Gestern Abend im Residenztheater: “Cabaret”

Die Verfilmung ist einer meiner All-Time-Favorites und nun mein erstes Mal “Cabaret” auf der Bühne – und gleich so eine ausgesprochen gelungene Inszenierung. Ich bin schon ein Glückskind!

Die Truppe des Resi macht gar nicht erst den Versuch, mit dem Film konkurrieren zu wollen, sondern stellt eine ganz eigene Version auf die Bühne. (Wobei ich nicht weiß, ob alle Bühnenfassungen so sind. Ist, wie gesagt, meine erste.) Sie führen eine zusätzliche Ebene ein, in der der inzwischen gealterte Schriftsteller (Michael Goldberg) in ein inzwischen gealtertes und um einiges an Geschichte reicheres Berlin zurückkehrt und über das reminisziert, was damals war. Darüber kommt sein jüngeres Ich (Thomas Hauser) hinzu und bezieht in den Roaring Twenties sein Zimmer in Fräulein Schneiders (Cathrin Störmer) Pension.

Nicht junge Männer wie Fritz Wepper und Helmut Griem bestimmen wie im Film die Schwerpunkte der Handlung, sondern Fräulein Schneiders zarte Neigung zum jüdischen Viktualienhändler Schultz (Robert Dölle) oder die talentierte Anpassungsfähigkeit des Fräulen Kost (Myriam Schröder). Weil es ein Musical ist, singen sie darüber. Auch ganz neue Lieder (für mich). Dreh- und Angelpunkte des Abends bleiben, unabhängig vom Medium, der Conférencier (Hut ab! Vincent Glander holt aus der herrlichen Paraderolle alles heraus, was geht und mehr) und, natürlich, Sally Bowles (tiefe Verbeugung vor Vassilissa Reznikoff), Sängerin, Tänzerin, Akrobatin, zu gleichen Teilen strahlende und tragische Heldin mit vollem Stimm- und Körpereinsatz – Hallo Ballett! Gleich ihr erstes Solo “Mein Herr” läßt mich, nein, nicht Minnelli vergessen, nein, das geht nicht, aber Reznikoff und ihre Interpretation gleichberechtigt neben ihr stehen – und das ist viel.

Regisseur Claus Guth bittet sein junges Ensemble und das glänzende Orchester zum Tanz auf dem Vulkan und sie folgen ihm nur zu gerne. Mit blitzschnellen Kostüm- (Hach, die Kostüme! Wow!) und Szenenwechseln, paillettenglitzernden Choreographien und Gesangseinlagen – das macht einfach nur Freude. Ein besonderer Höhepunkt ist der Vortrag einen noch jungen Knaben, der glockenhell den morgigen Tag besingt, der sein werde. Noch könnte der Vortrag unschuldig sein, noch trägt das Kind keine braune Uniform mit Koppel, noch hat nicht der Chor das Lied brausend aufgenommen. Kommt aber. Und dann wird es kalt in Deutschland und die Bühne im zweiten Teil eingeschneit.

Bühne. Gutes Stichwort. Wer immer im Resi inszeniert, kann mit einer Drehbühne spielen. Das machen sie hier großartig. Ihre Cabaret-Drehbühne ist zweigeteilt. Das Zimmer, in dem der Schriftsteller ankommt, in dem er als junger Mann erst allein und dann mit Sally wohnt (man denke “Zuhälterballade” aus der Dreigroschenoper. https://www.youtube.com/watch?v=QCddsMshytk), und das mit zunehmendem Chaos draußen, Zeichen der Zeit, ebenfalls verlottert. Auf der anderen Seite in gepflegtem Ochsenblutrot, sieben Slapstick-Türen (oder acht oder neun, ich habe vergessen zu zählen), die Fräulein Schneiders Pension spielen und den KitKat-Club und und und… und im 2. kalten Teil im Schneegestöber gefallen und versunken sind. Nur eine wird noch einmal aufgerichtet, mehrfach, denn um sie herum geht alles kaputt. Wer nicht ist, wie wir das haben wollen, wird zusammengeschlagen, verschleppt, gemordet. Es fließt viel Bühnenblut. Zukunften werden in den Dreck getreten, wer kann, bleibt, und tut, was er oder sie zu tun müssen glaubt, um zu überleben. Sehr berührend der Vortrag Fräulein Schneiders, die die entscheidende Frage stellt: “Was würdest du tun / hättest du getan?” Und es schneit dazu, ununterbrochen. Ich finde ja auch, dass die Welt immer noch schrecklicher ist, wenn Schnee fällt und es kalt ist. Doch, doch.

Ganz groß ist Reznikoffs abschließender Vortrag der Überlebenshymne “Life is a Cabaret”, für die sie von der Bühne steigt und zwischen Orchester und erster Reihe stimmgewaltig die ganz großen Gefühlsregister zieht. Ich ziehe noch einmal sämtliche Hüte vor ihr, denn das ist ganz große Kunst: mich, die ich weiß, was sie da tut, um einen bestimmten Effekt zu erzielen (kenne die Tricks), das Handwerk vergessen zu lassen und mich dem Vortrag atemlos begeistert und vorbehaltlos hinzugeben. Doch, das war toll!

Man hätte nun die Schauspielerinnen und Schauspieler (hochverdiente) Einzelapplause entgegennehmen lassen können. Die Produktion hat sich dagegen entschieden und es treten immer alle zusammen, das ganze Ensemble, zum Verbeugen vor den Vorhang. Gut so. Und richtig! Das ausverkaufte Haus jubelt lange und anhaltend.

Wer noch Gelegenheit hat, sich eine Vorstellung anzusehen, tue das. Unbedingt.

Vielleicht hat der- oder diejenige dann die Chance Vincent zur Linden zu sehen. Dessen Rolle des guten Volksgenossen und späteren 150%-Nazi hatte gestern und sehr gut Lukas Rüppel übernommen. Mich würde nur angelegentlich interessieren, ob sie auch in Cabaret sonst wieder einen Grund finden, zur Linden nackig auf die Bühne zu stellen. Irgendwie habe ich seinen Penis vermißt. Und vielleicht könnte man dann auch die Frage nach den zunehmend mehr und größer werdenden blauen Flecken auf Brust und Hals des immer mephistophelischer agierenden Zeremonienmeisters klären. (Sein Abgang. Hach, dieser Abgang!) Konnten wir nämlich auch im Nachgespräch nicht klären. Wäre aber interessant zu wissen.

Also noch einmal: Hingehen. Anschauen!
Ja, ist Musiktheater. Macht aber ganz viel Spaß!

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