Was für ein wunderliches außergewöhnliches Buch! Wunnicke schreibt wie aus einer anderen Zeit.
Das Personal, das in ihrer Geschichte aufeinandertrifft, sind der zum Zwecke der Forschung in die weite Welt geworfene Mathematikus Carsten Niebuhr aus dem Bremischen (schon damals der Prototyp des Nerds) und Ustad Musa ibn Zayn ad-Din Qasim ibn Qasim ibn Lutfullah al-Munaggim al-Lahuri, Astronom und Astrolabienbauer (von irgendwas muss man ja leben) und dessen Dienerbub Malik. Die Herren treten einander, von den Kapitänen der jeweiligen Transportschiffe schmählich sitzen gelassen, auf dem öden struppigen Eiland Gharapuri vor Bombay “auf den Lebensweg”, wo sie sich die Wartezeit auf die erhoffte Rettung mit Gesprächen und Geschichten sowie Fieber und Heilung vertreiben.
Der eigentliche Geniestreich der Autorin ist nun, dass sie, in diesem in deutscher Sprache geschriebenen Buch, etabliert, dass Meister Musa neben diversen indischen Straßendialekten natürlich fließend Sanskrit spricht, sie daraus wörtlich die herrlichsten Phrasen “übersetzt” und die lingua franca zwischen den beiden Gestrandeten Arabisch ist, was Musa recht, und der Deutsche mehr schlecht als recht beherrscht. Das führt dann zu so wundersamen Wendungen wie “Greisenblödsinn” statt eines harrschen Wortes wie Demenz oder, meinem ganz großen Liebling, einer Formulierung wie “Affen des Mundes zu Markte tragen”* – und viele mehr, die zu entdecken ich den nächsten Leserinnen und Lesern selbst überlasse.
Eins noch, weil wichtig: Die Männer kommen zu der Erkenntnis, dass sie zwar in denselben Himmel und dieselben Sterne sehen, aber die Konstellation, die dem einen eine Dame mit bemalter Hand, dem anderen die Kassiopeia ist. Man könnte streiten. Sie nicht. So einfach ist Frieden zwischen den Kulturen.
Es ist schwer, das schmale Büchlein vorbehaltlos zu empfehlen. Es ist schon sehr eigen. Aber wer willens ist, sich einzulassen, wird eine besondere Erfahrung erleben. Versprochen.
* Ich bin nicht sicher, ob ich jetzt übererkläre, wenn ja, einfach ignorieren.
Der – inzwischen obsolete – Ausdruck “Maulaffen feilhalten” und für gaffen, mit offenem Mund einfältig und untätig herumstehen und großäugig schauen steht, geht auf Kienspanhalter mit weit aufgerissenem Maul zurück, in das man den brennenden Holzspan hineinsteckte, um dunkle Räume zu erhellen. (14. Jahhundert ff)