Imperial vs. Dezimal

Als wir das neue Büro einrichteten, kam es ständig zu aberwitzigen Dialogen wie “I think my desk is 3 quarters of an inch too low.” “Okay, I am glad to help. What is that in normal?” (1 Inch sind 2,54 cm.) Der meistbenutzte Gegenstand war mein Meterstab, der sowohl wirr wie dezimal kann. Amerikaner messen anders. 12 inches sind 1 foot, 36 feet sind 1 yard, 1760 yard sind 1 Meile. Es gibt feste (28,4 Gramm) und flüssige Unzen (29,6 Milliliter) und kleinere Einheiten werden in Tassen (ganze, halbe, drittel, viertel cups) und Löffeln (ganze, halbe, viertel Tee- bzw. Suppenlöffel) gemessen – zum Beispiel auch Blutproben. “Ich nehme Ihnen heute “three teaspoons” Blut ab.”

teaspoonDie FDA (“U.S. Food and Drug Administration”) segelt unter dem Motto “Protecting and Promoting Your Health” und macht gerade eine Kehrtwendung. Statt wie bisher die Inhaltsangaben auf Lebensmittelpackungen in Gramm anzugeben, wollen sie wieder zurück zu den Löffeln. Damit sich die armen Amerikaner nicht an einen weltweiten Standard gewöhnen müssen.

Aaaaarrrggggghhhhh!

Multi-Kulti

Unsere knapp 20 Mitarbeiter sind schon ein sehr bunter Haufen. Amerikaner, Australier, Chinesen, Inder, Barbadosaner, Deutsche, Spanier, Taiwanesen, Franzosen, Japaner, Italiener. Alte, Junge, Frauen, Männer, Dazwischen, Hetero, Schwul, Lesbisch, Bi, mit und ohne Kinder, allein- oder zu mehreren erziehend. Alle Größen, Farben, Gewichtsklassen. Fleischfresser, Vegetarier (Lacto, Octo, Teilzeit) und Veganer. Juden, Atheisten, Hindus, Heiden, Agnostiker, Moslems, Baptisten, Katholiken, Freikirchler und feiern Passover, Id (Fastenbrechen nach dem Ramadan), Diwali, Jom Kippur, Weihnachten, Ostern, Muharram, Mittherbst. Irgendwann zwischen November und Februar ist Neujahr.

Gestern gabs anläßlich des chinesischen Neujahrfestes hausgemachte Reisküchlein – willkommen im Jahr des Pferdes!

Jetzt geht’s lohos!

“Na? Was habt ihr am Wochenende vor? Superbowl, gell? Und sonst so?” erkundigt sich der Kollege, als Toni und ich das Büro verlassen. Während sich Toni als vollständiger Ignorant outet “Wie? Was? Superbowl?” trumpfe ich auf. “Jawoll! Denver Broncos gegen Seattle Seahawks, die Lumpen, die unsere San Francisco 49ers aus dem Wettkampf geschmissen haben. Und spielen tun sie im MetLife Stadium in New Jersey, draußen und im Schneesturm. Wenn das mal nicht noch einen tolleren Stromausfall gibt als letztes Jahr in New Orleans.”

Dabei konnte man das nahende Footballsuperduperriesengroßereignis beim Grocery Shopping diese Woche eigentlich kaum übersehen: Gleich am Eingang zwei Türme aus Dreipfundgläsern Mayonnaise, daneben riesige Schütten voller müllsackgroßer Chipstüten, alles geschmückt mit footballförmigen Ballons und rot-weiß-blauen Glitzergirlanden. In der Kühltheke quadratfußgroße (30×30-Zentimeter) Styroportabletts mit eingeschweißten Steakhaufen, Schweine- oder Rinderrippen von halbmeterlangen Strängen aufwärts, links ein Heinz-Ketchup-Turm, rechts einer mit einer Auswahl an Grillsaucen, alles in mindestens Literflaschen. Luftballons in Helmform, Girlanden, Bälle. Im Dairy Department Käseziegelsteine in allen Farben und interessanten bunten Maserungen, eingerahmt von großen Körben mit pfundundmehrschweren Crackerkartons. Ballballons, Helmballons, Girlanden, lock, stock and sinking barrel* eben. Und falls noch Platz im Einkaufswagen ist, warten an der Kasse im Quengelregal Doppelpacks mit PEZ-Bonbonspendern gekrönt von Vereinslogofootballs.

