Genesungsliteratur

Zum Serien wegschauen komme ich nicht so recht, ich kann nämlich noch nicht sehr lang sitzen und bin einfach kein Fan von liegend fernsehen. Lesen hingegen kann ich in jeder Stellung – und so habe ich mich daran gemacht, die vorsorglich aufgetürmten Bücherstapel abzuarbeiten.

Futureland: Nine Stories of an Imminent World von Walter Mosley

Walter Mosley ist schwarz. Und in jedem seiner Bücher geht es um alltäglichen Rassismus. Dieses Mal in neun ineinander verwobenen Kurzgeschichten, die in einer nicht zu fernen Zukunft spielen, in der ein dystopisches Amerika immer noch führende Weltmacht ist, aber, wie schon das heutige Amerika, nicht imstande, im Inneren mit Rassismus und Genderproblematik umzugehen (in einer Geschichte ist der Underdog-Held eine Boxerin (!!), pechschwarz, mit schier übermenschlichen Kräften, die ihre doppelt so schweren männlichen Gegner allesamt zu Brei schlägt). Keine Ahnung, was mir der Dichter damit sagen will, ich habe das Buch noch in der Reha an einen interessierten Pfleger weitergegeben.

The Harlem Hellfighters von Max Brooks und Caanan White

Der erste Weltkrieg hat nun auch hierzulande die Literatur erreicht. Und wo wir gerade bei Rassismus sind: in der schwarz-weißen Graphic Novel “Harlem Hellfighters” beschreiben Brooks und White die Geschichte der ersten amerikanischen Armeeeinheit, die aus Schwarzen und anderen dunkelhäutigen Männern zusammengesetzt war. Vom Training in – ausgerechnet – South Carolina bis zur Verschiffung nach Europa, wo sie, gemäß ihrer “Natur” selbstverständlich nicht im Kampf, sondern als Schiffsentlader, Lastenschlepper, Putzmänner etc. eingesetzt wurden. Bis die verzweifelte französische Armee sich die “Men of Bronze” ausleiht, um in ihrem harten Grabenkampf gegen die Armee des deutschen Kaisers die Lücken zu füllen. Die Bilder sind ganz großartig, riesige Panels mit endlosen Lazaretten, Schlachtfeldern, Friedhöfen. Ein Film ist schon in Arbeit.
Lesen! Lesen!

Florida Roadkill von Tim Dorsey

Vom Rassismus in den Sunshine State und gleich ärgern müssen. Tim Dorsey produziert am laufenden Meter lustige Florida-Geschichterl, im Ton schnoddrig und recht schön dick aufgetragen und dann sind es doch immer nur freche, lahme Abklätsche dessen, was Altmeister Carl Hiaasen schreibt. Heilsarmeespendentüte.

Stormy Weather von Carl Hiaasen

Der hinwiederum kann den Schnodder, den Wahnsinn und schafft es, seinen schrägen Protagonisten Leben und Plausibilität zu geben. “Stormy Weather” aus dem Jahre 1995 beschreibt Florida at its worst, in den Nachwehen von Hurricane Andrew, die lichtscheues Gesindel anziehen wie die Fliegen. Hauswiederaufbauercrews von sonstwo, denen weniger am Aufbau, als am Vorschuß gelegen ist, Versicherungsagenten und -betrüger, Gebäudeinspektoren und Häusermakler auf der Flucht, Klein-, Groß und Mittelkriminelle und solche, die es durch Gelegenheit werden. Hübsche brutale Morde, rührende Liebesszenen und ein Honeymoon in Disneyland. Sehr schön, sehr unterhaltsam. Man kann das auch richtig machen, Mr. Dorsey!
Lesen. Zum Beispiel am Strand, wenn am Horizont dunkle Wolken aufziehen.

Nemo: The Roses of Berlin von Kevin O’Neill und Alan Moore

So. Schluß. Aus. Fertig. Ich habe keine Ahnung, wieviel Alan Moore mit diesem humpfzigsten Band der “The League of Extraordinary Gentlemen” noch zu tun hat. Aber selbst meine Verehrung für den Meister rechtfertigt nicht, daß ich von diesem Müll noch einen einzigen weiteren Band kaufe. Dummsinniger Schwachsinn!

Countdown City: The Last Policeman Book II (Last Policeman Trilogy) von Ben Winters

Winters hält die Qualität des ersten Bandes aufrecht. Das gibt schon einmal Pluspunkte (gell, Mr. Moore!). Hank Palace, der letzte Polizist, ist etwas weniger nerdig verschroben, das mag aber auch daran liegen, daß angesichts des Endes der Welt alle anderen seltsamer werden. Der dritte Band erscheint im Juli.
Lesen! Lesen!

