“Good Job!”*

Tag 1 und Innerer hat noch nicht mitbekommen, daß die Zeit nach Foltereinheiten mit Generick nun die Zeit von Selbstfolterhausaufgaben ohne Generick geworden ist. Unter anderem, jeden Tag mindestens einen Block ohne Stock zügiges Gehen und dabei ein Schritt-Tempo von 120 Schritten pro Minute halten.

Kann ich. Und werde gelobt von allen Hundebesitzern auf meiner Straße, die mich in den letzten paar Wochen mit Walker, Stock und nun ohne gesehen haben. Verstehe seit heute den Sinn jubelnder Massen beim Stadioneinlaufendspurt, denn ich habe mich angesichts der vielen Augenzeugen gar nicht getraut zu schwächeln.

* = “Gut gemacht!”

Entlassen

Generick, aka “Physiotherapist from Hell”, hat mir heute mit ein paar ganz extra gemeinen Übungen gezeigt, welche meiner Muskeln noch einiges an Aufbauarbeit brauchen. In kurz: viele und viel. Die nächsten paar Monate werden kein Zuckerschlecken und ich werde Innerer sehr häufig treten müssen. Ich bin dann nämlich wieder auf mich alleine gestellt, denn heute war schon der letzte Hausbesuchstag. Zur Feier des Tages bekam der Quadrizeps eine zwanzigminütige Ultraschallmassage und zum Abschluß ein Menthol-Icing. Wenn Quadrizepse schnurren könnten, dann hätte ers getan. Ich hatte zum ersten Mal seit über zwei Wochen keine Muskelschmerzen!

Anschließend wurden mir fast feierlich ein knappes Pfund “Discharge Papers” zur Unterschrift vorgelegt und eine Art Urkunde mit “erfolgreich teilgenommen” überreicht. Hat irgendwie Erinnerungen an die dunklen Zeiten der Bundesjugendspiele geweckt; da hat’s auch nie zu mehr gereicht – und es war mindestens genauso anstrengend!

Alles in allem war ich 2 Tage im Krankenhaus, 6 Tage in einer Reha-Einrichtung und knapp 2 Wochen mit insgesamt 8 physiotherapeutischen Hausbesuchen daheim, wobei ich in dieser Zeit natürlich bereits mindestens halbtags von zu Hause aus gearbeitet habe. Dagegen ist das deutsche Gesundheitssystem ein totales Schlaraffenland. Aber hey, wer wird sich beschweren: dafür ist es hier um den Faktor 5 teurer. (Ja. Das meine ich sarkastisch. Sehr.)

Neue Country Music

Es gibt glaube ich niemanden, der Tammy Wynettes Boys-will-be-Boys-Pauschalvergebungs-Hymne “Stand by your Man” nicht kennt. Das Duo “My Darling Clementine” macht mit dem nett, brav und verständnisvoll sein jetzt ein für allemal Schluß – No Matter What Tammy Said.

Mir gefällts.

http://www.youtube.com/watch?v=pnfTdfHY8PI

Ekliges Geschlürfe

7-Eleven-Mustache-SummerslurpeeAus der Slurpee-Maschine in Apus Kwik-E-Mart quillt traditionell halbgefrorenes Zuckerwasser in Phantasiefarben. Wer aber glaubt, das gäbe es nur im Zeichentrickfilm in Springfield, der liegt falsch, denn die Schlimmsupermarktkette 7-Eleven hat sich als “Summer-Sensation” Slurpee Yars (=Kübel) mit trendigen Schnurrbartstrohhalmen einfallen lassen.

Dem Vernehmen nach ein Renner. Ich muß ja nicht alles probieren. Nein, muß ich nicht.

Aus dem Vokabelheft

Jetzt, wo’s nimmer lang hin ist zur WM in Brasilien mein voraussichtlich einziger Beitrag dazu: Die klassische Fußballerfrisur, der Vokuhila, heißt hierzulande “Mullet Hawk”, was wörtlich “Meeräschenfalke” bedeutet.

