Verbrechen am Lebensmittel

Heute sollte es zu Mittag Schweinerippchen in Barbecue-Soße geben. Das kann richtig gut schmecken. Aber doch nicht, wenn man man rippenähnliche Stückchen aus Hackfleisch formt und unter die übliche dicke braune Ekelsauce ein paar Eßlöffel BBQ-Soße hebt.

Ich bin noch nicht reif für Mahlzeiten à la Greis. Noch zweimal schlecht schlafen, noch zwei mal aufstehen…

Zahlt isch zahlt!

Vorhin kam wieder mal ein Case Manager vorbei. Es liege ihr auf der Seele, mir zu versprechen, daß man alles tun werde, daß ich zum Muttertag wieder daheim bin, sagt sie. Sage ich, daß sich das gut trifft, da ich nämlich plane, mich am Freitag zu entlassen und gestern mit Thomas Allandale Rocas dem Dritten bereits besprochen habe, daß er mir heute ein Angebot für Home Care schickt, beginnend am Montag. Es war nicht uninteressant zu sehen, wie die Dollarzeichen in ihren Augen zu kleine Aschehäufchen zusammenfielen. Dann ein kurzes Aufbäumen – sie wisse aber noch nicht, ob der hiesige Arzt mir so schnell Discharge-Approval geben könne, vielleicht doch eher so Mitte nächster Woche. Hmmm, sage ich darauf, meine Therapeuten sind mit dem Heilerfolg extrem zufrieden, den Arzt habe ich noch nie getroffen und übrigens, ich zahle selbst. Bin weder mit Versicherungskonditionen noch anderem Kleinverwaltungsrumgetue erpreßbar. Das, findet sie auch, sind schlagende Argumente, denen stehe sie sehr offen gegenüber – sie werde dann mal alles für Freitag in die Wege leiten.

Ehrlich, da macht Kapitalismus auf a mal richtig Spaß. (Sag Heini zu mir: http://www.youtube.com/watch?v=LdQyQLs2THM)

Und heute quälen wir… Willie Nelson

Eine “Best-of”-Auswahl läuft seit dem frühen Morgen in Endlosschleife und ich will nicht mehr, nie nie mehr wissen, was mit all den Girls passiert, die er mal geliebt hat. Mir scheißegal. Halt die Schnauze, Willie!

Es wird nicht besser, wenn nebenher eine philippinische Telenovela schmettert. Da ist es allerdings inzwischen wirklich spannend. Als ich hier ankam, hatte Alexandra gerade erfahren, daß sie schwanger ist und aus irgendwelchen mir nicht erschließbaren Gründen, mußte sie Frieden mit ihrer lange verschollenen Schwester schließen, damit diese das Kindlein an ihrer Statt aufziehe. Der ganze Flur lag die letzten beiden Tage mit Alexandra in den Wehen und ernste ältere Herren mit tiefen guturalen Stimmen führten ernste Ältereherrengespräche, während Alexandra im Hintergrund brüllte, hechelte, stoßatmete und sehr leiden mußte. Endlich gestern krähte ein Neugeborenes in die Welt. Seitdem sind die alten Herren weg und ich fürchte, um Alexandra steht es auch nicht gut.

Ich glaube inzwischen, daß die Dame, die alle paar Minuten aufheult wie Timmy in South Park, nicht mit ihren Dämonen kämpft, sondern den Telenovelaschwachsinn zu nah an sich ranläßt.

“Action today on the 2nd Floor”

Als Literaturwissenschaftlerin könnte ich mich zur Zeit in Rekonvaleszenzreferenzen suhlen… Mal sehen, was mir so alles einfällt. Für den Zauberberg ist es direkt am Ozean zu flach und in einer Matratzengruft leidend zu verwesen ist auch nicht mein “spiel” – ganz im Gegenteil, für die langsameren unter den Schwestern bin ich schon viel zu schnell. Mit dem Effekt, daß heute die halbe Verwaltung aufmarschiert ist, um mir zu erklären, daß sie für mich “liable” seien und ich mich doch bitte für kleine Spaziergänge außerhalb des Geländes ordnungsgemäß abzumelden habe. Die Pragmatikerin aus der Buchhaltung kam drei Minuten später mit der Rechnung bis einschließlich Freitag und einem mobilen Kreditkartenlesegerät an. Sie sind jetzt zwar immer noch “liable”, bleiben aber nicht auf den Kosten sitzen, wenn’s mich wo auf die Schnauze haut.

