Ach, Rio…

… es ist dann doch schön, wenn man mit einer ungefähr gleichaltrigen Frau nach der Demo in der furchtbar überfüllten U-Bahn ins Gespräch kommt, kurz reminisziert, wie das seinerzeit war, als wir bei den Anti-AKW-, Wackersdorf- und den Friedensdemos mitmarschierten und dann, quasi einstimmig, zu dem Schluss kommt: “Hilft ja nix, dann müssen wir halt jetzt wieder ran.”

Demo gegen rechts

Mit wenigem sind wir Boomer besser vertraut, als mit der Tatsache zu viele zu sein. Zu viele für überfüllte Kindergärten und Klassenzimmer, zu viele im Wettbewerb um Ausbildungs- und Studienplätze, zu viele am Arbeitsmarkt.

Ganz ehrlich, “zu viele” hat sich selten so gut angefühlt wie heute, als die Demo gegen rechts in München wegen zu großen Andrangs abgebrochen wurde.

„No pasarán!“

Gelesen: Nele Pollatschek – „Das Unglück anderer Leute“

Treue flockblog-Leser*innen werden sich meines Drei-Bücher-Konflikts von neulich erinnen, der inzwischen zu einem Fünf-Buch-Dilemma angewachsen ist. Man kommt ja zu nix, aber, andererseits, jetzt echt mal, Kriege, Hunger, Umweltkatastriophen, meine Sorgen möchte ich haben… Wo war ich gleich? Ah ja, too much to read, too little time. Weglesen, was geht. Story of my life.

Nun aber zum Thema. Rezension.

“Nele Pollatschek, hmmm, Nele Pollatschek…” wird sich der eine oder die andere fragen, “das sagt mir doch was? Wo tu ich die gleich noch mal hin?” “In die Süddeutsche Zeitung tust du sie, als gelegentliche Autorin von Meinungsstücken”, werden die mit dem besseren Gedächtnis antworten. Und dass sie auch Bücher schreibt. Deren eines ich geschenkt bekommen habe. Vielen Dank an Frau und Herrn D. aus E. auf diesem Wege noch einmal.

Frau Pollatschek, informiert der Klappentext, “lebt im Odenwald. Sie wurde 1988 in Ost-Berlin geboren, hat einige Zeit später Englische Literatur und Philosophie in Heidelberg, Cambridge und Oxford studiert. Sie arbeitet als Dozentin und promoviert gerade über das Problem des Bösen in der Literatur.”

Thene, die Heldin und Ich-Erzählerin des Buches lebt in Heidelberg und findet ihre Ruhe im Odenwald. Sie wurde im Osten Deutschlands geboren, hat einige Zeit später Englische Literatur und Philosophie in Oxford studiert, gerade ihren Master gemacht und promoviert nun in Oxford.

Außerdem ist sie Teil einer weitläufigen lauten anstrengenden sehr dysfunktionalen jüdischen Patchworkfamilie, deren tragikkomische Geschichte und Geschichten sie in einem leichtfüßigen Ton erzählt. Meist fühlt sich an, als stünde man in der U-Bahn, mit der überkandidelten Freundin von früher, der man zufällig über den Weg gelaufen ist und aus der jetzt alles Verrückte aus Vergangenheit und Gegenwart ihrer Familie heraussprudelt, schnell, schnell, schnell, noch mehr, und dies noch, und das, und überhaupt, mit hektischem Blick auf die noch verfügbare Anzahl von Stationen, bis die erste aussteigen wird.

Das liest sich leicht und lustig und wird gegen Ende zunehmend absurder – als habe sie die Aufgabe “Wenn schon Familiengeschichte, dann aber mit einem verblüffenden Ende” im Creative Writing-Kurs für Fortgeschrittene mit besonderer Bravour und Eins mit Sternchen gelöst. Taugt prima für Sommer, Sonne, Strand.

Ein bißchen geärgert habe ich mich aber doch. Frau Pollatschek ist eine hochgebildete, intelligente Frau. Zeigt das auch und gerne. Und warum auch nicht? Traut aber ihren Lesern und Leserinnen nicht zu, dass sie ihr folgen oder selbst denken oder mindestens recherchieren können, und neigt zum Übererklären.

Pars pro toto: Cousin und Cousine ersten Grades haben ein Kind zusammen bekommen und finden das ungeheuer spannend-verboten: “Und dann die Wortneuschöpfungen. Oma bezeichneten sie erst als Muttante – sowohl Großmutter als auch Tante – und dann, nach Elis Geburt, als Großmuttante – Großmutter und Großtante.” Danke, aber nein, danke. Die meisten von uns können selber denken.

