Unzuverlässiges Pack!

An einem Tag wie heute, wo ich zwar statt Ferien zu machen doch noch mal ins Büro muß, um diesem Dienstleister ein Internet abzutrotzen, wo aber andererseits ein Kollege netterweise die Frühschicht im sechsstündigen Wartefenster dieser Heinis übernommen hat, an einem solchen Tag bietet es sich doch förmlich an, früh ein Stündchen Aqua-Yoga zu turnen und mich anschließend beflügelt von den Warrior-Positionen dem Kampf gegen alles Unbill dieser Welt zu stellen. Und so treffe ich frohgemut frisch fröhlich frei mit Badekleidung drunter um kurz vor 9:00 im Schwimmbad ein.

Dort sitzt vor dem Empfangstresen eine sichtlich niedergeschlagene Desha. “Wazzup?” Nichts. Das sei es ja eben. No-Show. Ja, wie – hier stehe ich doch vor ihr, in the flesh und voller Sportsgeist. Tjaha, ich schon. Aber kein Lifeguard. Und ich lerne zu meiner großen Verblüffung, daß immer, wenn wir im an der tiefsten Stelle dreieinhalbfüße* tiefen Babypool mit Wasser spratzeln, zwei Lifeguards “on duty” sein müssen. Liability** reasons, das sei halt so. Nichts zu machen, sie muß mich wegschicken.

Wenn ein Tag schon so anfängt… Bin ich halt doch früh im Büro, mache allen möglichen Menschen die Hölle heiß, daß sie ihre Techniker, die ein Kabel vom Verteilerkasten in unser Büro ziehen müssen, endlich vorbeischicken (das durften wir wg. Liability reasons nicht selbst machen). Und dann tauchen da zwei Hansel auf, deren Kompetenz ich im Nachhinein zurecht von Anfang an bezweifelt habe und deren mangelnder Enthusiasmus von der ersten Minute an unzweifelhaft war. Um 6:00 Uhr abends habe ich dann meine inzwischen schon übliche e-mail an alle geschrieben, nämlich, daß wir immer noch kein Internet haben und daß doch bitte alle von zu Hause arbeiten sollen (wo sie welches haben). Aaaaarrrgggghhh!

Daß dann vier Mitarbeiter im Supermarkt keine Ahnung haben, was Phyllodough (Blätterteig) ist und mich in alle Tiefkühlgänge schicken, bis ich das Zeugs schließlich selbst finde; geschenkt. Ich hätte denen mit Liability kommen sollen. Liablility für meine Gemütsverfassung…

* Das ist vohlgemerkt ein (1) lächerlicher Meter

** Liability ist Haftbarkeit. Hört bloß auf mit dem Dreck!

Liability

25. Dezember

Man muß ja nicht Weihnachten feiern, um Weihnachtsbräuche zu haben. Ich, zum Beispiel, fahre traditionell am ersten Weihnachtsfeiertag nach Pacifica, hole mir einen Kaffee, stehe auf dem Steg den Krabbenfischern im Weg und schaue Regenbögen beim Wellenreiten zu. Auf dem Weg zum Auto schaue ich, wie man das als Local halt so macht, schnell nach Westen und denke mir angesichts der Nebelwand über dem Hügel sehr spontan: “Nein, heute nicht.” Stattdessen wähle ich das Alternativprogramm zum am Meer in einer Waschküche rumschlottern, schlüpfe in was Leichtes (T-Shirt, kurze Hosen, Sonnenhut, nackte Füße), richte mir im Garten den Liegestuhl zur Sonne aus und verbringe die Zeit bis zum Sonnenuntergang mit John Scalzis “Redshirts: A Novel with Three Codas” (kann man lesen, muß man aber nicht).

Nebenher freue ich mich, daß es mir inzwischen wurscht ist, ob ich ein Buch auf Englisch oder Deutsch lese; 1 Taschenbuch = 1 Nachmittag.

Organics is coming to San Bruno

Wer mit deutscher Mülltrennung sozialisiert wurde, dem stößt das hiesige Zusammenschmeißen allen Abfalls doch immer wieder sauer auf. Wir haben zwar für Papier, Glas, Dosen etc. gemeinsam eine große blaue Recycle-Tonne und für Gartenabraum eine grüne, aber in der waren bisher zum Beispiel Fallobst oder anderer kompostierbarer Abfall verboten (und Lyn hat mir regelmäßig Ermahnzettel in den Briefkasten geworfen, wenn sie mich bei ihren Tonnenkontrollen wieder dabei erwischt hat, daß ich heimlich gegen diese unsinnige Regel verstoße).