Ich denke allerdings, daß ihr nicht ganz klar ist, daß sie sich vor lauter Geld schnell retten um mehr gebracht haben dürfte. Eigentlich sollte ich zunächst bis Samstag bleiben und aller Voraussicht nach gegen Mitte bis spätestens Ende der folgenden Woche entlassen werden. Nun hat sie meinen schwäbischen Ehrgeiz (“zahlt isch zahlt”) angestachelt, wäre doch gelacht, wenn ich nicht bis Freitag fit genug wäre, um die Anstalt zu verlassen. Anstalt? Ja. Das ist hier eine Einrichtung für die kurz- bis mittelfristige Pflege von Greisen, dem einen oder anderen Schlaganfallbetroffenen oder – ausnahmsweise – Reha nach Gelenkaustauschaktionen. Aktuell bin ich die einzige derartige Patientin und das Anstaltsnesthäkchen. Drum fällt es natürlich auf, daß meine Genesung so ungeheuer schnell verläuft und ich frischoperiert zu mehr imstande bin, als andere Insassen hier nach Wochen. Meine OT kann mir, sagt sie, eigentlich nix mehr Neues beibringen – 99% der Patienten seien zum Entlassungszeitpunkt noch nicht auf dem Level, auf dem ich schon bin und statt zu turnen, hat sie mich heute auf einen richtigen Kaffee aus richtigen gerösteten Bohnen in einem richtigen Coffeeshop nach einem richtigen “walk in the sunshine” eingeladen. Dafür muß ich nicht zahlender Gast sein, für solche Sperenzkerlen sind Carmen und ich eh schon auf nächste Woche verabredet.

Meine greise Nachbarin im Zweibettzimmer, die am besten schläft, wenn sie gegen den viel zu lauten Fernseher anschnarcht und gerne ihre favorisierte Krankenschwester direkt herbeijammert, statt diskret auf einen Knopf zu drücken, um sich dann bei Hellstbeleuchtung von mehreren Personen aus dem Bett in den Rollstuhl und dann aufs Klo und zurückhieven zu lassen, ist jetzt auch nicht ganz direkt dem Heilungserfolg zuträglich. Sie ist stolze Mutter von sechs Töchtern und drei Söhnen, die Zahl der Enkel und Urenkel ist volatil. Natürlich kommen die Lieben jeden Tag ab Frühnachmittag zu Besuch und dann schnattern sie. Mit Mama, Oma, am Telefon, untereinander, den Schwestern, anderem Personal und Patienten, dann kommt die Physiotherapeutin und der Troß zieht mit in den Trainingsraum und dann lassen sie Abendessen kommen und ich fühle wachsende Mordlust. Ab und an muß ich da nämlich mit dem Walker durch – dann hasse ich sie alle noch viel mehr. Zum Glück mach ich was mit Internet und nicht Altenpflege. Schon gar nicht auf philippinisch, wobei ich inzwischen die angemessenen Anreden für ältere Damen akzentfrei beherrsche: “naynay” und “lóla”. Was Filipinos seinerzeit in solchen Massen in den Großraum von Pacifica verschlagen hat, habe ich noch nicht recherchiert, aber inzwischen sind sie alt und grau und haben es hingekriegt, daß überdurchschnittlich viele jüngere Nachkommen Karrieren in der Altenpflege anstreben. Sie gehen mit den Greisen großartig um, freundlich, voller Achtung, respekt- und liebevoll, aufmerksam und mit einer Geduld, die ihresgleichen sucht.

