Sonntagsgruß

So ein wunderbarer Tag: Sonnenschein, der neue Arne Dahl (“Zorn” – sehr schön spannend, aber daß der Verlag mit Einwort- (und auch noch Einsilb-) Titeln auf den Larsson-Zug aufspringen muß, erschließt sich mir nicht) und nebenher dem Garten beim Blühen zusehen.

Steigerung eines Adjektivs

Ganz schlecht, wenn die Brillenfassung mit einem äußerst bösartigen Knackslaut unversehens auseinanderbricht und ein Glas auf einmal windschief vor dem Auge baumelt.

Noch viel schlechter, wenn es sich dabei um die Reservebrille handelt, weil die eigentliche gerade unerreichbar fern beim Optiker liegt, um neue Gläser einpaßt zu bekommen.

Am allerschlechtesten jedoch, wenn Sabine im fast blinden Zustand mit Sekundenkleber hantieren muß, um die winzigen Metallenden wieder zu vereinen. (Währenddessen kontempliere ich den Begriff Sollbruchstelle und versuche, ein Wort für das absolute Gegenteil zu erfinden.)

 

Die Brille ist geklebt. Ebenso mehrere Finger und eine Haarsträhne.

Ditch Day

Wenn Schüler sich selbst einen schulfreien Tag genehmigen, dann heißt das “Ditch Day”. Wenn alle anderen die Aqua-Yoga-Klasse am Samstagmorgen schwänzen, nennt man das hingegen Einzelunterricht für Sabine und die sieht’s der faulen Gruppe sehr freudig nach.

Schönsprech

Amerikaner haben eine Affinität zu Euphorismen. Wenn zum Beispiel eine Firma hier Mitarbeiter entläßt, dann werden sie gehen gelassen (“let go”). Das klingt doch schön, fast so, als habe man dem langgehegten Wunsch der Menschen nach Freiheit entsprochen (“let my people go”) und nicht, als habe man sie der Arbeitslosigkeit preisgegeben. (Die deutsche Vokabel “freistellen” ist, nebenbei bemerkt, genauso unsäglich.) Gebrauchtwagen heißen auch schon lange nicht mehr “used cars” sondern “pre-owned”. Es geht noch besser: seit neuestem häufen sich an Autohäusern die Reklametafeln, auf denen “pre-loved” Modelle angeboten werden.

Gestern allerdings ist mir die Spucke weggeblieben, als mir eine Bekannte erzählte, sie habe sich von ihrem boyfriend getrennt, weil sie sich in “different places” befänden. Ja, das kann ich verstehen, Fernbeziehungen sind schwierig. Nein, spezifiziert sie, es handele sich um “different places in life”. Ah, glaube ich verstanden zu haben, der Altersunterschied war zu groß. Nei-en, sagt sie, eine beruflich erfolgreiche Frau, er habe ein “issue”. (Probleme gibt es hier nicht, allenfalls issues). Ich habe keine Ahnung, worauf sie hinauswill. Er, bequemt sie sich zu einer Erklärung, er lebe von “paycheck to paycheck” und sei damit zufrieden. Mooooment! Ich habe richtig gehört, oder? Boyfriend hat einen Beruf, der ihm Freude macht, verdient damit nicht viel und strebt aber auch nicht nach Vermögen. Ich kann durchaus begreifen, daß große Einkommensunterschiede eine Beziehung schwierig oder gar unmöglich machen – aber wenn das so ist, sollte man doch imstande sein, das Kind beim Namen zu nennen und dazu zu stehen. Hrrrrggggnnnn! Mir will scheinen, daß sie mich, seit ich ihr das gesagt habe (“let me share my opinion on this”), auch an einem different place sieht…

Macht nix, ich trage meinen “pink slip” (http://bit.ly/T6Ge) mit Stolz. Not my loss, wie wir hier sagen.

Gutes Werk

“30% Off Donate Sale” schreit mich heute ein Prospekt in Brüllfarben an. Was wollen die von mir? Schon wieder gebrauchte Kleidung? Ja, schon. Aber mit Gegenleistung: “Get 30% off when you donate any competitor’s gear or footwear.”

Das Konzept “Do Good to Look Good” geht in Amerika total auf: den Kleiderschrank entrümpeln, das alte Zeugs loswerden, diese Aktion als Charity zu definieren und dann neue Klamotten zu Schnäppchenpreisen heimschleifen. Zur vollkommenen Glückseligkeit fehlt eigentlich bloß noch Feuerwerk.

