Tourismus: Fluch oder Segen?

Also es ist ja so: Als ich das letzte Mal hier war, waren wir alle noch ein Ende jünger, die Welt, die Insel und ich. Was haben wir uns verändert… Damit ich das nicht nur behaupte, sondern selbst nachprüfe, denke ich mir, “mach das, wie sich das für die ältere Dame (jawollja, Herr E., “Dame!”), die du bist, gehört und buche eine Inselrundfahrt, mit Reiseleiter und allem”. Hah!

Viel zu früh morgens mit viel zu vielen anderen in einen Bus verladen, lerne ich: Auf Djerba gibt es nach wie vor nur das bißchen Süßwasser, das nach den Regenfällen im Herbst in unterirdischen Zisternen gesammelt für Mensch und Vieh reichen muss, nennenswerte Landwirtschaft, außer Dattelpalmen und Oliven: keine, traditionelles Handwerk umfasst Töpfer- und Weberei, wer essen will, hält (magere) Hühner, vielleicht mal eine Geiß und / oder muss fischen. Alle anderen Dinge des täglichen Bedarfs kommen über den sieben Kilometer langen Römerdamm vom Festland (neben erobern konnten sie bauen, die Römer, das muss man neidlos anerkennen, das Ding hält bis heute wie eine Eins). Hinzugekommen ist in den letzten vierzig, fuffzig Jahren die Tourismusindustrie (anders kann man diesen Monsterbetrieb gar nicht bezeichnen) sowie Edelmedizin für vermögende Lybier und, seit dem arabischen Frühling, einige ihrer Heimat beraubte Künstler, die sich zu Kolonien zusammengetan haben.

Das erklärt Reiseleiter Yussuf (“Sie können mich ‘Josef’ nennen”) mit einer Engelsgeduld seinem vorwiegend angejahrten Publikum, das entweder döst (es ist noch keine 08:00 Uhr morgens und man soll schon – vom Bus aus, nicht etwas aussteigen – römische Baukunst schätzen) oder ignorant darüber schwatzt, was das jeweilige Hotel als “Lünchpaket” mitgegeben hat. Wobei Einigkeit darüber besteht, dass es, egal wieviel Sterne, unzureichend ist.

Erster Stop: Guellala, ein “traditionelles Töpferdorf”, weil es in der Nähe Tonminen gibt. Die zu besichtigende Töpferwerkstatt (“mit Vorführung und Einkaufsmöglichkeit”) ist ein Fotomotivparadies, mit malerischen alten Amphoren und Werkzeugen und Brunnen und wunderschön arrangierten Regalen mit Halb- und knallbunter -fertigware, diesem und jenem anderen fotogenen Krug, Sandrose, Kruscht, Schüssel, Teller, Tasse, Kröte, Frosch und Lurch sowie einem sehr gelangweilten Babydromedar mit einem hollywoodreifen Augenaufschlag. Außerdem is the artist in the house und zaubert auf der Drehscheibe eins der ersten vielen Schüsselchen für heute. Unserer ist der erste Bus des Tages (“die Deutschen sind immer die ersten”), aber bis wir durchgeschleust und die letzten Souvenireinkäufe getätigt sind, drängeln schon die nächsten beiden Busladungen nach. Ich frage mich nicht zum letzten Mal heute: Segen oder Fluch?

Nächster Halt: Erriadh, vor 2500 Jahren ursprünglich von jüdischen Flüchtlingen gegründet, ist jetzt auch Heimat des Projekts “Djerbahood”, initiiert von Mehdi Ben Cheikh. Ein lebendiges Freilichtmuseum für progressive Kunst an den Hauswänden, Murales, Graffitti, Airbrush. Alles, von ganz und gar apolitisch mit Disney-Figuren bis hin zu sehr klaren Bekenntnissen zur jungen tunesischen Demokratie und herzzereißende Bildern von der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmehr. Sehr toll. Sehr voll. Bis immer jeder sein Foto fürs Touristenbusmemory geschossen hat, kann’s dauern. Einfach anschauen und merken reicht nicht. Dazwischen streunen ein paar zu viele Straßenköter herum und man steht den Einheimischen im Weg. Wir besichtigen noch kurz “Moscheen und andere Knieorte” (das ist die Synagoge), aber wir müssen uns eilen, wir haben noch so viel Programm… Auffällig ist, dass viele Männer aus dem Bus Kunst und Kultur eher beiläufig mitnehmen, sich aber gar nicht mehr einkriegen, wenn sie die noch fahrtauglichen Uralt-Peugots und Renaults (besonders das Modell 404) vorbeiknattern sehen. Ich habe noch nie erlebt, wieviele Bilder man von Behelfsradkappen oder -tankdeckeln knipsen kann. So schön und interessant und lehrreich dieses Dörfchen ist… die anderen Gruppen sind uns schon auf den Fersen und verweilen oder gar mal wirken lassen geht nicht.
Falls es wen interessiert: Hier eine Fotostrecke von jemandem aus dem Internet, die gibt einen ganz guten Eindruck: https://www.boredpanda.com/er-riadh-village-street-art-djerbahood-tunisia/
Hatte ich schon angemerkt, dass die Fluch-oder-Segen-Frage zur Diskussion steht?