Mir wäre es ja vor allem zu laut. Kein Gerät, daß nicht auf “Lärm XXL” eingestellt ist. An jedem Bett ein Fernseher, aus den Vierbettzimmern konkurrieren dann auch schon mal vier Programme lauthals gegeneinander. Keine Zimmertür je geschlossen, jeder Wind, jeder Nachtmahr, jeder Dämon gehört dem ganzen Flur. Immer. Immer. Immer piept, klingelt, scheppert irgendwas. Immer. Immer. Irgendwer stöhnt, wer anderer keucht, hustet, rülpst, befreit sich von Schleim und anderen Körperflüssigkeiten. Würde bekommt ohnehin einen ganz neuen Stellenwert. Für mich heißt geschlossene Badezimmertür, daß ich dahinter Verrichtungen nachgehe, die ich nicht mit der Öffentlichkeit zu teilen wünsche. Für das hiesige Personal ist es das Signal für “Notfall – Klopfen – Aufreißen”. Während die Schwester mit mir auf dem Gang die Qualität meines Stuhls diskutiert, hart, weich, viel, wenig, Farbe, Geruch, Form, stellt sich ein kleiner dicker Priester dazu. Er sieht aus, als klärte er in seiner Freizeit Kriminalfälle. Kostümiert in traditionellem Schwarz mit hochstehendem Kragen und gerade noch genug Resthaar, damit die Glatze wie frischgesalbt schimmert, ein Schüsselchen Oblaten in der Hand. “Wie?”, will er wissen “Wie hältst du’s mit der Religion?”

Eine Diskussion, die ich gerne und mit Leidenschaft führen würde. Vor allem mit einem Repräsentanten Petri, der auf meine Ansage “I am not religious” locker aus der Hüfte ein “Yup. Me neither.” zurückschießt. Aber doch nicht, wenn wieder irgendeine Hilfskraft am Sitz meines “Gowns” (hinten offen) herumwurschtelt. Man bekommt hier für die ersten Spaziergänge ein zweites Gown quasi falschrum angezogen, damit nicht immer eine dritte Person mitmuß, die hinten zuhält. Ein Elendsgewurschtel ist es trotzdem. Ich habe nicht die Größe, mich in einem solchen Kittel halbert entblößt und dennoch entspannt zu einem Gespräch über Gott und die Welt niederzulassen. Ich verstehe vor allem deren Sinn bei einem einigermaßen selbständigen Patienten nicht. Habe das Ding nach dieser Episode retourniert und bin seitem in Zivil unterwegs.

Meistens auf der Flucht vor Animateuren. Jeden morgen steht ungefragt eine/r im Zimmer (wie gesagt, Türen ganz weit offen) und lädt zum unglaublichen “DAILY FUN” ein. Ich preise mich inzwischen schon glücklich, wenn die “Action today on the 2nd Floor” tobt. Das heißt nämlich hier im dritten Stock nicht noch mehr zusätzlicher Lärm. Gestern war “Cinqo de Mayo” wo Pfleger in Mariachi-Kostümen mit Pappgitarren lustig zu Playback und mit einer Polonäse den Laden richtig aufgemischt haben. Aber sowas von. Zu essen gabs Pizza, Chips, Salsa und irgendwas lebensmittelgefärbtes, das Rotwein darstellen sollte. Heute früh war Chicken Dance (Ententanz) im Sitzen, abends Singen mit Jimmy, Traditionelles Liedgut zur Gitarre. Zur Vorbereitung und wg. Textsicherheit lief den ganzen Tag überlaut John Denver. Ich kann jetzt jedes Lied von dieser Platte auswenig. Rocky Mountain Man – ja mir gehst weg. Ehrlich, Evolution, man möchte an dir zweifeln – warum wachsen uns immer noch keine Ohrenklappen?

Heute lasse ich mir ein schönes fettes Mitternachts-Oxymoron reichen (pain management, hihi), vielleicht verpasse ich so mal den traditionellen Nightwalker-Treff um halb vier. Ich bin da eh nie gut drauf. Mich haben erstens Schmerzen sowie zweitens die Darmtätigkeit meiner Nachbarin nicht schlafen lassen und ich stehe bei allfälligen Diskussionen mit zwei Seniormitgliedern des Pflegepersonals dem Thema Euthanasie und selbstbestimmter Entscheidung, wann gut ist, schon wesentlich aufgeschlossener gegenüber als noch vor drei Tagen.

Beschlossen und verkündet: ich entlasse mich am Freitag. Zahlt isch zahlt. Und ich freue mich schon riesig, wenn daheim die paar Flieger und Züge nachts für den Lärm zuständig sind. Von Menschengeräuschen habe ich jetzt erst mal genug. Damit besteht eine reelle Chance, daß der alte Mann, der die ganze Nacht auf einer Plastikschüssel trommelt, das auch nächste Woche noch tut und ich sie ihm nicht zertrete.