Jetzt kann ich meine Unmengen von Orangenschalen beruhigt in der Bio-Tonne entsorgen, San Bruno hat den Kompost entdeckt und mir dafür sogar ein neues Eimerchen* geschenkt. Weil das Konzept vielen Menschen offensichtlich vollkommen unvertraut ist, wurde eine Broschüre mit Anleitungen verteilt. s. u.

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Ich bin noch nicht ganz drüber weg, daß halb aufgegessenes grundsätzlich weggeschmissen wird und etwas überrascht, daß die “Boxes” mit den Resten aus dem Restaurant und Kaffeebecher tatsächlich “organic” sind – aber gut. Die müssens ja wissen.

Falls mich wer sucht, ich kann grad nicht. Ich muß Müll einfrieren…

*Das ist wunderbar belüftet und viel zu schade für Abfall, das nehme ich zum Aufbewahren. Für Kartoffeln.

Neu im Fernsehen “Orphan Black”

Wie immer habe ich mir die ganze erste Staffel in einem Rutsch angesehen und kann sie sehr empfehlen. SciFi (Klone und alles, was an Ethik-Diskussion damit einhergeht), Cop-Drama und eine exorbitant gute Hauptdarstellerin, Tatiana Maslany. Sie spielt alle Klone und läuft zu Hochtouren auf, wenn sie innerhalb der Rolle eine andere ihrer Klon-“Schwestern” darstellt.

Die 2. Staffel ist schon in Arbeit.

Anschauen!

Geschenkideen (absurd)

In der Radiowerbung brüllt mich ein “stanford-trained” Doktor an, er habe da ein Angebot, das ich nicht ausschlagen könne: Two-for-one!! Zwei was, Herr Doktor? Zwei was gibt’s zum Preis von einem? Ach, du Dummerle: zwei Augen lasere ich dir oder einem lieben Angehörigen, aber nur, wenn wir noch dieses Jahr einen Termin vereinbaren und der volle Preis im Voraus gelöhnt wird.

Fühle ich mich nicht auch unsicher? Wenig geliebt? Von der Gesellschaft ausgestoßen? Zum Glück gibt es jetzt Selbstvertrauen aus der Tube, sogar im ansprechend verpackten Holiday Gift Set und zum halben Preis. Will ich mir nicht selbst das Geschenk unendlicher Beliebtheit machen? Es ist so simpel: Einfach “Ovation* Hair Therapy” in die Haare schmieren und schon mögen mich alle, weil ich aussehe wie Heather Locklear.

HäuschenKaum ist man mal für ein Stündchen zum Schwimmen weg, schon schlägt wieder eine der vielen Maklerinnen zu, die hier regelmäßig herumstreifen, und will wissen, ob ich nicht mein Haus verkaufen will. Wo es dafür doch keinen besseren Zeitpunkt gibt als die Weihnachtszeit (alle Vorteile s. links), denn schließlich kaufen manche Leute mal schnell so ein Haus als Geschenk.

Kenne solche Leute nicht und wohne hier zur Miete – geht’s noch?

“Do you see yourself in Carmen?” will David Gockley von der SF Opera wissen. Und ob ich nicht ein paar Schülerabos sponsorn möchte, wo gerade junge Menschen so sehr von klassischer Musik profitieren täten. Man sehe doch schon an den nachfolgenden Zitaten, wie sehr sie Bizet berühre:
– “It was nice to see a woman be so powerful. But it was hard to relate to her because I get so, like, gooey with love.”
– “The music was great!”
– “José didn’t have to kill Carmen. He could have made a different choice.”

Total berührt. Genau. Gooey, gemeinplätzig und politisch korrekt. So wollen wir die nachfolgende Generation. Aber nicht mit meiner Kohle.

Morgen isses ausgestanden.

* Ovation assoziiert bei mir Ovulation. Keine Ahung, ob nur ich so schräg drauf bin, oder ob die unterschwellige Botschaft lautet: Eisprung – fruchtbar – viele Haare (im Marketingsprech = volles Haar)?

Anything goes

“Weil wir heute nur eine einzige Stunde haben und der Pool danach für Weihnachten schließt, dürft ihr euch aussuchen, was wir machen. What is it gonna be?” ruft unsere Aqua-Fitness-Instruktorin vom Beckenrand. Wir sind zwar nur zu viert, aber wir bestellen alles, was wir kennen und mögen:  Pilates, Tai Chi, Rücken, Boot Camp, Arthritis, Yoga – und das Tolle an Desha ist, daß sie uns on the spot zu einem Rock’n Roll Christmas-Medley Elemente aus der ganzen Wunschliste vorturnt und vorsingt, inklusive Luftgitarrensolo. Wir verlassen das Kinderbecken schwer “energized” und schweißgebadet.

