen möchte, mit dem Titel “Soweto”… – aber der Keller war einfach zu voll. Gesehen habe ich hauptsächlich Säule, und meine Beine sind heute noch verbogen und steif.

So wie ich das hinter meinem Sichtschutz gehört habe, ist Manz noch besser geworden und das war dann doch schön.

Verhörte Intelligenz

Auch wenn die VI das nicht so hört: es ist schon ein Unterschied zwischen einem Reiter (“rider”) und einem Schreiber (“writer”). Und wenn es nur das Pferd ist.