Skeleton Crew von Stephen King

In diesen Nächten, in denen man alle ein, zwei Stunden aufwacht, weil man nicht mehr liegen kann, oder das Bein ziept oder überhaupt, ist der Gruselguru King eine sichere Bank. Der Band ist eine Anthologie von Kurzgeschichten aus den Jahren 1968 bis 1985. Die meisten davon ordentlich, manche sogar sehr gut – was dieser Mensch unter Koks so rausgedonnert hat, ist im Nachhinein immer noch faszinierend.
Besser als pain killer.

The City of Ember (The First Book of Ember) von Jeanne DuPrau

Man stelle sich eine Stadt vor, die stets im Zwielicht liegt, farblos und grau, und in der die Menschen unter einer Verknappung der Resourcen leiden. Ferner stelle man sich zwei verschiedengeschlechtliche Zwölfjährige vor, die jüngst im Losverfahren ihre neuen Rollen im Dienste dieser Stadt zugeteilt bekommen haben und, getrieben von Neugier, Selbstgerechtigkeit und Abenteuerlust einen Weg aus dieser Stadt in eine neue helle Welt finden.

Anschließend frage man sich, ob man die Not fühlt, die anderen drei Bände dieser Saga wirlich noch zu lesen oder sich das vorhersehbare Ende kurz von wikipedia bestätigen zu lassen. Ich habe mich für letzteres entschieden. Heilsarmeespendentüte.

Das zweite wirklich gute und sehr überraschende Buch, das ich neben Last Policeman gelesen habe ist:

Shovel Ready von Adam Sternbergh

Ein richtiger hard-boiled Thriller, wahnsinnig böse und sehr lakonisch geschrieben. “Spademan”, ein ehemaliger Müllmann, wird nach dem Einschlag einer schmutzigen Bombe in Manhattan zum Hitman, also Auftragskiller. Ein Anruf, ein Name, ein Teppichmesser. Fertig. Ein erfolgreiches Geschäftsmodell, allerdings nur so lange, bis ein Klient versucht, ihn zu linken. Nicht mit Spademan.

Mir will scheinen, daß der Urvater aller Hitmen with a conscience, Léon der Profi, hier wohlwollend Pate gestanden hat. Herausgekommen ist ein in Stil und Erzählform sehr ungewöhnliches und fesselndes Werk.
Lesen! Lesen! Lesen!

Gesagt haben sie’s alle

Glauben tue ich es erst heute, wo der Muskelkater vom Mittwochsturnen so richtig zu schlägt – es kann nicht immer und jeden Tag steil aufwärts gehen. Der gängige Rhythmus ist “zwei Tage vorwärts, ein Tag zurück”. Zurück hatte ich noch nicht. Müde? Ja. Angestrengt? Ja. Aber nichts, was sich nicht durch ein Schläfchen hätte wieder beheben lassen.

Heute hingegen komme ich mir bei meinem Morgenspaziergang vor wie Faulus aus “Asterix und der Avernerschild”: “Nun, ich hab’ die erste Hälfte der ersten Platte fertig. Ich verschnauf’ ein wenig, dann feg’ ich die zweiten Hälfte der ersten Platte. Ich verschnauf’ ein wenig, dann feg’ ich die erste Hälfte der zweiten Platte. Ich verschnauf’ ein wenig, …” In meinem Fall: ersetze fegen durch gehen und wisse, daß amerikanische Gehsteige mit ca. quadratmetergroßen Platten gepflastert sind.

Wahrscheinlich merken meine Knochen, daß unser Hitzewellchen abebbt und zicken rum. Von mir aus. Dann gehe ich es heute eben gaaaanz langsam an. Erst mal ein Schläfchen und in der größten Not auch mal wieder ein lecker Oxycodon…

Was ich schon alles kann

pedal exerciserMeine OP war, auf Tag und Stunde genau, vor zwei Wochen. Und ich kann schon wieder alleine und unabhängig zu Hause wohnen (nur zum Putzen müßte ich jetzt bald mal jemanden anheuern). Ich gehe, mit einem kaum sichtbaren “limp” am Stock statt am Wagerle, turne mit Kilogewichten an den Knöcheln Übungen, die ich letzte Woche noch nicht mit dem puren Bein gekonnt hätte und bin gestern schon 4 Minuten “pedalt” (Schweißausbrüche, Flüche). Irgendwann in den letzten Tagen habe ich den “leg lifter” in den Ruhestand geschickt, ich glaube, mir ist es erst nach ein paar Mal Bein selbständig ins Bett heben aufgefallen, daß ich das schon wieder kann.