Trotzdem: nicht vom Lesen abhalten lassen.

Danksagung

Ich weiß nicht mehr, aus welchem der vielen Nachlässe in den letzten Jahren sie den Weg in meinen Haushalt fanden: die schlichten grauwollenen gerade mal einbißchenüberknöchelhohen Bettschuhe mit den perfekten Bettschuheigenschaften: beim Einschlafen lassen sie mich vergessen, dass ich bis gerade noch eiskalte Füße hatte, im Laufe der Nacht lösen sie sich selbständig von den nunmehr aus Eigenenergie warmen Füßen und müssen am Folgeabend für den nächsten Einsatz wieder im Bett zusammengesucht werden. Einer ist traditionell immer besser im Verstecken als der andere. Perfekte Bettschuhe halt.

Der Erblasserin sei nachträglich Dank ausgesprochen sowie der Wunsch mitgegeben, dass, falls sie doch noch wo ist und nicht einfach nur vernünftig zu Humus geworden, sie dort immer warme Füße haben möge.

Vorhin im Prinzregententheater: “Minetti – Ein Portrait des Künstlers als alter Mann”

Der uralte Manfred Zapatka (81) spielt Minetti († ) in einer Inszenierung vom uralten Claus Peymann (86) in einem Stück von Thomas Bernhard († ).

Zapatka macht das großartig, ein eineinhalbstündiger Kraftakt, in dem er vom großen raumgreifenden Mimen, der auf allen wichtigen Bühnen gespielt hat, zum alten verarmten grauen Mann schrumpft, der sein kläglich-kärgliches Dasein in einer Dachkammer im schwesterlichen Eigenheim in Dinkelsbühl (was für ein herrliches Schimpfwort! Mit welchem Ekel er das spricht. Hach!) fristet. Das letzte Bild, in dem er in einer Ensor-Maske als Lear im Schneegestöber auf einem Schrankkoffer kauert, ist herzzereißend.

Trotzdem ist das Stück fad und irgendwann hat man dann auch genug von der Unbedingtheit des Kunstanspruchs. Was wohlgemerkt das Spiel und die Leistung Zapatkas kein Stück schmälert.

Wer “Warten auf Godot” mag, wird den “Minetti” lieben.

Gestern Abend im Metropoltheater: “Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke”

Mei, war des schee!

Es ist ja schon so, dass, wenn eins was verschenkt und dann auch noch dabei sein darf, wie das Geschenk der Beschenkten große Freude macht, und das sich dann anfühlt, als wäre eins selbst beschenkt worden… Hach!, halt.

Also habe ich gestern Abend eine liebe Freundin in die Untiefen Freimanns geführt, damit dort auf der Zauberbühne des Metropol, mit bekannt minimalistischer Ausstattung, ahaber einem fahrbaren (!) Rotsamtvorhang (!) (Bühne und Kostüme: Christl Wein), unter der sehr gekonnten Regie Gil Mehmerts die skurrile Geschichte vom versehentlichen Falckenbergschüler Joachim Meyerhoff ach so gar wunderbar gezeigt wurde.

Es war ein rechter Spaß! Ganz besonders hervorzuheben sind Lucca Züchner als Schauspiellehrerin (was konnte man sie für Aufgaben hassen wie “Spiel doch mal einen tragischen Satz aus Effie Briest – als Nilpferd”) und natürlich, Joachims Diven-Großmutter (ich bin mir nicht sicher, ob ich zu meinen Lebzeiten ihr “Herrschaftszeiten” nochmal aus den Ohren bekomme. Oder das herrlich gestöhnte “Mong”, das eines “dieu” gar nicht mehr bedurfte), James Newton als glaubhafter “mir-ist-das-ganze-Leben-noch-so-neu”-Joachim und der unglaublich wandlungsfähige Thorsten Krohn, der einfach alles spielt und kann. Außerdem Stefan Noelle, Musikbeauftragter und ein großes Talent.

Bis Ende März ist schon wieder jede Vorstellung ausverkauft und es ist ihnen von Herzen zu gönnen. Die wollen nix außer unterhalten und das tun sie saugut!

Wer hingehen mag (und jeder sollte das tun!), versuche es im 2. Quartal.

Gelesen: Daniel Kehlmann – „Lichtspiel“

Was für ein überaus schönes Buch! Triple-Hach!

