Gestern Abend im Künstlerhaus am Lenbachplatz: “Holz­fällen” mit Nicholas Ofczarek und Musicbanda Franui

Vorausgeschickt: Der Große Festsaal im Künstlerhaus ist kein guter Veranstaltungsort für diese Veranstaltung. Die Bestuhlung ist unglücklich, unsere 5. Reihe nicht versetzt mit der vierten, so dass der Blick auf den lesenden / vortragenden Ofczarek die meiste Zeit durch den nicht einmal besonders großen Herrn vor mir blockiert ist. Dafür sind die Sitze so dermaßen unbequem, dass man irgendwann nicht mehr weiß, welche Körperhaltung einzunehmen sei, um die 2:20 Stunden durchzuhalten.

Es gibt eine Lichtregie. Die ist vielleicht sogar gut. Die Qualität ist bloß nicht recht nachzuvollziehen, weil sie die ersten paar Reihen komplett einschließt und das geneigte Publikum eher geblendet wird, als den Effekt erlebt. Außerdem wird ununterbrochen eingenebelt. Weil die Lüftung des Saals aber älter zu sein scheint, als das ganze Haus, löst der Dauerqualm irgendwann Atemnot aus.

Bitte, bitte, bitte: das nächste mal wieder im Prinzregententheater spielen. Dort können sie sowas. Mit links. Nachdem ich meine Beschwerde nun losgeworden bin, nun zu Stück und Vortragskünstlern.

Als Studentin der Theaterwissenschaft in den Achtzigern bin ich an Thomas Bernhard nicht vorbeigekommen. DAS enfant terrible, neben Handke. Und, weil der Bernhard ja die Österreicher beschimpft hat und nicht die Deutschen, war sein Werk ein ganz ein herrlicher Tummelplatz für uns möglicherweise zukünftige Dramaturginnen oder Kritikerinnen.

In “Holz­fällen” führt der böse Bernhard sie alle vor: die Künstler, seien es Musiker oder Schauspieler, das Burgtheater und seinen eigen- und einzigartigen Platz in der österreichischen Rangordnung, die Wiener und ihr und sein Wien, Österreich im Ganzen und im Kleinen. Und sich selbst. Weil, was ist der Österreicher ohne Selbsthaß? Er tut das, indem er als Beobachter einer “künstlerischen Abendgesellschaft” aus seinem Ohrensessel heraus das ganz ganz feiner Skalpell ansetzt und jede, jeden und alles seziert. Auslöser der Zusammenkunft ist die Beerdigung einer alten Freundin, die sich just umgebracht hat. Erhängt. Was der Erzähler lakonisch als einen recht typischen, ja fast erwartbaren Schauspielertod kommentiert.

Ofczarek sitzt, in schlichtes Schwarz gekleidet auf einem simplen Stuhl in der Bühnenmitte, umrundet von der Musikbanda, vor sich einen Notenständer mit dem Text und setzt seine Stimme ein wie ein Skalpell. Er läßt die Hausfrau (und gealterte Sängerin) ehrfürchtig über den zu einem späten Abendmahl erwarteten Burgschauspieler tremolieren, den Hausherrn in einen fürchterlichen Rausch abgleiten – dessen allerdümmste Sprüche Franui mit einem getragenen “Auferstanden aus Ruinen” untermalt – eine alte Liebe und nun ganz furchtbar achtsame Schriftstellerin in einer sehr geschäftigen Stimmlage heillos unsensibel herumwüten, den spät nun endlich eingetroffenen Burgschaupieler gräßlich arrogant im eigenen Safte schmoren und läuft zu besonderer Hochform auf, wenn Bernhard wieder heftig gegen sich selbst tritt. Und die Musi spielt dazu. Es ist ein Fest! Franui spielen Trauermärsche so gekonnt wie Tischgespräche, unterschwellige Bosheiten so schön wie offenen Streit. Ich weiß gar nicht, wie ich diese Kunstform nennen soll und lasse es deswegen einfach sein.

Dabei vergißt keiner zu keinem Moment, dass dieser Ofczarek da vorne ja auch ein Burgschauspieler ist, und mit genau dieser Schimpftirade seit vorletztem Jahr ein Solo mit 10 Musikern auf den geheiligten Brettern der Bühne des Burgthaters spielt. Außer den beiden Damen neben uns, die beim ersten Black, der die Pause einleitet, glauben, nun sei das Stück aus und sich zu gehen anschicken. Sie können aufgehalten werden, mit dem Hinweis, dass doch das großartige dumme Zitat vom Burgschauspieler: “Wald, Hochwald, Holzfällen.” noch gar nicht gesprochen worden ist.