Gestern wollte der Therapeut mit mir üben, wie ich sicher aus einem Auto ein- und aussteige. Allerdings war ich da morgens schon zum Klammern entfernen im Krankenhaus gewesen, mit je einem Taxi hin- und zurück. Da hat er dieses Training wg. schon stattgefunden ausfallen lassen. So, wie es im Moment aussieht, stehe ich noch bis Ende nächster Woche unter Hausarrest mit verstärktem Turnen. Danach sollte ich wieder außer Haus arbeitsfähig sein, wenn auch noch nicht fahrtauglich. Wie wir das stemmen, weiß ich noch nicht, aber, wie man hier so schön sagt, I’ll cross that bridge when I am getting there.

Holla the Forrest Fairy!

Ich hätte nie gedacht, daß einfach so zu Hause zu wohnen es so dermaßen in sich haben könnte. Klar, ich kann alles ganz alleine, ich mach auch alles ganz alleine, aber in einem Tempo, das eine Weinbergschnecke zu Tränen rühren würde.

Die Badezimmerdetails führe ich nicht aus, man stelle sich einfach alles noch viel umständlicher vor, als man geneigt ist, sich umständlich vorzustellen, das ist schon nah dran. Ich wäre heute früh auch ganz prima ohne die Bonusrunde “Klo verstopft” ausgekommen. Hinkend pümpeln ist eine Erfahrung für sich. Ich brauche sowieso danach meist eine kleine Pause, etwas Stretching, nochmal kurz niedersetzen und vielleicht noch mal ein Päuschen. Heute eine extra Pause, denn dann folgt –

sock-aidKlamotten anziehen: Unterhose mit dem Grabber auf dem Boden fixieren, Fuß reinheben, mit dem Grabber auf Kniehöhe hochziehen, dann den anderen Fuß (der, mit dem Bein, das ich anwinkeln kann) in die richtige Öffnung bugsieren, hochziehen. Schweißausbruch. Noch einmal wiederholen mit irgendwelchen Jogginghosen. Wieder Schweißausbruch. Und keine 10 Minuten später bin ich “untenrum” angezogen. Der Rest ist ein Kinderspiel, wobei zur Zeit der Inhalt meiner Schränke auf den Kommoden ausliegt, weil bücken und Schubladen aufziehen erst mal noch nicht zu meinen besten Fertigkeiten zählt. Zu meinem Riesenglück haben wir gerade ein Hitzewellchen und das spart mir das äußerst mühselige Anziehen von Strümpfen. Wer das noch nie mit einem Sock-Aid (links) versucht hat, weiß nicht, was ihm entgangen ist (im wesentlichen Verzweiflung, Schweißausbrüche und phantasievolle Flüche.)

Jetzt ist allerhöchste Zeit für Kaffee. Seit ich wieder daheim bin, ist mir erst bewußt, wievieler verschiedener Arbeitsgänge es bedarf, bis endlich Frühstück auf dem Tisch steht. Falls ich beabsichtige, zu essen, ist die eine Variante Müsli (Schüssel aus dem Schrank nehmen, aus dem anderen Schrank ein Müsli aussuchen, sich natürlich für das entscheiden, das noch geschlossen ist. Pappkarton auf, Müslitüte entnehmen, die Schere herbeihumpeln, aufschneiden, in die Schüssel schütten, Tüte zufalten und – mit Tüte – zur Schublade humpeln, in der die Zuklipper sind, zuklippen, Beutel zurück in den Schrank. Weiter zum Kühlschrank, halb vorbeugen, dabei das heilende Bein nach hinten strecken, Milch entnehmen. Mit Milch und Stock zur Schüssel, dran denken, was der Therapeut gestern gesagt hat: bloß nicht hinken, ordentlicher normaler Schrittablauf, Hacke, Spitze, Hacke, Spitze, schön abrollen. Mit der Milch am Spülstein ankommen – was wollte ich gleich nochmal? War so aufs Gehen konzentriert, daß mir alles andere entfallen ist. Genau. Päuschen machen. Nein, nicht, vielmehr, das wars: Jetzt Milch auf Müsli gießen, Löffel rein und zum Tisch hump… nein, gehen. Schritt für Schritt. Abstellen. Zurück. Pappkarton zusammenfalten, ins Altpapier. Und weil es so heiß ist, muß die Milch gleich wieder in den Kühlschrank, allerdings nicht, bevor ich im Vorbeigehen einen reichlichen Schluck in die große Milchkaffeetasse gegeben habe, man ist ja effizient… Tasse auf den Tisch. Hinsetzen. Schweißausbruch. Päuschen. (Kaffee zu kochen ist nicht wesentlich weniger umständlich…)

