Gestern Abend in der Unterfahrt: Jowee Omicil – “sMiles”

Smiles, der Name ist Programm. Jowee Omicil erklimmt schwer bepackt die Bühne und entlädt sich erst einmal aller Blasinstrumente, die er später spielen wird: Saxophone (2), Klarinette, Flügelhorn (Hach!), Trompete, Megaphon, Monstermuschel – ein Trumm in der Größe, wie man es zuletzt gesehen hat, als Izzy Kamakawiwoʻole Asche im Meer verstreut wurde. Der Hausherr Stückl selbst stellt den Multiinstrumentalisten als einen seiner Favoriten vor und der setzt sich dann auch erst mal an den Flügel und zaubert, begleitet / unterstützt / getragen von seinem hypercoolen Baseman Jendah Manga und den beiden Schlagzeugern Yoann Danier und Andy Bérald, die wieder einmal beweisen, dass man kann nie genug Schlagzeuge haben kann.

Omicil ist ein geborener Entertainer mit Kaschperlattitüde. Er irrlichtert über die Bühne, nimmt ein Bad in der Menge im ausverkauften Saal, fordert Mitsingenundklatschen ein, hüpft und springt und erzählt und philosophiert und macht alle Arten Musik mit Ausflügen nach Oz und zu Beethoven, ein echter Wirbelsturm. Und findet dabei noch Zeit für eine Modenschau, in der er sich, Schicht um Schicht, entkleidet. Erst das dicke schwarze Beanie und die weißgefaßte Puck-die-Stubenfliege-Brille. Dann das dicke schwarze Hoodie. Darunter ein schwarzes Langarm-T-Shirt. Darunter ein kurzes. Dann ist er durchgeschwitzt und wir haben Pause.

Bis dahin war das Konzert für mich im wesentlichen eine akustische Erfahrung, denn direkt vor mir sitzt er:

Mann groß, Haare groß und der Laden so dermaßen voll, dass, wenn man den Stuhl einmal so gestellt hat, dass die Durchblutung der Beine gewährleistet bleibt, kein bißchen Ruckeln in keine Richtung mehr möglich ist. Ja, ich weiß schon, es geht um Musik. Aber das Auge hört doch mit, Mann!

Aber die Götter sind mir gnädig gesinnt (gesonnen?) – unseren Tischnachbarn ist der Unterhaltungsanteil zu hoch. Sie seien wegen der Musik gekommen, nicht um den Künstler reden zu hören und deswegen gehen sie jetzt. Ich denke mir meine Dixie Chicks* und freue mich: ich wechsle den Stuhl und die zweite Halbzeit erlebe ich mit unverstellter Sicht. Das ist besonders schön, weil eine drum-battle stattfindet und ich wenig mehr mag als so gute Drummer. Außerdem steht der zweite Teil der Fashion Show an. In der Pause trug Jowee noch schwarze Shorts und das graue Hoodie tief ins Gesicht gezogen (das weiß ich, weil ich gerade von der Toilette kam, als er wieder in die Gaderobe sprang), nun aber: Ganz in schwarz, in Lederhosen. Bis er das erste Sweatshirt auszieht und darunter ein weißes Hemd und eine Bikerlatzhose sichtbar werden, die natürlich sofort auf Halbmast gezogen wird (ein Träger offen, Latz hängend). Dann löst er auch den zweiten Träger (whoo-hoo!), windet er sich auch aus dem Hemd, darunter wieder ein schwarzes T-Shirt, womöglich mit einer Botschaft, aber dafür sitze ich zu weit weg. Phänomenal: die ganze Umzieherei, ohne auch nur einen Moment das Musik machen zu unterbrechen.

Schließlich verkündet er: “Your time is up, Munich” und verfällt dann in eine Art Predigermodus und weist sein Publikum an, sich dem Nachbarn zuzuwenden und diesen vorbehaltlos zu lieben. Ach, nein danke. Ich bin hier wegen der Musik. Wenn ich Erweckung brauche, dann gehe ich in ein Zelt aufm Feld mit Gospelchor.

Puhhh. Draußen angekommen, genieße ich die kühle nebelfeuchtschwere Luft. So viel Energie in einem so dermaßen überfüllten Raum – so schön das Konzert war, aber ich glaube, dafür werde ich langsam zu alt…

* Für die, die keine Oma zum Fragen haben: die Dixie Chicks (inzwischen nur noch “Chicks”), eine bis dahin eher unpolitische Frauen-Country-Band aus Texas hatten sich 2003 bei einem Konzert in London gegen den bevorstehenden Irak-Krieg und den Präsidenten George W. Bush ausgesprochen und damit den Haß ihrer rotnackigen Landsleute auf sich gezogen, der darin kulminierte, dass man sie während eines Konzerts per Zwischenruf aufforderte: “Shut up and sing.” (Also: “Haltet das Maul, redet nicht über Politik. Schön singen reicht.”) Für die, die mehr wissen oder ihr Gedächtnis auffrischen wollen: gibt einen recht guten Dokumentarfilm darüber.

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