“Weltherrschaft”*

Als wir gestern heimkamen, schwang die Fliegentür frei im Wind. Ich knalle die morgens immer heftig zu; das kann nur bedeuten, daß untertags mal wieder wer ums Haus geschlichen ist und siehe da, zwischen Fußmatte und Haustür eingeklemmt stellt mir ein zartlilanes Pamphlet die folgenden Fragen:

– Braucht’s das? [Why do we need one?]

– Geht das überhaupt? [Is it possible?]

– Und wer macht’s? [Who is qualified to rule?]

Ich, Herrschaften, habe nach dreiwöchiger Pause den ganzen Tag gearbeitet und anschließend (with a little help from Toni – danke, wie immer!) noch einkauft und ein Rezept eingelöst. Ich bin müde, und hungrig, und durstig, und muß aufs Klo – Weltherrschaft ist gerade nicht mein Problem, es sei denn, ihr tragt sie mir an.

Beim Rückseite lesen stellt sich ‘raus: die Fragen sind nur rhetorisch, die Zeugen Jehovas haben die Antwort längst und wollen sie mir mit zwei “theatrical productions”, vorgeführt von “international delegates” und “missionaries from around the globe” näherbringen. Ich werde die Einladung mal wieder nicht annehmen, obwohl sie schwabenkompatibel gestaltet ist, da man weder Eintritt verlangen, noch den Klingelbeutel herumgehen lassen werde. (“You won’t be charged admission, and no collection will be taken.”)

Laßt mich doch einfach in Ruhe, ihr Pack!

 

* Gut, das ist ein bissele frei übersetzt. Im Ursprungstext ist von “A World Government” die Rede.

Memorial Day

Am Montag wird hier der Memorial Day begangen, ein Tag des Erinnerns an die Menschen, die als Angehörige der amerikanischen Streitkräfte ihr Leben verloren haben. Nicht zu verwechseln mit dem Veterans Day im November, der ist für die, die durchgekommen sind. Kein Feiertag ist vorgesehen für die, die durch die US-Army umgekommen sind. Das ist einfach bad luck.

Flag US ArmyBei meinem Morgenspaziergang* habe ich eben durchgezählt: Der Straßenabschnitt umfaßt knapp 30 Häuser, vor 6 davon ist bereits heute das “Star-Spangled Banner” gehißt und zwei weitere haben schon die “Flag of the United States Army” aufgezogen. (Die “Continental Army” wurde 1775 gegründet, mit General George Washington als “Commander-in-Chief”.)

An Patrioten mangelt es uns hier nicht.

* Wenn man hierzulande mit seiner Töle Gassi geht, heißt das “to walk the dog”. Wer’s nicht selber machen mag, heuert dafür sogenannte Dogwalker. Ich für meinen Teil habe mich als “Hipwalker” spezialisiert…

Back in the workforce

Nach nunmehr drei Wochen (gestern war 3. OP anniversary) in Jogginghosen, Schlabber-T-Shirts und Schlappen gilt es, mich heute früh “bürofein” anzukleiden. Also richtige Hosen (zu weit) und vor allem Strümpfe und Schuhe (wg. Klimaanlage). Rechte Socke auf die Sock-Aid gespannt, hineingewurschtelt, mit dem “dress-hook” nachjustiert. Als Entspannungsübung ganz konventionell die linke Socke angezogen. Anschließend mit dem hyperlangen Schuhlöffel in die vorgeschnürten Schuhe geschlüpft. Geht alles, dauert bloß. Und aus reinem Spaß an der Freud’ das erste von drei neuen online geshoppten Blüschen ausgewählt. s. a. –> Retail Therapy. Dem Anlaß angemessen in Feuerrot, denn ich werde endlich mal wieder einen ganzen Tag unter Menschen verbringen. Arbeitend, im Büro. Und ich freue mich drauf!

Eine Kollegin wird mich in ein paar Minuten hin- und Toni der Allerguteste zurückchauffieren. Mein Projekt für nächste Woche wird sein – neben Arbeiten am Dienstag und Mittwoch (Montag ist Feiertag) und mit Generick ordentlich weitertrainieren am Donnerstag und Freitag – mehr Selbständigkeit durch selbst fahren zu erlangen. Heavy stuff!

Außerdem hoffe ich, daß es kommende Woche gelingen wird, endlich das Rezept einzulösen, daß mir der Doc letzte Woche ausgestellt hat. Davor haben die Drugstore-Götte wilde Regeln gesetzt. Man erinnere sich: Das geht hierzulande nur, wenn die Apotheke den Herrn Doktor persönlich an die Strippe bekommt und ihn fragt, ob er das mit dem Opiat-Rezept für eine Patientin mit funkelnagelneuer Hüfte wirklich ernst gemeint hat. Daß mein Name auf dem Wisch steht, ich mich ausweisen kann, für einen Junkie wesentlich zu schwergewichtig bin und der Doc persönlich unterschrieben hat, reicht der Apothekerin bei weitem noch nicht. Zweiter Anlauf heute Abend. Schau ma moi.