Die andere Variante ist Frühstück bringen lassen, so wie gestern. Sehr schön. Mit einem Besuch und einem Schwatz verbunden, im Garten, in der Sonne. Anschließend Mittagsschlaf und Kräfte sammeln für den ersten physiotherapeutischen Hausbesuch. Der Mann heißt mit Vornamen Generick – also mehr können einen Eltern doch gar nicht hassen, oder? Und wie jeder Physiotherapeut hat er einen Stammbaum voller Folterer, der bis weit hinter die Inquisition zurückreicht. Ist alles nur zu meinem Besten, ich weiß, aber einen Spruch wie “das tut mir mehr weh als dir” hätte es nicht gebraucht. Das ist pfeilgrad gelogen! Und der kommt die Woche noch zwei Mal… Glücklicherweise ohne seinen Kumpel Pablo von der Verwaltung. Pablo hat es fertiggebracht, während ich schon mit einem Ball zwischen den Knien geklemmt in kaltem Schweiß ausgebrochen bin, mir nur noch “ganz schnell” den “HomeCare”-Vertrag zur Unterschrift vorzulegen. In zwei Exemplaren. Leider auch in zwei Versionen: einmal die von mir bearbeitete und einmal den ursprünglichen Dreimonatsvertrag. Ich bin deutsch. Ich kann “legal”. Der Unterschied ist mir selbst schwitzend und leidend aufgefallen – sehr peinlich für Pablo. Er ist mit tausend Entschuldigungen und beiden Kopien wieder abgezogen und hat sie mir am nächsten Tag um viertel vor acht morgens wieder vorgelegt. Und brav gewartet, bis ich beide, diesmal gleichlautenden Exemplare zwar schlaftrunken aber ganz gelesen hatte, und ihm nun mit gutem Gewissen eines unterschreibe und mitgebe.

Das ist im hiesigen Gesundheitssystem wirklich nervig: Der oh so mündige Patient muß bis zum Nasenkipfele voll mit Drogen am Tag nach der OP mit privaten Reha-Anbietern die besten Konditionen verhandeln und kaum in der Reha angekommen, beginnt das gleiche Spiel mit privaten HomeCare-Anbietern wieder. Ich bin ja noch privilegiert, ich kann im Internet recherchieren und habe meine sieben Sinne soweit beieinander, daß ich Unstimmigkeiten entdecke und korrigieren lassen kann. Wer das nicht (mehr) kann, ist verratzt. Den kostet so ein Eingriff wirklich Haus und Hof. Auch jetzt noch. Der Affordable Health Care Act hat so viele Schlupflöcher für die Große Gesundheitsindustrie gelassen, daß man sich als kleiner Wurscht eigentlich nur mit Expertenunterstützung hindurch navigieren kann. Und das muß sich Joe Sixpack (der hiesige Cousin von Otto Normalverbraucher) erst einmal leisten können.

Mir flattern gerade täglich Rechnungen ins Haus. Vom Röntgenarzt. Vom Labor. Vom Krankenhaus, für die Benutzung des Labors. Vom Chirurgen. Vom Assistenzarzt des Chirurgen. Vom Arzt in der Reha, der einmal kurz die Anzahl der Stiche nachgezählt, und mich dann zum Verbandwechseln eine Dreiviertelstunde rumliegenlassen hat (bis ich selbst aufstand und die Stationsschwester rekrutierte). In der Reha haben sie neben meinen “vitals” ohnehin umgehend das Limit meiner Kreditkarte gecheckt; nicht, daß ich ihnen am Ende davonlaufe. Jeder ist in diesem System ein selbständiger (Sub)Unternehmer. Und jeder will seinen Reibach machen. Verständlich, aber nicht patientenfreundlich oder gar der Genesung zuträglich. Die große Rechnung vom Krankenhaus selbst steht noch aus – ich hoffe aber auf Rabatt, weil ich den Flatscreenfernseher nicht benutzt habe…

Soweit mein Tag mit allen Billen und Unbillen bis ca. Mittag. Wie’s weitergeht folgt im nächsten blogpost. Man möchte ja seine Leser auch nicht zumüllen. Ich werde morgen früh einen Ausflug ins Krankenhaus unternehmen. Selbständig, im Taxi, um die Fäden ziehen zu lassen.

Nur eines weiß ich jetzt schon: daß ich nicht weiß, wie ich all die mir entgegengebrachte “kindness” je wieder gut machen kann.

Home sweet Home

Der Abschied von Therapeutinnen und Pfleger/innen gestern war herzzereißend. Selbst wenn ein Gutteil des Mitfreuens über den schnellen Heilerfolg dem professionellen Stolz geschuldet gewesen sein mag, aber daß fast jede/r nochmal rasch vorbeikam, um mich beim Auszug zu herzen und zu drücken, das war schon rührend. Ich bade ohnehin in einem Meer von Zuwendung: kaum war ich mit viel Ächzen und Stöhnen ins Auto ein-, war ich auch gleich wieder ausgestiegen, denn Toni und ich waren zum Mittagessen im Restaurant ums Eck. Richtiges Essen, mit Geschmack. Und weil alles gerade so gut lief,  anschließend beim Grocery Shopping. Toni ist stolz darauf, weder für Wehr- noch Zivildienst eingezogen gewesen worden zu sein, aber wie bei allem im Leben, rächt sich sowas… Ich finde ja, er ist als Zivi geradezu begnadet. Wagerle ans Auto stellen, Zeug hinterherschleppen, sich im Supermarkt nach Sachen bücken oder strecken, Teele kochen – you name it, er tut’s. Ich habe keine Ahnung, wie ich das je wieder gut machen kann.

