Kuchen, erzählt der Kollege, dürfen in der Schule seiner Tochter nicht mehr im Ganzen, sondern nur noch fertig aufgeschnitten mitgegeben werden. “Ah,” glaube ich zu verstehen, “Kinderhände und Messer”. “Nope”, sagt er, ebenfalls ein Zugereister, “this is America. Messer sind nicht das Problem, sondern Red Velvet (Roter Samt).”
Bidde? Wie meinen?
Für die Pointe der Geschichte ist es hilfreich zu wissen, daß “Red Velvet” ein Schichtenkuchen für besonders hohe Feiertage ist und vor allem aus viel besteht, namentlich aus mit viel roter Lebensmittelfarbe (früher mal Rote-Beete-Saft) gefärbtem Fluffteig, viel weißem Zuckerguß und sehr viel Sahne.
Letztes Jahr war passiert, was in die Schulannalen als “The Easter Incident” eingegangen ist. Die Osterkuchen waren der Reihe nach in handliche Portionen zerlegt worden, bis zum ersten Schnitt in ein zuckergußgeweißtes Lämmchen. Der legte das feuchte rote Innenleben offen, die sensibleren unter den Kindern trugen umgehend schlimme Traumata (drunter gehts nicht) davon und wollten nie mehr wieder Blutkuchen essen. Und darum gibt es seit dem bösen Osterzwischenfall in der Schule nur noch ausgetrocknetes (weil wg. morgendlicher Hetze schon am Vorabend aufgeschnittenes) Gebäck.
Auch vereinzelte andere Eltern, sagt er, fänden das ein wenig übertrieben. Das seien die, die gerade dem neuesten Erziehungstrend hinterherhecheln und nicht mehr Helikopter Eltern sein wollen, sondern “Free Range* Parenting” praktizieren, das heißt, ihre Kinder auch mal ganz alleine Mist bauen lassen.
* Den Begriff “Free Range” (freilaufend) kennt man hier sonst nur von Eierpackungen.
Nachtrag: In den USA ist die Erziehung von Angst geprägt. Das führt dazu, daß die meisten Kinder unter Aufsicht spielen oder im Haus herumsitzen oder in andere Häuser zu sogenannten “play dates” gefahren werden. Schon die Kleinsten werden mit “Stranger Danger” indoktriniert** und folgerichtig haben alle große Angst vorm Schwarzen Mann. Wenn sie dann älter werden, treten sie der NRA bei und schießen ihn tot.
** Hier ein Video zu Stranger Danger: http://bit.ly/1BpRmdv; viel Spaß mit den Kommentaren.