Abenteuer SEV

Die Geißel des neuzeitlichen Großstädters ist und bleibt der Schienenersatzverkehr.

Raus aus der U-Bahn, rein in einen Bus, der, auch wenn die MVG-Verantwortlichen das wie ein Mantra daherbeten, nie und nimmer dieselbe Anzahl Passagiere schafft wie vorgenannte U-Bahn, dort viel zu eng gestopft über Kopfsteinpflaster gerüttelt werden (wohl der, die vorsorglich nochmal daheim auf dem Klo war) und an jeder Station mit fasziniertem Grauen auf die zusteigend Hineindrängenden starren und schließlich irgendwie wieder raus aus dem Bus und hinein in die U-Bahn, die aber aus unerfindlichen Gründen heute nur eine kleine Teilstrecke zurücklegt. Raus, auf dem überfüllten Bahnsteig warten und rein in die mit der richtigen Nummer.

Fast jede Fahrt dauert doppelt so lang wie sonst. Sei’s drum, ich hab Zeit und kann Puffer planen. Normalerweise würde ich einfach lesen und alles gut. Geht aber nicht bei dem Geruckel und Geschaukel und der Enge. Also schaue ich Leute. Oder halt wenigstens auf die Körperteile, die ich sehe. Das sind meist Oberarme, schlimmerenfalls Achselhöhlen, immer weiße Knöchel, weil sich alle irgendwo festklammern. Führt dazu, dass ich einen guten Einblick in das Tätowierhandwerk der letzten Jahrzehnte habe gewinnen dürfen.

Mein Favorit in der letzten Woche: ein behaarter Unterarm, auf dessen Innenseite

Bin ziemlich sicher, dass Tätowierer und Tätowierter in ihrer Einschätzung hinsichtlich Karolinens uneins sind.

Try that!

Der alte Mann hinterm Teich, der ständig prahlt, dass keiner besser ist beim Bestehen kognitiver Tests, der soll mal in den Supermarkt in meiner Passage kommen und die Gib-mir-meinen-Euro-zurück-Systeme der 4 (vier!) unterschiedlichen Einkaufswagen-Stecker-Typen entschlüsseln. Ohne Ausprobieren!

Gelesen: Ryan Gattis – “The System”

Yes!

Für die, die sich erinnern mögen: ich hatte angefangen, das Buch in der deutschen Übersetzung zu lesen und sehr frustriert aufgegeben (s. https://flockblog.de/?p=53412).

“The System” ist wie “All involved” eine Herausforderung. Eine Herausforderung sich auf eine sehr eigene Form von Literatur einzulassen, eine Erzählung, nein, viele Erzählungen unterschiedlicher Stimmen, in diesem Falle derer, die in irgendeiner Form mit der US-amerikanischen Justiz und dem dortigen Strafvollzug zu tun haben. Erste Erkenntnis, nicht neu: es kann jeden treffen. Jederzeit. Die zweite: ob einer da lebend wieder rauskommt, ist ein Glücksspiel.

Gattis lebt und schreibt in Los Angeles und hat sich diese Stadt und vor allem ihre Parallelwelten mit intensiver Recherche gründlich erarbeitet. Er spricht die Sprache derer, deren Vorfahren aus allen möglichen süd- und lateinamerikanischen Ländern und sonstwo hergekommen sind, er kennt die Hoods, die Gangs und ihre Kodizes.

Es ist faszinierend, wie sehr dieser sehr eigene Kosmos einen beim Lesen einsaugen kann. Ich habe das Buch ein paar Tage lang wirklich nur für das allernötigste mal aus der Hand gelegt. Es wird nicht jedermans und -fraus Sache sein, wer sich aber darauf einlassen will, wird mit einem Leseerlebnis belohnt werden, wie man es nicht alle Tage hat.

Lesen! Lesen! Lesen!

Auch wieder nicht recht

Für einen kurzsichtigen Menschen habe ich mir in sehr kurzer Zeit eine sehr erfolgreiche Karriere als Wasserpumpgun-Snipresse aufgebaut. Was ich die Drecks-Guruh-Guruhs im Umfeld meines Balkons niederschwalle… Hah!

Die Gescheiteren unter ihnen kennen jetzt den Abstand, in dem sie um einen Guß herumkommen (ca. 2 Balkonlängen). Und ich? Ich bin fast ein bißchen enttäuscht…

Noch neu in der ZDF-Mediathek: “Sheep”

Nach der Verfilmung des ersten Glenkill-Romans (noch nicht gesehen) nun also die Heldensaga von Oliver, dem jungen Bock, dem etwas sonderlichen Mitglied einer sonderlichen Herde Schafe. Sie sind Österreicher, die Krone der Schöpfung, mit schon seit langer Zeit domestizierten Menschen, und müssen auf die sehr harte Tour lernen, dass Selbst- und Fremdbild sich nicht decken. Aber sowas von kein bißchen.

Die Miniserie (fünf Folgen, je 15 Minuten) ist schwarzhumorig, bös und fies, schafft aber auch bisweilen sehr hübschen Klamauk. Alle Schafe haben Vornamen, natürlich, Krone der Schöpfung und so, und sind klar unterscheidbare Individuen. Die Menschen eher weniger, wenn überhaupt tragen sie Funktionsbezeichnungen (“der Bauer”). Ihre Gesichter werden selten ganz gezeigt, nur Münder, die in Großaufnahmen Fleisch von Knochen reißen, schmatzend kauen, mehr, mehr, mehr in sich hineinstopfen, und, ganz besonders schrecklich, Milchzähne, die Teddybärwurst zerfetzen.

Die Macher kennen ihre Tropes (ich sage nur “Blair Witch Project”), hatten ein sehr gutes Händchen bei der Auswahl der bestpassenden Stimme zum richtigen Schaf (pars pro toto die wunderbare Birgit Minichmayr als die Herdenklügste und Brillenträgerin Lara, Jella Haase als Strubbelwildschaf Joleene (Hach!) und Roland Düringer als “Es war a wuide Zeit”-Manfred mit dem Sonnenaltar und für die in Teilen gemeine Musikauswahl (doch, das geht) möchte ich mein zweithöchstes Lob aussprechen.

Mein höchstes Lob gilt der perfiden Requisite. Hut ab und Hach hoch drei! Kann man eine geheime Sehnsucht besser zeigen als mit dem Meerwassernasenspray auf dem Nachtschrank des Bauern? Und die Entfremdung des quasi durch Bestimmung naturburschigen Bauernsohns, der besessen von einem Landwirtschaftssimulationsspiel Tag und Nacht auf der Bude hockt und am Computer zockt? Und wie des Bauern Bauersfrau jeden Abend Markus Lanz anhimmelt und nicht den Bauern und wie es auch nicht hilft, wenn er sich in ein Paar Unterhosen aus der Lanz-Kollektion zwängt? Und… Nein, mehr erzähle ich jetzt nicht. Selbst schauen. Spaß haben! Ich müßte jetzt langsam auch mal was essen.

Nein danke, keine Lammkoteletts. Lieber Salat.