Unterfahrt: Ambrose Akinmusire Quartet

Gestern Abend, bei der ersten Nummer, bin ich noch mehr so “hmmm, ich weiß ja nicht, ob ich hier richtig bin…” Während der zweiten Nummer wandelt sich das ungute Gefühl in ein gutes, “doch, doch, auf den Musikbeauftragten kann man sich doch verlassen”. Der Groove zieht die bis zum letzten Stehplatz vollgestopfte Unterfahrt in seinen magischen Bann und Ambrose Akinmusire (tp), Sam Harris (p), Harish Raghavan (b) und Justin Brown (dr) spielen uns eine Musik, die wir alle vorher so noch nie gehört haben und die manchmal sehr wundersam nach viel mehr Instrumenten klingt, als man da vorne sehen kann.

Um Mitternacht entlassen sie uns mit nachklingenden Hirnen und Ohren und ich bin noch so erfüllt davon, dass es mir fast gar nichts ausmacht, dass die MVG mich gleich auf beiden U-Bahn-Strecken (U4/5 und U3/6) ihrem “Wir-reparieren-für-Sie”-Umsteige-Marathon aussetzt.

So ein schönes Konzert!

Vom Arbeitsmarkt

Ich tummele mich gerade wieder vermehrt auf Jobbörsen und bin dabei dieser Tage über das Profil eines Patient Avocado Manager (m/f/x) Rare Diseases gestolpert. War offensichtlich so stimulierend für mein noch morgenmüdes Hirn, dass es sofort anerkennend zur Kenntnis genommen hat, dass man wohl im Gesundheitswesen jetzt auch schon stärker auf die Bedürfnisse von Millennials eingeht und zu diesem Zwecke eigens Gemüseberater für seltene Krankheiten anheuert.

Nachdem der Koffeinspiegel der Tageszeit angepaßt war, entpuppte sich der gesuchte Mitarbeiter als Lobbyist (Patient Advocacy Manager). Ich hingegen hatte für den Rest des Tages unbändige Lust auf Guacamole.

Irgendwas isch halt emmr.

Hundsgemein

Grad vorhin in einer Parfümerie gewesen, Geschenk kaufen. Ausweislich des Kassenbelegs hat mich “heute gerne beraten” eine Frau Pickelmann.

Weltgeist, das muß man dir lassen. Du hast schon einen sehr schrägen Sinn für Humor.

Gelesen: Gail Honeyman – “Eleanor Oliphant is Completely Fine”

Manchmal muß frau wohl über 40 sein und schon einiges Leben erlebt haben, um sich hinsetzen zu können und ein so starkes Debüt zu schreiben. Ein kleines, feines Buch. Ein Juwel. Alle Hüte ab vor Ms. Honeyman!

Ihre Eleanor Oliphant ist eine Seelenschwester von Eleanor Rigby. Graumausig, wunderlich, einsam. Nicht ohne Witz und ganz sicher nicht ohne Prinzipien. Strukturiert, organisiert, completely fine. Bis etwas geschieht, das die Abläufe durcheinander bringt. Ich möche niemandem die Freude nehmen, zu entdecken, wie die Autorin die Welt auf ihre Heldin losläßt. Eine Welt, bevölkert von Menschen. Jede/r davon mit feinem Stift gezeichnet, keiner gut, keiner böse. Halt einfach Menschen. Schon das ist eine großartige Leistung.

Wie wir aber gemeinsam mit Eleanor entdecken, wie sie ist, und warum sie ist, wie sie ist und wie sie with a little help from her friends wird, ist schlicht herausragend.  (“I suppose one of the reasons we’re all able to continue to exist for our allotted span in this green and blue vale of tears is that there is always, however remote it might seem, the possibility of change.”) Das ganze Buch ist geprägt von einem sehr trockenen Humor und sehr viel Herzenswärme und sollte dringend gelesen werden.

Los jetzt! Lesen! Lesen! Lesen!

 

PS: Die deutsche Übersetzung “Ich, Eleanor Oliphant” ist bei Lübbe erschienen. Mit einem schwachsinnigen Klappentext, der diese starke Buch über all the lonely people klingen läßt wie irgendeine dahergelaufene Herz-Schmerz-Schmonzette. Den sollte man ignorieren.

PPS: Reese Witherspoon hat sich die Rechte gesichert und ein Film ist schon in Arbeit. Man darf gespannt sein.

