Bahnhofsimpressionen

Gibt ja dieses Mal keinen Grund für Bahnbashing, aber doch ein paar kleine Beobachtungen am Rande:

  • Eiserne Regel, wie überall, wo Menschen von A nach B befördert werden: die, die die größten Rucksäcke (Modell Quasimodo XXL) tragen, neigen am ehesten dazu, anderen spontan den Weg zu verstellen und sich häufig unvermittelt umzuorientieren. Hauptsache, die Rückenlast streift dabei Unbeteiligte.
  • Denselben Effekt wie der Schussel im Ballett haben Engländer, gerne im Pulk, die sich auch als Fußgänger streng an die Linksverkehrsregeln halten.
  • In das Abteil steigen zwei noch sehr junge Frauen ein, die ganz offensichtlich die Nacht durchgemacht hatten. Die Restmake-up-Bestände großflächig übers ganze Gesicht verteilt, die Haare wild. Sie verschwinden mit ihren Beuteln in den Waschräumen und als sie wieder kommen, ist das Antlitz reingewaschen, die Haare in Zöpfe gebannt und Schnürmiederchen und Wipperöckchen gegen mollige Turnhosen und Hoodies getauscht. Nun noch in den Sitzen einrollen, Schlafbrillen und Micky-Maus-Kopfhörer aufsetzen und dann bis Amsterdam durchschlafen.

Ja, mach nur einen Plan.

  • Hinzus hat dieser Zug dann knapp 10 Minuten Verspätung. Die Durchsage teilt mit: “Der Grund dafür waren Fahrgäste”. Nicht erwähnt wird, dass es irgendwem in der Leitstelle eingefallen ist, nur noch den vorderen Teil des Zuges nach Amsterdam fahren zu lassen und alle holländischen Fahrgäste, die sich im hinteren Teil auf ihren reservierten Plätzen für die lange Strecke eingerichtet hatten, auf einmal wie ein Mann mit Sack und Pack in Frankfurt über den Bahnsteig hetzen müssen.
  • Auf der Rückfahrt hatte ich die weise Entscheidung getroffen, über Würzburg zu fahren, weil der Zug erst in Düsseldorf startet und gar nicht viel Gelegenheit hat, Verspätung anzusammeln. Der aus Amsterdam war da schon fast eine Stunde hinter dem Fahrplan. Die Bahn ließ es sich nicht nehmen, deutlich (und mehrfach) zu betonen, dass es sich um “Verspätung im Ausland” handele. Quasi: “Dieses Mal sind wir nicht schuld. Dieses Mal nicht. Wir nicht.”

Kaum ist man mal ein paar Tage weg,

…schon grinst einen von Riesenplakaten in der S-Bahn großflächig und vielzahnig der Söder an und gratuliert zu Olympia.

Traut sich irgendwer dem Mann zu erklären, dass das bissel Köln/Rhein/Ruhr-im-innerdeutschen-Wettbewerb-ausstechen noch gar nichts heißt?

Bahn (DB) gefahren

Über vier Stunden hin, über vier Stunden wieder zurück. Und was gibt es zu erzählen? Nix. Gar nix. Keine spielenden Kinder auf den Gleisen, keine Probleme in einem Stellwerk, nirgends, noch nicht einmal vorhergehende Züge verspätet. Nix. Gar nix.

Ist sehr nett.

Neu zum Strömen: “The Split Up”

Zur Telenovela fehlt bloß noch der lang verschollene Zwilling, von dem außer der treuen Haushälterin niemand gewußt hat, aber sonst: alles da. Untreue Männer, eine am Altar zweifelnde Braut, uneheliches Kind, Witwer mit dunkler Vergangenheit (der hochverehrte Sanjeev Bhaskar), Monsoon Wedding, schmutzige Immobiliendeals, unterschiedlich gut geratene Kinder, Bigamie, ein Schwiegermonster (die herrliche Sindhu Vee), ein schwuler Sohn, und wenn noch wer fehlt, dann liegt es an mir und nicht an der auf der Serie “The Split” aus dem Jahr 2018ff basierdenden Neuverfilmung, damals mit der unübertroffenen Nicola Walker in der Hauptrolle (wird jetzt gegeben von Ritu Arya).