Wie schön, dass der junge Mann damals nach der Aufführung von “Die letzten Tage der Menschheit” (im Prinzregententheater, wo sowas hingehört) (s. https://flockblog.de/?p=51475) Flyer für “Holzfällen” verteilt hat und ich gleich wußte, wem ich mit diesem Abend eine Freude machen kann.

Dank meiner Begleitung, Herrn E. aus M.

Gelesen: Oskar Maria Graf – “Das Bayerische Dekameron”

Saft, Spratz, Platsch, Patsch, Klatsch, hinter-, vorder-, mittelfotzig, rauf, runter, rüber, rum, von vorn, von hinten, Lackl, Dackel, Sackl, hernehmen, rannehmen, schnackeln, packeln, sackeln – es geht einem beim Lesen förmlich der Dada durch.

Ehrlich, bei dieser Masse an Heuschobern, Leitern, Kammerfenstern und knarzenden Betten, den dauergespannten Hosenlätzen, strammen Milchbarmiedern und hochgeworfenen Röcken, alles geschwemmt in hektoliterweise Bier, muss man sich über das Bild, das der Rest der Welt von Bayern hat, nicht wundern.

In kleinen Dosen genossen macht das Büchlein großen Spaß.

Gelesen: Chloé Cruchaudet – “Es wird Zeit, Monsieur Proust”, 2. Teil

Ich habe Prousts Opus Magnum “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” nicht gelesen und werde das wahrscheinlich auch nie tun. Jaha, ich weiheiß, Weltliteratur und Kanon und… und ihr könnt mir sowas von gestohlen bleiben, ihr Das-MUSS-Man-Gelesen-Haben-Rechthaber. Nix muss ich. Ich weiß, dass der Duft von Madeleines eine wichtige Rolle spielt, das langt. Ey.

Moo-ment. Ganz andere Baustelle. Ich wollte doch über Madame Cruchaudets ganz wunderbare Graphic Novel sprechen, in der in zwei ganz exquisit gezeichneten Bänden die Geschichte der Céleste Albaret erzählt wird, einer ganz jungen Frau vom Lande, die ins stinkende Paris verpflanzt wird und zufällig (oder war es Fügung?) in den Proust’schen Haushalt gerät. Zunächst nur zuständig für Monsieurs Versorgung mit frischem Kaffee und Croissants, übernimmt sie mehr und mehr die Verantwortung für sein ganzes Leben und ist schließlich 24/7 im Dienst eines Mannes, der nie über das Stadium des verwöhnten kränklichen von viel Personal umsorgten Knaben hinausgekommen ist. Das zehrt ungemein. Irgendwann reicht es und in diesem Band “verläßt” Céleste Monsieur Proust. Er leidet. Sie auch. Aber: Sie kehrt nur zu ihren Bedingungen wieder zurück und bleibt, nebst Gatten und Schwester an des Dichters Seite bis zu dessen Tod. (Zum ersten Teil: s. hier: https://flockblog.de/?p=50624.)

Cruchaudet findet für diese gemeinsame Biographie die schönsten Bilder. Einer meiner Favoriten ist eine über zwei Seiten gestreckte Traumsequenz, in der Proust im gestreiften Pyjama im Garten seiner Sätze hackt, gießt und jätet oder, wieder eine Doppelseite, wie Céleste über Hängebrücken zwischen Pariser Landmarken den Umzug des zur Veränderung unfähigen Dichters in eine neue Wohnung organisiert.

Eine rundum gelungene Hommage an die Frau, ohne die das Proust’sche Werk nicht das Licht der Welt erblickt hätte.

Lesen! Lesen! Lesen!

Gelesen: Luz – “Zwei weibliche Halbakte”

So ein selten gutes Buch! Hut ab!

Luz, dem Anschlag auf Charlie Hebdo seinerzeit nur entkommen, weil er verschlafen hatte, nimmt sich der Hatz der Nationalsozialisten auf “entartete Kunst” an. In dieser faszinierend gut gelungenen Graphic Novel aus der Perspektive des Kunstwerks, eines Bildes von Otto Mueller, den titelgebenden “Zwei weiblichen Halbakten”.

