Ich sollte vorausschicken, dass es möglicherweise an mir liegt und ich die Inszenierung einfach nicht verstanden habe. Oder die tief liegende russische Seele. Es könnte aber auch sein, dass Regisseurin Jette Steckel und ihr Dramaturginnenteam Julia Lochte und Emilia Heinrich die Dramatisierung des Romans a bissele überfrachtet haben. Oder es war irgendwas dazwischen. Oder… egal.
Nun gut, es sei erst mal dahingestellt. Was also sollte man wissen, bevor man sich in seinem Zuschauersessel (Sessel? Na ja.) zurücklehnt und der Vorhang aufgeht? Da geht es für mich schon los: muss ich mich als Zuschauerin erst einmal einlesen müssen, damit ich die Chance habe, bei der Aufführung mitzukommen? Ich finde, das sollte ich nicht. Am Mittwochabend wäre es anders aber gar nicht gegangen. Hmmm.
Es geht um… schon falsch. Besser so: Zur Aufführung kommt die Dramatisierung des Romans “Meister und Margarita” von Michail Bulgakow, unter Stalin zensiert, mit Veröffentlichungs- und Aufführungsverbot „zum Schweigen verdammt“, an dem er ohne Aussicht auf Veröffentlichung über 12 Jahre lang bis zu seinem Tode schrieb. Aus dem Programmheft: “Als ‘Meister und Margarita’ dann postum 1966 erschien, wurde der Roman Kult: Viele lernten ihn auswendig, die zensierten Stellen kursierten im Untergrund. Dieser realphantastische, sprachmächtige Roman ist ein Labyrinth, in das man hinein-, aber nur schwer wieder hinausfindet, ist Rausch und Anarchie, ist finster und komisch, ergreifend, verwirrend und erhellend.” Was daraus abgeleitet auf der Bühne stattfindet, ist auf jeden Fall alles sehr anstrengend, noch dazu, wo man sich dem hehren Anspruch verschrieben hat, zu klären und zu erklären: “Wie kommt das Böse in die Welt?”
Damit meine Kritik nicht auch so wild mäandert, werde ich nur einzelne Höhepunkte herausgreifen. Ja, Höhepunkte, denn die Schauspielerinnen und Schauspieler sind großartig. Zunächst die Rahmenhandlung: die Aufführung des Bulgakowschen Stückes “Pontius Pilatus” in einem atemberaubenden Bühnenbild aus schwarzen Klötzen, Licht (Lichtdesign Maximilian Kraußmüller) und konstrastierenden schwarz-blutroten Kostümen, wo Edmund Telgenkämpers Pilatus vom hohen Thron donnernd sein feiges Urteil verkündet und – machen wir es so groß wie es die Inszenierung tut – die Unschuld (herzzereißend Erwin Aljukić) wider besseres Wissen hinrichten läßt.
Dann läuft ein Teil des Ensembles auf die Maximilianstraße und die Straßenbahn zum Westfriedhof köpft einen Dissidenten und es ist ein rechtes Gerenne und Gehetze und wildes Handkameragewackle und irgendwann sind alle wieder da, das Arbeitslicht geht aus und der Teufel tritt auf, der nunmehr das Haus und alle angeschlossenen Bühnen übernimmt, weil, ab jetzt ist alles Theater. Oder so. Wenn schon Teufel, dann muss es mindestens Wiebke Puls sein. Zum Niederknien. Eine große schmale Frau im Nadelstreifenanzug, irgendwo zwischen Al Pacino und David Tennant, mit – natürlich – sardonischem Grinsen, das die versilberten Zähne schön zeigt, einer ungeheur versatilen Stimme und dem tollsten Vortrag von “Sympathy for the Devil”, den ich je gesehen und gehört habe. Sorry, Mr. Jagger. Warum sie, während im Hintergrund ein faszinierendes Kofferballett tanzt, aus einem Kunstpenis an den Bühnenrand pissen muss? Weiß ich nicht, verstehe ich nicht. Vielleicht war der teuer und nur durch den Einsatz bei “Wallenstein” würde sich die Anschaffung nicht armortisieren? Ist auch egal.
