Vorausgeschickt: Der Große Festsaal im Künstlerhaus ist kein guter Veranstaltungsort für diese Veranstaltung. Die Bestuhlung ist unglücklich, unsere 5. Reihe nicht versetzt mit der vierten, so dass der Blick auf den lesenden / vortragenden Ofczarek die meiste Zeit durch den nicht einmal besonders großen Herrn vor mir blockiert ist. Dafür sind die Sitze so dermaßen unbequem, dass man irgendwann nicht mehr weiß, welche Körperhaltung einzunehmen sei, um die 2:20 Stunden durchzuhalten.
Es gibt eine Lichtregie. Die ist vielleicht sogar gut. Die Qualität ist bloß nicht recht nachzuvollziehen, weil sie die ersten paar Reihen komplett einschließt und das geneigte Publikum eher geblendet wird, als den Effekt erlebt. Außerdem wird ununterbrochen eingenebelt. Weil die Lüftung des Saals aber älter zu sein scheint, als das ganze Haus, löst der Dauerqualm irgendwann Atemnot aus.
Bitte, bitte, bitte: das nächste mal wieder im Prinzregententheater spielen. Dort können sie sowas. Mit links. Nachdem ich meine Beschwerde nun losgeworden bin, nun zu Stück und Vortragskünstlern.
Als Studentin der Theaterwissenschaft in den Achtzigern bin ich an Thomas Bernhard nicht vorbeigekommen. DAS enfant terrible, neben Handke. Und, weil der Bernhard ja die Österreicher beschimpft hat und nicht die Deutschen, war sein Werk ein ganz ein herrlicher Tummelplatz für uns möglicherweise zukünftige Dramaturginnen oder Kritikerinnen.
In “Holzfällen” führt der böse Bernhard sie alle vor: die Künstler, seien es Musiker oder Schauspieler, das Burgtheater und seinen eigen- und einzigartigen Platz in der österreichischen Rangordnung, die Wiener und ihr und sein Wien, Österreich im Ganzen und im Kleinen. Und sich selbst. Weil, was ist der Österreicher ohne Selbsthaß? Er tut das, indem er als Beobachter einer “künstlerischen Abendgesellschaft” aus seinem Ohrensessel heraus das ganz ganz feiner Skalpell ansetzt und jede, jeden und alles seziert. Auslöser der Zusammenkunft ist die Beerdigung einer alten Freundin, die sich just umgebracht hat. Erhängt. Was der Erzähler lakonisch als einen recht typischen, ja fast erwartbaren Schauspielertod kommentiert.
Ofczarek sitzt, in schlichtes Schwarz gekleidet auf einem simplen Stuhl in der Bühnenmitte, umrundet von der Musikbanda, vor sich einen Notenständer mit dem Text und setzt seine Stimme ein wie ein Skalpell. Er läßt die Hausfrau (und gealterte Sängerin) ehrfürchtig über den zu einem späten Abendmahl erwarteten Burgschauspieler tremolieren, den Hausherrn in einen fürchterlichen Rausch abgleiten – dessen allerdümmste Sprüche Franui mit einem getragenen “Auferstanden aus Ruinen” untermalt – eine alte Liebe und nun ganz furchtbar achtsame Schriftstellerin in einer sehr geschäftigen Stimmlage heillos unsensibel herumwüten, den spät nun endlich eingetroffenen Burgschaupieler gräßlich arrogant im eigenen Safte schmoren und läuft zu besonderer Hochform auf, wenn Bernhard wieder heftig gegen sich selbst tritt. Und die Musi spielt dazu. Es ist ein Fest! Franui spielen Trauermärsche so gekonnt wie Tischgespräche, unterschwellige Bosheiten so schön wie offenen Streit. Ich weiß gar nicht, wie ich diese Kunstform nennen soll und lasse es deswegen einfach sein.
Dabei vergißt keiner zu keinem Moment, dass dieser Ofczarek da vorne ja auch ein Burgschauspieler ist, und mit genau dieser Schimpftirade seit vorletztem Jahr ein Solo mit 10 Musikern auf den geheiligten Brettern der Bühne des Burgthaters spielt. Außer den beiden Damen neben uns, die beim ersten Black, der die Pause einleitet, glauben, nun sei das Stück aus und sich zu gehen anschicken. Sie können aufgehalten werden, mit dem Hinweis, dass doch das großartige dumme Zitat vom Burgschauspieler: “Wald, Hochwald, Holzfällen.” noch gar nicht gesprochen worden ist.
Wie schön, dass der junge Mann damals nach der Aufführung von “Die letzten Tage der Menschheit” (im Prinzregententheater, wo sowas hingehört) (s. https://flockblog.de/?p=51475) Flyer für “Holzfällen” verteilt hat und ich gleich wußte, wem ich mit diesem Abend eine Freude machen kann.
Dank meiner Begleitung, Herrn E. aus M.