Rolling in the Deep

3:22 Uhr. Das ganze Haus scheppert und kracht, irgendwas klirrt, irgendwas fällt, mein Bett hoppelt umeinander, wie ich das eigentlich nur aus ganz wenigen Vollsufferinnerungen kenne, wo es hilft, einen Fuß auf den Boden zu stellen. Hilft dieses Mal nicht. Das Gerumpel ist aber auch bald vorbei. Aufstehen, Zeug aufklauben (eigentlich nur zwei Frühstücksbrettchen mit Sinnsprüchen, die sonst auf Türstürzen stehen sowie ein Ladegerät, das zu nahe an der Tischkante balancierte). Glück gehabt. Nirgends Scherben, alle Bilder hängen noch, nichts kaputtgegangen.

3:45 Uhr. Ich bin dann mal hellwach. Wir hatten ein “Rolling Quake” der Stärke 6,1 am sonst stockfaulen und inaktiven North-Bay-Graben. Am stärksten betroffen ist die Region um Napa, knapp 60 Meilen weiter nördlich. Verletzte, eingestürzte Häuser, Feuer, Stromausfälle. quake kitMan solle sich für den Rest der Nacht und die kommende Woche auf Nachbeben einstellen und sein Quake Kit lieber mal auf Vollständigkeit überprüfen. So ein Köfferchen enthält das Nötigste, um 72 Stunden ohne Strom und Wasser und möglicherweise Dach über dem Kopf auszukommen. Weil ich eh grad nix besseres zu tun habe, studiere ich die empfohlene Ausstattung. Bis auf eine Trillerpfeife und eine Notflagge hätte ich alles im Haus, wenn auch eher dezentral gelagert.

Inzwischen ist es fast 5:00 Uhr, der Morgen graut so langsam und für heute Nacht sind Nachbeben ausgeblieben. Ich gehe dann mal wieder schlafen. Die rechte Ruhe will sich nicht einstellen, Hubschrauber in nie gekannter Zahlen flappen im Tiefflug übers Häuschen. Dann stehe ich halt auf und schreibe, daß sich wegen mir keiner Sorgen zu machen braucht. Dieses Mal.

Gut gebannt, Kalifornien!

Als ich hier noch neu war, war ich wie jede/r Zugereiste erschüttert, daß ich von jedem Supermarkteinkauf mit mindestens 10 neuen Plastiktüten zurückkehrte. Ich habe sie wenigstens als Mülltüten weiterverwendet, kannte es aber aus amerikanischen Haushalten, daß die Plastiktüten zu Hause einfach im Abfall landeten – in einer eigens dafür gekauften und als solche ausgewiesenen Mülltüte natürlich. Außerdem in windigen Straßenfluchten und im Pazifik.

Vor gut zwei Jahren war Schluß mit lustig und einige kalifornische Städte, unter anderem San Franciso, Los Angeles, San Jose haben dem Lebensmittelhandel die kostenlose Weitergabe von Plastiktüten schlichtweg verboten und ihn außerdem dazu verdonnert, für Papiertüten 10 Cents zu verlangen. Und siehe da, die Welt ist nicht untergegangen. Inzwischen kann fast jede/r eigene Einkaufstaschen mitbringen.

Nun geht Kalifornien noch einen Schritt weiter. Letzte Woche wurde ein Gesetz verabschiedet, das Plastiktüten im Einzelhandel ganz und gar verbietet. Das Gesetz sieht darüber hinaus vor, darbenden Einmalplastiktütenherstellern einen 2 Millionen Dollar Zuschuß zukommen zu lassen. Für die Umschulung ihrer Mitarbeiter auf die Herstellung wiederverwendbarer Einkaufsbeutel. Geht doch.

1000 x Nebel

Abfahrt vom Büro bei strahlend blauem Himmel und schon sehr schräg stehender Sonne. Nach zwei Dritteln Strecke geht ohne Scheinwerfer nichts mehr. Vom Flughafen sieht man nur noch die ersten Gebäudestockwerke, über allem drüber suppt ein gemeinroter Nebel, der aussieht, als sei er gerade dabei, die vor ein paar Minuten steil aufgestiegenen Flugzeuge inklusive Füllung zu verdauen.

Mir ist heute ganz stark nach Bodenhaftung.

