Viele Menschen meiner Generation dürften die Kriegs- und Nachkriegsgeschichten ihrer Familien noch aus erster Hand von Großeltern oder Eltern gehört haben. Also a) sehr subjektiv, und durch häufiges Erzählen geschliffen und gefärbt, mit Auslassungen und -schmückungen (“Wie wir ein fast volles Weinfass zu fünft von Köln bis Godesberg gerollt haben…”) und b) beschränkt auf den eigenen kleinen engen Blickwinkel.
Jähner hat, wie schon in seinem Buch über die Weimarer Republik (s. https://flockblog.de/?p=50628), umfassendes und weitläufiges Quellenstudium betrieben und faßt für die Nachgeborenen zusammen, ordnet ein, erklärt Zusammenhänge und malt so ein Gesamtbild einer Zeit, in der die Welt sich zu neuen Blöcken sortiert, ein eiserner Vorhang zwischen Weltanschauungen gezogen wird, der Spagat zwischen Tätervolk und Kriegsgeschädigten mal klappt und mal nicht, einer deutschen Zukunft zwischen Morgenthau- und Marshallplan, sozialistischem Realismus und abstrakter Kunst, Beate Uhse und Prüderie.
Brennend interessant, flüssig geschrieben, und wieder einmal mit der Erkenntnis verbunden, dass, bloß, weil ich glaube, dass ich viel weiß, ich noch mehr nicht weiß.
Einem und einer jeden ans Herz gelegt, die mehr verstehen wollen, ohne trocken belehrt zu werden. Mein Exemplar kann ausgeliehen werden.
Lesen! Lesen! Lesen!
PS: Pars pro toto ein Zitat, das ich “Elegie an einen Nierentisch” betitelt habe:
“Der Nierentisch war das dekorative Symbol entnazifizierten Wohnens. Mit abgespreizten Beinen und aufreizendem Optimismus stand er spillerig im Weg; asymmetrisch, verletzlich, hallodrihaft verkörperte er das Gegenteil des wuchtigen Reichskanzleistils. In grazilen Schühchen aus Messing, mit einem goldfarbenen Umleimer gegürtet und oft noch mit mediterranem Mosaik belegt, sah er aus wie die Travestie eines stabilen Tisches.”