Gelesen: Wanda Dufner – “Bauchlandung – Geschichte einer Teenager-Schwangerschaft”

Nein, ich weiß leider nicht mehr, wie ich ausgerechnet auf dieses Thema gekommen bin, wäre aber nett, wenn ich es täte, weil ich mich gerne für die Empfehlung bedanken würde.

Ein sehr außergewöhnliches Buch. Eine Graphic Novel über eine Siebzehnjährige, ein ängstliches Noch-sehr-Kind, kaum Sozialkontakte, isoliert (eine einzige Freundnin wird namentlich genannt), keine Begabungen für irgendwas, eine eher schlechte Schülerin, einer der wichtigsten familiären Einflüsse ist die fanatisch religiöse Großmutter und dann kommt da ein Mann daher und begehrt sie und obwohl der Sex schmerzhaft ist, macht sie mit. Und wird schwanger.

Die Leserschaft wird von Anfang an in wuchernden kinderfarbenbunten Bildern im explodierenden Pop-Art-Stil mit der Protagonistin in den nun entstehenden Strudel gezogen. Behalten oder abtreiben? Wer entscheidet? Warum? Wie geht das Umfeld mit ihr um? Die eigene Familie, der Schulklassenverband, die Lehrerschaft, der gemeine Mitbürger auf der Straße, im Supermarkt oder im Bus? Wie hilfreich oder nicht ist die Unzahl an Beraterinnen und wenigen Beratern, die aufgesucht werden? Was richten der “Ratschläge” in der Psyche der werdenden Mutter an? Was machen die körperlichen Veränderungen mit ihr? Wie geht ihr Umfeld damit um? Wie steht der Erzeuger zu ihr? Zum Embryo? Zur weiteren Zukunft? Ist es hilfreich, dass ein weiterer Mann in ihr Leben tritt? Wie, wenn überhaupt, wandeln sich ihre Eltern, die zukünftigen Großeltern? Ist sie richtig? Wäre es nicht besser, ihr erster Selbstmordversuch wäre erfolgreich gewesen? Wessen Geburt ist das eigentlich? Wer entscheidet, ob “natürlich” oder durch Kaiserschnitt? Was wird dabei mit ihrem Körper geschehen? Und. Und. Und. Das ganze Buch über werden immer mehr Fragen gestellt, als es Antworten gibt. Geben kann.

Dorfner setzt ihre Bilder klug ein, man möchte manchmal mit der Hand auf die Seiten schlagen und alle dazu bringen, doch von diesem verwirrten jungen Menschen ab- und erst einmal Ruhe einkehren zu lassen. Großartig.

Von ganzem Herzen empfohlen! Lesen! Lesen! Lesen!

Gelesen: Cemile Sahin – “Azad & Kevin”

Alle Jahre wieder sucht sich das Magazin der Süddeutschen Zeitung vier Schriftsteller*innen zusammen und läßt von denen zu einem vorgegebenen Thema je eine exklusive Kurzgeschichte schreiben. Manche unter uns (fragt Oma, Kinder) können sich wahrscheinlich noch an die Vergänger-Tradition mit der blau-roten Luftmatratze erinnern. Erwähne ich aber nur der Vollständigkeit halber und ist im weiteren gar nicht wichtig. Ich lese die Geschichten natürlich alljährlich, mit an sich immer dem selben Ergebnis. Manche sind gut, manche nicht schlecht, manche sprechen nicht zu mir, andere schon. Muss man nicht lange drüber reden.

Dieses Mal ist das anders, Cemile Sahins Erzählung, eine Fortschreibung von Süßkinds “Parfum”, hat mich umgehauen. Ich wüßte nicht mal, wie ich ihren Stil nennen sollte, er hat einen ganz eigenen Beat, macht was mit dem Herzschlag der Lesenden – vielleicht am ehesten vergleichbar mit einem Musikvideo, Rap oder Hip Hop oder einer Weiterentwicklung dieser Gattungen. Groß-ar-tig!

Deswegen die dringende Empfehlung: Lesen! Lesen! Lesen! (Link unten.)

https://sz-magazin.sueddeutsche.de/literatur/kurzgeschichte-cemile-sahin-das-parfum-95349?reduced=true

“Mach ich 69”

Meine geschätzte Frau Putz hat nicht mehr so lange bis zur Rente und ist sehr interessiert an meiner Zeitgestaltung, weil könnte ja auch was für sie dabei sein. Wenn wir uns zeitgleich in meiner Wohnung aufhalten, was im Gegensatz zu früher, wo wir nur über Zettelchen kommuniziert hatten, jetzt doch schon mal vorkommt, ist sie allerdings nicht sehr zufrieden mit mir. Weil ich ja immer am Computer sitze, und das sei doch wie Arbeit. Und dann die vielen Bücher. Mensch.