“The rain is coming to the Bay Area”

Im gelbstichigen Zwielicht unter dem wasserschweren Tiefwolkenhimmel sieht man, daß der gut gemeinte Ratschlag der Radioverkehrstante, doch Scheibenwischer und Schweinwerfer einzuschalten, bei ungefähr der Hälfte der Highwaymitbenutzer auf vollkommen taube Ohren gestoßen ist. Blind sind die armen Kerle auch, denn in ihrer Wahrnehmung ist Abstand, den ich bewußt zum Vordermann halte, ihre ganz persönliche Nochganzschnellreinquetsch-Lücke. Dabei haben wir doch alle hier für die Führerscheinprüfung gelernt, daß frischer Regen nach einer längeren Trockenphase Straßen arg rutschig und den Bremsweg länger macht.

Ein winziges bißchen gesunder Menschenverstand anyone? (Wenn’s schon für einen 7. Sinn nicht reicht…)

No Sports!

Ich bin sehr stolz auf mich: seit ich mit Aqua-Yoga angefangen habe, habe ich nicht einmal geschwänzt, sondern im Gegenteil heute eine weitere Zwanzigerkarte erstanden. (Ich erwäge, demnächst zusätzlich an den Sun-Set-Sessions teilzunehmen, wenn ich rechtzeitig aus dem Büro komme.)

Es wird einem aber auch leicht gemacht. Schon der sonnenbestrahlte Hinweg führt mich durch blühende Landschaften und Desha bestellt immer eigens beim Universum noch einmal Sonne extra. Neben uns wasserverdrängenden Zehnteltonnenweibern ist heute ein junges Schwesternpaar erschienen, das selbst zusammengenommen weder an unsere Alters- noch die Gewichtsklasse heranreicht. Sieht so aus, als zählte ich seit heute zu den alten Häsinnen, denn eines der Mädchen, Roseanna, wurde mir zur Supervision zugeteilt. Wir haben die kids liebevoll unter unsere orangenhäutigen Fittiche genommen, angeleitet, zum Atmen angehalten, vor den größten Wellen abgeschirmt und zum Kauf von Zehnerkarten inspiriert.

Morgen gehts mit dem überarbeiteten Seniorenprogramm weiter, ich darf noch einmal testen.

Wahrscheinlich bin ich deswegen so begeistert, weil es sich nicht wie Sport anfühlt. Sonst? Siehe Titel.

Die Iden des März

Amerikaner sind ganz große Wortspielfans und deswegen (und weil sie sich halt gar so gerne verkleiden) werden die “Ides of March” in San Francisco traditionell mit einem Flash Mob begangen, den “Brides of March”, wo hunderte von Menschen in Hochzeitskleidung durch die Innenstadt ziehen.

Man kann nicht ausschließen, daß auch Brutus dabei ist.

Sásta Lá Fhéile Pádraig!

Für eine noch recht junge Nation hat Amerika eine ganze Menge selbstgemachter Feiertage, was aber niemanden davon abhält, auch die Importe feste zu feiern. Den Wechsel vom Jahr des Drachen zum Jahr der Schlange zum Beispiel, oder den Cinco de Mayo oder Oktoberfest (doch, das gildet hier als deutscher Feiertag).

Am besten sind Feiertage mit alles und scharf, also mindestens Feuerwerk, Parade, Verkleiden, Alkohol und Über-die-Stränge-Schlagen*. Halloween ist ziemlich weit vorne auf der Beliebtheitsskala (drei von den fünf Komponenten – in slutty Kostümen saufen bis der Arzt kommt – allerdings arm an Feuerwerk und organisierten Umzügen), liegt aber dennoch weit abgeschlagen hinter St. Patricks Day. Da gibts alles. Es hilft, wenn man grün mag.

Allein in San Francisco und Umgebung gab es dieses Wochenende mehr Aufforderungen zum organisierten (und, weil irisch, sanktioniertem) Saufen in “Pub Crawls”, “Leprechaun Get Togethers”, “Green Drinking Contests” usw. usf. als es überhaupt Iren geben kann.

In Dublin auf der anderen Bayseite haben sie sich vor lauter Wortspiel-Euphorie gar nicht mehr eingekriegt – “Doublin’ the fun in Dublin” war noch das am wenigsten schlimme.

Sláinte!

* (Daß so ein Superfeiertag ansteht erkennt man daran, daß schon Tage davor am Highway Leuchtschilder wieder auffordernd blinken: “Report drunk drivers”.)