Nostalgie-Kino: Tanz auf dem Hakenkreuz, ein Double Feature – “Cabaret” (1972) und “The Producers” (1967)

Viel besser gehts nicht! “Cabaret” ist zu meiner Überraschung schon gut über fuffzich und noch so jung und morgenfrisch wie ehedem. Alle verfügbaren Hüte ab! Echt jetzt!

Liza Minnellis Sally Bowles ist ein kleines akrobatisches Persönchen mit einer riesengroßen Stimme und als Figur extrem versatil, alles, vom großäugigen kleinen Mädchen mit einem großen Traum bis zur zynischen Großstadtpflanze, die halt tut, was sie tun muss, um zu überleben – und alles dazwischen. Besser hätte man diese Rolle nicht besetzen können.

Überhaupt, dieses Jahr soll er ja endlich kommen, der Oscar fürs Casting – dabei wäre er schon damals mehr als verdient gewesen. Ich hätte ja beinahe vergessen, dass Fritz Wepper mal was anderes getan hat, als den Wagen zu holen (fragt Oma) oder wie unwahrscheinlich schön der junge Helmut Griem war und wie schnuckelig der sehr junge Michael York. Ganz und gar außergewöhnlich ist Joel Grey, der stark geschminkte Zeremonienmeister, an den sich wahrscheinlich alle von seinem Eröffnungsauftritt im KitKat-Club mit “Willkommen-Bienvenue-Welcome” erinnern. Ich habe jetzt erst verstanden, wie diabolisch-mephistophelisch die Rolle angelegt ist.

Der Film basiert auf einem Broadway-Musical, das auf den autobiographischen Geschichten von Christopher Isherwood basiert und hat von all dem das beste mitgenommen. Worum es geht? Zusammengefaßt um die Schicksale aller Sorten Menschen aus Sub- und Hochkultur in ein paar Monaten im Jahr 1931 in Babylon Berlin, während die Nationalsozialisten aufsteigen. Zunehmend lauter. Er hat insgesamt acht Oscars bekommen, nur nicht den für den besten Film. (Ist aber auch kein Wunder, wenn man gegen “The Godfather” antreten muss.)

Unbedingt einmal wieder anschauen, anschauen, anschauen und sich überraschen lassen. Unbedingt!

In “The Producers” sind noch älter, aber wirklich gut gehalten und immer noch sehr lustig. Der Produzent Max Bialystock (Zero Mostel) und sein zurückhaltender Buchhalter (Gene Wilder) wollen den ganz großen Coup landen. Viel Geld einsammeln und eine sehr sehr schreckliche billige Broadway-Show produzieren, die ganz sicher durchfällt, maximal eine Vorstellung, und dann mit dem restlichen Geld durchbrennen. “Springtime for Hitler” also.

Ist auch schrecklicher, als es gerade noch möglich scheint. Man möchte eigentlich alle paar Sekunden anhalten, um nichts von dem zu verpassen, was sich Mel Brooks ausgedacht hat. Vom Bierschaum-Mieder bis zum Eisernes-Kreuz-Nippel-Schutz… wer nicht so genau hinguckt, wähnt sich in einem Bayern auf Speed. Wer genau hinguckt, auch. Leider geht sein Plan nicht auf. Weil sein Publikum gar so gebildet ist, halten sie die Show für Satire und sie wird ein Erfolg – und nun hat der arme Bialystock erst recht ein Problem…

Auch unbedingt noch einmal anschauen, anschauen, anschauen!

Kostprobe gefällig?

Neu zum Strömen: “The Lincoln Lawyer”, Staffel 4

Dieser Tage stand in der Süddeutschen ein Artikel von Philipp Bovermann* mit der Überschrift: “Filme und Serien werden immer dümmer”, der kurz zusammengefaßt beschreibt, dass es beim Schreiben nicht mehr um Überraschungen geht, dramaturgischen Aufbau und Spannungsbögen, sondern darum, dass der nebenher auf dem Handy daddelnde Konsument “dranbleibt”. Alles, was geschieht, wird von den handelnden Protagonisten deswegen noch einmal verbal erklärt. “Die Tendenz geht eindeutig zum Hörspiel.” Der Algorithmus gibt vor, was “die Leute” sehen wollen, basierend auf Meßergebnissen. Aber “Algorithmen – künstliche Intelligenz – sind nicht kreativ. Sie bilden kleinste gemeinsame Nenner. Sie sind Normalisierungsmaschinen.” Statt Experimenten, die auch einmal schiefgehen können, werde nur mehr massenkompatibler Brei produziert. Netflix nennt dergleichen “‘Gourmet-Cheeseburger’ – etwas, das allen schmeckt, bisschen ungesund vielleicht, aber geil.”

Und nun zur 4. Staffel des Lincoln Lawyer, einer Serie, die ich bis dato wirklich gerne gesehen habe (und die besser ist, als der Film mit Matthew McConaughey aus dem Jahr 2011 – und das sage ich nicht leichtfertig). Bisher war die Serie so angelegt, dass es einen über die gesamte Staffel andauernden Erzählstrang und pro Folge mindestens einen großen glänzenden Auftritt im Gerichtssaal gab, in dem Manuel Garcia-Rulfo als Underdog in allerletzter Sekunde gegen das System siegte, meist repräsentiert durch Vertreter und Innen der Anklage, die mit Schurken aus Verbrechen, Politik oder Big Money gemeinsame Sache machten. Aber nicht mit Mickey! Hah!

Die 3. Staffel hatte mit einem Cliffhanger geendet. Während einer Routineverkehrskontrolle wurde im Kofferraum von Mickey Hollers blauem 1963er Lincoln Continental Convertible ein Toter gefunden und zu Beginn der 4. Staffel finden wir ihn, den Staranwalt, unter Mordverdacht im Knast. Hah! Von wegen Routine! Das hätte man sehr schön in zwei bis drei spannenden Folgen auflösen können. Stattdessen geschieht, was in dem SZ-Artikel beschrieben wird: jede Figur und ihren Beziehungen untereinander wird doppelt und dreifach erklärt und wenn die Figur mal eine Folge lang nicht oder wenig sichtbar war, wieder neu. Alles, was diese Leute tun, wird nicht gespielt, sondern erläutert, von ihnen selbst, von anderen, in hanebüchenen Dialogen. Gedehnt, gestreckt, breitgetreten. Ein Hefeteig wäre längst übergangen. Diese Serie dauuuert, es ist schlichtweg schmerzhaft. Man wird geradezu gezwungen, sich mit irgendwas nebenher zu beschäftigen, weil einem fad ist. Denn es braucht ganze zehn Folgen, bis der arme Kerl von allen Vorwürfen entlastet und der wahre Schurke (das System) gefunden ist.

What an utter shyte! Nicht anschauen! Lieber gleich der Nebenbeschäftigung nachgehen.

* Quelle: https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/streaming-netflix-algorithmen-dialoge-e583987