Neu zum Strömen: “The Lincoln Lawyer”, Staffel 4

Dieser Tage stand in der Süddeutschen ein Artikel von Philipp Bovermann* mit der Überschrift: “Filme und Serien werden immer dümmer”, der kurz zusammengefaßt beschreibt, dass es beim Schreiben nicht mehr um Überraschungen geht, dramaturgischen Aufbau und Spannungsbögen, sondern darum, dass der nebenher auf dem Handy daddelnde Konsument “dranbleibt”. Alles, was geschieht, wird von den handelnden Protagonisten deswegen noch einmal verbal erklärt. “Die Tendenz geht eindeutig zum Hörspiel.” Der Algorithmus gibt vor, was “die Leute” sehen wollen, basierend auf Meßergebnissen. Aber “Algorithmen – künstliche Intelligenz – sind nicht kreativ. Sie bilden kleinste gemeinsame Nenner. Sie sind Normalisierungsmaschinen.” Statt Experimenten, die auch einmal schiefgehen können, werde nur mehr massenkompatibler Brei produziert. Netflix nennt dergleichen “‘Gourmet-Cheeseburger’ – etwas, das allen schmeckt, bisschen ungesund vielleicht, aber geil.”

Und nun zur 4. Staffel des Lincoln Lawyer, einer Serie, die ich bis dato wirklich gerne gesehen habe (und die besser ist, als der Film mit Matthew McConaughey aus dem Jahr 2011 – und das sage ich nicht leichtfertig). Bisher war die Serie so angelegt, dass es einen über die gesamte Staffel andauernden Erzählstrang und pro Folge mindestens einen großen glänzenden Auftritt im Gerichtssaal gab, in dem Manuel Garcia-Rulfo als Underdog in allerletzter Sekunde gegen das System siegte, meist repräsentiert durch Vertreter und Innen der Anklage, die mit Schurken aus Verbrechen, Politik oder Big Money gemeinsame Sache machten. Aber nicht mit Mickey! Hah!

Die 3. Staffel hatte mit einem Cliffhanger geendet. Während einer Routineverkehrskontrolle wurde im Kofferraum von Mickey Hollers blauem 1963er Lincoln Continental Convertible ein Toter gefunden und zu Beginn der 4. Staffel finden wir ihn, den Staranwalt, unter Mordverdacht im Knast. Hah! Von wegen Routine! Das hätte man sehr schön in zwei bis drei spannenden Folgen auflösen können. Stattdessen geschieht, was in dem SZ-Artikel beschrieben wird: jede Figur und ihren Beziehungen untereinander wird doppelt und dreifach erklärt und wenn die Figur mal eine Folge lang nicht oder wenig sichtbar war, wieder neu. Alles, was diese Leute tun, wird nicht gespielt, sondern erläutert, von ihnen selbst, von anderen, in hanebüchenen Dialogen. Gedehnt, gestreckt, breitgetreten. Ein Hefeteig wäre längst übergangen. Diese Serie dauuuert, es ist schlichtweg schmerzhaft. Man wird geradezu gezwungen, sich mit irgendwas nebenher zu beschäftigen, weil einem fad ist. Denn es braucht ganze zehn Folgen, bis der arme Kerl von allen Vorwürfen entlastet und der wahre Schurke (das System) gefunden ist.

What an utter shyte! Nicht anschauen! Lieber gleich der Nebenbeschäftigung nachgehen.

* Quelle: https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/streaming-netflix-algorithmen-dialoge-e583987

Add a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

nineteen − one =