Ich halt’s da traditionell mit Else Kling: Wenn’s schee macht…

Noch mehr Telenovela

Wer eine neue Titan-Hüfte hat, verliert automatisch die Fähigkeit, sich seine Zehennägel selbst zu schneiden und muß zur Pediküre. Das ist halt mal so, Luxus zieht Luxus nach…

Ich halte ja immer gar nix von langen Aufenthalten bei Menschen, die einem die Haarfrisur aufhübschen oder an den Brauen herumzupfen und habe meiner Happy-For-Ever-Beauty-Salon-Dame denn auch gleich den Zahn gezogen, die gekürzten Zehennägel mit bunten Lacken zu bemalen. Nur Füße waschen, Krallen stutzen, und wieder weggehen lassen. Sie hat das sehr hübsch gemacht und heimlich noch Wadenmassagen mit grünem Schrubberbaatz und lilanem Duftbalsam draufgegeben. Das war okay, denn ich war abgelenkt und durfte derweil fernsehen.

Hallo Ballett! In vietnamesischen Telenovelas gehts vielleicht zu! Schurken, erkennbar an der aufgetürmten Entenbürzelfrisur, morden eine ältere Dame, indem sie ihr so lange mit einem blauen Röhrchen vor dem Gesicht herumfuchteln, bis sie schließlich lieber stirbt, als das noch länger zu ertragen. Dann macht die Nachricht vom Mord die Runde, und in entsetzlich eingerichteten Schlafzimmern klingeln Handys. Wer abnimmt, bellt was hinein und schaut nach dem Ausstoßen eines guturalen Lauts fürderhin blicklos in die Ferne und läßt zum Zeichen der Bestürzung das Mobiltelefon fallen (in die Kissen, soviel Budget hamma auch wieder ned). Die schauspielerische Qualität der Darsteller ist wesentlich schlechter als bei “Gute Zeiten – Schlechte Zeiten”, es geht offensichtlich immer noch unterirdischer als unterirdisch. Die Ermittlungen leitet ein Kommissar, der Derricks alte Klamotten aufträgt. Weil der Darsteller aber von winziger Statur ist, sieht das aus, als hätte man ihn in eine Knitterfaltentoga gesteckt. In Beige. Am besten gefallen hat mir die KuKluxKlan Beerdigung, wo lauter Menschen in weißen Zipfelkapuzengewändern am offenen Grab vor dem goldgerahmten weißbezipfelmützten Porträt des Mordopfers mit Räucherstäbchen wedeln. Weiß nicht, ob Kommissar Knitterbeige den Fall gelöst hat. Meine Füßchen wurden für gut befunden und meine gute Fee Zucely herbeigerufen, auf daß sie mich wieder nach Hause bringe. Nix mehr Telenovela.

Hüftleiden bringen wirklich das Royale in einem Menschen hervor…

Let’s go for a hike*

Es ist Feiertag, die Fahnen klirren im Winde und Toni kommt vorbei, um die neue Hüfte auszuführen.

Wohin? Egal, Hauptsache irgendwo ans Wasser. Dieses Mal vielleicht ein Binnengewässer? Das San Andreas Reservoir liegt quasi gleich hinter dem Haus und rundrum führt der San Andreas Trail, das klingt doch gut. Hut auf, Stock fest in die Linke gekrallt, Schirm und Gesangbuch im Auto zurücklassen und dann mit Macht gegen den Wind gestemmt. Die Santa Ana Winde, die im Süden Kaliforniens die Waldbrände anfachen, kühlen auf dem Weg nach Norden ziemlich ab und werden zu eisekalten Böen, aus allen Richtungen und ununterbrochen. Auf dem See trägt jede Welle ein Schaumkrönchen, Bäume werfen mit Ästen und Zapfen nach Passanten und wir marschieren recht flott dahin, bis mir siedendheiß einfällt, daß ich das ja alles auch wieder zurückgehen muß. Und zwar bergauf.

