Ich hatte Zahnschmerzen. Noch nicht so richtig schlimm, aber ich weiß halt nicht, ob der Zahn warten will, bis ich je mal wieder in München bin und ihn von der Zahnärztin meines Vertrauens behandeln lassen kann. Also habe ich mir hier einen Termin geben lassen. Bevor ich vorgelassen wurde, mußte ich einen Anamnesebogen ausfüllen. Neben den üblichen Fragen zu Zahlungsfähigkeit und -modus, medizinischer und dentaler Vorgeschichte (“Do you/would you have any problems chewing bagels or other hard foods?”) sowie aktueller Medikation, Angaben zum Arbeitgeber und zweifacher Bestätigung der Kreditkartennummer (sowie die Hinterlegung einer weiteren Kreditkarte, just in case) gab’s einen kompletten Absatz zu “Smile Characteristics”
1. Is there anything about how your teeth look that you would like to change?
2. Have you ever whitened (bleached) your teeth?
3. Are you self-conscious about your teeth?
4. Have you been disappointed with the appearance of previous dental work?
Hauptsache, das Lächeln stimmt. Der Zahnarzt als Schönheitsdoktor. Und die meinen das wirklich ernst.
Die erste Behandlung hat eineinhalb Stunden gedauert; wir sind zwar dem schmerzenden Zahn kein Stück näher gekommen, dafür weiß ich jetzt Bescheid über die Tiefe des Zahnfleischs um jeden einzelnen Zahn und habe Röntgenbilder (nicht etwa mit dem mir aus München bekannten schönen Rundumröntgengerät sondern mit Platten (ca. so groß wie zwei Briefmarken), die ganz weit hinten in den Rachen gestoßen und dort ca. 10 Sekunden lang ruhig gehalten werden sollen), habe die Begriffe “gagging”, “gag reflex” und den durch die ganze Praxis hallenden Schrei (wenn ich wieder mit der Hand vor dem Mund Richtung Toilette gerannt bin) “out of the way, she’s a gagger” kennengelernt. Die Zahnärztin gab mir immer wieder eine Prise Salz auf die Zunge (damit werde der Würgereiz unterdrückt), ihre Mitarbeiterin hatte irgendwann die Faxen dicke und besprühte, kaum, dass Frau Doktor den Raum kurz verlassen hatte, Lippen und Mundinnenraum mit ein paar heftigen Stößen “Numb-Spray” – danach war es wirklich nicht mehr so schlimm.
Nachdem diese Tortur endlich überstanden war, wurden Abdrücke gefertigt. Während ich gerade mit der Batzbreiklammer im Mund ruhig durch die Nase atmen sollend auf das Festwerden der Abdruckmasse wartete (nur ganz wenig gagging), überbrachte die strahlende Empfangsdame – wo ich doch jetzt zur Praxisfamilie gehöre – ein “Welcome Gift” (die Zahnarzthelferin hat sie fast aus dem Raum getreten) und stand zwei Minuten später wieder da, weil sie jetzt aber wirklich meine Kreditkarte haben müsse. Warum sich das Bezahlen* weder vor- noch hinterher erledigen ließ, ist mir nicht so ganz klar. Ein Abdruck wurde als “be-uuutiful” befunden, der zweite als “it will do”, dann bekam ich das Gesicht mit einem warmen feuchten Lappen abgewischt und ein aufmunterndes “we’ll see you in two weeks” auf den Weg.
Nächstes Mal ist nicht etwa der schmerzende Backenzahn dran, sondern ein Gespräch über den Behandlungsplan. “We want you to be well and smile well.” Dann habe ich erst noch einen Hygiene-Termin und danach wenden wir uns den Zahnschmerzen zu. Bin ich froh, dass der Zahn sich wie jeder ordentliche Zahn verhält und aufgehört hat zu ziepen, sobald der Termin vereinbart war.
Der Termin war Donnerstagnachmittags. Seitdem (es ist jetzt Freitagabend) habe ich von denen drei e-mails bekommen. In zweien steht, wie sehr sie sich freuen, dass ich jetzt auch zu ihrer Praxisfamilie gehöre, in der dritten wollen sie wissen, ob ich mich genauso freue: “Sabine, It was great seeing you at your last appointment. Our mission is to provide you with the absolute best dental care possible. Your feedback is very important to us!” Ist ja gut. Ich will einen kaputten Zahn repariert haben, nicht die ganze Praxis heiraten.
Obwohl, dafür hätten sie auch einen Vorschlag:
Our Wedding Gift to you! For our lucky patients who are about to get married, we would like to do a complimentary tooth polishing for all the members or your wedding party! Let us know when the special day is and we will set up some time for your group.
Die spinnen, die Amerikaner.
* Übrigens ein Kennenlern-Sonderangebot: eine Aufnahmebehandlung in drei Teilen zum Preis von nur einem.