Homophon

Dranbleiben soll ich, sagt der Mann im Radio. Gleich nach der Verkehrsdurchsage habe er ein Schmankerl für mich und werde “Best Deal” spielen. Während sein Kollege Unfälle, Car Fires und Staus aufzählt, kontempliere ich, daß der passende Titel für eine Band dieses Namens eigentlich nur “Sonderangebot” sein kann. Dann ertönt das erste “Eh-eh-o eh-o” und ich kontempliere für den Rest des Heimwegs, daß ich die Amis manchmal wirklich gefressen habe. Bloß weil einer von Berufs wegen Musikkapellen ansagt, macht er sich doch nicht die Umstände herauszufinden, wie “Bastille” korrekt auszusprechen sei. Zu diesem Zwecke hätten sie sich schon einen ordentlichen englischen Namen geben müssen.

http://bit.ly/1fwstWh Refrain: But if you close your eyes, / Does it almost feel like / Nothing changed at all? / How am I gonna be an optimist about this? Ja, genau das frage ich mich manchmal auch.

Ablaßhandel

Wie ich gestern schon so treffend sagte: “[der] christliche Fundamentalismus ist so dermaßen auf dem Vormarsch, daß eigentlich schon alles zu spät ist!” Dabei geht mir nicht aus dem Sinn, daß es eigentlich nur einer guten Geschäftsidee bedarf, um sich von diesem Riesenkuchen auch eine Scheibe abzuschneiden, noch dazu, wo ich bei dem Verein eh noch was gut habe. Das fängt schon damit an, daß man kaum dem Mutterleib entschlüpft ganz im Sinne der christlich-abendländischen Tradition der Erbsünde bezichtigt wird und hört noch lange nicht mit den vielen widerwillig im Religions- und Kommunions- und Firmunterricht und erst recht in der kalten Kirche im Weihrauchwürgedunst abgesessenen Stunden. Am allerschlimmsten habe ich in Erinnerung, daß all diesen Anlässen ein Kleider- und Schuhkauf voraus ging. Meist mit Anreise nach Stuttgart, dem Nabel der Welt, mit mindestens einmal das ganze Auto vollkotzen und dann, nachdem irgendetwas gekauft war, das von Muttern für tauglich, weil kaschierend genug befunden war, die ganze Kotzentour nochmal zurück. Aber genug von meiner grausamen Kindheit, jetzt geht es ums Geschäft.

Wie wäre es denn, wenn ich einen geschützten Raum entwürfe, in dem der Christ in einem Aufwasch sündigen, bereuen und bestraft werden kann, um anschließend absolviert heimzugehen? Nein, nicht ein Bordell, obwohl ich immer schon gerne Puffmutter geworden wäre. Nicht direkt mein Fachgebiet, es sollte schon eine Sünde sein, mit der ich mich wirklich gut auskenne. Völlerei, vielleicht? Das kann ich. Und im Gegensatz zum Original natürlich nicht mit der Todesstrafe bewehrt, das wäre gar nicht gut für Kundenbindung und Umsatz.

Wie? Auf die Idee ist vor mir schon jemand gekommen? Das gibt es bereits? Aber ja. Aber klar. In Sin City. Wo sonst? Das Etablissement heißt “Heart Attack Grille”* (http://www.heartattackgrill.com/) und die kopieren ganz frech mein geniales Konzept.

heart attack grill

Erst verführen sie ihre Gäste zum Bestellen von kinderarmlangen Hotdogs oder Burgerstapeln in der Semmel, übrigens mit dem amerikatypischen Nebeneffekt, daß Fett- und Cholesterinaufnahme ohnehin schon als Sünde zu werten sind, dann schauen sie ihnen zu, wie sie schon beim Eintreffen der Essensberge anfangen, ihre Bestellung zu bereuen und beim Verzehr noch mehr und dann kommt der Gipfel des feuchten Puritanertraums: junge gutaussehende Frauen, in knappste “Slutty Nurse”**-Kostüme eingenäht, verhauen ihnen den Hintern, weil sie nicht brav aufgegessen haben. (Hier haben furchtlose Fresser ihre Studienreise dokumentiert: http://bit.ly/XEcfWn.)

Das wars dann mit meinem Sündenpfuhl – gegen die komme ich nicht an. Vielleicht sollte ich mich doch lieber auf meine Kernkompetenzen besinnen und schreiben. Fundamentalistisch-Christliche Erbauungsliteratur vielleicht? Wie? Der Markt ist noch abgegraster? Pars pro toto dieses geldscheffelnde gottgefällige Geschöpf: http://setapartgirl.com/leslie-ludy.