Die einen haben noch Last-Minute-Einkäufe vor sich, die anderen Kochorgien und ich muß heute nix mehr. Keinen Geschenke einwickeln, keinen Baum anzünden, keinen Turkey begießen. Einfach nix. Sehr schön, das.

Vitamine frei Haus

Sam hat Orangen gebracht, für hiesige Verhältnisse unverkäuflich: gerade mal babyfaustgroß, hutzelig und braungefleckt. Vier ergeben ein randvolles Glas Saft und der ist über alle Maßen gut. So gut, daß man mir eine Jahresladung Konzentratsaftgallonen vor die Haustür stellen könnte und ich sie nicht gegen meine Tüte Tüpfelorangen eintauschen würde. Yummmiieeee!!

Merken!

Der  A u s z u g  ist der leichtere Teil!

Einziehen, vor allem, wenn das halbe Team mit drei Leitern im Dauereinsatz ausschließlich damit beschäftigt ist, Kabel zu ziehen, ist viel mehr Arbeit. Viel mehr.

Die Moving Crew ist verdreckt, erschöpft und hungrig und unser neuer Internetprovider hats immer noch nicht auf die Reihe gekriegt, uns endlich online zu bringen. Wurscht, erst mal baden, dann essen, dann zwei freie Tage genießen und dann schauen wir weiter.

Merry Christmas! (bzw. wie man hier sagt: “Happy whatever does not offend you.”)

Daneben gegangen

Ein vernünftiger Mensch wie ich vermeidet in der Vorweihnachtsdudelzeit das Aufsuchen von Orten an denen Menschen Ware gegen Geld feilbieten; das ist nicht amerikaspezifisch, das habe ich in Deutschland im Dezember auch immer so gehalten. Doch selbst einem vernünftigen Menschen wie mir geht irgendwann die Milch* aus. Auch Obst und Gemüse sind knapp, Sam schuftet zur Zeit bei seinem Chef auf irgendeiner Baustelle und kann mich zu seinem höchsten Bedauern nicht beliefern. Selbst dies und das fehlt, der Einkaufszettel wird zusehends länger. Dann muß ich wohl doch mal los. Irgendwann nach 6pm, wenn die Amis alle beim Essen sind, damit sie pünktlich zur Prime Time die Bäuche voll haben, dann ist der Supermarkt bestimmt leer. Nachmittags optimiere ich die Einkaufsliste nach dem Tonis-Oma-Prinzip, also in der Reihenfolge der abzuklappernden Regale; dann bin ich lässig in einer halben Stunde durch.

Ich hätte es besser wissen können. In Amerika geht man am Wochenende shoppen. Alles. Bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit. Auf dem Camino Real ist an der Einfahrt zur Shopping Mall schon ein ziemlich langer Rückstau, obwohl die jetzt im Advent zweispurig ist. Da lache ich noch und denke mir, wenn die alle in der Mall sind, dann ist der Supermarkt aber ganz bestimmt menschenleer. Bis ich zwei Abfahrten weiter auf den Lucky-Parkplatz abbiege. Mit ca. 12 anderen. Das dauert, denn es geht nach dem 4-Way-Stop-Prinzip. Relativ weit weg vom Eingang, hinter dem Christbaum-Tandler, sind noch Parkplätze frei. Weiah, das wird ein Spaß werden. Wird es. Auf halber Strecke kann ich den Heilsarmeespendensammler schon klingeln hören, in einer zugigen Ecke trägt mir ein kleines großäugiges Mägdelein Schwefelhölzer an (okay, okay, ich übertreibe; es ist Pfadpfinderinnen-Schokolade) und im Eingangsbereich stehen zwei Männer in Schinkenkostümen und verteilen Kostpröbchen “Why not Ham for Christmas?”. Mir doch egal, was ihr Weihnachten eßt. Ich will bloß schnell einkaufen. Schnell? Nix da. Ein Engel manifestiert sich vor mir und will, daß ich “A Slice of Angel Cake” versuche. Ist ja gut, ich mach’s ja. Darf ich dann mal weiter? Nun ist der Engel traurig. Hat mir sein Kuchen nicht geschmeckt? Doch schon, aber… Da lacht der Engel wieder. Das sei ja “awesome” befindet er, dann wollte ich doch bestimmt die Fertigbackmischung kaufen? Wo’s die doch heute zum Supersonderangebot gibt, einen zahlen und zwei mehr geschenkt bekommen for the “Happiest Holiday for you and your Happy Family”. Nein, Engel. Will nicht. Geh weg! Energisch schiebe ich meinen Einkaufswagen an die Frischwurschttheke. Der stärkstpigmentierte Verkäufer ist schwarzbemützt (1 weißer Bommel), die Asiatin grün (1 roter Bommel), der Kaukasier rot (flusselige Bommelreste in Eierschale), der Latino auch rot (2 dicke weiße Bommel – warum denke ich jetzt an cojones?) und sie sind in ein angeregtes Gespräch, vermutlich über Bommel, vertieft – es braucht zwei nachhaltige “Xcuse me”s, bis man mir ein paar Radel German Bologna abzusäbeln beliebt (ausgesprochen wird das hier “balloni”). Nur zum Fest gibt es “Bacon Crust Turkey Breast”, damit der Vogel nicht gar so mager daher kommt. Hier kann man immer alles probieren, und wat soll isch sagen, mit ordentlich Speck schmeckt auch Pute gut. Da nehme ich ein Viertelpfund.

