Zur Teilnahme an diesem concerto mit dem Süditaliener (Sizilien) ist eigentlich nur berechtigt, wer sich ganz tief innen in seiner Seele als Bürger bzw. Bürgerin der nördlichsten Stadt Italiens identifiziert. Es hilft auch, eine gewisse Routine zu haben, so wie das schon angegraute Paar, dessen männlicher Part den weiblichen hunzt, doch einen Schritt zuzulegen, “du willst ja den Pippo ned wartn lossn, oda?”
Mein Begleiter (im folgenden: “der Beschenkte”) kommt aus dem Osten Münchens angereist, also vielmehr, er käme, und wir hätten es auch beide halbwegs zur verabredeten Zeit vor den Zirkus Krone geschafft, wenn es den Herren S-Bahn nicht eingefallen wäre, ein Stellwerk kaputt zu machen. So wird es eine aufregende Dreiviertelstunde, bis er es dann fünf Minuten vor Beginn auf einmal doch geschafft hat und das Durchschnittsalter in der Arena schlagartig massiv sinkt. (Normalerweise geht der Beschenkte zu Konzerten von Pippo Pollinas Sohn, Faber. Aber weils ein Geschenk von mir ist, muss er nun zu Pippo dem Älteren…)
Auftritt Pippo Pollina, unplugged, nur mit der akustischen Gitarre, der einmal rechts, einmal links das ganze Parkett singend abgeht und die Menschen zur ersten (von vielen) Begeisterungswelle animiert. Dann ist er auf der Bühne angekommen und plaudert ein bißchen, bis seine exzellenten Musiker eintreffen und sich einrichten: Cecile Grüebler (Cello, Lyra Pontica, Gesang), Elisa Sandrini (Klavier, Akkordeon, Gesang), Gionata Colaprisca (Perkussion), Roberto Petroli (Klarinette, Saxofon, Querflöte und weitere Blasinstrumente). Gleich die erste Nummer Hasta Siempre ist dem ehemaligen Präsidenten Uruguays “Pepe” Mujica gewidmet. Rauschender Beifall, die meisten hier sind Alt-68er und die es nicht sind, wären es gerne gewesen – ihr Pippo wird ihnen im Laufe des Abends noch öfter Gelegenheit geben, die linke Faust geballt zu recken. Oder wenigstens fast. Hah! ¡No pasarán!
Einschub: Wenn dieses Publikum ein bißchen an sich halten könnte, was Mitfilmen und -fotografieren angeht, wäre es schon noch schöner. Aber so wird die recht gute Lichtregie dauernd gestört, weil irgendwo wieder grell eine Privatlampe aufblitzt - muß man denn wirklich alles immer selber auf seinem Gerät haben? Das ist doch nicht mehr gemeinsam ein Konzert erleben, sondern nur noch das Dabeigewesensein dokumentieren. Gnagnagna! Lästig.
Nach der Pause kommen Überraschungsgäste. Jo Barnikel, den alle kennen (oder zu kennen vorgeben), ein langjähriger Wegbegleiter Konstantin Weckers, mit dem Pollina Questa nuova realtà, eine antifaschistische Hymne vorträgt (und sogar zwischendurch einmal original wecker’sch knödelt) – das Publikum steht auf wie ein (leicht bewegungseingeschränkter) Mann, singt den einen oder anderen Textfetzen mit und ballt Fäuste, wie damals mit dem roten Dani und dem Rudi. Dann kommen die alten “Süden”-Freunde Werner Schmidbauer und Martin Kälberer (“die Beginning von eine wunderbare Freundschaft”) für zwei sehr schöne Nummern, nun tritt Tochter Madlaina (Sohn Faber hatte keine Zeit) zum Mitsingen auf. Schließlich begrüßt Pippo Pollina Professor Wolfgang Huber auf der Bühne, den fast 90 Jahre alten Sohn des Weiße-Rose-Mitbegründers und von den Nazis hingerichteten Professor Kurt Huber. Der alte Herr warnt vor dem immer noch fruchtbaren Schoß und dann singt Pollina sein dem Vater, den Geschwistern Scholl und den anderen zugeeignetes Lied von der “rosa bianca”.
Danach spielen sie eine Auswahl aus dem best-of-Programm und die Bürger und Bürgerinnen der nördlichsten Stadt Italiens kommen gar nicht mehr zum Sitzen. Und dann ist, nach einer Zugabe, leider auch aus.
Pippo Pollina ist das, was der Italiener einen cantautore nennt und er plaudert sehr gern – und obwohl er mit einem hinreißenden Akzent ausgezeichnet Deutsch spricht, passieren manchmal Versprecher. Mein Liebling war der von den langen Sommernächten, in denen er seine Jugend “verbraucht” habe. Dafür nehme ich auch das Gequassel.
Schee wars.