Aber sie kann helfen. Sagt sie. Wenn ich mal entspannen wolle, hätte sie einen Supertip für mich. “Romance TV”. Das schaue sie jetzt jeden Abend. Einfach in den Sessel setzen, Kanal 69 drücken (“Mach ich 69”) und dann kämen lauter schöne Filme von Uta Danella (“die Beste!”), Inga Lindström, Rosamunde Pilcher und anderen Frauen (“Männer haben die nicht so”) mit schönen Landschaften und schönen Menschen und schönem Wetter (“da isses auch schön, wenn es regnet”) und es mache auch nichts, wenn man darüber einschlafe, denn “der nächste geht auch gut aus. Sind dann halt andere Leute”.

Ich verbeiße mir (mit Mühe) die Frage, wieso ausgerechnet Nummer 69 der Kanal der Wahl war, bekomme das aber unaufgefordert erklärt. “Der nette junge Mann von unten” habe ihr beim Einrichten des Senders geholfen. Yup. Sehr netter junger Mann, ganz meine Meinung. Und Humor hat er offensichtlich auch.

Numero uno

Der kleine Mitreisende im Aufzug wird mit Hilfe der Stockwerksknöpfe in den Zahlen unterwiesen. Seine Aufmerksamkeit erlischt aber rasch, als er zu der Erkenntnis gelangt: “Mama, wir leben Nr. 1”. Das erzählt er mir auch noch flugs und dann muss er schon aussteigen.

Wahrscheinlich wird man ihm irgendwann in ein Zeugnis schreiben, dass er sich ohne Ablenkungen auf das Wesentliche konzentriert…

Für umme auf YouTube: “Jerry Cotton | Kompletter Film”

Im Rahmen der megalomanen Werbekampagne für “Das Kanu des Manitu” schlug YouTube diesen Film vor und weil ich mein Buch schon aus hatte und noch nicht so recht bettreif war, dachte ich “Warum nicht?”. Nachdem ich ungefähr die Hälfte durchgestanden habe (und das war schon tapfer) kann ich berichten, dass die Frage hätte lauten müssen: “Warum nur?”.

Meine Fresse! Ich vermute, es soll eine Parodie auf die G-Men-Filme der Fünfziger/Sechziger sein. Ist aber eine bis in die letzte Pointe billigst vorhersehbar unlustige Produktion. Jede Figur platt und eindimensional und einfach nicht komisch. Die Besetzung ein Querschnitt durch das deutschen Staraufgebot der Zehnerjahre. Christian Tramitz, gute Anzugfigur, markantes Kinn, Jaguar-E-Type-Fahrer und seine Partner Smith & Wesson (hahaha) als permanent über sich selbst hinauswachsenden FBI-Mann. Christian Ulmen als dumm-schusseliger pummeliger Nepobaby-Sidekick und ja, natürlich, Moritz Bleibtreu (wer denn sonst?) als schurkischer Schurke Sammy Serrano (“Wie der Schinken?” – “Ja!”, hahaha), Heino Ferch als schurkischer anderer Schurke mit der schlechtesten Version eines angelernten schwäbischen Dialekts, die ich je gehört habe sowie Tarrach, Knaup, Kaufmann u. v. a., die man aus dem Fernseher kennt. Aaarrgghh. Vornamen wie in einem typischen deutschen DAX-Vorstand.

Mädchen? Doch, Mädchen durften auch mitspielen. Monica Cruz als fatale Frau (das ist beim Niveau dieses Films die korrekte Übersetzung für “femme fatale”) und Christiane Paul (da waren es dann drei “Christian/es”) als eiskalte Scully mit roter mittellanger Bob-Perücke. Schrecklitsch! Was müssen die Macher Spaß gehabt haben, uralte sexistische Gags breitzutreten (wir dürfen das, es ist eine Parodihie), das war ja damals nicht mehr so angesagt wie heute, wo das wieder zur Normalität wird.

Mann, what an utter shyte! Zusatzaufreger: YouTube unterbricht alle Nase lang mit Werbung. Nein, diese Version von “Jerry Cotton” muss man gar nicht erst einschalten, und – viel schlimmer – man hätte es sich eigentlich denken können…

Don’t know enough about Biology

Die rotscheckige Katze im Erdgeschoßgarten hat ein Glöckchenhalsband bekommen. Die Vogelschar rundrum hat verstanden: Bimmeln = Schnell sein, sonst Brut tot.

