Grad vorhin in der Unterfahrt: Carola Ortiz & Àlex Guitart

Vielleicht hat es mit dem Vornamen zu tun… Während die Füssener Carola alles dekoriert, was nicht bei eins aus dem Weg gesprungen ist, scheint die iberische Carola beim Verteilen von Energie und Elan vielfach “¡Aquí!” gerufen und frech die Lieferung für die Großfamilie in der Nachbarschaft auch für sich behalten zu haben. Ich habe noch nicht oft (oder überhaupt je) einen Menschen gesehen, der so präsent ist. Im selben Atemzug ein Lied zu Ende singt und noch die ersten paar Takte auf der Klarinette bläst. Sie hüpft und klatscht, schlägt das Tambourin, klackt (?) Kastagnetten, erzählt von ihrem Projekt, die Wurzeln der iberisch/maurischen (also nord-afrikanischen) Musik auszugraben und daraus etwas neues und anderes zu machen, lernt von einer alten Meisterin, wie man eine Vierkanttrommel aus Ziegenhaut baut, baut eine und trommelt uns auf diesem klassischen Fraueninstrument was vor, redet die ganze Zeit und erzählt von den Liedern, die sie vorträgt und den schönen Gegenden, wo sie herkommen und wie das alles historisch, soziologisch und emanzipationsgeschichtlich zu interpretieren und einzuordnen sei, dann tanzt sie, flirtet mit dem spanischsprachigen Publikum und holt sich eine sehr Freiwillige aus diesem Kreis, auf dass sie zum selbstkomponierten Pasodoble eine sehr flotte Sohle auf den Einsteinhallenboden legen, zieht sämtliche Drama- und Melodramaregister, große, sehr große Gesten, große, sehr große Mimik, dass sie toll Klarinette bläst, hatte ich schon erwähnt?

Ich muss jetzt erst mal Luft holen. (Sie müßte an dieser Stelle (noch) nicht.)

Diese ganze Show ginge nicht ohne ihre kongenialen Begleiter und ruhenden Pol, den faszinierenden Multiinstrumentalisten Àlex Guitart (Saz, türkische Laute, Cajón, Tombak).

Die Unterfahrt hat eine neues Programm aufgelegt und stellt zukünftig in unregelmäßigen Abständen Weltmusik vor (“Einstein’s World”). Das war das erste Konzert. Mir ganz wurscht, wer und was im nächsten kommt, da will ich wieder hin. Erweitert den Horizont ungemein.

Falls es wen interessiert: ich habe auf YouTube eine Aufzeichung des Konzerts gefunden:

Etikettenschwindel

Ausweislich seiner feinen Kleidung und dem Programmheft, das aus der Tasche seines kamelfarbenen Dreiviertelmantels lugt, war der Herr neben mir im U-Bahn-Dreier gerade in der Oper. Kombiniere: ein kulturell interessierter Mensch.

Lesen tut er aber auf seinem Mobiltelefon die BILD-Zeitung. Die Sportseiten. Hmmm. Kombiniere: Man sollte nicht vorschnell kombinieren.

Noch in der Mediathek: Tatort Köln – “Showtime”

Wenn ich es recht verstanden habe, war die Botschaft dieser Tatortfolge: “Fernsehstudios sind groß, und selbst erfahrene Ermittler verirren sich dort leicht”. Wenn das nicht gemeint war, dann sollte das Publikum vielleicht mitnehmen, dass manche Menschen gar nicht so nett sind, wie sie tun. Aber ich glaube, das wußten die meisten schon.

Den Mega-Hype drumrum nicht wert. Aber ganz nett.