Es gibt sie noch, die guten Feen

Meine heißt Zucely, kommt aus Guatemala und ist in das Häuschen eingefahren wie ein Wirbelwind. Binnen dreier Stunden waren Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer gewischt, gesaugt und entstaubt, das Bett frisch bezogen, die Wäsche gewaschen und aufgehängt und sie freut sich jetzt schon auf ernsthaftes “deep cleaning” in den kommenden Wochen.

Ich auch!

Double-Whammy

Huiuiui!

Nachdem ich morgens remotely fleißig gearbeitet, ein bißchen Haushalt, ein bißchen exercises sowie zwei je einen Block lange Spaziergänge gemacht hatte, kam am Nachmittag Generick, um mich ordentlich ins Schwitzen zu bringen. Gewichte an die Knöchel, Anzahl der Wiederholungen mal flott aus dem Stand verdoppeln und mich nach einer Dreiviertelstunde etwas desillusioniert und todmüde (ein Schläfchen, jetzt!) zurückzulassen. Alles zu meinem Besten, weiß ich, aber ehrlich, ich hatte schon beim Turnen eine ziemlich genaue Ahnung vom zu erwartenden Muskelkater.

Dann hatte ich Depp gleich für abends auch noch eine Fachfrau zur Narbenbehandlung bestellt. Dabei tut der Patient erst mal selber gar nichts, außer liegen und die aufgestaute Wundflüssigkeit aus dem Umfeld der recht langen Narbe ausstreichen lassen. Das ist erst mal nur wohlig, piekt an den Nahtstellen ein bißchen und macht so dermaßen müde, daß ich um 09:00 Uhr in einen tiefen Schlaf sank. Bis Mitternacht. Dann ist allen Muskeln eingefallen, daß sie kollektiv beleidigt sind und sie haben zum Generalstreik aufgerufen. Entspannungsübungen, Atemübungen, Entspannungsübungen, Atemübungen, hierher Drehen, woanders hin Drehen, Hochlagern, Flachlagern…. War ihnen wurscht. Alle beleidigt. Kollektiv. Gegen 4:00 Uhr früh habe ich aufgegeben und zum ersten Mal seit Tagen den Oxy-Vorrat wieder angegriffen und mir ein paar Stunden Schlaf gekauft.

Generick kommt heute wieder und wir werden Gehen ohne Stock (“assistive device”) und ein paar andere Gemeinheiten üben und ich arbeite gerade ganz heftig an meiner Kampfmoral und daran, meine Finger vom Telefon fernzuhalten und für heute um Gnade zu betteln. Nix da! Was nicht umbringt…

Aus dem Vokabelheft

Normalerweise kommt in diese Rubrik, was meine Kollegen an schönen Idiomen von sich geben. Was tun, wenn man seine Tage eher alleine fristet*? Frau liest viel und sammelt ihre Idiome aus Büchern.

Wie zum Beispiel die “Salad Days” des noch jugendlichen Helden. Das Lexikon setzt offensichtlich Muttersprachler voraus, denn es beschreibt diesen Lebensabschnitt wie folgt: “Salad days is an idiomatic expression, referring to a youthful time, accompanied by the inexperience, enthusiasm, idealism, innocence, or indiscretion that one associates with a young person. More modern use, especially in the United States, refers to a person’s heyday when somebody was at the peak of their abilities—not necessarily in that person’s youth.” Was folgern wir daraus: Salattage sind nicht etwa Heutage (das wäre hay). Hey leitet sich her von heyah oder hurray und beschreiben will der Angelsachse damit die Tage der “Jugend Maienblüte” oder auch “jung und dumm”, je nach Kontext.

In Falle dieses Werkes ist der Held jung und dumm und macht Unfug. Das führt dazu, daß er vor Gericht gestellt wird. Ist aber alles nicht so ernst gemeint, denn es ist ein “Kangaroo court” – also ein Gericht, das nur so tut als ob.

Der junge Mann hat kein Talent fürs wirkliche Leben und flüchtet sich immer wieder gerne in “flights of fancy”, also Luftschlösser. Wobei “fancy” eh so ein schönes Wort ist: man kann einen Drink fancy-en oder einen anderen Menschen oder einfach seiner Phantasie freien Lauf lassen: “whatever tickles your fancy”.

Das Buch? Ist nicht wert, daß ich seinen Namen erwähne und liegt halbgelesen in der Heilsarmeetüte. Aber die Idiome waren hübsch.