Den Brotstand blockiert ein fetter Santa, der mir erst mit “HoHoHo” kommt und dann mit dem Ansinnen, doch ein paar von den apart in seinem Gabensack drapierten knapp einen Meter langen “Boxes of Chocolates” zu erstehen. Wenn ich fünf nehme, gibt es zwei noch obendrauf und das sei doch ein so ein hübsches Last-Minute-Geschenk für den Hausmeister oder die Lehrerin oder den Postboten oder so. Bevor er mir noch weitere Dienstleister aufzählen kann, schalte ich meinen German Akzent ein und steche mit einem “I neet breat” an ihm vorbei. Frisches Brot war heute offensichtlich der Renner, ein paar versprengte Laiberl liegen noch aus. Kein Wunder bei den Geschmacksrichtungen: Knoblauch und Zimt, Zwiebel und Cranberry und hah! ein gemischtes Korn. Das ist meins! Haken auf die Liste, weiter.

snack trayIn der Kühltheke, wo sonst die Milch ein friedliches Dasein mit anderen Molkereiprodukten fristet, ist der Snack-Tray-Wahnsinn ausgebrochen. Fertig Geschnipseltes in allen Geschmacksrichtungen. Nur Wurst. Nur Käse. Gemischt. Mediterran, das heißt, inklusive Oliven. Vegan = vor allem Möhren. Alles. Und in allen Größen und immer gleich fertig eingeschweißt mit Crackers und Dips. Haltbar bis irgendwann 2014. Ich will doch bloß Milch – wo ist die hingekommen? Die, belehrt mich der Mitarbeiter, der gerade schon wieder Trays nachfüllt, ist “in the season” hinten bei der Butter. Butter? Guter Input. Nehme ich auch eine. Komme aber nicht ran, denn vor den fettigen Brotaufstrichen hat sich die Blue-Bonnet-Margarine-Lady breitgemacht und will mit mir besprechen wie ich gesünder leben kann. Ich will aber nicht. Ich will Butter und Milch und dann raus aus dem Laden, meine Ohren dröhnen schon; man hält es hier mit der Reihenfolge: 1 Weihnachtsdudellied/1 Durchsage über die Holiday-Öffungszeiten – am Heiligen Abend nur bis 8pm und dann wieder am 26. Dazwischen liegt der eine freie Tag, der selbst den Mitarbeitern der Lucky-Family gegönnt wird. “Be prepared, shoppers!”

Gaaahhh, ich habs so dick! An allen Kassen lange Schlangen und Kunden mit randvollen Einkaufswägen. Obwohl ich so disponiert habe, daß ich dieses Jahr höchstens noch einmal Milch brauche, sieht meiner dagegen doch recht mickrig bestückt aus. Egal. Alles aufs Band – und nein, ich möchte keine meterlangen Chocolate Boxes. Vielen Dank. Auch keine Viererpackung Christmas-Fudge in drei Geschmacksrichtungen. Bitte. Aufhören. Die spielen schon wieder Rudolph…Ich will jetzt zahlen und heim, sonst laufe ich Amok! Raus hier! Einladen und weg – und nein, ich brauche keinen Weihnachtsbaum!

Ich habs hinter mir. Daheim dudelt keiner. Alles ist verstaut und mein Projekt für 2014 ist: H-Milch für Amerika. Oder zumindest für mich.

 

* In Amerika gibt es keine H-Milch zu kaufen. Da die sonst alles zu Tode pasteurisieren können, habe ich die Große-H-Milch-Verschwörungstheorie entwickelt. Fast jeder braucht Milch, vor allem im Lande der Frühstücksflocken. Also geht er welche nachkaufen. Selbst wenn es eine ganze Gallone ist sieht das eine Milchle in den Rieseneinkaufswägen immer so verloren aus und heischt quasi nach Gesellschaft. Dann besorgt man eben noch dies und das. Sowie jenes. Klingt ziemlich plausibel, finde ich.