Horst Seehofer

… schaut mich jeden Morgen von einem großen Plakat im Bahnhof an und will wissen, ob ich angesichts der Krise Probleme mit meiner Krankenversicherung hätte (heißt hierzulande eher positiv “health care” und ist im allgemeinen vom Arbeitgeber/-splatz abhängig). Wenn ja, soll ich ihn anrufen. Und weil er vorausschauend schon bedacht hat, dass Amerikaner möglicherweise Probleme mit seinem Vornamen haben könnten, nennt er sich entgegenkommenderweise “Chuck”.

Ich stelle mir dann immer wieder gerne vor, wie “Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer” mit einem lokalen Akzent ausgesprochen klingt. Schade, dass er den Job gewechselt hat.

Care Paket Nr. 2

Ich bin ja so ein Glückskind!

Ich habe nämlich in Deutschland ganz tolle Freunde, die, wenn ich mich am Telefon beschwere, dass meine Backwaren wegen hiesiger Zutaten nicht schmecken wie daheim, mir sofort umgehend und gleich ein Päckchen mit korrekten deutschen Ingredienzien schicken, damit ich in der Ferne weder Not noch an allzu fluffigem Marmorkuchen  leiden muss.

DANKE, IHR LIEBEN.

Eure Kampfbrigade Sauerteig

Heatwave

Jetzt wars mal zwei Tage (= ein Wochenende lang) so recht schön warm und schon berichtet der Weather Channel ganz hysterisch von einer Hitzewelle und warnt vor UV-Strahlung, Hitzschlägen, Elektrizitätengpässen wegen übermäßig betriebener Klimaanlagen und  Dehydrierung. Letzteres ist hier ein ganz großes Thema: im Drogeriemarkt sah ich gestern Pflästerchen, die man seinen Kindern aufkleben soll. Die verfärben sich je nach Flüssigkeitsbedarf; Grün ist unkritisch, Gelb steht für wässern und Rot dann wahrscheinlich für rettungslos vertrocknet…

Ich fand das Wetter einfach nur herrlich, habe mich zwei Tage lang mit wechselnden Büchern in meinem Garten vergnügt und bin knackbraun geworden. Heute Nachmittag haben wir noch 3 cm hohe T-Bone-Steaks gegrillt und sind bis vor ein paar Minuten unter dem Sternenhimmel gesessen – von mir aus darf das jetzt gerne bis November so weitergehen.

TITEL: TRASH THIEF TAKEDOWN

Die Redaktion des “Examiner” hatte heute Alliterationstag.

Ich weiß nicht mehr genau, wie die Stilfigur mit gleichlautenden Vokalen heißt, aber der Kollege, der damit dran war, hatte folgende Überschrift zu bieten: “Popular cop booted from post by outgoing boss”. Die Gesellschaftsreporterin hatte den Auftrag “I”s und “O”s unterzubringen und sich mit Bravour geschlagen: “Gibson’s longtime wife files for divorce”. Und die Jungs aus der Anzeigenredaktion waren mit “Terrific Tuesdays Happy Hour Gameday Gladness” im Spiel.

Allen meinen Dank, 20 Minuten Bahnfahrt sind wie im Flug vergangen.

Hausordnung

Ich habe mich in den letzten Tagen intensiv mit der Überarbeitung unseres Büromietvertrages beschäftigt und bin zu dem wenig überaschenden Schluß gekommen, dass Juristenjargon wahrscheinlich in jeder Sprache dieser und aller anderen bewohnten Welten ein besonderes Phänomen darstellt.  Mit deutlicher Neigung zur Logorrhoe.

Wie überall gehört zum Mietvertrag als Anlage die Hausordnung, “RULES AND REGULATIONS”, und natürlich gibt es lokale Besonderheiten…

Ein- und Ausgänge zum Beispiel sind zum ein- und ausgehen vorgesehen, nicht zum Sachen reinschmeißen oder gar herumwobbeln.

wobbeln

“Sidewalks, halls, passageways, exits, entrances, elevators, escalators, stairways, and other common areas shall not be obstructed by Tenant or used by Tenant for any purpose other than for ingress to and egress from the Premises.  …  Nothing shall be swept or thrown into the corridors, halls, elevators or stairways.”

Besonders wichtig ist dem Vermieter auch, dass Toiletten nicht zweckentfremdet, schon gar nicht mit ausländischen Substanzen kontaminiert werden. Frage: ist der Urin eines deutschen Staatsbürgers als ausländische Substanz zu werten? “The toilet rooms, toilets, urinals, washbowls, plumbing fixtures and any other Building apparatus shall not be used for any purpose other than that for which they were constructed; and no foreign substance of any kind shall be thrown therein.”

Ganz streng verboten ist es dem Mieter, Radio oder Fernsehen zu stören (unabhängig davon, wie man das als natürliche Person überhaupt hinbekäme) – damit ist meine Idee mit dem Piratensender aus dem Büro wohl gestorben… “Tenant shall not interfere with any radio or television broadcast or reception from within the Building.”