Mir ist allerdings nicht ganz klar, warum der Alarmvogel dennoch bei jedem Glockenschlag in mehrminütiges hysterisch-hochtouriges Geplärr ausbricht. Macht Elternschaft den gemeinen Vogel taub?

Herr Pawlow, übernehmen Sie.

Aus dem Vokabelheft

Wenn meine Kusine und ihr Mann verreisen, dann denken sie eigentlich immer nur an mich. Vor allem, wenn sie einen so schönen Aushang sehen wie diesen.

Vielen Dank für dieses schöne Fundstück nach Ö. Bitte bald wieder Urlaub machen, damit der flockblog Futter bekommt!

Schon steinalt, aber immer noch zum Strömen: “Six Feet Under”, 1. Staffel

Ich verpasse ja manchmal Kult. So auch “Six Feet Under”, inzwischen ein Vierteljahrhundert alt, aber hey, besser spät als nie.

Die Serie ist aus den Kindertagen von HBO, damals, als der Sender noch Garant für Skandale war. Und wie! Huiuiui! Gleich in den ersten Folgen splitterfasernackte Männer (ja, mit Penis in Großaufnahme), viele Sexszenen, wobei die Heteroszenen sehr viel weniger verschwommen gezeigt werden als die schwulen und selbst alte (!) Menschen (Mama!) vögeln, allerdings noch verschwommener als Homosexuelle, man kann dem Publikum schließlich nicht alles zumuten.

Die Serie spielt in einem Bestattungsunternehmen, hat ein noch heute gut funktionierendes schwarzer-Humor-Timing, es menschelt zwischen fremdelnden Familienmitgliedern, es werden Themen wie Rassismus, psychische Erkrankungen, soziale Unterschiede verhandelt und nichts davon zeigt schlimme Alterseinscheinungen. Man kann das gut ansehen, kann aber auch gut längere Pausen dazwischen machen, ohne Entzugserscheinungen zu bekommen.

Aus dem Vokabelheft

Ich weiß ganz genau Nullkommanix über das Vogtland, aber die Leute dort sind mir dennoch sehr sympathisch. Und wenn ihr erst seht, was für schöne Wörter dieser Dialekt hat, dann sind sie es euch bestimmt auch.

Wiedergelesen: Stefan Mohamed – “Bitter Sixteen”

Hmmm. Ich hatte das Buch nach meiner Erstlektüre vor 10 Jahren in recht guter Erinnerung, bin aber jetzt nicht mehr ganz so sehr angetan. Dabei ist die Story recht nett und (fast) originell. Ein sehr introvertierter nerdiger filmnärrischer Bub bekommt an seinem 16. Geburtstag Superkräfte. Außerdem läuft ihm ein sprechender Beagle zu, der wider Erwarten nicht Snoopy, sondern Daryl heißt. Wir begleiten ihn beim Training (auch Juniorsuperhelden fliegen nicht einfach so aus dem Stand) und beim Sprüche und Zitate klopfen (was ein Glück, dass der Hund seine Interessen teilt und auch Cineast und Comicleser ist), dann kommt die Lektion aus dem Creative Writing-Kurs, nach deren Regeln dem Helden etwas Katastrophales geschehen muss, damit er sich auf den Weg aus seiner walisischen Heimat Wales in das große Babel London macht, wo’s dann so richtig rundgeht.

Das ist dann aber auch der Moment, wo sich zwar meine Innere Geekette immer noch an all den popkulturellen Referenzen erfreut und miträt, sich aber auch fragt, wie schnell sich dieser Spaß überlebt haben wird und die erwachsene Leserin in mir langsam anfängt, sich ein wenig zu langweilen. Der junge Mann trifft weitere schon etwas erwachsenere, aber immer noch sehr jugendliche Menschen, die, Überraschung, auch Superkräfte haben, sich aber ansonsten kein Stück weiterentwickeln und stößt außerdem, ganz große Überraschung, auf eine Kabale. Böse Schurken. Engel? Echt jetzt? Oder doch nicht? Ach, es wird mir beim Lesen zunehmend egaler. Ja, doch, super leichtfüßig geschrieben. Auch originell, mal abgesehen von der Teenie-Liebesgeschichte mit den glühenden Küssen. Aber trotzdem irgendwie unfertig.

Nicht sicher, ob ich die Bände 2 und 3 wirklich noch lesen will. Auf jeden Fall nicht gleich.