Kaum daheim, mußte ich erst mal ein Schläfchen machen und als ich erquickt – nach zweieinhalb Stunden – zurückkehrte, bei den Nachbarn angeben und vorhinken, was ich schon alles kann. Worauf Carmen die extra-große Backform zückte und uns mit Lasagne bekochte und für mich noch einen schnellen Zäsarensalat zusammenschnibbelte, mit Croutons und Dressing extra, damit alles schön knackig bleibt. Wir treffen uns jetzt täglich auf ein check-in Schwätzle, man weiß ja nie und wenn ich mich nicht binnen 5 Minuten auf eine SMS rühre, steht sie da. Abendessen, Heute-Show und dann war für mich schon wieder Bettzeit, während Toni, der Allerguteste, an meinem Rechner die mal wieder längst fällige Maintenance übernahm. Wie gesagt, keine Ahnung, wie ich das je wieder gut machen kann.

Das war vielleicht eine Nacht! Eine meiner besten: keine Dämonen, kein Gefiepe, kein Schnarchen (wobei Toni angeboten hatte, das zu übernehmen, wenn Bedarf besteht), kein Rumgerenne auf dem Gang und niemand, der mich um 2:30 Uhr früh weckt, um meine “vitals” zu überprüfen. Blutdruckmanschette, Klipper auf dem Finger und Thermometer in den Schnabel und sich dann wundern, wenn der Blutdruck sehr tief und der Puls eher langsam ist. Aber immerhin war sichergestellt, daß ich damit immer pünktlich um halb vier mit dem Texas Ranger* bei den Nightwalkers mitschob.

Nein, ich habe viele Stunden geschlafen und dann meine ersten Spaziergänge unternommen. Bis zum ersten, zweiten, dritten Straßenreinigungsparkverbotschild. Bis ganz ans Ende der Straße und dann bis vor zur Angus und wieder zurück. Und meine Perimeter stetig erweitert. Heute Nachmittag dann schon mit Begleitung ganze vier Blocks marschiert – es wird zunehmend besser.

Ich bin total begeistert! Ich bin dem Genesungsplan eine gute Woche voraus und kann schon fast alles wieder alleine, wahrscheinlich sogar duschen, weil Toni heute mit einer Engelsgeduld in einem viel zu kleinen Badezimmer eine Duschbank für mich installiert hat. Sogar Wäschewaschen geht, wenn ich die Maschine mit dem Greifer be- und entlade und mir wer den Wäschekorb (Danke, Toni!) nach draußen trägt – aufhängen gildet schon wieder als Geh- und Stretchtraining. Ebenso abhängen, für den Rest engagiere ich Korbträger.

Morgen kommt ein Kollege mit seiner Tochter vorbei und sie haben frische leckere Lebensmittel vom Farmers Market angekündigt. Seit ich heute nun die Vertragsverhandlungen abgeschlossen habe, geht am Montag “Home Care” los, da kommen Physio/Ergo-Therapeut ins Haus und turnen mit mir, was ich alleine nicht turnen kann. Abends kommt ein anderer Kollege und bringt Essen – seine Frau kocht saumäßig gut und findet, daß jeder Mensch wenigstens eine wohlschmeckende indische Mahlzeit pro Tag essen sollte.

Für Dienstag hat sich die liebe Frau eines weiteren Kollegen angesagt, “to walk with you, chat with you, and make sure you’re well fed”** und am Mittwoch gehe ich ins Krankenhaus, damit der Doc seine Naht bewundern und die Klammern rausziehen kann. Dafür, daß ich krank zu Hause bin, ist richtig schön viel los. Wer mich auf skype sieht, klingle durch – ich freue mich über Gesellschaft! The more the merrier.

* So haben wir heute den Walker genannt. Meine Oxys machen so dermaßen saualbern. Oder ich war schon immer so. Weiß nicht. Krönung schräger Wortschöpfungen ist bis dato die “Bohnensäge”. (Im Englischen ein durchaus sinnvolles Wort: “bone-saw”. Im Denglischen einfach nur gut für einen mehrminütigen Kicheranfall, auch mehrfach. Carmencita, hast du vielleicht in die Lasagne noch was anderes gerührt als Nudeln, Tomaten und Hackfleisch?)