Vom Therapieren

Einer meiner wichtigsten Genesungsbeiträge als Patient ist eigenverantwortliches “pain management”; mir steht eine ganz ordentliche Menge Opiate zur Verfügung und ich kann und muß steuern, was ich brauche, um mich bewegen zu wollen und zu können. Eine Nebenwirkung (??) von Oxycodon* ist sein Euphorisierungspotential. Ich bin ca. 20 Minuten nach der Einnahme sehr fröhlich und mitteilsam. Ja. Noch mehr als sonst.

Die Occupational Therapist Megan findet mich schon sehr fortgeschritten und will, daß ich nach dem Fast-schon-Strand-Spaziergang Wii-Balancespiele spiele. Weil ich deutsch bin, legt sie Fußball auf und meine arme Spielfigur kriegt ständig Stollenschuhe und Bälle ins Gesicht. Nur den Pandakopf haue ich zu Matsch und kassiere drei Strafpunkte. Frag ich, ob sie nicht noch ein anderes Spiel hat, weil ich von Fußball nix verstehe. Kriege ich Pinguin auf Eisscholle fängt Fische. Halte mich nicht lange mit den Spielregeln auf und werfe meinen Pinguin einfach bäuchlings auf die Fische – wir scoren in der ersten Runde sehr hoch und der gesamte Therapieturnsaal lacht sich schebbelig. Teile ihnen mit, daß es nicht nett ist, wenn man jemanden belacht, der high as a kite ist und daß ich ab morgen für die Alleinunterhaltung Eintritt verlangen werde. Habe bereits zwei Reservierungen.

* Ich habe es in einem meiner Euphorie-Flashes in Oxymoron umbenannt und inzwischen machen meine Nachtschwestern Ben und Christian sich einen Jux daraus, das Zeug unter diesem Namen auszuliefern.

“Do you know your precautions?”

precautionsMit einer neuen Hüfte muß man erst mal ganz arg aufpassen, daß nix “dislocated”, sondern zusammenwächst, was zusammengehört. Die drei wichtigsten Regeln haben sie mir in der Krüppelklasse seinerzeit schon eingeprügelt und gleich nach der OP wieder und dann hats jeder mit mir wiederholt, der im Zimmer vorbeikam, Doc, Schwestern, Therapeuten, Social Services, der Mann, der eigentlich seine Schwester besuchen wollte, das Reinigungspersonal, die Austauschstudenten aus der Gastroentologie, der Ambulanzfahrer – you get the picture. Jeder, ständig. NICHT nach vorne beugen, NICHT die Beine übereinander schlagen, NICHT das Bein nach innen drehen. Verstanden. Mache ich nicht. Niemals. Nie. Nicht.

Der Schutz der Zungenspitze scheint allerdings niemandem am Herzen zu liegen. Noch nicht einmal die winzigste Warnung – dabei braucht man die noch viel mehr und häufiger als beim rückwärts einparken…

Man kommt ja zu nix… vor lauter xund wern

Mir war die “Skilled Nursing Facility” gleich die Straße runter vom Krankenhaus schon auf den ersten Blick ziemlich zuwider, grau-schmierige Böden, Wände in Kotzgrün und Schleimgelb, schlurfende Kopfhängegeschöpfe und über dem ganzen ein Gestank wie in einem Feldlazarett in den Tropen nach der Mutter aller Schlachten. Inzwischen steht der Schuppen tatsächlich wegen eines Noro-Virus-Ausbruchs unter Quarantäne und man hat man mich gestern ohne weitere Umstände und Diskussionen in die Reha in Pacifica verbracht.

Seitdem hab ich zu tun. Wichtigste Übung: alleine rein und raus ins Bett. Bis heute früh war das jeweils eine schmerzhafte Aktion mit viel Grunzen und Drehen und wie-ein-Käfer-auf-dem-Rücken-fühlen, doch seit meiner Session mit Marjorie, meiner Occupational Therapist, benutze ich ein “Leg Up” (Stange, Schlaufe fertig) und jetzt geht das ziemlich flitzeflott. Ich habe für mich beschlossen, daß eine Woche Reha reicht und daß ich nächsten Samstag wieder nach Hause ziehen will. So sehr mir die Therapien gefallen und die Tips und Tricks für die Selbständigkeit, so wenig gefällt mir der Speiseplan. Den schreibt und kocht wer, der mich kennt und haßt: Rindfleischfetzen mit Glibberspeck in Dickbraunbatzsoße (“Gravy”), dünne weiße Nudeln in salzfreiem Wasser zu Tode gekocht, Zwiebelbohnengemüse ohne die winzigste Prise Gewürz und in einem Verhältnis von 3:1 zugunsten der Zwiebeln. Als Beilage Gurkensalat und Vollmilch, und zum Nachtisch Strawberry Chiffon Pie, also ein Berg roter Wackelpudding mit weißlichem Schmier. So, wie die hier Lebensmittel mißhandeln, wird mir das nebenher noch zu ungeplanten Diät. Zum Glück kommt Toni nachher und bringt mir ein Carepaket mit Selbstgebackenem.