Geht doch alle zum Teufel, ihr Christen!

 

* “Grille”. Als ob meine These, daß man Läden mit angehängt-obsoletierendem “E” nicht über den Weg trauen kann, noch einer weiteren Bestätigung bedurft hätte. Trau keinem Shoppe, keinem “Ye Olde Wasweißich” und erst recht keinem Grille. Alles Halsabschneider, Nepper, Schlepper und wahrscheinlich auch Bauernfänger.

* Das kennen wir von Halloween, da leben Amerikanerinnen ihre Schlampenphantasien aus. Amerikaner auch.

Zur Lage der Nation

Barack Obama ist ein glückloser Präsident.

Muß noch über zwei Jahre im Amt bleiben, hat aber schon jetzt so wenig Macht und Ansehen (Fachbegriff “lame duck”), daß einige seiner Parteifreunde ihn für Wählergift halten und bei den Wahlveranstaltungen für die “Primaries” im Spätherbst lieber nicht dabei haben wollen. Ist Friedensnobelpreisträger und dabei Oberkommandierender einer Armee, die überall auf der Welt in irgendwelchen Krisenherden irgendwas macht. Von Raushalten bis Air Strikes oder beides oder keines oder irgendwie irgendwas Halbherziges mit Drohnen – eine deutliche Strategie ist nicht erkennbar und Erfolge schon gar nicht.

Sein Lebenswerk, eine bezahlbare verpflichtende Krankenversicherung für alle, hatte einen miesen Start und wird seitdem zunehmend wieder verwässert. Erst diesen Sommer, als die Bundesrichter zugunsten von Hobby Lobby entschieden haben. Es ist nun höchstrichterlich erlaubt, Mitarbeiterinnen den Zugang zu Verhütungsmitteln unter dem “Affordable Health Care Act” zu verweigern. Wohlgemerkt: es handelt sich nicht um eine Kirche oder eine Non Profit Organization, sondern um ein ganz normales und amerikaweit Filialen betreibendes profitorientiertes Unternehmen, dessen Besitzer halt zufällig stramme Christen sind. Und ich Naivling hatte angenommen, Sprüche wie “Lieber zehn auf dem Kissen als eines auf dem Gewissen” gehörten in eine graue Vorzeit! Von wegen. Mein Bauch gehört nicht etwa mir, sondern meinem Boß. Diese Art von christlichem Fundamentalismus ist so dermaßen auf dem Vormarsch, daß eigentlich schon alles zu spät ist.*

Immerhin ist es ihm als erstem schwarzen Präsidenten gelungen, den Rassismus zu besiegen. Halt, Moment, ich höre gerade: das hat nicht geklappt. In seiner jüngsten Amtszeit sind neben vielen anderen zwei junge schwarze Männer unter großer Medienabdeckung über den Haufen geschossen worden, 2012 in Florida Trayvon Martin von einem weißen Nachbarschaftswächter (Freispruch mangels Beweisen) und vor ein paar Tagen in Ferguson, Missouri, Michael Brown von einem weißen Polizisten. Im Wahljahr 2012 meldete sich der Präsident mit der vielzitierten Aussage zu Wort: “If I had a son, he would look like Trayvon”; aktuell war zu hören: “I won’t do stupid things.” Da ist doch schon viel Schönes dran.

Wenigstens hat er es geschafft, nach den vielen Amokläufen der letzten Jahre die Waffengesetze zu verschärfen (s. https://flockblog.de/?p=18862). Ach, auch nicht? Na, immerhin hat er nach dem Sandy Hook Massaker die Flaggen im ganzen Land für fünf Tage auf Halbmast setzen lassen. Das ist doch schon was. Die Waffenlobby ist allerdings schon ein ganzes Stück weiter. Nicht nur, daß sie jedes Gesetz, das auch nur die Kontrolle über die geistige Gesundheit eines Waffenkäufers vorsieht, abschmettern hat lassen, nein, es gibt seit diesem Frühjahr auch allerliebste Bilderbücher wie zum Beispiel “My Parents Open Carry” (Meine Eltern tragen ihre Waffen offen zur Schau). Ich hatte eine sehr vergnügliche Zeit damit, die Kommentare** zu diesem Werk zu lesen http://amzn.to/1ts6Tav, ebenso wie “Kunden, die dieses Buch gekauft haben, haben auch jenes genommen” wie zum Beispiel die Aufrüstungsfibel für Lehrer “Sandy Hook Massacre: When Seconds Count – Police Are Minutes Away” (Wenn’s um Sekunden geht, braucht die Polizei noch ein paar Minuten) http://amzn.to/1pMxM9I oder den Erziehungsratgeber zur Aufzucht eines echten Kerls, so wie die Feministin ihn haßt http://amzn.to/1ts81uE.