Dieses Mal ist das Drama um die reiche Familienrechtsanwaltsfamilie in Manchester angesiedelt und die Hauptfiguren kommen aus der britisch-indischen Oberschicht (man denke Rishi Sunak, dann hat man den richtigen Eindruck). Das erlaubt im Drehbuch ein paar Extravolten wie den Konflikt zwischen den religiösen Ritualen aus der “alten Heimat” und dem Wunsch, in der modernen britischen Gesellschaft angekommen zu sein. Außerdem trotz aller Aufklärung patriarchale Strukturen und – natürlich – alltäglicher Rassismus in den unterschiedlichsten Ausprägungen, aber sonst hält sich die Story streng an den Vorgänger.

Warum sollte man sich auch mehr Arbeit machen? Wer “The Split” kennt, weiß, was er mit “The Split Up” kriegt, plus Mango Lassi.

Guckt sich leicht weg und will auch nicht mehr.

In eigener Sache: Danksagung

So langsam kommen sie doch alle aus dem Urlaub wieder zurück, auch die, denen die Schulferien (inzwischen) sowas von wurscht sind. Und ich bin geschmeichelt, weil man mir, neben Bildern von wunderschönen Stränden, Architekturen und Sonstigem berichtet, dass im Urlaub endlich mal Zeit gewesen sei, mit dem flockblog aufzuholen und die Lektüre zum täglichen Ferienritual wurde.

Danke. Das ist mir Ehre und Ansporn zugleich. (Mit tiefer Verbeugung nach links ab.)

Aus dem Vokabelheft (Jugendsprache)

Ich steige an der zweiten nach der Endstation zu, trotzdem ist in der U-Bahn kaum mehr ein Sitzplatz frei (und außerdem tragen fast alle Tracht und die Luft ist geschwängert mit zu viel moschushaltigem Parfüm… Drecks-Oktoberfest!). Ich setze mich in den Vierer zu drei jungen Mädchen (jetzt sind die beleidigt), hmmm, jungen Damen (jetzt ist es mein Verstand), hmmm, gut, ich habs: weiblichen Heranwachsenden.

Das Trio trägt das Haar lang und offen, die Nägel lang und bunt bemalt, die Gesichter flächendeckend dick geschminkt, außerdem viel Modeschmuck und sonstiges Bling-Gebamsel. Sie sind, so scheint es, ins Gespräch vertieft. Die Wortführerin hadert nämlich mit ihrem grausamen Geschick: sie habe sich so behindert beeilt, aber weil der Typ am Schalter so behindert lahm gewesen sei, müsse sie morgen noch mal da hin. Behinderter gehe es ja wohl nicht?

Kinder (jetzad, das triffts), wenn ihr verstärkende Adjektive braucht, dann nehmt doch so was wie krass oder voll, die haben sich bei Generationen von jungen Menschen vor euch gut bewährt. Oder erfindet was neues. Aber viel schlimmer als den Begriff “behindert” so zu mißbrauchen geht es fast nicht.

Mann, bin ich froh, dass ich jetzt schon aussteige und dieses Gekeife hinter mir lassen kann.

Wo ist das Problem?

Ich kann auch bei 35° Außentemperatur Christstollen essen…

Solange mir jemand garantiert, dass es dann schön warm bleibt…

Rekorde

Wenn Oktoberfest ist, ist in München Ausnahmezustand. Selbst das einzige halbwegs seriöse Presseorgan dieser Stadt, die Süddeutsche Zeitung, erschlägt ihre Leser mit umfangreichster Wiesnberichtserstattung. Die Rekorde werden nicht nach schneller, höher, weiter bemessen, sondern in gefressenen Ochsen, gesoffenen Hektolitern Bier, Anzahl von Sanitätereinsätzen, Vergewaltigungen und Toten. Den ersten gabs gestern, da war die große Sause gerade mal in ihrem dritten Tag.

Mir, die ich hier schon so lange lebe, fällt das gar nicht mehr so richtig auf. Aber als ich neulich Menschen, die von weiter weg sind, davon sprach, ist mir klargeworden, wie pervers das eigentlich ist.

Und jetzt alle: “Ein Prohosit der Gemühütlichkeit”!