Der Inhalt noch einmal in kurz für alle, die es geschafft haben, um die tausendundeine Rezensionen in allen Kulturmedien herumzulesen: G. W. Pabst, berühmter Spielfilmregisseur, gelingt es nicht, im anderssprachigen verhaltensverschiedenen dauersonnigen Hollywood Fuß zu fassen (herrlich und zum auf der Zunge zergehen lassen: die Poolparty bei Zinnemann). Er kehrt nach Österreich, nunmehr Ostmark zurück und läßt sich vom Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda und Präsident der Reichskulturkammer, Herrn Doktor Joseph Goebbels vereinnahmen. Nur unpolitisch. Natürlich. Nur im Namen der Kunst. Natürlich. Selten eine schöne Unterwerfungsszene gelesen wie den Dialog der beiden, und ich denke, nicht nur mir ist als Idealbesetzung für die Rolle des Goebbels in seinem markthallengroßen Büro Christoph Waltz in den Sinn gekommen. Oder?

Überhaupt. Verfilmungsgeeigneter als diese Geschichte über einen Großen vom Film, der eigentlich nicht “zu denen” gehören will und dennoch leicht zu verführen ist. Man hofiert und ehrt ihn mit Auszeichnungen, ganz zu schweigen von nahezu grenzenlosen Budgets und dem Umstand, dass ihm das Regime alle Wünsche erfüllt: Technik, Studiobauten, Schauspieler oder noch in den letzten Kriegstagen Unmengen von Komparsen. Aus einem KZ, ja. Aber für die Kunst müssen moralische Skrupel schweigen. Pabst verliert für diese Kunst Frau und Sohn, das tut ihm auch leid, aber noch mehr trauert er um die Rollen seines letzten großen Werks, die auf der Flucht aus Prag gen Westen verloren gegangen sind.

Kehlmann baut das Buch raffiniert in drei Blöcken auf “Draußen”, “Drinnen” und “Danach”. Wobei sich das letzte Kapitel um die sogenannte Vergangenheitsbewältigung dreht, die in der Filmbranche genauso so armselig und unzureichend war wie in der Justiz und allen anderen Lebensbereichen. Kehlmann demonstriert das mit den Mitteln der Literatur und das macht er hervorragend. (Ich beziehe mich, pars pro toto, auf die “Levy-Szene”. Die, die das Buch schon gelesen haben, wissen, was ich meine. Die anderen mögen danach Ausschau halten und wissen es dann.)

Über das Buch hinweg nimmt er uns auch sprachlich mit auf eine Zeitreise, in eine Zeit, in der die Herren Schlafrock trugen, man zum Plafond blickte und in der Schänke trank. In eine Zeit, in der die herrschende Gesellschaftsschicht sich noch nicht ganz vom Gedankengut der k. u. k. Monarchie verabschiedet hat, was in Pabsts Fall zu einer “Parasite”-ähnlichen Situation führt. In eine verrohte Zeit, in der sich der Wertekanon ganz und gar verkehrt hatte und der der mitmacht, drin ist. Egal, welche Gründe er hat. Oder vorschiebt. Kehlmann läßt seinen Pabst zur tragischen Figur werden, in einen Strudel von Ereignissen gerissen, denen er sich nach eigenem Empfinden nicht entziehen kann und letztendlich Integrität, Werte, Familie auf dem Altar der reinen Kunst opfert. Ist einer, der Filme dreht, ein Täter? Andere Zeitgenossen haben sich anders entschieden. Kehlmann nennt einige, die emigrierten und sich woanders eine neue Karriere schafften, welche die scheiterten, sich umbrachten, gefangen und ermordet wurden, solche die blieben und sich in irgendeiner Form arrangierten. Er urteilt nicht.

Es gibt Kritiker, die ihm das vorwerfen. Aber, bitte, wer sind wir, denen die Gnade der späten Geburt zuteil wurde, uns zu erdreisten, über die davor zu richten?

Lesen! Nachdenken! Lesen! Lesen!

Relativ neu zum Strömen: “Slow Horses” (3. Staffel)

Ich hab doch da schon mal was geschrieben, Mensch. Ah, ja, hier: https://flockblog.de/?p=47062. Das gildet noch ganz genau so für die Verfilmung des 3. Bandes, “Real Tigers”. Ich denke, es hilft, wenn man die Bücher kennt, denn egal, wie gut Christopher Chung die Figur des “Roddy Ho” auch spielt – die herrlichen inneren Monologe, die Herron ihm schreibt, die muss man lesen und sich dabei auf der Zunge zergehen lassen.

Anschauen! Vergessen, wie ernst John le Carré seine Agenten genommen hat. Anschauen! Gut unterhalten lassen. Ein Abend und weg ist eine Staffel.

PS: Ich schaue mir ja immer Vor- und Nachspann bis zum Schluss an. Nix schöner, als Mick Jagger “Strange Game” plärren zu hören.