Superman (Michelin Edition)

Es habe ihn, berichtet der Postler vorhin unten am Briefkasten mit kaum verhohlenem Stolz, “in diesem Winter erst zwoa moi g’missn. Nix brocha, und mei Post is ned amoi naß wor’n.” Andere Kollegen lägen mit Gipsverbänden (siehst du, Tchibo?) auf ihren Krankenlagern, er hingegen? Aufstehen, Kapperl richten, Weiterradeln.

“Wissen’S, i bin gwasi der Ganzjahresreifen unter den Menschen.”

Funkelniegelnagelneu im Kino: Capernaum – Stadt der Hoffnung

Gestern Nachmittag hatte ich zweieinhalb Stunden zwischen Terminen. Zu kurz, um noch einmal nach Hause zu fahren, zu lang, noch dazu in dieser Kälte, um sie irgendwo draußen zu vertrödeln, und zu wenig von meinem aktuellen Buch übrig (dazu später mehr), um sie einfach im Kaffeehaus zu verlesen. Lust auf Shopping in überheizter Kaufhausrecycleluft? Hatte ich nie viel, habe ich seit der Erfindung des Onlinehandels gar nicht mehr. Hmmm. Kino? Kino.

Der Film hatte just im Moment angefangen und saugt einen sofort in eine sehr fremde Welt ein, in der Elend und Hunger allgegenwärtig sind, Erwachsene schon längst resigniert und Kinder alte Augen haben. Jeder will einfach nur leben. Was mehrheitlich erst einmal überleben bedeutet. Noch nicht einmal die Schurken sind wirklich böse Menschen. Sie fristen halt ihre Existenz in Ermangelung anderer Möglichkeiten auf Kosten derer, die in der Nahrungskette noch weiter unten stehen.

Ist Capernaum misery exploitation? Ja. Vielleicht. Ein bißchen. So wie seinerzeit “Slumdog Millionaire” auf seine Weise auch. Trotzdem. Nadine Labaki findet sehr beeindruckende (und manchmal sehr bedrückende) Bilder, läßt sich und ihren Protagonisten Zeit und holt damit, gerade aus den Kinderdarstellern, ganz großes heraus. Einzig die deutsche Synchronisation habe ich als irritierend empfunden und glaube, dass Original mit Untertiteln die bessere Variante gewesen wäre.

Meinen Oscar für den besten ausländischen Film sollen sie haben (das sage ich, ohne einen der anderen Wettbewerbsfilme zu kennen). Allemal lieber wahrhaftiges Elend als v. Donnersmarcksche Testosteronbäder.

Anschauen! Anschauen! Anschauen!

Winterblues 2

Mensch, Kaffeeröster. Da ist man kaum wach, und ihr knallt einem schon euren neuesten Prospekt ins Popup-Fenster. Aber jetzt mal ehrlich, wer will sich denn um diese Jahreszeit noch extra irgendwas mit Eiskügelchen drin ins eh schon kaltgefrorene Antlitz drücken? Seid ihr sicher, dass das ein gutes Angebot ist? Bandagen hingegen… okay. Sind angesichts des Sturzrisikos sogar eine sehr gute Idee, allerdings vermisse ich die Gipsmasse zum Selbstrühren. Na? Da geht doch noch was. Vielleicht in unterschiedlichen Farben oder mit Müsterchenschabern? Da haben eure Kreativ-People bestimmt noch was in petto für die Gefallenen.

Entspannte Winterzeit

Mich sprecht ihr bitte erst wieder an, wenn um Sommersachen geht, ja? “Entspannte Winterzeit”, das ist doch allenfalls ein Beispiel für die Kategorie “unmögliche Wortpaare”. Ttsssss. Ich glaube, es hackt.

Ui, Schnee. Schon wieder.

So langsam fühle ich mich wie in der Geschichte, die vor Jahren im Netz kursierte, in der ein Mann angesichts der ersten Schneeflocken in eine naiv-glückliche Winterwunderlandeuphorie ausbricht, um nach überraschend kurzer Zeit, von der er den Löwenanteil mit Schaufeln und Räumen, vereiste Rohre repa- und sich alles Mögliche abfrieren zugebracht hat, einem nicholsonesken Winterhaß zu verfallen.

Merke: Dante wußte Bescheid.