** Ganz fest im amerikanischen Denken verankert ist die heilende Wirkung von “Dishes”. Fertig zubereitete “homemade” Mahlzeiten in einer netten Portion auf einem Teller, den man zum Aufwärmen nur noch in die Mikrowelle schiebt.

Noch einmal aufstehen

Man möchte nicht glauben, wie aufwendig Check-out ist, ich hatte jedenfalls den ganzen Vormittag zu tun. Erstens: Unter Aufsicht duschen, nicht, daß ich das daheim dann falsch mache. Da steht in jedem Post-OP-Ratgeber, man möge den Badewannenboden mit Antirutsch-Dingern pflastern – bloß: hier gibts keine und sie legen die Fliesen mit alten Handtüchern aus. Trotz Hindernissen war ich so schnell quietschesauber, daß noch eine halbe Stunde Spaziergang drin war. Mit Whale Watching* und das Ein- und Aussteigen in ein Auto wiederholen. Nächste Stunde: Am Stock gehen. An einem alten schweren Stock ohne gescheite Federung und mit scheuerndem Kunststoffgriff. Meiner daheim wiegt nix, ist superstoßgedämpft und der Griff ist mit Schaumgummi bezogen – ein echter “HurryCane”. So ein Schwachsinn – man sollte doch meinen, daß der Sinn von Rehabilitation darin besteht, die Rückkehr in den Alltag zu erleichtern und nicht mit extraaltem Equipment zu erschweren. Obwohl, möglicherweise ist der Test, hier unter erschwerten Bedinungen den aufrechten Stand zu wahren. (Was nicht umbringt und so…) Die Therapeutin war dazu überfragt. Für hier und heute habe ich eh austherapiert.

Nun im Meeting mit einem Team aus Discharge Manager, Case Manager, Head Nurse und Florinda von General Administration den “schedule” für morgen diskutieren. Ja, meine Medikamente werde man mir mitgeben, damit ich nicht gleich zur Apotheke zu rennen brauche; nach drei Anläufen war die Liste denn auch komplett. Zwei Therapiestunden in der Frühe kann ich auch noch bekommen (habe mir schon eine Stunde Herumalbern mit dem Wii gewünscht), aber… Was aber? Also, wenn ich nochmal Mittagessen will und länger als bis High Noon bleibe, dann müssen sie mir nochmal einen vollen Tag berechnen. Nochmal langsam: ihr erklärt gerade einer Schwäbin, daß einmal auf diesen Drecksfraß zu verzichten ihr ein paar hundert Dollar spart? Hmm, da muß ich jetzt aber wirklich nachdenken. Nein, muß ich nicht: “You got it, ladies. No lunch for Sabine tomorrow. I’ll be gone by noon.” Den Spezialrollstuhltransporter müsse man ebenfalls extra…, nein, müßt ihr nicht. Ich kann schon in einem ganz normalen Auto mitfahren (siehe oben). Ja, und dann die große Frage, ob mein Mann denn morgen schon so früh aus der Arbeit wegkönne. Weiß ich nicht, wir sind seit über 20 Jahren geschieden – aber Toni kann und will und wird. Und ja, zuverlässig ist er auch. Sehr.

Mittagessen: Wärmehaube auf, nasebeleidigenden Duftschwall inhaliert und nach Inaugenscheinnahme einfach Deckel wieder drauf. Ich trinke mein warmes Diet Coke, werfe ein Double-Whammy Oxycodon ein und verschenke den Nachtisch “Blushing Pears” = Dosenbirnen mit Päcklespuderparmesan an meine Zimmernachbarin. Mittagessen Ende. Anschließend plane ich mich in Oxys Armen bei einem Mittagsschläfchen von den vormittäglichen Anstrengungen zu erholen. Meine reizende Zimmernachbarin hat in meiner mehrstündigen Abwesenheit den Lautstärkeregler ihres Fernsehers frech auf immer noch lauter gedreht und Alexandras Baby schreit den ganzen Flur zusammen. Dann wird es für sein hübsches Kleidchen und die schönen Löckchen gelobt und bedankt sich artig. Halt, Moment, das paßt nicht. Zum richtig schlafen ist es viel zu laut und beim Halbertdösen erschließe ich mir, daß das Gebrüll wohl eine Rückblende war. Das Kind ist inzwischen bei Jezebel gelandet, von der ich, ohne sie je gesehen zu haben, weiß, daß sie ausschließlich und zu jeder Tages- und Nachtzeit Paloma-Picasso-Farben trägt (Rouge et Noir), viel Gold, Make-up und große Sonnenbrillen, man hört schon an der Stimme, daß sie eine Böse ist und so einen Namen geben einem die Drehbuchautoren ja auch nicht von ungefähr. Jezebel intrigriert und spielt jeden gegen jeden aus – bevor ich den Mittagsschlaf endgültig aufgebe und mir wieder mit Kopfhörern meinen eigenen Lärm in die Ohren blase, bekommt das Balg ungeplant und sehr zu Jezebels Mißvergnügen die Masern und sie verspätet sich zum entscheidenden konspirativen Treffen. Das Schicksal (und der Name) von Alexandras Baby wird wohl auf dem Haufen der ungelösten Fragen in meinem Leben landen.**