 

* Nicht rumheulen, Sabine. Generick kommt jeden 2. Tag, gerade dann, wenn die Muskeln aufhören, ihren wildesten Kater auszuleben und heute hat mich eine liebe Kollegin mit Mittagessen besucht. Dim Sum aus dem Richmond District, der “besseren Chinatown” in San Francisco. Und wieder soviel mitgebracht, daß es auch noch fürs Abendessen reicht.

Überschätzt

Da will ich heute mit dem kleinen Pedalo mal meine ersten 10 Minuten wegtreten und da kugelt mir der kleine Teufel schier die neue Hüfte aus. Das lasse ich vielleicht doch erst mal lieber noch bleiben.

Merke: Pedalingzeit ist erst, wenn der Proband selbständig in die Schlaufen kommt und nicht den Greifer zu Hilfe nehmen muß.

Keine Atempause…

Es geht voran! Zu 1 km Gehen pro Tag (mit Stock, damit ich nicht heimlich hinke, wenn das Bein müde wird) kommen jetzt schon 2 x 10 Minuten pedalen. Ich habe mir, weil das die Übung war, die ich am wenigsten mochte, gleich so ein Foltergerät gekauft und von Generick, meinem persönlicher Haus- und Hoffolterer, heute mit der passenden Belastung einrichten lassen. Nunc est tretum. Und alle anderen Übungen mit mehr und mehr Wiederholungen.

Ich finde ja, ich bin bei vielem noch sehr lahm, er findet, ich sei dem üblichen Genesungsprozeß jetzt schon ein paar Wochen voraus und soll mich nicht so haben. Dann habe ich mich halt mal nicht so und freue mich über alles, was ich schon kann. Am meisten darauf, daß ich bald wieder mit meinen Dicken Damen umeinanderspratzeln kann. Aber davor haben die Götter Autofahren gesetzt, und bis ich das versuchen darf, dauert es noch mindestens bis Ende des Monats. Also noch ein Dutzend Tage. Die sitze ich doch pedalend auf einer Arschbacke ab. Pah!

1/42 Marathon

Ich war kurz davor, einen Lagerkoller (hier: “cabin fever”) zu kriegen. Ich kenne inzwischen jede halbe Platte auf meiner Straße mit Vor- und Zunamen, jeden Spalt, Riß und Grashalm und andere Stockstolperfallen und bin heute extra schon mal einen Block weitergegangen, zum Briefkasten und um neue Platten-Bekanntschaften zu machen. Der Stockradius ist halt doch noch ein enger.

Auftritt Superman (aka Toni), der Rächer der Witwen und Waisen. Weil von denen gerade keine Bedarf angemeldet hatte, hat er stattdessen meinen Horizont erweitert. Erst mit einer Fahrt zur Apotheke, den Oxy-Vorrat auffüllen. Ja woher denn? Das geht hierzulande nur, wenn die Apotheke den Herrn Doktor persönlich an die Strippe bekommt und ihn fragt, ob er das mit dem Opiat-Rezept für eine Patientin mit funkelnagelneuer Hüfte wirklich ernst gemeint hat. Daß mein Name auf dem Wisch steht, ich mich ausweisen kann, für einen Junkie wesentlich zu schwergewichtig bin und der Doc persönlich unterschrieben hat, reicht der Apothekerin bei weitem noch nicht. Da könnte ja jeder kommen… Mann, bin ich froh, daß ich noch einen kleinen Stash daheim habe und vorsorglich schon jetzt den Refill beantragt – das scheint eine mehrtägige Aktion zu werden. Wir ziehen unverrichteter Dinge und mit Rezept wieder ab. Nervig ist das!

Weiter zum wichtigeren Teil des Ausflugs: Ans Meer! Mit unverstelltem Blick und steifer Brise sind wir den ganzen langen Pacifica-Steg einmal hin (1,140 Füße)- und wieder zurückgegangen (1,140 Füße) inklusive Krabbenfischern in die wohlgefüllten Eimer und Wellen gucken. Nix ist der Genesung zuträglicher als ein weiter Blick und ordentliche Flutwogen!

Danach noch grocery shopping, wo mein Beitrag die Auswahl der aufzusuchenden Gänge und Lebensmittel war und Toni sich um den lästigen Rest wie Einkaufswagen vollpacken, Einkäufe schleppen und im Auto und anschließend in den Schränken zu verstauen gekümmert und für unser Abendmahl gesorgt hat.

So weit wie heute bin ich seit dem 1. Mai nicht am Stück gelaufen. Gar nicht zu sprechen von drei Mal an einem Tag in ein Auto ein- und aussteigen. Ich war fix und alle! Ich glaube, ich werde erst morgen nach einem langen langen Schlaf zu schätzen wissen, welchen großen Fortschritt ich in den knapp zweieinhalb Wochen schon gemacht habe.