Genug der Abschweifung und zurück zum Präsidenten. Schaun wir mal, wie es mit den weniger weltbewegenden Versprechen aussieht: “One of the things I think I can bring to the presidency is to make government cool again.” Ah – no. No you didn’t.

Eine deutsche Freundin hat neulich gefragt, ob ich von Barack Obama enttäuscht sei. Hmmm. Was meint die geneigte Leserschaft?

 

* Sehr lesenswerter Artikel hierzu aus der Huffington Post: http://huff.to/YBWKyw

** Kleine Auswahl:

– Can’t wait for the sequel,. “My Black Parents Open Carried Until the Police Shot Them 146 Times”.
– If only the title was “My Two Mom’s Open carry” . The Pulitzer would be already decided.
– Not quite as compelling as the first book, “What Would Jesus Carry?”
– I laughed, I cried …I accidentally shot my mailman in the face
– I got really excited when I found out there was a sequel coming out for the really little ones: “Goldilocks and the Three Open Carry Bears”
– I understand that this book is the first in a Trilogy. The second and third book, “There’s Fluoride in my Water!” and Where’s the President’s Birth Certificate” are due out before Thanksgiving.
– My son just came in from the pool, heard me laughing uproariously and said, “Are you STILL reading those comments?” I assured him that I did other things today… I bet he wouldn’t have opened his mouth if I had had a pistol on my hip. Sigh.
– I much preferred the version entitled “My Parents Open Carrie,” a scintillating coming of age story of a 13 year old girl who watches her parents introduce the 19 year old British au pair to the exciting world of polyamory and double penetration…..
– long live the US Canada border
– Because the family that shoots together, obviously finds Monopoly boring.
– I like how the name of the entirely fictional father is ‘Dick Strong.’ I guess Reagan McThundercock was a little too on the nose. Can’t wait for the follow-up, “My Dad Shot an Un-Armed Black Teenager Repeatedly, but its OK Because his Music was Too Loud.”
– Not nearly as much fun to read as the Indian version, “My Parents Open Curry.”

Heil!

HeilMan hat ja als Deutsche/r einen eher verkrampften Zugang zum Wort “Heil” und wenn man dann bei der Recherche auf Heils Website noch auf Überschriften stößt wie “Give ‘Em Heil” oder “Search Heil…” drängen sich seltsame Assoziationen ins Hirn. Amerikaner haben mit dem Begriff kein Problem und verbinden ihn allenfalls mit dem 1901 von Julius P. Heil in Milwaukee, Wisconsin gegründeten Unternehmen, das inzwischen ausschließlich “Mobile Refuse Trucks and Collection Solutions” (= Müllautos) produziert. “For over 100 years, the Heil name has stood for excellence, innovation, and customer satisfaction.” In den Anfangsjahren umfaßte die Produktpalette auch Panzer, aber darüber ist man bei Heil inzwischen hinweg.

Warum nur sind bei mir die unguten Assoziatonen nicht weniger geworden?

Winter is coming

Keine zwei Wochen mehr und die weißen Schuhe müssen eingemottet werden – hab ich nicht gemacht die Regel, ist aber so. Die lieben Kleinen gehen schon wieder “back to school”, beileibe nicht alle an einem Tag und um so eher, je privater und teurer die Lehranstalt* ist, und ihre Herren und Damen Chauffeur-Eltern verstopfen einem zu den Stoßzeiten noch extra den Highway. Alles halb so schlimm, dann trage ich halt andere Schuhe und der Heimweg dauert ein paar Minuten länger – aber daß ich seit ungefähr zwei Wochen Blindflug nur mit Sonnenblende im Seitenfenster vermeiden kann, das ist böse. Sonne steht schräg, Sonne ist abends bald weg und um acht ist schon wieder stockdunkle Nacht. Zefix! Dafür ist es doch noch viel zu früh!