Meine Genesung schreitet sehr erfolgreich voran, ich bin jung (für Hüftis) und “very armstrong” und kann ganz vieles schon alleine, wie zum Beispiel ein paar Stufen hinauf- und hinuntergehen. Das wird, und das wird vor allem schnell wieder. Ich freue mich schon auf die vielen “Dishes”, die man mir versprochen hat. In den hiesigen Köpfen steckt das ganz fest: wer krank ist, braucht zum Gesundwerden vor allem Essen. Am besten mundgerecht auf einem Teller schon fertig angerichtet. Ab nächste Woche, bitte. Aus allen Ecken der Welt bitte. Und noch das billigste indische Dal-Gericht wird besser schmecken, als das was diese Verbrecher hier in ihrer Küche produzieren? Küche? Ach was, das ist ein Labor. Wahrscheinlich Soylent Green 2014.

Jetzt weiß ich, was meine Mutter gemeint hat, daß man auf Kur keine Ruhe habe. Seit ich angefangen habe, diesen blogpost zu schreiben bin ich mit der PT Treppen gestiegen und wir haben ihren Ischias diskutiert (nicht gut, schon gar nicht in dem Beruf), war zweimal quer über den ganzen Flur zum Aufzug unterwegs und im 2. Stock wg.  Therapeutenoffice aufsuchen, habe ca. 3 kg Admission-Paperwork bekommen, das ich noch heute alles ausfüllen und zurückgeben muß, bin zum 4. Mal gewogen worden, wobei die Ergebnisse bestenfalls zweifelhaft sind und ungefähr 12 – 20 Pfund voneinander abweichen (vielleicht wollen die das ekelhafte Soylent Green Konzept demnächst als Superdiät verscherbeln), bin meiner Nurse entlaufen, und habe den Tablettenstundenplan durcheinander gebracht, der Anstaltsarzt hat seine Deutschkenntnisse an mir ausprobiert und irgendwer in einem blauen Hemdchen vermißt die Wärmehaube meines Mittagessens. Nein, ich habe sie nicht zur Kotzschüssel umgemünzt. Hätte aber jedes Recht gehabt.

Kaum schimpft man übers Essen, schon kommt auch “Chef Chanelle” daher und ermutigt mich, den Speiseplan nach meinem Gusto zu überarbeiten. Einfach ausstreichen, was ich nicht mag und durch was ersetzen, das mir schmeckt. Ich habe ihr gesagt, daß sie bitte nicht beleidigt sein darf, wenn sie meine Liste bekommt. Nicht sie kocht schlecht, ich bin picky. Und zwar die Königin von Pickistan. Aber jetzt ehrlich, wer kommt den schon auf die Idee, Zwiebel-Gurken-Salat zuzubreiten? Chanelle? Hmm? Das tut man doch nicht. Werde mich jetzt sofort an die Strichliste machen… Habe mir Toni zu Hilfe genommen, der ist ja auch recht heiklig mit dem Essen. Wir haben übereinstimmend den Garlic Bread Stick vom Mittwoch für möglicherweise eßbar identifiziert und haben aber ein bißchen Angst vor “Egg of the Day” (wahrscheinlich mit allem, was wegmuß) und noch mehr vor “Fish du Jour”. Ich will mein Heilprogramm unter allen Umständen vor “Sloppy Joe’s” am Samstagabend abgeschlossen haben! Und bis dahin habe ich ein fettes Carepaket mit Tonis guten selbstgebackenen Brötchen und Zwieback.

Damit schließt das erste medizinische Bulletin aus der Reha, morgen lasse ich mir einen Strandpaß geben… Marathon in ca. 3 Monaten.

Alles gut!

