Halbe Portion

Gestern beim mexikanischen Metzger.

Ich orderte Hackfleisch (das ist immer schon fertig in praktische Ein-Pfund-Papierpäckchen eingewickelt) und die deutsche Dame nach mir bestellte: “I would like to become half a portion of it.” Selten ein so fassungs- und verständnisloses Gesicht gesehen wie das des Butchers.

Ich habe mich helfend eingeschaltet (eine gute Tat pro Tag), dafür gesorgt, dass er ihr ein halbes Pfund abwiegt und anschließend mit ihr herzlich über die “false friends” in der englischen Sprache gelacht – aber mir will einfach nicht der Gedanke aus dem Kopf gehen, was passiert, wenn ausgerechnet ein Metzger diese Bestellung wörtlich und sein Hackebeil in die Hand nimmt.

Winter in Nordkalifornien

Es ist – schon wieder oder immer noch (?) – “Rainy Season”. Meist schüttet es ein paar Minuten lang wie verrückt, um dann zügig die Sonne wieder scheinen zu lassen und alles abzutrocken; danach schüttet es gerne wieder. Oder es gibt eine Art Regen, den man gar nicht als Regen, sondern eher als extrem hohe kühlere Luftfeuchtigkeit wahrnimmt (Nebeneffekte sind eine permanent unklare Brille und Angela-Davis-Löckchen). Heute war Variante eins dran und also habe ich mein Frühstück auf der Terasse mit abwechselnd trommelndem Regen aufs Vordach oder praller Sonne eingenommen. Sehr hübsch.

Zu meinen täglichen Lieblingsbeschäftigungen gehört es, morgens auf dem i-phone die hiesige und die Münchener Tagestemperatur zu überprüfen und ich war diese Woche mal sehr gekränkt, als wir hier morgens die gleichen 6°C hatten wie ihr abends. Jetzt ist es wieder gut – die Differenz liegt wieder über 10°C.

Dieser Tage (es war der 6°C-Tag) hat mich auf dem Weg zum Bahnhof eine Nachbarin in dickem Fleecemantel, Stiefeln, Wollmütze und Handschuhen zähneklappernd mit den Worten begrüßt: “it’s gonna snow – it’s like tooooo cold” und heute habe ich zwei Damen getroffen, in Puschelpelzmänteln mit Stulpen, Stiefeln und Fellmützchen sowie je einem weißen Sheba-Hund in rotem Fleece mit Schneckflöckchen bedruckt an der Leine. Klar, ich heize auch und laufe nicht in kurzen Hosen und Tanktops rum (es gibt immer noch genügend Hardcorecalifornians, die das tun) – aber soooo schlimm isses nun auch nicht. Ich weiß, wovon ich spreche – ich kenne jeden Winter seit den Sechzigern mit Vor- und Zunamen. Inklusive des geheimen Mittelinitials.

Valentinstag

Ich habe heute zwar weder Blumen, noch Schmuck oder Pralinen bekommen, dafür aber in einer wundervollen konzertierten Aktion endlich mein langersehntes Wohnzimmersofa. Wie das? Ganz einfach: ich habe heute früh bei der Heilsarmee DAS Futon fürs Wohnzimer gefunden. Es ist, wie so vieles im Haus in flottem Rot gehalten, darüber hinaus mit schmucken japanischen Symbolen und Schriftzeichen bedruckt, und war dann auch noch günstig. Leider liefert die Salvation Army nicht, und jeder Tag, den sie ein Möbel aufheben, wird mit 25$ berechnet. Zum Glück fährt Kollege Felix einen Kombi und war auch gleich willens, am Nachmittag den Transport zu übernehmen – wenn das nicht ein Valentinsgeschenk ist…

Wir trafen uns also um kurz nach 5pm im Thrift Shop, um alsbald enttäuscht festzustellen, dass zwar die Matratze, nicht aber der komplette Lattenrost (also das Sofagestell) ins Auto passen. Hmmm. Also hab ich wieder telefoniert und Toni war bereit, das Gestell (es war zum Glück nicht über die Maßen schwer) mit mir die 0,7 Meilen vom Heilsarmeeladen nach Hause zu schleppen. Felix und ich sind umgehend mit der Matratze nach Hause geprescht (die Zeit lief, die Soldaten Gottes machen pünktlich um 6pm zu), haben flott aus- und Toni zugeladen.

