Gelesen: Harald Jähner – “Wunderland – Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955 bis 1967”

So. Jähner ist mit seiner Gattung “Erzählendes Sachbuch” nun in einer Zeit angekommen, die er selbst schon miterlebt hat, worauf nicht nur sein Vorname Harald, sondern auch sein Geburtsjahr 1953 schließen lassen.

Das ist nicht nur gut. Ich habe lange nachgedacht, warum mir dieses Buch von seinen dreien am wenigsten gut gefallen hat und bin zu dem Schluß gekommen, dass der Mensch, wenn er etwas selbst erfahren, selbst erlebt hat, eher dazu neigt, zu urteilen, zu werten und das eben im Kontext seiner Sozialisierung tut.

Pars pro toto will ich Jähners Standpunkt zur Homosexualität herausgreifen. Erst mal gibt es “das” eh nur bei Männern. Er berichtet zwar, ganz richtig, dass die christsoziale Mehrheit der Aufbaujahre am von den Nationalsozialisten extrem verschärften §175 StGB nicht gerüttelt und die “Strafverfolgung”, ehrlicherweise eher die Jagd, gerne denen überlassen hat, die schon in der “dunklen Zeit” dafür verantwortlich waren. Aber er bezeichnet Homosexualität auch als “sexuelle Vorliebe”, was eine bewusste Wahl oder Präferenz nahelegt, die überwindbar wäre. Ein Kind seiner Zeit eben.

Die Auswahl seiner Themen ist, wie schon in den vorigen Bänden, subjektiv. Ich bin allerdings verwundert, dass Literatur kaum einen Platz bekommt. Nicht die wegweisende Gruppe 47, nicht die vielen jungen Autoren und Autorinnen, die sich von den Altvorderen freigeschrieben und diese Zeit massiv mitgeprägt haben. Der spätere Nobelpreisträger Günter Grass kommt eigentlich nur als Wahlhelfer des späteren Kanzlers Willy Brandt vor, eine Zeitschrift wie “Pardon”, letztendlich die Geburtshelferin der Neuen Frankfurter Schule, gar nicht und, würde man nur Jähner glauben schenken, gab es im Nachkriegsdeutschland kein Kabarett.

Die “Auschwitzprozesse”, die der hessische Generalsstaatsanwalt Fritz Bauer gegen stärksten Widerstand des Justizapparats, in dem schon im Nationalsozialismus tätigen Juristen wieder in Amt und Würden waren, durchsetzte, waren in Jähners (Rück-)Sicht quasi ein Spaziergang. Weil, nachdem Eichmann in Jerusalem (die Ergreifung durch den Mossad war nur durch einen Hinweis Bauers möglich gewesen) zum Tode verurteilt worden war, “…konnte der hessische Generalsstaatsanwalt Fritz Bauer ziemlich aus dem Vollen schöpfen…”. Wer’s besser wissen will, lese dazu “Fritz Bauer: oder Auschwitz vor Gericht” von Ronen Steinke.

Dass es mir nicht so gut gefallen hat wie die anderen beiden Bücher, kann aber, neben den oben aufgezählten Schwächen dieses Werks auch daran liegen, dass diese Art des Geschichte erzählens sich nicht so gut eignet für Jahre, die gefüllt sind mit Arbeit und Aufbau, dabei der Blick streng geradeaus nach vorne. Bloß nicht zurückschauen, bloß nicht über sich oder sein Land nachdenken, bloß mehr, mehr, mehr bauen, schaffen, erreichen, vorzuzeigen haben.

Jähner hat immer noch viel Wissenswertes und auch Unterhaltsames zusammengetragen. Aber… siehe oben. Die geneigte Leserin kann jedoch seine Quellenangaben und das Literaturverzeichnis sehr gut zum Selbststudium nutzen, insofern ist das Buch gar nicht so übel.

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