Bin wieder wach und habe eine Narbe auf meiner rechten Seite. Aliens, womoeglich?

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“Rotten to the bone”

So sei es, das amerikanische Health System. Sagt mein Chirurg. Ich komme – und das, bevor ich auch nur im Krankenhaus aufgeschienen bin – nicht umhin, ihm zuzustimmen. Den Hanseln dort verleihe ich schon jetzt den “Chaoti am Bande” mit extra Eichenlaub. Mein OP-Termin steht seit ein paar Wochen fest: 1. Mai, 07:30 in der Früh, um 6:00 Uhr spätestens da sein. Bis letzte Woche, wo ich eher beiläufig erfahre, daß ich für 10:00 Uhr früh im OP-Kalender stehe. Reicht auch lässig, wenn ich mich um 08:15 zum Rapport melde. Prima. Ganz prima. Dann kann Toni mich bringen und ich muß nicht nägelkauend auf ein für elendsfrühmorgens vorbestelltes Taxi warten, das dann am Ende nicht mal kommt.

Alles klar. Bis heute Abend, gegen 18:20. Da ruft eine Dame und fragt, ob mir denn schon wer gesagt habe, daß mein OP-Termin verschoben worden sei. Ja, klar, weiß ich, um 10:00 morgen früh, hab schon alles entsprechend organisiert. Wie? 10:00 Uhr? Nix 10:00 Uhr, ich bin um 07:30 dran, die Starter-OP. Nein, gute Frau, Sie täuschen sich. Man hat auf 10:00 Uhr verschoben, das habe ich sogar schriftlich. Nur, leider, wenn sich hier wer täuscht, bin ich das. Ich bin wieder neu terminiert worden, das paßt besser. Euch vielleicht. Mir nicht. Ich kann Toni gar nicht genug danken, daß er um 5:00 Uhr früh – einer wohlgemerkt einstelligen grausamen Tageszeit – aufstehen wird, um mich rechtzeitig abzuliefern.

Ich finde, es reicht vollkommen, Toni einmal am Tag herumzuhetzen. Das Krankenhaus findet, ich solle zur OP mit wenig bis nix ankommen, und mir dann nachmittags von meiner Familie bringen lassen, was ich für den Krankenhausaufenthalt brauche. Und zwei Tage später dann das Große Gepäck für die Reha. Von der im übrigen immer noch keiner weiß, wo. Das werde am Tag der Entlassung mit mir “diskutiert”. Ich bin ja schon todfroh, daß ich dem Doc bei meinem letzten Besuch gesagt habe, daß ich auf keinen Fall in das dem Krankenhaus angeschlossene Asyl will. (Mutet an wie die billige 40er Jahre Variante von Einer flog übers Kuckucksnest. Riecht schlimmer.) Da fiel ihm nämlich ein, daß man auch in Pacifica eine Reha habe, die werden von allen Patienten hochgelobt. Die hat auch, im Gegensatz zum Asyl, Fünfsternebewertungen. Das Asyl hat im Schnitt einen Stern und den auch nur, weil das System Null nicht zuläßt. Von mir aus mögen sie dort demente Greise aufbewahren, ich bin da noch falsch. Wie gesagt, man will den Reha-Aufenthalt am Tag meiner Entlassung mit mir besprechen. Vorher geht nicht. Warum? Nun, es könnte doch Komplikationen geben. Und dann sei da ein Zimmer für mich reserviert, das möglicherweise ungenutzt bleibe. Und wer zahlt uns das?

Seriously? Das erzählt man wem, der am nächsten Tag operiert wird? Super. Sehr motivierend. Und so vertrauenseinflößend.

Gaaah! Rotten to the bone!

Rant end.*

* Genug geschimpft. Dampf abgelassen.

Aus dem Vokabelheft

Wenn man hier jemandem Gutes wünscht, zum Beispiel Genesung, dann sagt man im Allgemeinen “my prayers are with you”. (Ich schließe dich in mein Gebet ein.) Ich kann das 1. nicht sagen, denn es wäre gelogen und damit kein guter Wunsch mehr und mag es 2. nicht hören, weil ich dann immer gleich an Beerdigungen denke.

Eben hat mich Lyn eine sehr gute Atheistenvariante gelehrt: “I hold a good thought for you.” Das geht. Denken hilft allemal mehr als beten.