Mit Len Deighton, lese ich jüngst im Nachruf von einem Autor meines Vertrauens, sei am 15. März dieses Jahres einer der berühmtesten englischen Autoren verstorben. Aha? Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich den Namen noch nie gehört hatte, aber das Schöne an Literatur ist ja, dass sie auch den Nachgeborenen noch zugänglich ist. Also besorge ich mir sein berühmtestes Buch (wie ich später feststelle, tragen dieses Attribut mehrere seiner Werke, aber wer kehrt), eine Was-wäre-wenn-Dystopie, die in düstersten Farben ausmalt, was aus dem britischen Königreich geworden wäre, wenn die Schlacht um England verloren gegangen wäre und das nationalsozialistische Deutschland den Krieg gewonnen hätte.
Ein Thema, das übrigens auch andere britische Schriftsteller umtreibt: ich empfehle dringend die Lektüre von Stephen Frys “Making History” in dem ein Student eine Zeitmaschine entwickelt, um Adolf Hitlers Geburt zu verhindern, in der Annahme damit den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg zu vermeiden. Teil 1 des Plans klappt, Hitler wird nie geboren – stattdessen führt ein charismatischer, politisch hochintelligenter Nazi-Führer Deutschland zum Sieg im Krieg um die Welt und der Holocaust nimmt noch wesentlich erschreckendere Ausmaße an.
Aber zurück zu Deighton. In “SS-GB” haben die Deutschen den Krieg gewonnen, sind in England einmarschiert, Churchill ist hingerichtet, der König im Tower eingesperrt, sämtliche Behörden von den Besatzern übernommen, das Volk elend in ausgebombten Häusern und mit knapp rationierten Lebensmitteln. Der Held des Buches ist Detective Inspector Archer von Scotland Yard, das nun dem Kommando der SS unterstellt ist, der einen Mord aufklären soll. Das Opfer hat, neben einer tödlichen Schußwunde im Kopf, Verbrennungen an den Armen. Verbrennungen durch radioaktive Strahlung.
Und schon sind wir mitten in der schönsten Verschwörungsgeschichte um den Kampf um die atomare Vorherrschaft und Doppel-, Triple-, und weiß-der-Teufel-wieviel-Seiten-Agenten und den Machtkampf der einzelnen Bereiche innerhalb der Nazi-Organisation, der Fragen aufwirft, wie: ob es “ehrenhaft” ist, dass ein König von SS-Garden bewacht wird, wo ihm doch als obersten Heerführer eigentlich Soldaten “zustehen” – zu schön, wie Leighton immer wieder Episoden erfindet, in denen der “Clash of Cultures” zwischen den besetzten Briten mit der stiff upperlip und den höflichsten Beleidigungen, die die Sprache hergibt und den “Hunnen”, die ja hier schließlich Chef sind und Befehle erteilen fröhliche Urständ feiert. Er erfindet zum Beispiel Festivitäten zur Deutsch-Sowjetischen-Woche, in denen das Grab von Karl Marx eine wichtige Rolle spielt… einfach herrlich und sehr witzig.
Es mag dem Genre und der Zeit geschuldet sein – Frauen spielen kaum eine Rolle. Es gibt sie in den Varianten: die gute Ehefrau und Mutter, also die den Bomben zum Opfer gefallene Ehefrau des Detektivs und seine Vermieterin, deren Mann in einem deutschen Arbeitslager gefangen gehalten wird. Außerdem die englische Widerstandskämpferin, die ihn erst verführt und dann fallen läßt, weil “die Sache” wichtiger ist und dann noch die toughe amerikanische Kriegsberichterstatterin, wegen der (tragischen) Liebesgeschichte. Fertig. Darüber muß man als heutige Leserin großzügig hinwegsehen.
Tut man das, liest man ein Buch, das sein sehr kenntnisreicher Mann verfaßt, der sich sowohl in Waffengattungen wie in Befehlsketten auskennt und eine gute spannende Schreibe hat. Grausig wird es, wenn er die sowohl effektive wie effiziente deutsche Strafaktion “the night of the buses” nach einem Attentat im besetzten London beschreibt, inklusive ausgereifter Logistik, Standgerichten und Bürokratie (mit drei Durchschlägen).
Es sollte gelesen werden. Mein Exemplar steht zur Ausleihe zur Verfügung.