Als nächstes steht die Hauptstadt Houmt Souk an. Der Name bedeutet wörtlich “Ort, wo der Souk (Markt) ist” und als sich der Bus durch den Mittagsverkehr und Horden von freigelassenen Schulkindern ins Zentrum gequält hat, beschließe ich, dass ich in meinem Leben genug Obst-, Gemüse-, Fisch- und Fleischmärkte gesehen habe und außerdem jetzt endlich nötig den ersten Kaffee des Tages brauche, melde mich bei Yussuf ab, setze mich auf eine nette Kaffeehausterasse und habe binnen Augenblicken meinen Café au lait vor mir – und die ersten zwei auch gehfaulen Inselrundfahrtteilnehmer am Tisch. Haben wir so gewettet? Hätten die nicht wenigstens fragen können? Nachdem sich im Laufe der nächsten halben Stunde insgesamt zehn Menschen um das winzige Kaffeehaustischchen scharen, scheint mir, dass vielmehr ich die Regeln nicht kenne: wir sitzen doch alle in einem Bus, sind also eine Schicksalsgemeinschaft und man kann von uns nicht erwarten, dass wir in der Fremde allein auf uns gestellt ein Getränk einnehmen. Herrje.

Fast sehne ich mich nach den ersten paar Minuten allein mit dem alten Paar zurück, dessen weiblicher Teil mir ganz stolz erzählt, man habe ja schon gestern “den Piratenausflug” gemacht und Pinguine gesehen. Pinguine? Hier? In Nordafrika? Jahaha. In der Blauen Lagune. Nämlich. Ich rechne es mir hoch an, dass ich nichts gesagt habe. (Diese Blaue Lagune eines der bekanntesten Winterquartiere migrierender Flamingos.) Nichts habe ich gesagt. Und es haben sich trotzdem alle an meinen Tisch gesetzt. Meine weise Oma hatte sooo recht: “Der Gerechte muss viel leiden.” Ja, muss ich. Aber da kommt Yussuf und sammelt seine Schäfchen. Wir müssen los, auf zur nächsten Attraktion. Weil: die Deutschen sind immer die Ersten.
Ich tendiere langsam zu Fluch. Wenigstens für mich.

Final Stop: “Dar Jilani” (Haus des Jilani), Werkstatt und Galerie eines Künstlers, der Müll (an Nachschub besteht kein Mangel) zu Kunst umarbeitet, neudeutsch: “Upcycling”. Zum riesigen Haus und zur “Höhle der Kreativität” gehört ein schöner weitläufiger Garten mit allerlei in Einzelfällen schöner und ausdrucksstarker Kunst und viel dekorativem Kunsthandwerk. Außerdem gibt es Tee und Kekse. Und ich werde in Ruhe gelassen. Ein Segen.

Das wäre sie dann gewesen, die Inselrundfahrt. Weil, die Deutschen müssen auch pünktlich als erste zum All-Inclusive-Mittagessensbüffet im Hotel zurück sein. Hmmm.

Ob dieser Tourismus nun Segen oder Fluch ist? Ich glaube nicht, dass ich mir ein abschließendes Urteil erlauben kann und darf. Es geht sicher vielen besser. Aber geht es ihnen gut?

Das traurigste Bild dieser Ferien

… ist ein verbogener Metallwäscheständer, die Füße beschwert mit Steinklumpen, vollgehängt mit Grauschleierbettwäsche und -decken, in einer staubigen Ausbuchtung an der Seite der vielbefahrenen Hauptstraße der Insel.

Jedes vorbeifahrende Auto ein Windhauch.