Neu auf Netflix – “Sweet Tooth”

Mei, ist das aber ein süße Apokalypse. Darf ich die a mal streicheln?

Falls sich jemandem der Sarkasmus des ersten Satzes nicht erschlossen haben sollte, dann auch gerne im Klartext: Mei, ist das aber eine schlechte Literaturverfilmung.

Worum gehts? Auf der ganzen Welt rafft eine Pandemie die Menschheit dahin und neugeborene Kinder sind Chimären, Mischwesen aus Mensch und Tier, sogenannte “Hybride”. Aus dieser Basisgeschichte hatt Netflix da was für alle Zielgruppen zusammenrühren lassen: ein unglaublich süßes Kind (Christian Convery) mit Kleingeweih und zuckenden Rehohren, denen man schon auf die Ferne ansieht, wie schön weich sie sein müssen, ein gentle-Giant-ehemaliger-Footballspieler mit rauher Schale aber butterweichem Kern (Nonso Anozie), der dem Kinde eigentlich gar nicht helfen will, dann aber gar nicht anders kann, ein vorbildlich diverser Cast durch alle Ethnien, wobei Asien von indischstämmigen Schauspielern abgedeckt wird, das muss reichen, der Soundtrack*, so dermaßen unsubtil um die Ohren geknallt, dass kein Spielraum für selbstdenkende Interpretation bleibt, Hüttenromantik mit Preppernote in Yellowstone, alleinerziehender Vater, der den Kleinen auf alle Billen und Unbillen des Lebens vorbereitet, grandiose Landschaften in allen Jahreszeiten, ein Bild schöner als das andere, Pandemie mit Masken, Sauerstoffgeräten, überlastetem Klinikpersonal, zusammengebrochener Zivilgesellschaft, ein Bild grausiger als das andere, Militias, sonstiges Schurkengesindel, außerdem “Nachbarschaftswärter”, die Infizierte und deren Häuser unter Absingen von Auld Lond Syne abfackeln und zu allem James Brolin als Aus-dem-Off-Erzähler, dem die Guturalität durchgeht.

Ganz ganz schlimm. Im Originalkomik von Jeff Lemire ist der Vater ein religiöser Fanatiker, das Kind ein Naivling, der viel zu schnell erwachsen werden muss, der gute Hirte genauso schlecht und käuflich wie alle und die Mischkinder sehen sehr viel mehr nach Tier aus, als nach Mensch. Zudem ist die Story mit einer wilden Inuit-Mystik aufgeladen, die in der Verfilmung gar nicht erst vorkommt. Da sind die bösen Wissenschaftler schuld, denen das Virus aus dem Labor entweicht. Sorry, Spoiler.

Wer die Graphic Novel nicht kennt, kann das Machwerk ansehen. Wer sie kennt, dem schmerzen vor lauter Zuckerguß alle plombierten Zähne und alle anderen aus Solidarität gleich mit.

* Mehr zum Soundtrack? https://screenrant.com/sweet-tooth-soundtrack-songs-explained/

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