Toni geht noch ein paar Kurven weiter, ich mache mich auf den Rückweg, wenn auch nicht mehr ganz so frohgemut und flott wie zu Beginn. Hüfti und ich sind schließlich noch keine vier Wochen zusammen und noch in der Akklimatisierungsphase. Aber immerhin, wir bringen es gemeinsam auf eine Dreiviertelstunde Gehen sowie ca. 10 Minuten Humpelschleichen für die restlichen 200 Meter zum Auto (fällt ganz klar in die Rubrik “doch a bissele überschätzt”).

Den restlichen Nachmittag fahren wir einfach so ein bißchen spazieren und vermeiden alle Straßen, die wir schon kennen. Das macht richtig Spaß und gilt als Ferientag, bevor morgen der Ernst des Arbeitslebens wieder losgeht.

* Zu singen nach der Melodie “Let’s go fly a kite” aus Mary Poppins (http://bit.ly/1p9ArI1)

Freies Assoziieren

“Was fällt Ihnen denn zu Amerika ein – und damit es nicht zu einfach wird, nehmen wir mal nur das Gute?”

Das, werter Fragesteller, ist ganz einfach:

“Melting Pot”, fällt mir spontan ein, und von da aus weiter zu “Potluck” und von da aus weiter zu “Sabine in Luck”. Weil Lady Liberty seinerzeit die Mühseligen und Beladenen zu sich gerufen hat, ist dieses Land ein bunter Fleckerlteppich von Ethnien und ihren Küchen. Und alle, alle haben mir Gutes mitgebracht: deutsche Brötchen (Lebensretter in den Zeiten von Chef Chanelles gewürzlosem Breiregime), Scharfes aus Indien, Dim Sum aus China, Lustiges von der kalifornischen Öko-Salatbar, Herzhaftes aus Australien, immer wieder Leckereien aus Carmens mexikanischen Töpfen, Jerk von den Kariben und erst gestern Pastelón* aus Puerto Rico.

Was braucht der Mensch Schwachsinn wie “Turducken” (entbeinter Truthahn, gefüllt mit entbeinter Ente, gefüllt mit entbeintem Hühnchen) oder den “Waffogato” (eine Waffel mit Eis und Sirup, beträufelt mit Espresso aus der Backwerkstatt des Cronut-Erfinders Dominique Ansel), wenn er von wohlmeinenden Menschen mit wunderbaren Genesungsgerichten bekocht wird und zwar immer mit so viel, daß es noch mindestens für eine weitere Mahlzeit reicht.

Frei assoziert: Das ist das gute Amerika! Ihr seid super, ihr Helfer und ich danke vielmals!

 

* Pastelón ist eine Art Lasagne aus Plantanes (Kochbananen), Hackfleisch und Käse und wird – natürlich – mit Reis und Bohnen serviert.

World Wide Web

Kein Licht im Kühlschrank? Lust auf chinesisches Essen? Rechnungen zu bezahlen? Keine Ahnung, was “Shibboleth”* bedeutet? Wissen wollen, ob ich die Wäsche besser drin oder draußen aufhänge, weil der Morgennebel keine klare Deutung zuläßt? Ein kleines Pedalo zum Fitwerden? Oder deutsches Fernsehen (Heute-Show) zur Entspannung? Playing Solitaire und dabei meiner Zimmergenossin in der Reha gedenken, die jeden Morgen murmelnd Heiligenbildchenpatiencen legte? Mit den Freunden daheim ein paar Stunden auf skype schwätzen und anderen die Heilungsfortschritte per blog mitteilen? Shoppen, und mir die Klamotten von einem Model mit meinen Maßen vorführen lassen? Und dies? Und das? Sowie jenes?

Ohne das Internet und die viele Hilfe von so vielen Menschen wäre mir dieser Monat nicht leicht vergangen. Bloß mit HBO bin ich beleidigt: es gibt weiß Gott keinen Grund, ausgerechnet “Game of Thrones” am Memorial Day nicht auszustrahlen. Also wenn’s da nicht um Kriegergedenken geht, dann weiß ich wirklich nicht…

 

* Falls es noch wer nicht weiß: http://en.wikipedia.org/wiki/Shibboleth