Auch was das Mitführen von Tieren oder anderen Lebewesen angeht, hat der Landlord eine gewisse Abneigung. “!No animals (other than those assisting the handicapped), including reptiles, birds, fish (or aquariums), or other non-human, non-plant living things or organic Holiday décor of any kind shall be allowed in the Building.”

Und dann kommt es wirklich knüppelhart: kein Schnaps, keine Drogen (im Menschen), keine Waffen (am Menschen), keine Massen – ja will der Landlord denn gar keine Locals im Gebäude? “Landlord reserves the right to exclude or to expel from the Building any person who, in Landlord’s judgment, is intoxicated or under the influence of liquor or drugs, or who is in violation of any of these Rules and Regulations. … No firearms or weapons of any kind are allowed within the Premises or the Building. No tenant shall invite to its premises, or permit the visit of, persons in such numbers or under such conditions to interfere with the use and enjoyment of any of the plazas, entrances, corridors, escalators, elevators, and other facilities of the Building by other tenants. Landlord shall have the right at any time to install and utilize metal detectors or similar security screening devices in the Building and to deny access to persons who create an unreasonable risk of bodily harm to tenants or other persons lawfully present in the Building.“

Darüber hinaus verboten: Handtuch-Service, noch nicht einmal ein Barbier oder Nebenerwerbsstenographie sind erlaubt – ich frage mich langsam, ob man das nicht bei irgendeiner Antidiskriminierungskommission anzeigen sollte: “No tenant shall obtain for use in its premises ice, drinking water, food, beverage, towels or other similar services; or accept barbering or shoe shinning services in its premises from persons not authorized, or within the hours specified, or under regulations fixed by Landlord, except as otherwise set forth in the tenant’s lease. No tenant shall sell or permit the sale of newspapers, magazines, periodicals, theater tickets or other goods or merchandise in or on its premises; nor shall any tenant carry on, permit or allow any employee or other person to carry on the business of stenography, typewriting or any similar business in or from its premises for the services or accommodation of occupants or any other portion of the Building.”

Doch zum Schluss scheint ihnen aufgefallen zu sein, dass sie vielleicht ein wenig zu streng waren: “These Rules and Regulations are provided as a general guideline.“

Ah. Jetzt. Ja. Spätestens seit den Karibenpiraten wissen wir ja, was von solchen “Richtlinien” zu halten ist… Also, los. Bringen wir alle unsere berauschten Freunde und ihre Haus- und Gartentiere sowie ihre Lieblingsgemüse mit zur Roof-Party. Und hinterher wobbeln wir gemeinsam durch die Waschräume.

Osterspaziergang

Ostern in Kalifornien?

Klar, nix wie an den Strand… Für (insgesamt) eine heldenhafte Viertelstunde, wärmstens eingepackt, geht das auch gut. Anschließend ein größeres Heißgetränk ist auch sehr von Nutzen…

Von San Bruno aus fährt man mit dem CalTrain und der N/Judah-Line ein Stündchen bis direkt an den Pazifik. Am Embarcadero lang, im Tunnel unter der Market Street, durch Castro (Regenbogenfahnen und Gebrauchtlädenklamotten der Aids-Hilfe mit sehr spannender Textilienauswahl) und via Haight/Ashbury durch Upper und Lower Sunset – und schon ist man angekommen…

Weitere Details zum Osterausflug in der nachfolgenden Bildergeschichte:

http://picasaweb.google.de/mucbiene/OceanBeachGoldenGatePark?feat=directlink

“Take CalTrain to the Ballgame”

… und sie haben sich alle drangehalten. Alle.

Aber von Anfang an: in San Francisco sind die Giants zuständig für Baseball und das AT&T-Stadion liegt praktisch in Ballwurfweite zum CalTrain Bahnhof. Gestern war “season opener” und wir hatten den Spaß, uns mit den Fans bei der Heimfahrt (WIR kamen ja vom Büro…) den Zug zu teilen. Männer wie Frauen im vorbildlich schwarz-orangen Outfit hatten schon sehr ordentlich dem Alkohol zugesprochen (der erreichte Wunschzustand heißt dann “I am hacked”) und ließen uns an der aktiven Nachbesprechung des Spiels teilhaben… Weiah, was in so einem Abteil für ein Geräuschpegel entstehen kann, man möchts kaum glauben.

Genau verstanden habe ich es noch nicht, aber es wird immer an drei aufeinanderfolgenden Tagen gegen die gleiche gegenerische Mannschaft gespielt, also heute wieder und morgen noch mal.

Heute erreichte ich kurz vor der Einfahrt des Halb-Acht-Zugs den Bahnhof und bekam noch das Gespräch zweier Schaffner mit, deren einer sich, weil sein Schichtende erreicht war, glücklich pries. Der Nachtdiensthabende meinte bekümmert “it’s gonna be another hard night…” und wischte sich vorsorglich schon den Schweiß von der Stirn. Der CalTrain hat einen besonderen GameDay-Fahrplan, der im wesentlichen darauf hinausläuft, dass ein Sonderzug eingesetzt wird “approximately 15 minutes after the last out or when full” – und das zu entscheiden obliegt den Schaffnern. Hinzukommt, dass sie auch noch das Alkoholverbot zu überwachen haben: “Alcoholic beverages are prohibited on trains departing from San Francisco beginning at 9 p.m.” Ich glaube, wenn ich mir die Fans von gestern in einem Zweistundenspäterzustand vorstelle: der Mann hat sehr recht mit seiner Vorhersage…

Ich werde in ein paar Wochen (Jürgen sei Dank, ohne ihn würde ich nie Männer mit Bällen spielen sehen) bei einem Spiel der Giants gegen die New York Mets zugegen sein. Ich bin sehr gespannt, was ich dann zu erzählen haben werde. Hängt wahrscheinlich davon ab, ob ich hinreichend hacked bin.