Leider bin ich gleich drangekommen und konnte kein Bild machen.

 

* “Lock, stock and sinking barrel” bedeutet mit “allem drum und dran” und setzt sich, wen wundert’s im Wilden Westen, aus den Bestandteilen einer Waffe zusammen. Lock, stock, and barrel is a figure of speech meaning ‘all’, ‘total’, ‘everything’. The effective portions of a gun are the lock (used to hold ready the sparking mechanism); the stock (the portion held), and the barrel (the aiming guide and conveyor for the explosive-driven ball). Collectively they are the weapon, therefore, everything.

Eins, zwei, drei, viele

Da schreibt mir heute einer, daß er mein Leben leichter und schöner machen kann, wenn ich bloß seinen Newsletter abonniere und seinen mit Geld nicht zu bezahlenden Lebenshilfetips folge. Ich brauche sowas nicht und daß er eine recht ausgewachsene Subscription-Fee haben will, fördert weder mein Vertrauen noch mein Verlangen. Dann versteigt er sich in der heutigen Tageslosung zu der Behauptung “SWAG* doesn’t have to be A FOUR LETTER WORD!”

Oh doch! Ich habe das nachgezählt. Vier Buchstaben. Selbst wenn man die 9 Scrabble-Punkte dazurechnet. Vier Buchstaben. That’s it. Mannomann! Nicht rechnen können, aber anderen Leuten guten Rat verkaufen wollen. Der hat bestimmt in der Berufsberatung nach “Irgendwas mit Marketing oder so” gefragt.

* Swag steht in der ursprünglichen Bedeutung für Diebesbeute oder Sore. Wenn wie hier die Abkürzung verwendet wird, ist SWAG “Stuff We All Get”, also irgendwelcher Umsonstkruscht. Spricht aber ein HipHopper von seinem “swag”, dann hält er sich für so saucool, daß “cool” alleine als Beschreibung nicht mehr langt.

Kein Erfolg im US-Kino: “Jimmy P.”

In der schönen neuen Internetwelt der Indizes und Querverweise sucht man dies, liest noch rasch was über das, landet dann überraschend dort, guckt noch geschwind hier und auf einmal war ich bei beim Thema “Ethnopsychoanalyse” und einem der Pioniere in diesem Feld, George Devereux und seiner Anfang der Fünfziger Jahre veröffentlichten Studie: “Reality and dream: Psychotherapy of a Plains Indian”.

“Jimmy P.” , der Film zum Buch, lief letztes Jahr in Cannes. Er mag hier einigen Arthaus-Fans gefallen haben, sonst ist er für den amerikanischen Geschmack zu langsam und dialoglastig – es passiert nichts. Fast ein Kammerspiel mit intensiven Dialogen zwischen dem Psychiater und Anthropologen George Devereux (Mathieu Amalric) und seinem Patienten Jimmy Picard (Benicio Del Toro), der an Post-Traumatic Stress Disorder (PTSD) leidet, bevor der Begriff erfunden ist.

Beide spielen die Rollen der schwer an ihrer Vergangenheit tragenden Figuren sehr wahrhaftig. Amalrics europäischer Jude, der zwar mit dem Leben davongekommen ist, sich aber in seiner neuen Heimat schwertut, in seiner Profession Fuß zu fassen (Papiere?), del Toro als indianischer Kriegveteran, gefangen in den rassistischen Klischees* seiner Zeit und schier daran verzweifelnd, daß er immer noch körperlich leidet, wo doch seine sichtbaren Wunden längst verheilt sind.

Man möge sich die Zeit nehmen, den Film anzusehen. Er ist es wert.