Und wir beide haben dann das schwarze Holz-Gestell (gut 1,85m lang und 1m breit) durch den Ort und über die Bahngleise geschleift. Es ist uns, glaube ich, gelungen, dazu beizutragen, dass sich die San Brunoians heute Abend was zu erzählen haben…

Jetzt ist es aufgestellt, geputzt, hat von Toni die Schrauben nachgezogen bekommen und von mir zwei schöne Sofakissen, das Leselicht ist ideal positioniert und der Warhol hängt drüber – das Wohnzimmer verdient sich so langsam seinen Namen.

Erst mal: VIELEN DANK AN FELIX UND TONI! MUCHO APPRECIADO!

Schöner Nebeneffekt: ich bringe jetzt bequem und lässig vier Übernachtungsgäste unter… nur falls wer vorbeikommen möchte…

Schnitzeljagd

Gar nicht so einfach, wenn man sich hierzulande zum Abendessen Schnitzel einbildet (ich habe nicht geahnt, wie sehr ich ausgerechnet das “Lindwurmstüberl” vermissen werde).

Schwein in Schnitzelform wird nirgends angeboten. Als Rippchen oder als Schweinefuß (mit Zehen und Klauen dran) schon. Pute muss man mögen (ich ja nicht so) und Kalb? Kalb ist keine sehr häufig offerierte Fleischsorte – ich glaube, man wartet lieber, bis das Tier ausgewachsen ist und man dann Riesen-T-Bone-Steaks rausschneiden kann.

Wenn man sich aber partout Schnitzel einbildet? Dann kauft man, frei nach dem Motto “man kann alles panieren” schöne dünn geschnittene Rindsrouladen und stellt erfreut fest, dass die servierte Mahlzeit ganz nah dran ist am Wiener Schnitzel. Ois leiwand.

Besuch

ach, wie ich mich freue: mein nächster Gast hat sich angesagt und kommt schon am 27. Februar.

Dann habe ich auch wieder die Gelegenheit, mehr Kalifornien kennenzulernen – laßt mich wissen, wenn ihr ganz besondere Empfehlungen habt.

Stier? Bulle? Ochse?

Im chinesischen Tierkreis ist auf das Jahr der Ratte vor ca. 2 Wochen das neue Jahr des Stieres gefolgt. Mein Kollege in China nennt es “the year of the bull” und erwartet (nach der einen Festwoche, die in China traditionell zu Beginn des neuen Jahres zelebriert wird) immensen wirtschaftlichen Aufschwung, die Bewohner der San Franciscaner China-Town sprechen vom “year of the ox”. Letztes Wochenende wurde Miss Chinatown gewählt, Cindy Wu aus Houston, Texas, mit den schönen Hobbies Singen, Tanzen, Volleyball, Lesen und Bowling. Gestern dann wurden die hiesigen Feierlichkeiten mit der traditionellen “Chinese New Year Parade” beschlossen, gesponsert von SouthWestAirlines.

http://chineseparade.com/

Das war vielleicht ein Auftrieb!  Vorab war berichtet worden, dass der “Dragon Master” einen neuen Drachen gebaut habe, 238 Füsse lang und noch Kopf und Schwanz dazu, und der musste, weil neu und noch nicht umzugserfahren, in einer recht komplizierten Zeremonie “aufgeweckt” werden. Ich war leider zu weit weg, um genau zu sehen, wie das geht, habe aber verstanden, dass man viele viele Böller und Rauch braucht. Das Privileg der Eröffnung des Umzugs war schwarzuniformierten Motorradcops mit verspiegelten Sonnenbrillen vorbehalten, möglicherweise ist der Drache schon allein von deren Motorengeräuschen wach geworden.