Samstag

Ich versuche, jeden Samstag auf dem Weg zum Einkaufen, neue Wege nach Downtown San Bruno zu entdecken (nein, Rainer, das hat nix mit ODP zu tun!) und heute hat sich mal wieder eine Wunderwelt aufgetan. Ich bin an einem Häuschen vorbeigekommen, in dessen Garten ein Schild prangte, man sei der Gewinner des “San Bruno Beautification Award 2003”. Die 2×3 Quadratmeter große Fläche war zugestellt mit Gipsfigurinen; und zwar mit allem, was der Baumarkt so hergibt: Delphine (der schönste in Regenbogenfarben), Ballerinen in Tutus, Frösche und Kröten, Madonnen, Heilige (ich denke zumindest, dass es Heilige sein sollten: abgemagerte Männer im Lendentuch mit waidwundem Blick und bösen Verletzungen, die von Stich-, Hieb- und Bißwunden herzurühren schienen) sowie Mönche in allen Größen.

Ich erzähle das so ausführlich, weil mir der Besitzer untersagt hat, Photos zu machen. Im Bilde sei Böses wurde ich beschieden, seine Gattin wolle das nicht, denn seit sie den Preis bekommen hätten würden sie von gehässigen Neidern verfolgt. Aber Gott werde das alles richten. Und auch ich solle in meinen Gebeten fürderhin darauf abstellen, dass die Feinde vernichtet werden. Hab ich selbstverständlich umgehend zugesagt, denn der Herr war nicht nur stark im Glauben, sondern auch im Griff, mit dem er mich an der Schulter gepackt hielt…

Warum eigentlich haben zum Fanatismus neigende Menschen fast immer eine sehr feuchte Aussprache?

Der Resttag verlief erfreulich ereignislos, ich habe vorwiegend, sonnenbestrahlt, dem Garten beim Blühen und dem Gras beim Wachsen zugesehen. Die nächste Arbeitswoche wird nur eine Viertagewoche sein, auch wir haben am Karfreitag (“Good Friday”) frei und ich gedenke, dieses Programm (abzüglich des Sprühpredigers) an einem der Osterfreiertage zu wiederholen. Faulsein hat was.

Vecinos

Ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe, aber hier in meiner Straße ist Englisch für alle die erste Fremdsprache, die anderen sprechen allesamt  fließend Spanisch. Und ich glaube, man hat mich an diesem Wochenende vollends in die “communidad” aufgenommen.

Ich habe Samstagfrüh Francisco (von nebenan) und Samuel (von gegenüber) bei einem Schwätzle getroffen und sie haben mir noch mal erzählt, wie sie in der Vorwoche meine Vorgarten zum Mähen unter sich aufgeteilt hätten, der eine die rechte, der andere die linke Hälfte. Daraufhin habe ich mir ein Herz gefaßt und angefragt, ob denn Samuel (von dem ich weiß, dass er Gartenauftragsarbeiten erledigt) sich auch mal der Wiese hinter dem Haus annehmen wolle. Er wollte, gleich am Sonntagfrüh, nach der Nachtschicht.

Und so kam er dann an, mit seinem Rasenmäher, einer Heckenschere und weiß ich was noch allem gerüstet, warf den Motor an und mähte fröhlich. Drei Minuten später stand auch Francisco im Garten und teilte beiläufig mit, “I’ll give him a hand” und dann brummten zwei Rasenmäher durch den bis dato eher stillen Sonntagmorgen. Der eine war für den groben Erstschnitt zuständig, der andere für die Feinrasur, immer in denselben Bahnen hintereinander her – ein Bild für Götter. Und weil meine große grüne Tonne schon fast voll war (ein Baum, zersägt mit dem frisch erstandenen Fuchsschwanz sowie jede Menge Unkraut) und in ihren noch Platz war, rollten sie die auch noch rüber und befüllten sie mit der Mahd.

Muchas gracias, Senores!

Den Nachmittag haben Toni und ich damit verbracht, uns The City zu erlaufen, von China Town über North Beach (das hiesige “Little Italy”) mit einer Schleife durch den Red Light und den Financial District (liegen gut nah beieinander) über sonnenbeschienene Parks mit echtem Gras und an vielen Kirchen vorbei bis zur Bay (rechtzeitig zum Sonnenuntergang). Gut haben wirs getroffen – hier kann man gerne sein. Ach ja, hellster Frühling natürlich, viel Sonne, viele Blüten; nur der Wind noch einen Tick zu kalt – das geht besser…