Gestern Abend im Volkstheater: “Pioniere in Ingolstadt”

Zu meiner Zeit ist man als Studentin der Theaterwissenschaften nicht um die Autorin Marieluise Fleißer herumgekommen. Abhängig davon, für wie sehr modern sich die Lehrkraft einschätzte, wurde die Schublade “Frauen machen was am Theater, uiui”, viel häufiger jedoch “Noch eine Frau im Universum (wahlweise Harem) des großen Bertolt Brecht” geöffnet und so waren dann auch die Seminare. Ich mochte Fleißer nicht. Nicht ihre Themen, nicht die Sprache der “Neuen Sachlichkeit”, eine Art stark reduzierter stilisierter Dialekt und bin gestern mit der Erwartung in die Vorstellung gegangen, dass das wohl nix Rechtes sein wird.

Ich habe mich getäuscht.

Regisseurin Lucia Bühler, Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh und Kostümbildnerin Laura Kirst haben gemeinsam eine Inszenierung geschaffen, die wie Commedia dell’arte anmutet. Alles spielt auf einer leuchtend gelben schiefen Ebene. Pascal Fliggs Hyperkapitalistenboss trägt einen überschulterbreiten eckigen Ziegelsteinanzug, die Mädchen pastellfarbene Kleidchen, die Pioniere an Pfadfinderkurzhosen und -leibchen gemahnende knatschgelben Uniformen mit Schiffchen. Nur der Schinderfeldwebel (Jonathan Müller) hat lange Hosen an und eine richtige Offiziersmütze. Mit am schönsten ist der weiße mit gelben Kreuz- und Querstreifen durchzogene Spielanzug des “Schwachen Max”, den Nils Karsten sehr überzeugend mit großartiger Mimik und Körpersprache als feigen Duckmäuser im Schatten eines viel zu großen Vaters (und folglich jedes anderen autoritären Mannes) spielt.

Muss man denn so viel über Kostüme und Bühnenbild erzählen, wo es doch um Sprechtheater geht? Ja, das muss sein, denn bei der reduzierten, fast armseligen Sprache der Neuen Sachlichkeit braucht es die Bilder, die die Botschaften mittransportieren – so wie bei einer Graphic Novel.

Fleißer selbst schreibt, “Pioniere ist ein Stück über die Ausweglosigkeit der kleinen Leute”. Jeder steht ständig unter Druck, der Schinderkerl quält seine untergebenen Soldaten, die wieder nutzen die Mädchen als Ventil und, sagt Unertl (Fliegs Kapitalist): “Der Druck geht nach unten. Das muss eine (sic!) einsehen.” In diesem fast 100 Jahre alten Stück stehen am untersten Ende der Nahrungskette die Frauen, deren Körper nichts als Verfügungsmasse sind. Die Regisseurin läßt das Publikum der heutigen Zeit seine Schlüsse über den Fortschritt der Menschen seither selbst ziehen. So ganz weit, will mir scheinen, sind wir noch nicht gekommen, wenn man den aktuellen Bericht über die Zahlen zur häuslichen Gewalt liest.

Die Soldaten, teilweise begleitet / gesteuert von bis zu vier Tambouren und ihren Trommelschlägen werden häufig als Akzente zwischen Szenen eingesetzt (überhaupt: Kompliment für die Musik an Fabian Kalker und sein Team). Das ist ziemlich meisterhaft und mir ist zum ersten Mal klar geworden, wie sehr soldatisches Exerzieren nicht etwa nur einer Choreographie gleicht, sondern vielmehr eine ist. Vor allem hier, wo die gelben kurzbehosten Männer zum Takt der Trommel synchron vollkommen sinnfreie Bewegungen und Gesten hampeln (welchen Sinn hat denn schon ein Hand-an-die-Stirn-Salut?) – quasi rhytmische Soldatensportgymnastik.

Die Inszenierung ist ein Paradebeispiel für den V-Effekt. (Zur Erläuterung für Nicht-Theaterwissenschaftler: V-Effekt steht für den von Brecht geprägten Begriff “Verfremdungseffekt”, bei dem es darum geht, “die Aufmerksamkeit der Zuschauer vom Ablauf des Geschehens auf die Sinngebung des Geschehens, die Konventionen der Darstellung und die oft nur impliziten ideologischen Determinanten des Spiels zu lenken.” aus: Das Lexikon der Filmbegriffe.) Immer, wenn man sich gerade auf eine Figur oder eine Szene einlassen will und das verwünschte (Mit-)Gefühl aufsteigt, wird die Situation wieder gebrochen und im Ohr dröhnt einem der Brecht. “Glotzt nicht so romantisch!”

Nachtrag: Ich habe das Bühnenbild ja anfangs schon erwähnt: ein schiefe Ebene. Gelb. Sonst gar nichts. Sehr versatil eingesetzt. Sie kann erklommen werden. Oder der Protagonist schafft es eben nicht. Im Marschschritt durchquert. Man rutscht ab – und kann vielleicht in der Wand hängenbleiben oder ganz nach unten fallen. Findet Raum für ein Schäferstündchen. Oder eine Pietà. Vieles. Alles. In der letzten Szene hängt jemand oben an der Kante in der Schwebe. Dahinter lauert… ein Abgrund? Oder ein tiefes Wasser? Man weiß es nicht, auf jeden Fall eine Katastrophe. Und, anders als bei Goethes Gretchen, besteht für Fleißers Figuren keine Hoffnung: Gerichtet! Ohne Rettung.

Ich wollte die Vorstellung nicht mögen, weil ich ja auch Fleißer nicht so mag. Von wegen! Bin sehr vom Gegenteil überzeugt worden. Große Leistung!

Anschauen! Anschauen! Anschauen!

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