Datenschutz

Er, verkündet ein Kollege beim Mittagessen, sei dieses ganze Herumgeziehe mit Festplatten so dermaßen leid gewesen, daß er das lange Wochenende darauf verwendet habe, alle seine Daten in die “Cloud” zu verlagern. Das, so darauf sofort ein anderer, käme ja für ihn nie in Frage. Niemals. Nicht. Never. Mit einer Einschränkung: er werde die Cloud in Erwägung ziehen, sobald ihm Flügel wüchsen. Worauf alle lachen müssen. Ich inklusive.

Ich weiß schon gar nicht mehr, worüber sich Nicht-Nerds beim Lunch so unterhalten.

Leaking Pipes

Ich hatte frische Feigen, Zitronen und Blaubeeren im Haus und eigentlich wollte ich nur schnell ein Backrezept* erfinden, einen Kuchen für die Nachbarn und einen für die Kollegen backen, ein paar Steaks mit Schwammerl und Tomaten für die Potluck-Lunches im Büro grillen, meine Tasche packen, Spülen und dann, weder verschwitzt noch verdreckt, zum Labor Day Kite Flying aufbrechen.

Ganz sicher wollte ich nicht schon wieder eine halbe Stunde damit verbringen, im Schweiße meines nicht nur Angesichts den Drecksabfluß in der Küche freizupümpeln und dann nach der dringend nötigen Dusche die Prozedur im Badewannenablauf wiederholen. Himmelsakra nochamal! Sieht aus, als sei meine Bruchbude quasi ein Miniaturmodell des Gesamtstaats Kalifornien, wo man im Regierungsauftrag letzte Woche festgestellt hat, daß nach einem knappen Jahrhundert ohne “Maintenance” die überalterten Rohre porös sind und Unmengen Wasser ungenutzt irgendwo versickern – und, so der Berichtende, es auch kein Trost sei, daß andere unrettbar verstopft sind. Die platzten dann halt einfach irgendwann und “irgendwann” werde im übrigen eher “sooner than later” stattfinden.

Dammit. Infrastruktur sowie regelmäßige Wartung müssen wir wirklich nochmal üben.

 

* Nenne den Kuchen “Sunken Treasures”. Rezept gibts auf Anfrage.

Aus dem Vokabelheft

Mit-Dicke-Dame Jan überrascht mit einem äußerst mutigen Kurzhaarschnitt. Als sie meinen erstaunten Blick bemerkt, kommt sie mir zuvor sie: “Yeah, I know. My hair-dresser went all scissor-happy yesterday.”

Wörtlich: “scheren-glücklich”, übertragen: “Meine Friseurin war im Schnibbelrausch “.

Grease

Vorhin, in der Apotheke. Der Apotheker ist beim Mittagessen (immer noch oder schon wieder, man weiß es nicht) und ohne ihm die Gelegenheit zu mahnenden Worten zu geben, kann ich meine Medikamente nicht haben. Ich möge mich doch noch ein Weilchen im Laden herumdrücken, bis man mir “texte” (= eine SMS schickt), es werde auch nicht lange dauern. Gut, ich drücke mich, aber vor allem davor, euch in die Impulseinkauffalle zu gehen. Ich brauche nix außer den Tabletten.

Zum Zeitvertreib* studiere ich Haarpflegeprodukte. Pomade, noch mehr Pomade, “extra strong” Pomade, Olivenöl, Mandelöl, besonders teures “Moroccanoil”. Merke: sobald die Pomadenpackung spanisch spricht und der fettige Glibber Pomada heißt und statt Öl aceite, ist die Regel aufgehoben, daß fettige Haare ähbä und ungepflegt sind. Dann ist das “cultural”. Im nächsten Regal stehen die Tinkturen für “special hairstyles”. Da lachen vielzahnige dunkelhäutige Menschen, die dem Vernehmen nach ihr Leben lang nach glatten Haaren geschmachtet haben, breit von jeder Packung Lockenlangzieher (curl straightener). Zitat auf der Rückseite einer Schachtel, begleitet vom Photo eines traurigen kleinen schwarzen Afro-Mädchens: “I’ve been pining for straight hair ever since the seventh grade.” Vorne sieht sie dann aus wie Naomi Campbell. Das Zeug möchte man fast kaufen.