Wahnsinn!

Die Leserschaft nimmt teil an der Entstehungsgeschichte 1919 (ganz herrlich), der ersten Ausstellung, dem Umzug Muellers aus der Kulturmetropole Berlin in die niederschlesische Provinz, als er in Breslau zu einer Professur an der Kunsthochschule berufen wird und dem Verkauf an den Sammler Ismar Littmann. Dort hängt das Bild im Studierzimmer, mit Blick aufs Fenster und muss mitansehen, wie die braunen Horden erstarken, marschieren, randalieren, drangsalieren und schließlich töten. Littmann, seiner Existenz durch Berufsverbot beraubt, begeht Selbstmord. Seine Familie muss die Sammlung verkaufen, um Geld für die Auswanderung zusammenzubekommen.

Noch auf dem Weg zum Händler werden die Bilder beschlagnahmt und ein großer Teil von ihnen in die Ausstellung “Entartete Kunst” aufgenommen. Dann sind die Panels schwarz, denn das Bild ist ja in einer Kiste verpackt. Nachdem die Wanderausstellung beendet ist, lassen die Nazis die Bilder in der Schweiz versteigern und ausgerechnet der in späteren Jahren sehr umstrittene Kunsthändler Gurlitt verhandelt einen Schweinedeal mit dem NS-Regime, der das Gemälde vor der Vernichtung bewahrt.

Es folgen zwei Seiten dunkle Bilder, betitelt “Das Lager”. Das Bild, in einer Kiste, nur mit “Blick” auf ein anderes Bild, das nach und nach unter Spinnweben verschwindet. Schließlich die Nachkriegszeit und der Weg zurück in die Öffentlichkeit, zur Tochter und Erbin Littmanns und schließlich der Ankauf durch das Museum Ludwig in Köln.

Es gibt Panels in diesem Buch, die stechen direkt ins Herz. Alle sind selbsterklärend, wer darüber hinaus noch über etwas Geschichtswissen verfügt, versteht mehr. Der Anhang ist klug aufbereitet und lesenswert, vor allem, wenn man, wie ich, in Kunstgeschichte etwas Nachhilfe braucht.

Wer dieses Jahr nicht viel Zeit zum Lesen hat, stelle in jedem Fall sicher, dass er dieses kluge schöne tolle Buch auf seiner Liste hat!

Lesen! Lesen! Lesen!

Stadtbild

Weiß schon, es wurde schon alles zum Thema Stadtbild gesagt, nachdem der Kanzler eine seiner wohlreflektierten Anmerkungen dazu öffentlich gemacht hatte. Aber noch nicht von mir.

Deswegen will ich heute eine Beobachtung beitragen: War es früher noch verpönt, sich die Reste einer Mahlzeit im Restaurant einpacken zu lassen und wenn, dann allenfalls verschämt mit der Ausrede “für den Hund”, ist es inzwischen gang und gäbe. Was dazu führt, dass am Ende eines Ausgehabends das Stadtbild bevölkert ist von Menschen, die je nach Speisenlokal, das, was vom Abendmahle übrigblieb, in formschönen Papier- oder weniger hübschen am Halse pragmatisch geknoteten Plastitüten oder gleich sackerlfrei in Alu-, Plastik- oder Styroporcontainern nach Hause tragen.

Wollte ich bloß mal gesagt haben. Zum Stadtbild.

MLK Day

Heute wird, wie an jedem 3. Montag im Januar, in den USA der Martin-Luther-King-Day begangen, was, wie die unzähligen Google-Suchen zeigen, in den Tagen der Regierung per Dekret nicht mehr so selbstverständlich ist, wie es einmal war. Aber noch ist MLK Day ein Federal- und ein Bank Holiday, das heißt Banken, Behörden, Postamt sind geschlossen und die Kinder haben schulfrei.

Wer das zu einem Ausflug in einen Nationalpark nutzen will, wird erfahren, dass ihm dennoch ein Dekret in den Weg geschmissen wurde: Der Eintritt ist an MLK Day nicht mehr frei. Das gilt übrigens auch für Juneteenth, den 19. Juni, an dem das Ende der Sklaverei gefeiert wird. Da wird jetzt auch Eintritt fällig.