Eine treue deutsche Leserin hat meine letzten ewiglangen*** blogposts mit “so schlecht kann’s ihr gar nicht gehen, so wie sie übers Essen schimpft” kommentiert. Das stimmt, und dafür, daß mir amerikanisches Essen weder in der Variante ungewürzt aber dafür püriert, noch in der Standardzubereitung (viel, aber nicht gut) nicht schmeckt, kann die Küche des Pacifcarehab Center http://www.pacificarehab.com/ nichts.  (Man beachte die geniale Aneinanderreihung sinnhafter Worte – das hätte mit San Bruno nicht geklappt.) Für meine Genesung haben sie hier ungeheuer viel getan, ich bin aktuell dem üblichen Verlauf ca. eine gute Woche voraus. Was die Pfleger/innen hier stemmen, ist bewundernswert – die Personaldecke ist zwar dichter als in vielen anderen Einrichtungen, aber natürlich langts nie. Trotzdem habe ich nicht ein einziges Mal einen ungeduldigen oder unfreundlichen Ton gehört und ich bewundere eine/n jede/n für den liebe- und respektvollen Umgang mit alten Menschen, denen Hirn und Körper dahinschwinden. Es ist bestimmt gut gemeint, den ehemaligen Architekten in der Ergo-Therapie in diesem quenglenden Kleiner-Prinz-Ton dazu aufzufordern “Bitte, zeichne mir ein Haus”. Der Mann schaut dann aus ungeheuer traurigen Augen von der Zeitung hoch, die man ihm morgens aufgeschlagen in die Hand gesteckt hat und dann wackelt er mit dem Kopf. Das Magazin ist am nächsten Tag eine Seite weitergeblättert und er ist immer noch aphasisch und mag kein Haus zeichnen. Ich weiß nicht, ob warm, trocken und schmerzfrei gehalten zu werden die Bezeichnung “Leben” verdient und ob er sich das gewünscht hat/hätte. Die Dämonenfrau wird morgens aus dem Bett geholt, in eine frische Windel und ein trockenes “gown” gesteckt und für den Rest des Tages in ihrem Rollstuhl dazugestellt, wo sich mehrere Menschen Personal aufhalten. Sie heult alle paar Minuten tageszeitenunabhängig in Klang und Tragweite eines geflügelten Wolfs auf. Nur wenn sie in ihre Windel kackt, knurrt sie. Auch sie wird warm, satt, sauber und trocken gehalten und nicht irgendwo im Hinterzimmer versteckt. Dennoch, will man so vegetieren? Manche alten Männer verbringen den ganzen Tag im Bett und starren in den Fernseher**** – außer bei gelegentlichen Therapieeinheiten, deren Dauer von der Qualität ihrer Krankenversicherung abhängt. Wenn man den Therapeuten glauben darf, lungern gelegentlich Versicherungsdetektive im und ums Gebäude herum – sobald nämlich einer einen gewissen Fortschritt erreicht hat, wird er in die “Selbständigkeit” entlassen. Bei vielen führt das direkt zum Pappkarton auf dem Heizungsschacht. Das heißt, die Therapeuten müssen auf den Erhalt des Status quo behandeln, wenn sie ihre Patienten schützen wollen – und nicht auf Besserung.

In diesem Haufen schuffelnder kopfhängender trauriger Geschöpfe fällt dann ein Exot wie die Dame heute früh doppelt auf. Zwar in Trainingsklamotten, aber mit Stil gekleidet, Haarband, ein bißchen Make-up und voller Antrieb, hier wieder rauszukommen – “I used to be a prima ballerina in the Austin Opera House – still can’t believe I wracked my knee”. Und dann reckt und streckt sie sich an den Stangen vor dem Spiegel, daß man “Standing Ovations” geben möchte. Kann nur keiner aufstehen, so schnell. Derweilen werden andere auf die Trainingsräder plaziert, ein Gown richtig-, eines falschrum und ein Handtuch über die Körpermitte – dann sind schon mal 10 von 35 Therapieminuten um und sie dürfen endlich lostreten. Warum gibt man denen nicht simple Baumwollturnhosen und Hemdchen? Dauert auch nicht länger zum Anziehen, wäre aber so viel sinniger – und würdiger. Von Würde möchte ich gar nicht erst wieder anfangen, das ist ein viel zu weites Feld.