Bulgakow, nunmehr mit dem Meister (gewohnt grandios verkörpert von Thomas Schmauser) verschmolzen (das wird später noch sehr verwirrend werden) ist inzwischen in der Psychatrie eingesperrt, betreut und sehr lustig sediert von Schwester Telgenkämper, und besucht (heimgesucht?) vom Teufel und seine margaritengelben Margarita (Linda Pöppel), die vom Teufel einen Deal angeboten bekommt. Hier: Zaubersalbe, da: den ganzen Körper damit eincremen, dort: kurzfristig durch Videotechnik unsichtbar, dann: nackig in wicked-grün auf dem Besen reitend den Meister retten. Oder so.
Pause. Sehr nötig.
Nach der Pause ist die immer noch nackige grüne Margarita in der Hölle (mit dem Besen verflogen?), steppt mit der schwarzen Katze (Elias Krischke) (war schon die ganze Zeit eine tragende Figur, habe ich aber ausgelassen, weil nur noch irritierender) und während diese nach rechts abgeht, um im Hintergrund ein Bidet leerzusaufen, ist Margarita links beim Teufel im Bad. Frau Teufel rasiert sich mit nacktem Oberkörper die Achseln (nein, ich habs nicht verstanden) und schlüpft nach und nach wieder in den Nadelstreifenanzug, während sie dem nackten grünen Geschöpf die umgekehrte Gretchenfrage stellt: “Glaubst du an Gott?” und sich selbst die Antwort gibt: “Ich bin ein Humanist.” Denn: “Das menschliche Bewußtsein glaubt schneller als es denkt. Weil es vertrauen will.” Und das haben Generationen von Russen wg. subversiv auswendig gelernt?
Dann kommt der eigenartigste Teil des Abends. Ja, ich weiß, das klingt nach all dem, was ich bisher schon erzählt habe, ein wenig hochgegriffen, aber: abwarten. Nun nämlich macht sich der Teufel einen Jux und hypnotisiert das Publikum. Allen sollen die Gliedmaßen verkrampfen, die Hände zusammenkleben, sowas. Ich fürchte, ich bin Skeptikerin und die begleitende Freundin ist frisch an der Schulter operiert, bei uns pappt nix. Liegt aber bestimmt wieder an uns. Frau Puls findet bei ihrem Rundgang im Publikum Menschen, denen die Fingerknöchel schon weiß angelaufen sind vor lauter Krampf und nimmt eine besonders empfängliche junge Frau mit auf die Bühne. Mit der macht sie dann oben ein paar Varieté-Hypnose-Kunststückchen und ich bin irgendwo zwischen Fremdschämen und Vom-plattgefahrenen-Tier-nicht-Weggucken-können hin- und hergerissen und wenn mein Handy noch Batterie hätte, könnte ich nachsehen, wie lange das voraussichtlich noch dauern wird. Es ist eine Qual. Und eine Quälerei.
Der Kettenvorhang (diese ganze Ketteninstallation von Florian Lösche ist eine phänomenale Idee) fällt wieder und nun läuft eine Videoinstallation mit Porträts von kunst- und kulturschaffenden Menschen auf der ganzen Welt, die deswegen eingesperrt sind. Noch ein Faß aufgemacht.
Dann ist auch die Umbaupause um und das Video durch und wir sind wieder in Jerusalem, wg. Rahmenhandlung. Pilatus hockt zerrissen von Selbstzweifeln auf seinem hohen schwarzen Block, Jesus ist tot, während Barnabas lebt. Noch einmal wird insistiert, dass Feigheit die größte Sünde von allen ist. Wiederholung befördert bekanntermaßen den Lernerfolg. Dann ist Schluss. Endlich.
Großer Applaus für die Schauspielerinnen und Schauspieler. Zu Recht. Die Inszenierung selbst ist vollkommen überfrachtet und will viel zu viel und ist trotz einiger sehr schöner Szenen… unausgegoren. Nicht zuletzt noch einmal belegt durch das gemeinsame Absingen von “Burning Moonlight” von Marianne Faithful. (Marianne Faithful und Mick Jagger, get it?)
Mon dieu.