Das Telefon piept, ich darf am “Pickup”-Schalter vorsprechen und nach einem kurzen väterlichen Apothekerblick auf mich sichtlich nicht ausgemergeltes Geschöpf und dem Hinweis, daß mehr als drei von den Dingern pro Tag zu Verstopfung** führen könnten, bekomme ich meine Drogen. Mit 30% Labor Day Discount.

 

* Wäre ich Amerikanerin, hieße diese Mußephase “to kill time”; im Deutschen wird die Zeit wenigstens nur vertrieben.

** Die Nurses in der Reha haben mir gesteckt, daß der “Street Value” einer einzigen Tablette, je nach Marktlage, zwischen 8.00 und 15.00 Dollars liegt. Das Suchtpotential scheint dem Fachmann jedoch weniger am Herzen zu liegen, als der Hinweis, recht viele “Fibers” zu mir zu nehmen.

Halloween ante portas

Und weil hier Scheiße-Pipi-Kaka-Furz-Witze immer ganz besonders gut gehen, gibt es schon jetzt batteriebetriebene Geistlein zu kaufen, die “Hu-hu-hu-hu” machen, wenn einer aufs Klo geht. Die Bartmänner dahinter gehören zur Duck Dynasty und gelten zur Zeit als verkaufsunterstützend für jedes Produkt von Acaiberry-Frühstücksflocken bis Zebrabettvorleger.

jokin in the john

Toiletten erhielten den Beinamen “John” zu Ehren des Briten Sir John Harington, der 1596 das erste spülbare Water Closet der Neuzeit erfand.

In Exile

Vor sechs Jahren, am Labor Day Weekend, bin ich am San Francisco International Airport gelandet, um vorerst hier zu bleiben. Damals hatte ich keine Ahnung, wie lange der Gig dauern würde, ich bin halt mal losgezogen in die Fremde, wg. Abenteuer und Bloß-Nix-Verpassen. Inzwischen weiß ich immer noch nicht, wie lange ich hierbleiben werde, habe an dem großen Schritt manchmal gezweifelt und manchmal nicht und an sonnigen warmen Wintertagen nie. In Summe: Edith Piaf.

So ein Jubiäum sowie ein zusätzlicher freier Tag für ein extralanges Wochenende sind der ideale Nährboden für Spintisierereien. Wie ist das, wenn man so lange fern der alten Heimat lebt, hat man dann zwei? Und wie nennt man das? Heimatten? Heimats? Heimätter? Gibt es einen guten Grund, warum der Duden keinen Plural für Heimat kennt und dem Merriam Webster der Begriff gleich gänzlich unbekannt ist und er stattdessen als Ersatzsuchbegriff das Heimlich Manöver vorschlägt? Meine Sorgen möchte ich haben.

Solchermaßen hin- und hergerissen, stelle ich mich tagtäglich aufs Neue der ganz großen Herausforderung kein dummer Ignorant zu sein und mich für Menschen und Politik und Kultur im Gastland zu interessieren, will aber dabei auf keinen Fall den Anschluß an Menschen und Politik und Kultur zu Hause verlieren. Das heißt, ich strebe schon sehr danach, weder zum Hier-ist-alles-besser-Neuland-Konvertiten noch zum Daheim-war-alles-besser-Nostalgiker zu werden und die Augen für das Gute und das Schlechte und das Dumme und das Gescheite in beiden Welten offenhalten. Ganz ehrlich, manchmal zerreißt’s mich dabei fast. Und dann ist da noch das Komische, Seltsame und Bizarre. Wobei ich nicht weiß, ob es an meinem auswärtigen Blickwinkel liegt, aber bei bizarr liegen die Amis ganz weit vorn. Pars pro toto eine Auswahl an Eindrücken von heute, innerhalb einer Zeitspanne von weniger als acht Minuten.