Und dann kam alles, Schulklassen, Fahnenschwinger, Marching Bands ohne Ende, geschmückte Festwagen, der Erzbischof, die ganze chinesische Handelskammer, die Feuerwehr, lokale (Polit)Prominenz, überdurchschnittlich viele Wikinger, der Bürgermeister, noch mehr Schulklassen, teure Kabrios mit sich räkelnden asiatischen Schönheiten, noch teurere mit dunkel bebrillten Anzugträgern (keine Ahnung, ob die Triaden da auch ihre Repräsentaten hinschicken), mit Gold- und Silberlametta gepimpte Limousinen, wieder Schulklassen aller Alterstufen, bandschwingende Mädchen, mal wieder Fahnen, Chinakracher-Werfer, der ganz große Drache, viele kleine Drachen, großkopfige Theaterfiguren, Tänzer, Martial Arts Gruppen, weniger martiale Sportvereine, Foot- und Baseball-Mann- und Frauschaften, South-Western-Airlines-Fahnen-Fahnenschwinger, Glücksschiffe mit Rudermannschaften, Musikkapellen, kleinere Drachen, klitzkleine Azubidrächelchen, Fähnchenschwinger, Kamellenwerfer (kein Bonbon abgekriegt), Glückbambuswerfer (zum Glück nicht getroffen worden), irrsinnig aufwendig geschmückte Wagen, die für (chinesische) Restaurants in Chinatown warben, tanzende Kühe, dicht gefolgt von winzigen asiatischen Cowpersons (Boys und Girls), die mit Platzpatronen schießen durften, ein Wagen, der mit einem einsamen Kaktus gekrönt war, behelmte Veteranen, Kapellen, Mönche auf Wagen und zu Fuß, immer mal wieder Bullerei in Autos mit Signalbeleuchtung an (meist heftig beklatscht), bunte-Tücher-Schwinger, die Müllabfuhr mit tanzenden “garbage men” mit großen Silbermülltonnen, Männer, die ihre Hörner mit großem Stolz trugen, angeführt von einem mächtige Pick-up mit Riesengeweih (keine Reverenz an Miss Chinatown aus Texas, sondern, wie auch die – zunächst mißverstanden – Wikinger an das titelgebende Tier) … Wie Toni so recht bemerkte, es fehlten eigentlich nur noch die Panzer und überfliegende Düsenjets.

Ich möchte nicht im Paraden-Teilnehmer-Auswahlkomitee sitzen; ich glaube, das ist wie bei den Kölner Schull- un Veedelszöch – lass eine Gruppe sich nicht angemessen repräsentiert fühlen, dann sind die die nächsten Jahre beleidigt.

Das Ganze hat fast vier Stunden lang gedauert und mich hat am meisten ein Herr beeindruckt, der auf einer Trittleiter stand und die ganze Zeit eine 1,5×1 Meter hohe (und schwere) Papptafel hochhob, voller Text, dahingehend, dass Gott Obama und ihn selbst ausgewählt habe, Tibet die Freiheit zurückzugeben. Außer uns war sehr viel anderes Publikum zugegen und wäre Rainer in der Nähe gewesen, dann wäre der Satz von des Herrgotts großem Tiergarten nicht nur einmal gefallen. Ein buntes Volk. “Leut’ anschaug’n” war mindestens ebenso unterhaltend wie Parade. Möglicherweise ist es dem Erzbischof und seiner Diözesankapelle in schmuckem Violett zu danken, dass wir herrlichsten Sonnenschein hatten. Heute hat es nachmittags mal wieder angefangen, wie aus Kübeln zu schütten, heute war aber auch keine Chinesenparade und der Erzbischof nicht im offenen Wagen unterwegs.

Wildlife

Im Moment bricht hier nach ein paar regnerischen Tagen allerorten der Frühling aus und es treibt und blüht und quakt. Letzteres kann einen zur Weißglut treiben, weil ein offensichtlich paarungswilliger Mean North Californian Midnightquaker* (in Ermangelung korrekter Artennamen erfinde ich mir einfach welche) sein Revier in meinem Vorgarten bezogen hat und keine Krötin sein Flehen erhört.

Wahrscheinlich sollte ich ihn darauf hinweisen, dass hinter dem Stacheldrahtzaun der Nationalwächterschule ständig ein ebenso so flehentliches Quaken zu hören ist. Vor lauter Selberbrüllen kann er wohl nicht hören. Die armen beiden Königskinder…

* ich stelle mir den Gemeinen Nordkalifornischen Mitternachtsquaker als dicken fetten Kröterich vor, mit geblähtem Hals, der nächtens seltsame Laute durch Suburbia blökt.