 

* Am besten illustriert, als der erste ihn examinierende Psychologe seine Diagnose in die Worte faßt: “Es könnte Schizophrenie sein. Aber vielleicht ist er auch einfach nur Indianer.”

Gesucht wird…

Ich suche gerade nach einer neuen Kraft für die Verwaltung. Und weil man ja nicht alles selber machen will, “shoppe ich around”* und lasse ich mich von den Stellenausschreibungen anderer Menschen inspirieren. Wohlgemerkt, ich suche wen für eine vorwiegend sitzende Tätigkeit in einem Büro. Das tut der Autor der folgenden “Physical Demands” auch:

While performing the duties of this job, the employee is occasionally required to stand; walk; sit; use hands to finger, handle, or feel objects, tools or controls; reach with hands and arms; climb stairs; balance; stoop, kneel, crouch or crawl; talk or hear; taste or smell.  Specific vision abilities required by the job include close vision, distance vision, color vision, peripheral vision, depth perception, and the ability to adjust focus.

Ich fasse kurz zusammen: die suchen jemanden, der sitzen kann. Und gehen und stehen. Zupacken. Treppen steigen, kriechen und krabbeln, reden, hören, schmecken, riechen und mit Augen im Kopf. Das alles und noch viel mehr hatte ich bisher bei meinen Bewerberinnen und Bewerbern als gegeben vorausgesetzt. Ich Ignorantin, ich.

Aber es ist nicht so, daß sie den zukünftigen Kollegen im Gegenzug nicht auch was zu bieten hätten: The noise level in the work environment is usually moderate. Schön. Es ist normalerweise nicht laut bei denen. Sehr schön. Aber das Dachdecken haben sie scheint’s vergessen: While performing the duties of this job, the employee is exposed to weather conditions prevalent at the time. Wo, um Himmels Willen, setzt diese Firma ihre Rezeptionistin hin? Draußen auf den Parkplatz? Oder bedeutet “den aktuellen Wetterbedinungen ausgesetzt sein” schlicht, daß sie keine Klimaanlage haben? Dann tun sie sich wahrscheinllich schwer, Amerikaner zu finden. Die glauben nämlich alle, daß Air Condition ein Grundrecht ist.

In mein Inserat werde ich neben den fachlichen nur eine weitere Anforderung aufnehmen, die Toni sehr zu Recht als fehlend moniert hat: “use brain”. Aus dem Rest mache ich einen blogpost.

 

* “To shop around” heißt, daß man sich mal so unverbindlich umsieht. “Go, shop around”, sagt der Ladeninhaber, der davon überzeugt ist, daß er der einzige ist, der einem wirklich das gewünschte Qualitätsprodukt anbieten kann. In einer Tonlage, die der der Ehefrau entspricht, die großzügig gewährt, daß der Gatte sich gerne draußen Appetit holen möge. “Aber gegessen wird zu Hause.”

Rationalisierung

LeapFrog Hug & Learn Baby Tad PlushDas kleine grüne Monster hier links habe sich zur ausgewachsenen Konkurrenz entwickelt, klagt der Vater einer einjährigen Tochter. Lächelt immer, wird nie müde oder geht zur Arbeit, küßt auf Kommando, singt six Happy Songs, blinkert auf Knopfdruck, hat nie einen Bartschatten und viel mehr bunte Knöpfe als der Papa. Seine einzige Chance, die Gunst des Kindes wiederzugewinnen, liege darin, daß bei dem Frosch irgendwann die Batterien leer werden.

Aber dann!

“Cloudy, with a chance of rain”

Vorhersagt der Wettervorhersager heute morgen im Radio. Damit aber keiner nach der langen Trockenperiode am Ende in Panik ausbricht, legt er gleich nach: “It might not rain at all in your neighborhood, your chance of liquid sky is 10%. Only Fremont has a 20% chance.”

Das haben die Fremonter anscheinend voll ausgeschöpft. San Bruno hat nämlich keinen Tropfen abbekommen.

Aus dem Vokabelheft

“On the bubble” bedeutet wörtlich “auf der (Seifen)blase” und im übertragenen Sinne, daß jemand oder etwas Spitz auf Knopf steht.