Neu im Kino: “Hanna”

“Hanna” ist ein Film, von dem man sich wünschte, er wäre ein antiquarisches Taschenbuch, das man günstig wegen des spannenden Klappentexts erworben hat. Dann nämlich hätte man nach zwanzig, dreißig Seiten Verdacht geschöpft, dass die Story nichts taugt und angefangen vorzublättern, diagonale Stichproben genommen, sich auf der letzten Seite überzeugt, dass man recht vermutet hatte und das Buch umgehend wieder einer wohltätigen Organisation wahlweise dem Altpapiercontainer zugeführt.

Ist aber kein Buch, sondern ein Film. (Achtung, ab jetzt Spoiler Alert.) Hanna ist eine Art Wolfskind, blondgelockt und blauäugig, trägt Grunge-Fellklamotten und wird vom Trapper-Vater, fernab der Zivilisation im kalten Wald zur Kampfmaschine ausgebildet. (Das hat man in “Kick-Ass” witziger und in “Leon” viel anrührender gesehen.) Auf einmal ist Schluss mit der lustigen Einsiedelei und die beiden brechen getrennt voneinander zu einer recht unklaren Mission auf.

Papa nimmt den Seeweg (schwimmend), das Kind – nach Verschleppung durch die schurkische Gegenseite und Ausbruch aus Alptraumbetonkerkern (von so einem Cave träumt Batman nachts: http://soundtrack-movie.com/hanna/) – den Landweg. Zunächst durch Fels-und Sandwüsten (ein Mädchen wie ein Haarspray, allwettertauglich). Wüste? Also Marokko. Klar. Das ist da, wo wegen Lokalkolorit der Muezzin auch mitten in der Nacht noch zum Gebet ruft. Von da aus macht sie mit der Fähre nach Spanien ‘rüber, dem Land, wo Zigeuner am Lagerfeuer zur Gitarre “Ayayayayhhhh” rufen und Flamenco tanzen und schwuppdiwupp ist sie in in Berlin. Das ist da, wo die kleine Wilde, die noch neulich in Arabien mit vor Angst geweiteten Augen vor Phänomenen wie Zauberlicht (aka Neonröhre, Schalter hoch macht hell, Schalter runter dunkel) und bewegten sprechenden Bildern aus einer Kiste schreiend geflohen ist, mal schnell im Internetcafé neben der Kopftuchtürkin hochkomplexe DNA-Manipulationen recherchiert und Punks auf der Straße im reinsten Hannoveraner Hochdeutsch Konversation übers Wetter machen.

In einem schmuddeligen Tacheles-Berlin inklusive Grimms Märchenpark (über die Märchensymbolküchenpsychologie allein könnte ich einen weiteren wütenden Blogpost schreiben) kommt es dann zum Showdown zwischen extra-schuftigen deutschen Ordnungsmachtshalunken (der eine schwuchtelig im Jogginganzug in Zitronengelb, der andere im Ost-Fascho-Style, die weit über taillenhohe Jeans in Springerstiefel gesteckt) mit einem Akzent, der auf jahrelange und leider wenig erfolgreiche Besuche des Goethe-Institutskurses “Deutsch für Ausländer” schließen läßt sowie Cate Blanchett, hochrangiges Mitglied der CIA und böse böse Drahtzieherin hinter der ganzen bösen Geschichte. (Man muss allerdings ein paar Mal hingucken, denn sie sieht aus wie Scully aus den X-Files. Wahrscheinlich war die Perücke gerade aus der Reinigung zurück und nix besseres zur Hand.)

Auf IMDB.com hat der Film eine 7,9 Punkte Bewertung bekommen – keine Ahnung, was die Leute gesehen haben. Allgemein wird der Soundtrack gelobt (Chemical Brothers bis hin zu einer so dermaßen platten Einspielung von Solveigs Lied aus der Peer Gynt Suite) sowie die visual effects. Von mir aus. Sei dem Machwerk zugestanden. Auch der Location Scout hat einen prima Job gemacht. Mir persönlich gefällt bei Filmen allerdings sehr, wenn ein gutes Drehbuch von einem guten Regisseur mit guten Schauspielern gut umgesetzt wird.

Also gibt es von mir -3 Punkte, wobei sound- und visual effects bereits wohlwollend in die Bewertung eingeflossen sind.

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