Susanne Kaiser ist Journalistin und Autorin von Sachbüchern, in denen sie sich “mit neuen Phänomenen des organisierten Frauenhasses, der Radikalisierung junger Leute in Social Media, wie rechtsextreme Mobilisierung die Demokratie gefährdet – und der Rebellion gegen den Backlash” (Zitat Wikipedia) befaßt. Wie jeder kluge Mensch weiß sie, dass Menschen, gerade bei so diffizilen Themen, leichter über das Medium Kriminalroman als über Non-Fiction zu erreichen sind – et voilà: “Riot Girl”, ihr Krimi-Erstling, der gleich mit Preisen überhäuft wurde.
Schlecht? Nein. Gut. Auch nicht. Schon. Aber… Als Mimi con laude (fragt Oma) hätte ich dazu ein paar Anmerkungen:
Hauptfigur ist die vornamenlose Ermittlerin Obalski, für Freunde und Familie “Obi”. Studium in Berlin: Gender Studies, Forensik, deswegen kennt sie sich “mit Körperspuren aus. Also von Gewalt und so.” Außerdem Kriminalistik. Seiteneinsteigerin in einem neuen Doppel-X-Dezernat, für das sie sich nach München versetzen läßt, um verdeckt im Jugendamt zu ermitteln. Und mit München natürlich erst einmal fremdelt, wie zum Beispiel mit der Frage: “Ist das eigentlich ein Gefängnis aus der Nazizeit?” als sie am Grünwalder Stadion vorbeikommt. Und das, wo sie doch in Giesing wohnt. Wohnen darf.
Sie fühlt, sie ahnt, sie spürt viel und ständig, trinkt gerne Bier, hatte eine traumatische Kindheit und hat eine nach wie vor anstrengende Familie in Berlin, ist, das wird aber vorerst nur angedeutet, wahrscheinlich bi-sexuell, reagiert höchst sensibel auf Redewendungen, die aus der Nazizeit stammen (das Thema wird aber später im Buch nicht mehr weiterverfolgt), “sie geht mit den Schultern statt mit der Hüfte”, ist sehr IT-versiert und springt munter zwischen hellem und dunklem Net hin- und her, weiß, wie die Jugend spricht, denkt und kommunziert, ist Taylor-Swift-zitatfest, lebt, spartanisch eingerichtet sehr mutterseelenallein und schläft wenig und nicht gern.
Ihre überdurchschnittliche (und supergeschulte) Empathie und dieser un-glaub-lich überragende Instinkt kommen ihr bei den nun durch ein Ultimatum (auf TikTok) getriebenen Ermittlungen sehr zupass. Erst mal tappt das Doppel-X-Team natürlich im Dunkeln. Aber Obalski findet immer wieder neue Spuren, “Challenges” und Opfer und Zeugen (generisches Maskulinum), auch a mal a Leich und hetzt durch München zu jeder Tages- und Nachtzeit und in jedem Wetter wie nicht gescheit. Reichsbürger, Incels, Kinderquäler, Cyberverbrecher, Lebensborn 2.0 (fragt Uroma), organisierte Mädchenbanden, you name it, alle da – und alles hängt irgendwie mit allem zusammen. Die allerschlimmsten Schurken sind bald ausgemacht: Start-up-Gründer und CEOS. Machtmänner, die immer noch einen Kick mehr brauchen. Ist bestimmt auch viel Wahres dran, ist aber hier als Lösung leider ein bißchen zu einfach. Dass der Chef Karajan, eine Mitermittlerin Schygulla und die Kolleginnen im Jugendamt Demir (dunkle Haare) und Braun (blond) heißen, ist dann nur noch ein sehr fetter Klecks auf dem I.
Kaiser ist als Journalistin gewöhnt, Informationen zu vermitteln. Hier im Buch passiert das meist in Dialogen, was diese aber, wenn Statistiken und behördenspezifische Abkürzungen oder Ermittlungstechnik erläutert werden, sehr hölzern nach Erklärbärfernsehen klingen läßt.
Ich hatte überhaupt mit der Sprache zu kämpfen. “Das Plakat schießt Obalski durch den Kopf… Als nächstes durchzuckt sie ein Gedankenblitz, schmerzhaft knistert das Adrenalin von ihrem Brustkorb hinab in den Bauch.” – da möchte man der armen Frau doch raten, ärztliche Hilfe zu suchen, oder? Als sie am sehr frühen morgen mit der U-Bahn unterwegs ist, passiert schon wieder was: “Doch die Atmosphäre ist irgendwie ganz komisch. Liegt es an der frühen Stunde? Daran, dass in Fabriken oder Schlachthöfen arbeitende Menschen ungefiltert auf die letzten verstrahlten Partyzombies treffen?” Mann, Frau Kaiser, Sie schreiben vom München der Jetztzeit, nicht von dem Babylon Berlin vor einem Jahrhundert, ey.
Mittbuchs und an einem recht frischen Morgen werden an der Isar sehr viele bewußtlose, unterkühlte, dehydrierte Mädchen aufgefunden. Die erste Frage, die sich die Vorgesetzte im Jugendamt stellt ist, ob “die Mädchen Opfer eines Mißbrauchsskandals geworden sind.” “Mißbrauch” hätte gereicht. Skandal wird dergleichen erst, wenn beispielsweise Vertuschung ins Spiel kommt. Sowas muß dem Lektorat auffallen. Ebenfalls, dass der englische Begriff “Rabbit Hole” mehrfach mit “Hasenbau” eingedeutscht wird, was jetzt nicht wirklich zum Verständnis beiträgt. So geht das noch 200 Seiten weiter.
Die Romane sind als Reihe angelegt, der zweite Band “Witch Hunt” eben erschienen.
Und nun?
Soll ich “Riot Girl” jetzt empfehlen oder nicht? Da steh ich nun und weiß es nicht. Ja, das Buch ist spannend, das Thema wichtig, die Form wird dazu beitragen, dass sich mehr Menschen, wenn schon nicht damit befassen, aber wenigstens davon hören. Und es sind ja auch nicht alle Leserinnen und Leser so kleinlich wie ich.
Also, ja. Lesen. Wer will, kann meines haben und es weitergeben.