Am Straßenrand salutiert eine uniformierte Gurke*. Auf der Ladefläche des ältesten außerhalb Kubas noch fahrenden Pickups schaukelt ein blitzeblankeneuer schwarzlederner Zahnarztbehandlungssessel, umspielt von in milder Brise flatternden Kabelsträngen. In Vorgärten sind schwäbische Verhältnisse eingekehrt und reinliche Hausbesitzer kehren mit dicken Besen trockene Blätter von Rasen und Randstein**. Wer nicht kehrt, nimmt am Erweckungsgottesdienst im Garten gegenüber teil, heute begleitet von einer hawaiianischen Luau-Band. Wenn mans recht bedenkt, ist das nicht ganz unlogisch, zumindest sprachlich liegen Hula und Hallelujah nicht weit auseinander. Amen! In Deutschland ist ein solcher Streifzug durch Bizarro-World in acht Minuten vom Drugstore-Parkplatz bis zur Häuschen-Einfahrt nicht einmal ganz entfernt vorstellbar. Die Gurke hätte sofort die Gewerbeaufsicht am Hals wg. Verstoßes gegen alle möglichen Hygiene-, Arbeitsschutz- und Wettbewerbsregeln; der Pickup wäre schon vor sehr freundlich kalkulierten 20 Jahren nicht mehr durch den TÜV gekommen und hätte sich außerdem einen Riesenärger wegen ungesicherter Ladung eingehandelt und die empörten Anrufe der Anlieger wegen der un-glaub-li-chen Ruhestörung des Erweckungsvereins erspiele sich jede/r selbst. Einzig das Staubaufwirbelkehren wäre möglicherweise beschwerdefrei geblieben.

Was ist besser? Was schlechter? Ist eines besser? Ist das andere schlechter? Oder alles einfach nur anders? Ich glaube, ich halte es weiterhin ganz mit dem universalen Toleranzcredo meiner rheinischen Oma: “Jeder Jeck is anders jeck! Sollense doch alle machen, wat se wollen. So lang keiner keinem wehtut.”

 

* Der Fachbegriff hierfür lautet “Gurkensalut”, auch wenn die Autokorrektur anderer Meinung ist.

** Kehrwoche ist deswegen bemerkenswert, weil man hier in Zeiten vor der Dürre dergleichen mit Schlauch und viel Wasser erledigt hat. Ich hatte beim Einzug noch Schwierigkeiten, überhaupt einen ganz normalen Besen zu finden, inzwischen sind Verbreitung und Auswahl recht groß.

Time is Money – Nachtrag

Manchmal ist man aber auch wie vernagelt! Ich mußte heute Nachmittag noch ein Rezept einlösen. Das heißt hier “to refill a prescription”, weil, wie schon häufig erwähnt, die Aufgabe des Apothekers darin besteht, die Tabletten aus Blisterpackungen in orangefarbene Plastikbehälter mit kindersicherem Verschluß zu drücken, auf daß sie darin lose herumrollen und die Restmenge schwerer abzuschätzen ist. Das dauert immer ein bißchen, und man wird ermutigt, die Wartezeit doch zum “shopping around” zu nutzen, was gleichermaßen “sich umsehen” wie “unnützes Zeug einkaufen” bedeutet.

Da hätte ich lässig meine Milch besorgen können. Allerdings nicht heute. Da war der “pharmacist out for lunch” und dem vertretenden Gehilfen partout keine Aussage zu entlocken, wann er denn wohl aufgegessen haben werde. Fahr ich halt morgen wieder hin, es ist ja nicht so, daß die sonntags nicht da wären. Drogen gehen schließlich immer.

Time is Money

Verdammt, Milch vergessen! Kein Problem, auf dem Heimweg vom Dicke-Damen-Spratzeln gibt es humpfzich Supermärkte, rein, Milch schnappen, raus, heim. Verdammt, warum sind eigentlich die Schlangen so lang und so wenige Kassen besetzt? Ist doch logisch, ey. Die Kassenmitarbeiter sind alle abgeordent worden, mit leichtgläubigeren Kunden an den “Fast-Lane*-Self-Checkout-Kassen” Schlachten gegen Scanner, Waage und Kreditkartenleser zu schlagen (und sie letztendlich doch an der Kasse nebendran zu bedienen).

Merke: Das oberste Gebot heißt “Zeit sparen”. Egal, wie lange es dauert.

* “Fast Lane” = Schnelle Schlange, Überholspur