Gelesen: Florian Illies – “Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary”

Huiuiui!

Offensichtlich ist für mich gerade kein Entkommen vor Thomas Mann. Der “Mephisto” in den Kammerspielen, Yelins Giehse Biographie (s. https://flockblog.de/?p=52365), erst neulich “Vaterland” (s. https://flockblog.de/?p=54125) und nun der Weg des Nobelpreisträgers nebst angeschlossener Familie in die erste Station des mühseligen Exils, eine, wie Illies das klug benennt, “Vertreibung ins Paradies”.

Wie es wirklich war, damals im französischen Sommer in Sanary, bei Thomas und seinen Mannen (hihi, Wortspiel), der Gattin Katia, den sechs Kindern sowie Bruder Heinrich und seiner Nelly, und ihren Nachbarn, den Schickeles, den Feuchtwangers, den Zweigs, Marcuse, Brecht und anderen Großen, wird man wohl nie ganz genau wissen können.

Aber Illies, der schon in seinen früheren Büchern in die Herzen und Köpfe von Geistesgrößen eingetaucht ist, ist tief in Archive abgestiegen, hat Tagebücher und andere Zeitzeugnisse durchaus studiert und gibt uns immerhin eine Ahnung – es hätte so sein können. Dafür danke.

Außerdem habe ich noch nie eine schönere Beschreibung des Thomas Mann’schen Schreibstils gelesen, man weide seine Augen daran.

Der Zauberer ist ein sehr guter Vorleser – und er liebt es, auf diese Weise seine eigenen Sätze noch einmal abzuschmecken und zu schauen, wo es zu zuckrig klingt und wo noch ein bißchen Salz oder gar Chili fehlt. Er liest mal mit leiser und mal mit energischer Stimme, und ein Lächeln huscht über sein Gesicht, wenn eine seiner berühmten Satzkaskaden am Ende doch noch von einem Verb beschlossen wird, auf das sein Publikum bereits zu warten aufgehört hat. Und nicht nur das: Er zaubert immer wieder ein Verb aus dem Ärmel, das niemand erwartet hat, weil es aus einer ganz anderen Sprachsphäre zu kommen scheint, er es aber so lange abgestaubt hat, bis es nun in einem seiner endlosen Sätze die letzte Stelle vor dem Punkt mit einer Selbstverständlichkeit markiert, als hätte es sein Leben lang darauf gewartet.

Wer sich für Literatur- und Zeitgeschichte interessiert, wird Freude an der Lektüre haben. Der inzwischen reifere Illies hält, was der junge schon an literarischer Qualität verheißen hatte.