*Es sei denn, man ist wie Kollegin Wei die “Founding Mother” einer ganz neuen Privatschule, dann hat der Große überraschend zwei Wochen länger Ferien, weil das Schulgebäude noch nicht fertig gebaut ist.

Aus dem Vokabelheft

Über einen Geschäftskontakt, der aufgrund diverser strategischer Neuausrichtungen und Aufstieg in eine höhere Hierarchiebene* ein wenig sehr die Bodenhaftung verloren hat: “She seems to have descended** to the kingdom”. Sehr frei übertragen: nun ist sie vollends übergeschnappt.

* “The good guys left and they had to promote what was left over”. (Die Guten haben gekündigt und vom Rest wurde befördert, was nicht bei drei auf dem Baum war.)

** Wörtlich: “Sie scheint ins Königreich abgestiegen zu sein.” Das ist extra böse, weil es nach untern nur ins Reich des Bösen gehen kann. Wäre es netter gemeint, würde man “to ascend” (aufsteigen) verwenden.

Cal Shakes: Pygmalion

Wenn mir eines diesen Sommer noch zu meinem Sommerglück gefehlt hat, dann ein Besuch im California Shakespeare Theater in Orinda. Nun nicht mehr. Gestern haben wir Pygmalion gesehen. Sehr hübsch.

Regisseur Jonathan Moscone hat stark gekürzt, dem Shaw die längsten Giftzähne gezogen, Ironie – nicht zu viel, der Großteil des Publikums sind langjährige Abonnenten – und Lacher dringelassen und das so gut gemacht, daß nicht “My Fair Lady” rausgekommen ist. Hut ab! Unfreiwillige Komik ist dem Umstand geschuldet, daß der aus Indien hochdekoriert heimkehrende Colonel Pickering mit einem schwarzen Schauspieler besetzt wurde – ich wußte bis gestern nicht, wie tolerant die kolonialen Streitkräfte Ihrer Majestät schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren. Sehr schön auch, daß er, trotz Abopublikum, kein Happy End aufpfropfte: Moscones Eliza wirft dem dummen klugen Mann nicht nur die Pantoffeln ins Gesicht, sondern auch irgendwann den Bettel hin. Die Darstellerin Irene Lucio war mehrfach gefordert; nicht nur, daß sie Elizas Wandel vom Blumenmädchen zur Dame in Mimik und Körpersprache (Der Gang! Hach! Der Gang!) glaubhaft gespielt hat, nein, auch den Aufstieg von breitem über schmaleres Cockney bis hin zum Queen’s English hat sie sehr gut hinbekommen. Schon witzig, wenn eine Amerikanerin britisches Englisch spricht – ich bin jetzt schon so lange hier, daß ich das hören kann und das hat nun wieder mir viel Spaß gemacht. Was meine These angeht, der Nerd sei der Held des 3. Milleniums – I stand corrected. Professor Henry Higgins ist im Nerd-Stammbaum ein sehr würdiger Ahne!

Wie immer: sehr gutes Ensemble, gute Musikauswahl, phantasievolles und dabei praktisches Bühnenbild, was ich sehr mag, und die Kostümbildner haben schon vorausgedacht, falls das Haus irgendwann einmal Oliver Twist auf den Spielplan nehmen sollte. Auf jeden Fall den Dreck für die Arme-Leute-Schmutzgesichter aufheben!

Auch wie immer: zum Abschluß haben Toni und ich uns noch Schnitzel im “Gaumenkitzel” gegeben. Einziger Malus: die – selbstverständlich – amerikanische studentische Bedienung hat auch nach der 3. Wiederholung Tonis akzentfreie “Köstritzer”-Bestellung nicht verstanden. Aber ich kenne mich ja aus und habe dann mit “the dark beer, you know?” und dem Anspielen einer Köstritzer-Tulpe aushelfen können. Da hat das Mädele dann nach langem Zapfen das richtige gebracht – mit vorschriftsmäßiger Braunschaumkrone.

Ich hadere nun wieder damit, daß es hier schon so viele Routinen gibt. Nicht, daß die nicht schön wären, aber es fühlt sich an, als wäre jetzt auch langsam mal wieder höchste Zeit für was Neues.