Kann aber jedem nur ans Herz legen, so eine Woche zu verbringen, wo man allen Varianten von Lebensende ausgesetzt ist – und selbst drauf angewiesen, daß einem einer vom Klo hochhilft oder aus dem Bett, weil das Bein noch nicht wieder Kraft dafür hat. Ich bin privilegiert. Ich gehe hier wieder weg. Aber: Ich werde mir daheim meine Patientenverfügung noch einmal ganz genau ansehen und ich hoffe, daß die bloße Masse unserer Babyboomer-Generation dafür sorgt, daß Gesetzesänderungen für unterstütztes oder selbständiges Sterben beschleunigt werden und der Zugang zu entsprechender Medikation liberalisiert. Freitod ist einer vegetabilen Existenz allemal vorzuziehen.

 

* Gerade ist Algenblüte und jeden Tag ziehen mehrere Walschulen am Horizont vorbei. Manchmal wirft sich einer auf die Seite und fächelt die Leckereien mit den großen Flossen an die Oberfläche und dann lassen sich Pelikan- und Möwenschwärme wie Steine ins Wasser fallen. Reha am Meer ist großartig!

** Kaum schreibt man vier Stunden blogpost, gibt Jezebel in einer stürmischen Nacht auf einer Klippe dem Rollstuhl mit Alexandras Baby drin einen kräftigen Schubs. Mit diesem Cliff Hanger (hihi, Wortspiel) ist dann für heute erst mal Schluß.

*** Hey, not my fault. Oxycodon macht geschwätzig. Ich hätte allerdings vorher auch nicht vermutet, daß ich über meine hiesigen sehr langweiligen Tage soviel zu erzählen haben würde.

**** Mein neuer Freund Bellamy, 86: “I used to ride my truck from coast to coast. Now I lay in bed, watch TV and wait for death to keep his appointment. You know what, girl? Guy’s bloody late.”

Konflikt

Heute ist “Special Early Mother’s Day Celebration”, der Stab hat den halben Tag den Dining Room mütterlich dekoriert (verstaubte Plastik- und Papierblumengirlanden in Puderrosa und Lavendellila und batteriebetriebene gackerlgelbe Kopfwehduftlichter). Vor einer halben Stunde zog ein Rollstuhlkaravan in den Dining Room ein und seitdem dudelt Glenn Miller mit der gesamten Big Band in Originallautstärke durch den Flur. Eben hat ein Herr auffordernd zu mir hereingewunken; weiße Hosen, rotgestreiftes Hemd und Kreissägenstrohhut und die unverkennbaren Mission im Gesicht, alte Witze zu erzählen. Bin hin- und hergerissen: Müßte ich da jetzt eigentlich nicht teilnehmen, um vom zu erwartenden Grauen als direkte Augen- und (halbtaube) Ohrenzeugin zu berichten?

Quatsch, muß ich nicht. Selbstschutz ist ein wesentlich höheres Gut!

Vorhin, auf dem Parkplatz von Taco Bell

Dem Typen vom Taco-Bell-Take-Out-Schalter suppt eine riesige Tüte voller Burritos durch und die ganze Bescherung landet auf dem Boden. Exakt da, wo keine halbe Minute später Juan Pérez seinen Klaubauf zurücksetzt und einmal mit dem extrabreiten Hinterreifen und dann noch mal mit dem extrabreiten Vorderreifen den Beutel vollends erledigt. Da stehen sie nun und gucken dumm. Und jetzt? Das ziehen die uns doch vom Gehalt ab. Nix da, Juan ist ein Käpsele, lädt noch eine Extraladung Twice Cooked Beans und Grünbatz (enthält alles außer Avocados) auf den Truck dazu und liefert aus. An Chef Chanelle. Wer Rippchen aus Hackfleisch macht, der macht auch Gute-Nacht-Burritos für Senioren aus Roadkill. Aber Bohnen dazu? Mußte das sein?

Ich wünsche ihr, daß sie die nächste Bohnenfolgennacht hier im Vierbettzimmer mit einer Gehbehinderung ans Bett gefesselt verbringen möge. Und zwar in einer Nacht wie dieser, wo die Spätschicht ausschließlich von Immigranten besetzt ist, die sich mit einem Zweit- oder gar Drittjob über Wasser halten. Spaß soll sie keinen haben, diese Lebensmittelquälerin.

Lil’ “Baby Sunshine”

Alexandras Baby scheint schwer traumatisiert, ißt nicht gescheit und weint viel. Nach drei Folgen Kindergeplärr mit dramatischen Streichern hat selbst die gutmütige Tante genug und legt ein Gelübde ab: nur noch dem Kindeswohl will sie sich widmen und nicht mehr länger ihrer sündhaften Liebe zu einem verheirateten Mann.

Der ist dagegen.