Die beiden Konzerte, die uns im Oktoberprogramm am meisten interessieren, sind an aufeinanderfolgenden Abenden. Könnte ein Problem sein, ist es aber nicht. Gemma hoid am Dienstag und am Mittwoch in die Unterfahrt.
Zuerst Barencia. Der Name des mexikanisch-katalanisch-italienischen Quartetts ist ein Kunstwort und steht für eine imaginäre Stadt zwischen Barcelona und Florenz (Firenze), wo laut Vorankündigung “ausgelassen getanzt [wird] – mit kühn improvisierten, Schrittfolgen, Bewegungsabläufen, Rhythmen die irgendwo zwischen Jazz, Flamenco und Modern Dance liegen”.
Die Musiker bilden eine klassische Jazzcombo, Xavi Torres am Klavier, Michelangelo Scandroglio am Bass, Bernardo Guerra am Schlagzeug und wenn sie nur zu dritt sind, spielen sie mediterran angehauchten Jazz. Dann aber tritt sie auf. Und was für ein Auftritt. Karen Lugo, Tanzgöttin – und die Herren sind nur noch da, das, was sie da mit großen Gesten, stampfenden Füßen und immensem Körpereinsatz vorführt / vorträgt, mit ihrer Musik zu begleiten / untermalen.
Irre! Die alterslose Erscheinung einer Tänzerin (wiewohl sich schon vereinzelt graue Fäden im ehemals ebenholzschwarzen Schneewittchenhaar verirren), eine Körperspannung, die manche Menschen (ich) ihr Leben lang auch mit äußerster Anstrengung nicht hinkriegen würden und eine Energie, die die drei Männer mit ihr auf der Bühne und das gesamte Publikum in Grund und Boden tanzen. Sie ist ein Pferd, ein Geist, im Bolero die Personifikation der Verführung, aber auch eine elendiglich Trauernde (mindestens alle zehn Kinder und der Lieblingsgatte sowie der Familienhund), ein Clown, eine Spieluhrfigurine – alles und mehr. Ein simples schwarzes Chiffontuch ist ihr gleichermaßen Schleppe wie Minuten später Schleier, ein schweres Tuch wird Muleta aber auch große Ballrobe – und alles mit ganz großem Drama. Mir gings wie letztes Jahr (https://flockblog.de/?p=50944), als ich sie zum ersten Mal gesehen hatte – erst mal verwirrt, ob des Pathos fast ein wenig ablehnend, und dann nur noch rückhaltlos begeistert.
Wir haben Plätze direkt an der Bühne und jeder Schweißtropfen, jeder Holzspan, den sie mit ihren Tanzschuhen aus der Bühne hackt, landet uns quasi im Schoß.
Wow!
